< vorheriger Artikel

Die G-BA-Richtlinie zur QM und die "Qualität" unter dem Aspekt der Praxisrealität – ein nörgelnder Kommentar

Wer wünscht nicht, dass er hohe Qualität bietet oder erhält? Spielt doch Qualität bei jedem Einkauf eine Rolle. Doch allein die Frage nach der Definition von Qualität, also das, was Qualität eigentlich ist, ruft eine nahezu unendlich erscheinende Diskussion hervor.


Sind doch die Geschmäcker verschieden, so wie die Sympathie der Patienten  für diesen oder jenen Therapeuten verschieden ist. Das Fach Psychotherapie erleichtert keineswegs eine solche Diskussion, sondern erschwert diese. Psychotherapie gilt bekanntlich als ein besonders breites, ja schwammiges und daher schwer fassbares Gebiet, das sich immer wieder dem Festhaltenwollen, auch wenn die daran arbeitenden Spezialisten noch so kompetent erscheinen, mehr oder weniger entzieht.

Anders als beim wöchentlichen Einkauf, bei dem wir uns auf unsere Erfahrung mit diesem oder jenem Produkt berufen – mithin die Qualität beurteilen - , soll bei der Psychotherapie weniger die persönliche Erfahrung der Psychotherapeuten gelten, von der man annehmen muss, dass sie den Objektivierungsversuchen im langsamen Wissenschaftsprocedere immer wieder um einiges vorauseilt, sondern ein aus Gesetzen und Verordnungen abgeleiteter Qualitätsbegriff. Für einen Berufsstand mit labilem Leistungsselbstverständnis, das zwischen grandioser Selbstüberschätzung und kleinlauter Zaghaftigkeit schwankt, durchaus ein Fixpunkt, der mehr Sicherheit geben könnte und die eher intern geführte verunsichernde Unendlichkeitsdiskussion beendet.

Eine klare Vision von dem zu haben, was Qualität ist und darüber hinaus konkrete Handlungsanweisungen zu haben, um an diese Qualität durch einfache Fleiß- und Mehrarbeit heranzukommen, so dass auch der letzte Kollege im Lande diese Qualität erreichen, ja zertifiziert nachweisen kann, wäre doch zu schön, um wahr zu sein. Galt bisher etwas ungenau, jeder leistet sein Bestes, besteht nunmehr die scheinbare Möglichkeit, über diese Beschränkung hinauszukommen. Das subjektiv Beste soll eben durch ein scheinbar objektiv Bestes ersetzt werden. Visionär erscheint dann die Hoffnung durch Qualitätsmanagement und Qualitätssicherung eine Steigerung der eigenen Qualität  zu erreichen, so dass man die bisherigen Schranken seines Psycho-therapeutendaseins vorzeigbar überwinden kann. Der Tag, an dem der Flug des Phoenix stattfinden soll, scheint nahe zu sein.

Berufsgruppenfremde Ursprungsmotivation für die Einführung von QM

Ursprünglich hing die Motivation für die Erschaffung eines Gesetzes im Gesundheitswesen keineswegs mit den Psychotherapeuten zusammen. In den neunziger Jahren wurde in Politik und Öffentlichkeit eine sich immer mehr zuspitzende Diskussion über die Kostenausweitung im Gesundheitswesen geführt, die bis heute andauert. Diverse Vertreter der Politik ließen sich durch  statistische Beobachtungen, dass eine Kovariation zwischen Kostensteigerung und Behandlerzahl bestehe, von einer einseitigen Interpretation dieser Beobachtung im Sinne eines Ursache-Wirkungszusammenhanges überzeugen. Folgt man dieser Analyse, könnte durch Abbremsung der Zunahme der Behandlerzahl auch eine Kostensenkung bzw. Abbremsung der Kostenzunahme erreicht werden. Es galt also u. a.  die vermeintliche Ärzteschwemme zu reduzieren, um den explodierenden  Kosten im Gesundheitswesen entgegenzusteuern. 

