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Rückblick auf den Kongress


Rückblick – Ausblick:
Der 26. Kongress für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung setzt neue Maßstäbe

„…BeziehungsWeise Psychotherapie“ – das Rahmenthema des 26. Kongresses für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung verlockte, wie im Kongressführer nachzulesen ist, viele Referentinnen und Referenten zu Wortspielen – und wie Worte in Beziehung gesetzt wurden, so wurden auch Themen und Fragestellungen in Beziehung gesetzt; die vielleicht ohne dieses Kongressthema so schnell nicht zueinander gefunden hätten. Das gilt für das Symposium „Psychiatrie-Erfahrene verändern BeziehungsWeisen in der Psychiatrie“ wie der versteckte Hinweis auf die Selbstentäußerung im Film bei dem Symposiumstitel: „Lights, Camera, Action! ‚Das psychotherapeutische Selbst und seine Beziehungen‘ The Making of …“ oder der Hinweis auf die „Beziehung zu sich selbst – Life Balance“, ein weiteres von insgesamt 27 Symposien.
Rückblickend betrachtet war dieser 26. Kongress für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung ein großer Erfolg; doch trotz steigender Anmeldezahlen im Januar und Februar war ich mir dessen nicht sicher. Dieser Kongress war anders strukturiert als seine Vorgänger; es gab weder Morgenvorlesungen wie beim Kongress 2008 noch Mittagsvorlesungen wie 2006 als Klammer für das Rahmenthema – und der Eröffnungsvortrag von Jeffrey Young griff nur einen Teilaspekt des – aus meiner Sicht – eher sperrigen Rahmenthemas auf. Unsicher war ich, ob die Idee der City-Night-Lecture Anklang finden würde. Für die inhaltliche Planungsgruppe war klar, dass neue Formen gefunden werden müssen, um sich im Konzert der medialen Angebote bemerkbar machen zu können. . Unmerklich, aber stetig ist in den letzten 10 Jahren das Interesse der Presse am Kongress gesunken. Gaben in den 80er und 90er Jahren die Pressekonferenzen mit den – aus Sicht der Presse - spannendsten Beiträgen eines Tages ein tiefen Einblick ins Kongressgeschehen, sanken die Teilnehmerzahlen an den Pressekonferenzen seit der Jahrtausendwende von Kongress zu Kongress.
Aufgabe des Kongresses für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung ist es sicherlich vorrangig, Praktikerinnen und Praktikern einen Einblick in die aktuelle Forschung zu geben, Forschenden eine Plattform zur Darstellung und Diskussion ihrer Ergebnisse zu liefern und ein Forum zum Austausch von wissenschaftlichen und klinischen Erfahrungen sowie Ort zum Einüben neuer Fertigkeiten zu sein. Dieses Ziel hat dieser Kongress sicherlich erfüllt. Doch nach meiner Meinung ist der Kongress auch eine Möglichkeit, die Erfahrungen, die Kenntnisse und Positionen der Klinischen Psychologie, Psychotherapie und der Beratung einer interessierten Öffentlichkeit zu vermitteln. Diese Funktion hat der Kongress in den letzten zehn Jahren nach meiner Auffassung immer weniger erfüllt. Mit der City Night Lecture wollte die inhaltliche Planungsgruppe den Versuch starten, mit einem spannenden und attraktiven Thema in die Öffentlichkeit zu gehen und interessierte Laien für Themen der Klinischen Psychologie und Psychotherapie zu begeistern.
Ob dies gelungen ist, vermag ich nicht zu beurteilen; denn ich hatte mir an dem Sonntagabend als Niels Birbaumer über das „Zusehen beim Gedankenlesen im Gehirn“ und „Was kann die Psychotherapie draus lernen?“ keinen Überblick darüber geschaffen, ob es neben Kongressteilnehmerinnen und –teilnehmern auch noch andere Zuhörende gab. Die Meinung der rund 200 anwesenden Zuhörerinnen und Zuhörer war nach meiner Wahrnehmung ungeteilt positiv: der Vortrag von Niels Birbaumer war mitreißend, dies war teils seiner Person, teils seinen Inhalten geschuldet. Der Gang in die Stadt lohnt sich – auch wenn bei diesem ersten Versuch die Öffentlichkeit eher ein Nebenaspekt war.