Zwar existierte schon lange eine Bedarfsplanung in der ambulanten Versorgung der GKV, die verhindern sollte, dass die Behandlerzahl sich ausweitete, doch schien diese wohl nicht die gewünschten Einschränkungseffekte erzielt zu haben, so dass die Politik  sich genötigt sah, weitere vermeintliche Mittel zur Kostenreduktion einzusetzen. Eines davon wurde durchaus in der Instrumentalisierung des Begriffes „Qualität“ gesehen, die im Gesundheitssystem der GKV auf Seiten der Systemlenker auch ohne statistisch empirische Argumentationslage als unzureichend angesehen wurde. Gestützt wurde diese Argumentation durch einige bekannte Personen aus der Wissenschaft, die durch ihre Meinungsäußerungen wiederholt den Mangel an Qualität, aufgrund bestimmter Indikatoren in der medizinischen Versorgung hervorhoben und durch die für die Ärzteschaft ungünstige, von den Medien unterstützte, Stimmung gegen die „Götter in Weiß“.

Die  Verordnung von mehr Qualität könnte dazu führen, dass die Anzahl der Kamele, die durch ein Nadelöhr – in Abhängigkeit der Verengung desselben – passen, sich reduzieren würde bzw. Kamele scheuen lassen würde, durch dieses zu gehen.  Ein Effekt, der durchaus zu erzielen ist, wenn die unbezahlten bürokratischen Widrigkeiten und sonstigen Umstände groß genug werden, wie man heute deutlich durch die gegenläufige Entwicklung der Behandlerzahlen bei den Ärzten erkennen kann. Keine Rede mehr von Ärzteschwemme in Öffentlichkeit und Politik – Schnee von gestern. Der immer mehr ausufernde fachfremde Bürokratismus des GKV-Trumm wirkt heute eben immer mehr als Abschreckung.

Richtlinien - Handlungsanweisungen mit wenig Aufwand?

In der Konsequenz entschied sich die gesetzgebende Politik eine „Verpflichtung zur Qualitätssicherung“ ins Sozialgesetzbuch zu schreiben. Seit 2004 heißt es im § 135a SGB V:

„(1) Die Leistungserbringer sind zur Sicherung und Weiterentwicklung der Qualität der von ihnen erbrachten Leistungen verpflichtet. Die Leistungen müssen dem jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse entsprechen und in der fachlich gebotenen Qualität erbracht werden.
(2) Vertragsärzte, medizinische Versorgungszentren, zugelassene Krankenhäuser,
Erbringer von Vorsorgeleistungen oder Rehabilitationsmaßnahmen und Einrichtungen, mit denen ein Versorgungsvertrag nach § 111a besteht, sind nach Maßgabe der §§ 136a, 136b, 137 und 137d verpflichtet,
1. sich an einrichtungsübergreifenden Maßnahmen der Qualitätssicherung zu beteiligen, die insbesondere zum Ziel haben, die Ergebnisqualität zu verbessern und
2. einrichtungsintern ein Qualitätsmanagement einzuführen und weiterzuentwickeln.“

Da es für die Kollegen keineswegs entschlüsselbar ist, was mit der „Beteiligung an einrichtungsinternen Qualitätsmanagement“ gemeint ist, wird durch § 92 und § 136a des SGB V auf den Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) verwiesen, der zu spezifizieren hat, was dem Kollegen Praxisbetreiber an Qualität zu verordnen ist. Der Bundesausschuss hat denn auch seines Amtes gewaltet und am 18.10.2005 eine
„Richtlinie… über grundsätzliche Anforderungen an ein einrichtungsinternes Qualitätsmanagement für die an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmenden Ärzte, Psychotherapeuten und medizinischen Versorgungszentren“ 
in „Kraft“ treten lassen. Nun endlich wird konkret und verständlich werden, was durch den Gesetzestext nicht herauszufinden war, so glaubt der zumindest mitlesende oder ggf. mitdenkende Kollege. Der GBA wird durch seine Richtlinie die Kollegen anleiten, sie leiten, damit diese dann wissen, welche konkreten vorgeschriebenen Handlungen, sie in ihrem Praxisalltag als GKV-Vertragsbehandler durchzuführen haben. „Richtlinien sind Handlungsregeln einer gesetzlich, berufsrechtlich, standesrechtlich oder satzungsrechtlich legitimierten Institution, die für den Rechtsraum dieser Institution verbindlich sind und deren Nichtbeachtung definierte Sanktionen nach sich ziehen kann“ heißt es bei www.richtlinien.de. Danach geht es um Handlungsregeln, die nur konkret als Anweisung zum Handeln gemeint sein können, sonst wären es keine.
In § 2 der Richtlinie heißt es möglicherweise wohlmeinend:
„Qualitätsmanagement soll die Arbeitszufriedenheit der Praxisleitung und -mitarbeiter erhöhen…“
Fragt sich Praxisbetreiber bei dieser Passage nach den Handlungsregeln, nach der Handlungsanleitung, so geht es ihm ähnlich wie beim Gesetzestext. Demzufolge sollte Praxisbetreiber durchaus auf die Idee kommen, dass der GBA die kostenlose Qualitätsmanagementmehrarbeit für die Angedeihung einer Wohltat für den Praxisbetreiber und seinen nicht vorhandenen Mitarbeitern hält. Nun gibt es die gewählten Vertreter unseres Berufsstandes, die bei jeder weiteren Erhöhung kostenloser bürokratischer Leistungen durch die Vertragsbehandler  meinen, der Aufwand wäre nicht so groß und diesen auch vorrechnen können. So argumentieren auch wiederholt seit Jahren die Sozialgerichte einseitig im Interesse der Erhaltung des GKV-Systems, dass dieses und jenes für die Leistungserbringer zumutbar wäre, weil es nur eine kleine Gratisleistung wäre (zuletzt bei den Praxisgebühren).  Da hält sich Praxisbetreiber doch lieber an die mütterliche Weisheit, die besagt: Eins kommt zum anderen. Oder: Viele Wassertropfen machen das Fass voll.
Und weiter heißt es in der bedeutsamen Richtlinie
„Durch die Identifikation relevanter Abläufe, deren systematische Darlegung und dadurch hergestellte Transparenz sollen Risiken erkannt und Probleme vermieden werden.“
Das geht selbstverständlich nur durch die Erstellung einer Richtlinie, glaubt Praxisbetreiber über die Worte des GBA verstanden zu haben. Wie käme man sonst als Betreiber einer psychotherapeutischen Praxis auf die Idee, Abläufe zu identifizieren, Transparenz herzustellen bzw. Risiken zu erkennen bzw. Probleme zu vermeiden. Wissen denn die Kollegen nicht, dass es in der tagtäglichen psychotherapeutischen Praxis darum geht,  Probleme zu erkennen, deren Lösung zu unterstützen, Abläufe, Strukturen und Muster zu identifizieren um sie transparent zu machen, so dass sich die Befindlichkeit und die Lebensführung des Patienten insgesamt verbessern und also mithin zu einer verbesserten Lebensqualität – und hier ist der Begriff Qualität dann angemessen – führen? Benennt der GBA hier Kernpunkte unserer tagtäglichen praktischen Arbeit? Oder sollte vielleicht ein Bruch zwischen Patientenarbeit und Praxisführung bestehen?
Qualität nach Einführung von QM im Gegensatz zum Vorher
Es gibt über die Qualität der bisherigen Praxisführung und die Qualität der Psychotherapeuten keine ernstzunehmenden empirischen Erhebungen, so dass lediglich Vermutungen übrig bleiben müssten, deren Gewichtigkeit aber so erheblich sein muss, dass nur ein kriseninterventionistisches Einschreiten mit der Gewalt von Gesetzen, Verordnungen, Richtlinien die Flut der Schlamperei in einem liederlichen Berufsstand stoppen kann.

Spätestens an diesem Punkt werden einige der Kollegen Berufsstandvertreter dann sagen, ’aber darum geht es doch gar nicht. Du darfst die Dinge nicht so ernst nehmen. Wir machen es doch nur, weil wir es machen müssen.’ Also tun wir es. Oder tun wir einfach so, als würden wir die Sache ernst nehmen. Geht doch auch beim Gutachterverfahren, oder? Ein weiteres Indiz für die eifrige Überanpassungshaltung des Berufsstandes?

Was bedeutet es, so werden sich Kollegen mit mir fragen, wenn der GBA in seiner Richtlinie zum Ausdruck bringt, dass die

„Ausrichtung der Versorgung an fachlichen Standards und Leitlinien entsprechend dem jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse…“

erfolgen muss?  Die möglicherweise naive Frage sei gestattet, ob bisher – also vor der Richtlinie – keine oder nur unzureichende Versorgung nach diesen fachlichen und wissenschaftlichen Standards stattfand? Gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse, die dem Berufsstand möglicherweise unzugänglich sind und die zugleich  deutlich machen, dass im Berufsstand in signifikantem Maße nichtfachlich und unwissenschaftlich gearbeitet wurde? Wenn nicht, reicht offenbar eine unwissenschaftliche Vermutung, Anmutung, Verdächtigung aus, um eine Richtlinie zu erlassen.