Birbaumer forderte die psychotherapeutisch Tätigen auf, gerade die Menschen zu behandeln, die von der Medizin aufgegeben worden seien. Er zeigte nachdrücklich, dass auch Menschen, die durch Traumatisierungen in ihrem Körper gefangen sind (Lock-In-Syndrom) lernen können, ihre Hirnströme so zu beeinflussen, dass sie mit der Veränderung kommunizieren können. Berührt und fasziniert haben mich seine Ausführungen zur Lebensqualität der Menschen, die von anderen Menschen „aufgegeben“ werden. Birbaumer plädierte dafür, genauer hinzuschauen und genauer zuzuhören; denn auch Menschen mit multiplen Behinderungen und Beeinträchtigungen können ein erfülltes Leben leben. Seine Ausführungen zur negativen Dialektik der Patientenverfügungen erinnerten mich an die Forschungen von Klaus Dörner zum „tödlichen Mitleid“. Birbaumer verwies darauf, dass unsere Einstellungen zu Menschen, die durch ein Lock-In-Syndrom scheinbar auf sich selbst verwiesen sind oder die durch eine dementielle Erkrankung ihre Vergangenheit verlieren, durch unsere Meinung zu dieser Behinderung geprägt seien. Wir könnten uns als Gesunde nicht vorstellen „so“ leben zu können; doch das sei nicht die Sicht der Menschen, die „so“ leben. Und an dieser Stelle treffen sich die Erfahrungen des Neuropsychologen Birbaumer mit denen der Psychiatrie-Erfahrenen, die am Sonntag über die neuen „BeziehungsWeisen“ in der Psychiatrie berichteten.
Begonnen hat der Kongress mit einer Eröffnungsveranstaltung mit fast 800 Teilnehmenden. Der Hörsaal 1a in der Rostlaube der Freien Universität Berlin war fast bis auf den letzten Platz besetzt. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass in den letzten 20 Jahren eine andere Eröffnungsveranstaltung eines Kongresses so gut besucht war. Sicherlich war dieser Besuch auch dem Eröffnungsredner Jeffrey Young geschuldet, der mit Humor und in einem gut verständlichen Englisch in einem sehr unterhaltsamen Vortrag den Zuhörenden seine Gedanken und Überlegungen zum „Limited Reparenting in Schema Therapy“ nahe brachte. Young warb darum, auch in einer psychotherapeutischen Beziehung keine „Rolle“ einzunehmen und sich als Person in der Rolle „aufzugeben“ sondern er machte anhand von klinischen Beispielen deutlich, wie wichtig es sei , auch als Person mit seinen Gedanken und Gefühlen die Beziehung zum Gegenüber zu gestalten. „Selbst selbst zu sein“, klingt sicherlich einfach - und ist doch im psychotherapeutischen Alltag, der von einer Abfolge von psychotherapeutischen Sitzungen bestimmt wird, enorm schwierig; denn dieses „Selbst sein“ darf nicht zu einem neuen Instrument, zu einer neuen „Attitüde“ werden.
In den beiden Workshops, die Jeffrey Young am Samstag und am Sonntag leitete und in der er die Teilnehmenden mit den Grundlagen der Schematherapie vertraut machte, vertiefte er die Überlegungen zu dem Eröffnungsvortrag. Ganz persönlich muss ich gestehen, dass ich einerseits tief beeindruckt von seinem therapeutischen Konzept und seiner therapeutischen Haltung bin; mich fasziniert andererseits aber Jeffrey Young auch als Person, denn ich hatte das Vergnügen, im Rahmen der Vorbereitungen, einen  trüben Abend im November mit Jeffrey Young in Berlin Abendessen zu können. Bei diesem Essen war er – wie bei seiner Vorlesung und seinen Workshops – unkompliziert und mir sehr zugewandt; gerade weil ich ihn als unkomplizierten und offenen Menschen bei diesem Essen kennengelernt hatte, war ich irritiert, als ich erfuhr, welche Anforderungen er an seine Umgebung stellt, damit er gut arbeiten kann. Diese Erfahrung lehrt mich, dass kein Mensch perfekt ist – und ich mich frage, welche Marotten denn ich in den letzten 50 Jahre meines Lebens entwickelt habe.
So kann der Kongress für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung auch auf eine besondere Art zur Selbstreflexion anstiften. Fragen nach meiner eigenen beruflichen Identität habe ich mir auch bei einigen der Symposien, die ich besuchte, gestellt. Dazu gehörten beispielsweise das Symposium zum Thema „Weisheit und Psychotherapie“, Gesundheitsförderung und die Aufgaben von Psychologinnen und Psychologen, sowie das Symposium zu den Erfahrungen mit Kindern psychisch kranker Eltern.
Mein Resümee dieses 26. Kongresses für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung fällt nach den vielen Selbstzweifeln, die ich in den letzten Wochen vor dem Kongress hatte, bemerkenswert positiv aus: Es hat sich gelohnt, diesen Kongress vorzubereiten und durchzuführen.,. Die Symposien waren bis einschließlich Dienstagnachmittag außergewöhnlich gut besucht, die inhaltlichen Debatten waren in den Symposien, die ich besuchte, fundiert und zielführend. Die Workshops waren überwiegend sehr gut nachgefragt – ein Zeichen, dass die Kongressteilnehmerinnen und –teilnehmer diesen Kongress als persönliche Chance begriffen haben. Das ist eine Anerkennung, die eine inhaltliche Planungsgruppe braucht, um mit Lust und Engagement den 27. Kongress vorzubereiten.

Bernhard Scholten


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