Oder - ich vergaß - Gesetz ist Gesetz, egal, ob es Sinn macht oder nicht. Es steht im Gesetz, also müssen wir es erfüllen! Dann - so lässt sich schlussfolgern -, ist die Richtlinie - angeführter Satz des GBA  eingeschlossen - eine messerscharfe Ableitung aus dem Gesetz. So steht es denn auch im SGB V § 135a, Absatz 1, Satz 2:

Die Leistungen müssen dem jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse entsprechen und in der fachlich gebotenen Qualität erbracht werden.“

Insofern folgt der GBA nahezu wortwörtlich dem Gesetz. Deutlicher ist die Formulierung des GBA auch nicht. Handlungsanweisungen ergeben sich durch diesen Richtlinientext ebenso wenig wie aus dem Gesetzestext. Auch lässt der GBA-Text offen, inwiefern die bisherigen Zustände im Berufsstand der GKV-Psychotherapeuten - mögen diese nun empirisch belegt oder unerforscht sein – berücksichtigt werden. 

Der Kollege Mitdenker gerät aber immer wieder in die Falle der Widersprüche, denn sollte nicht schon das Gutachterverfahren die fachliche und damit wissenschaftliche Begründung - denn der Gutachter urteilt doch hoffentlich nach dem “jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse“ - für nahezu jeden Antrag (Ausnahme: von der Berichtspflicht für KZT-Anträge befreite Kollegen) und Verlängerungsantrag prüfen? Tatsächlich herrscht doch bereits ein akribisches Netzwerk der Prüfung fachlicher Standards vor. In Abständen von 15-20 Sitzungen wird für die Verhaltenstherapie immer wieder geprüft, ob die fachlichen Voraussetzungen beim Behandler für jeden konkreten Fall und für jeden Abschnitt gegeben sind.  Ist es vorstellbar, dass die fachlichen Fähigkeiten des ständig fortgebildeten, ständig supervidierten,  oftmals schon über seit 20 Jahren im Geschäft sich befindenden Behandlers usw. von Antrag zu Antrag schwinden könnten? Und dennoch - so das Gesetz, so der GBA als Erfüllungsgehilfe des Gesetzes – muss so getan werden, als wären die Qualität bzw. die Qualitätsrituale im Berufsstand gering ausgeprägt, so dass verbessernd eingegriffen werden muss.

Auch das, was als wissenschaftlich zu gelten hat, ist in der Psychotherapie keineswegs so eindeutig wie in anderen Professionen. Der Streit um die Wissenschaftlichkeit auch von zugelassenen Psychotherapieverfahren ist mittlerweile schon uralt und dauert auch  weiter an. Der Streit wird nicht etwa unter den Praktikern von Psychotherapie geführt, sondern von honorigen Ordinarien, von denen man annimmt, dass sie die Träger von Wissenschaftlichkeit wären. So ist es denn auch schwer zu definieren, was der “jeweilige Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse“ ist. Entsprechen beispielsweise die Erkenntnisse des verstorbenen Psychotherapieforschers Grawe dem neuesten Erkenntnisstand? Die Anhänger der Verhaltenstherapie sagen eindeutig ja, während analytisch orientierte Vertreter der Wissenschaft nein sagen und Grawe zahlreiche Fehler nachweisen. Folgt man den Befürwortern der Erkenntnisse von Grawe sind diese aber keineswegs aus dem Schneider, denn diese müssten dann die Erkenntnisse von Grawe aufgrund der Forderung des GBA in die Praxis umsetzen. Dies hieße dann aber - folgt man der Konsequenz - entweder umfassende Fortbildungsmaßnahmen zu ergreifen oder sich neu ausbilden zu lassen.

Verbessert QM die Ergebnisqualität?

Von der Begründung seiner Tätigkeit  und  auch im Hinblick auf das Setting ist jeder Psychotherapeut im Zentrum seiner Berufstätigkeit auf den Patienten gerichtet. Zwar müssen auch die Umstände, unter denen eine psychotherapeutische Behandlung stattfindet, berücksichtigt werden, doch handelt es sich hier um dezentrale Nebenaspekte, die bisher abhängig waren von den Ansprüchen des Behandlers. Eine Tatsache, die so banal ist, dass man sie nicht weiter beweisen muss. Das Arbeitsinteresse des Therapeuten bzw. seine Aufmerksamkeit gilt - mag er wie auch immer motiviert sein - der Verbesserung der wie auch immer gearteten Lebenslage des Patienten. Die Aufmerksamkeit des Therapeuten gilt demzufolge dem Erfolg bzw. der Erfolgsverbesserung des Patienten, so dass die Lebensqualität des Patienten sich verbessert. Damit ist auch zugleich die Aufmerksamkeit des Therapeuten auf seine eigene Behandlungsqualität gerichtet. Die Erreichung dieser Ziele hat für einen Therapeuten absoluten Vorrang im Verhältnis zu irgendwelchen anderen Zielen, bei denen mittelbar und unmittelbar kein Zusammenhang zur Ergebnisqualität  wahrzunehmen und auch nicht konstruierbar ist.
Wenn der GBA in seine Richtlinien hineinschreibt, dass die
Regelung von Verantwortlichkeiten, Mitarbeiterorientierung (z. B. Arbeitsschutz, Fort- und Weiterbildung), Praxismanagement (z. B. Terminplanung, Datenschutz, Hygiene, Fluch-plan), Gestaltung von Kommunikationsprozessen (intern/extern) und Informati-onsmanagement, Kooperation und Management der Nahtstellen der Versorgung, Integration bestehender Qualitätssicherungsmaßnahmen in das interne Qualitätsmanagement, regelmäßige, strukturierte Teambesprechungen“
zu einer von den Therapeuten zu leistenden Qualität gehören, die irgendwie und möglicherweise auf dem Umweg mehrerer ungenannter Faktoren letztlich die Ergebnisqualität beeinflussen, so ist ihm schwer zu folgen. Denn hier geht es bestenfalls um Professionalisierung und Standardisierung der Rahmenbedingungen bzw. der Organisation einer Praxis im Sinne eines Organisationsmanagements, die die Ergebnisqualität kaum bzw. nicht berührt.  Man könnte sich durchaus Therapeuten vorstellen, die keiner Rahmen- und Praxisordnung folgen, sondern in ihrem   Wohnzimmer Psychotherapien durchführen, und deren Ergebnisqualität hervorragend ist. Diese haben dann an die Rahmenbedingungen weniger Ansprüche, die nun aber standardisierend der KV-Kontrolle unterworfen werden. Abweichungen nach unten werden nicht mehr gestattet, sondern sind von nun an verboten.

Sind die Richtlinien an der Praxiswirklichkeit orientiert?

Realitätsfremd werden die Anforderungen der GBA-Richtlinie, wenn man sich vergegenwärtigt, dass es bei den GKV-Psychotherapeuten in der Regel um kleine Einzelpraxen geht, in der der Therapeut organisatorisch mit sich selbst allein ist und nur zu oft auch nicht über eine Putzfrau oder Bürohilfe verfügt. Die über ein halbes Jahrzehnt rechtswidrig verordnete Honorarknebelung durch die KVen hat eben eine Sparstruktur hinterlassen, die gewohnheitsgemäß auch weiter fortgeführt wird. In einer solchen Praxis sind keine Verantwortlichkeiten zu regeln, da der Therapeut der einzige Verantwortliche ist. Es kann auch nichts delegiert werden, weil der Therapeut oftmals zugleich auch Putzfrau und Sekretärin ist. Falls dem nicht so ist, sind die Verantwortlichkeiten durch die Putzfrau und Bürohilfe, die ein bis zweimal pro Woche stundenweise kommen, ohnehin geregelt. 

Mangels Mitarbeiter kann auch keine Mitarbeiterorientierung stattfinden. Falls doch eine Putzfrau das Putzen übernommen hat, kommt diese in der Regel außerhalb der Praxisöffnungszeiten und dann auch nur stundenweise pro Woche. Da ist es schon schwer, eine Mitarbeiterorientierung umzusetzen. Ähnlich wird es bei der Teilzeitbürohilfe sein.  In Ermangelung eines Teams können auch keine regelmäßigen, strukturierten Teambesprechungen stattfinden. Terminplanung macht der Therapeut selbst, Datenschutz ist gewährleistet durch den abschließbaren Büroschrank, Hygiene durch die Putzfrau oder den Therapeuten in der Rolle der Putzfrau. In punkto Fluchtplan sind die Einzelkleinpraxen relativ schlicht aufgebaut. Die Räumlichkeiten einer solchen Praxis bestehen zumeist aus ein bis zwei Zimmern, Küche und Bad. Es gibt nur einen Aus- und Eingang. Durch diesen muss dann auch die Flucht ergriffen werden. Also, aus dem Therapieraum raus, den Flur ein paar Meter entlang fliehen und nichts wie durch Tür hinaus. Das Ganze kann der (vergessliche) Einzeltherapeut  auch als „Plan“ festhalten, was zwar unnötig ist, aber den GBA-Richtlinien entspricht.

Richtlinie als Orakel

Praxisbetreiber schwankt zwischen fehlenden Handlungsleitlinien und fehlendem Realitätsverständnis des GBA, wenn er sich seine Kleinpraxis ansieht und folgende Passagen des GBA liest:

Gestaltung von Kommunikationsprozessen (intern/extern) und Informations-management, Kooperation und Management der Nahtstellen der Versorgung, Festlegung von konkreten Qualitätszielen für die einzelne Praxis, Ergreifen von Umsetzungsmaßnahmen, systematische Überprüfung der Zielerreichung und erforderlichenfalls Anpassung der Maßnahmen, Teambesprechungen, Prozess- und Ablaufbeschreibungen, Durchführungsanleitungen, Patientenbefragungen, nach Möglichkeit mit validierten Instrumenten, Beschwerdemanagement, Organigramm, Checklisten, Erkennen und Nutzen von Fehlern und Beinahefehlern zur Einleitung von Verbesserungsprozessen, Notfallmanagement, Dokumentation der Behandlungsverläufe und der Beratung“,

Soll Praxisbetreiber nun ein Team gründen, damit er Teambesprechungen durchführen kann, so dass er die Anforderungen der Richtlinien erfüllen kann? Was bedeutet es, wenn  Prozess- und Ablaufbeschreibungen als auch Durchführungsanleitungen gefordert werden? Soll sich der Therapeut in seiner Einzelpraxis nun ständig selbst auf die Finger schauen, das was er tut aufschreiben, damit beschriebenes Papier daraus wird, so dass der KV-Kontrolleur etwas zum Kontrollieren hat. Ja, wird dieser dann nickend bestätigen, es ist zu Papier gebracht worden, also besteht QM in ausreichendem Maße!?  Und der Praxisfrosch darf dann sagen, „ich habe zu Papier gebracht, also bin ich“.
 
Die Anzahl der Fragen könnte noch weiter vermehrt werden, doch würde dadurch noch nichts beantwortet werden, denn die Richtlinie und der GBA schweigen. So ist es besser für den Praxisfrosch, wenn er die Definition von Richtlinie selbst übernimmt. Eine Richtlinie ist genau das, was Praxisbetreiber darunter versteht. Die Beantwortung aller Fragen wäre die Folge.

Aber nein, so geht es doch nicht, werden die  hochqualifizierten QM-Vertreter, die zugleich auch oftmals mit Anbietern identisch sind oder diesen nahe stehen, ausrufen. Du musst erst ein QM-System  bei uns kaufen und unsere QM-Seminare besuchen (CD inclusive), die tausende von Euro kosten - billigere gibt es auch wird die QM-Konkurrenz sofort widersprechen. Dann wirst du mehr von dem verstehen, was der GBA mit seiner Richtlinie gemeint hat. Lass dich ersteinmal anleiten oder lese hunderte und aberhunderte von Seiten der kiloschweren Manuale, dann wirst du auch wissen, wie viel hundert Formulare auszufüllen sind. Kaufe unsere vorgefertigten Ordner, fülle sie aus, so dass du sie ggf. dem Kollegen Kontrolletti vorlegen kannst.
In jedem Falle wird die Wirtschaft angeheizt. Der Euro rollt. Die, die gerne ausbilden und Seminare abhalten, reiben sich die Hände. Möglicherweise werden sogar Arbeitsplätze geschaffen, auf die wir alle schon so lange warten.

Werner Lemisz

Verweise:

ÄZQ, Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin, 2005, www.leitlinien.de/leitlinienqualitaet/leitlinie/manual/index/view

Gemeinsamer Bundesausschuss Ärzte und Krankenkassen (G-BA) (2005). Qualitätsmanagement-Richtlinie vertragsärztliche Versorgung vom 18.10.2005. Bundesanzeiger 2005, S. 17 329.

Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) (2005). Qualität und Entwicklung in Praxen. Qualitätsziel-Katalog kompakt. Köln.

Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) (2005). Qualität und Entwicklung in Praxen. Übersicht über die Gliederung des Qualitätsziel-Katalogs. Köln.

Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) (2005). Qualität und Entwicklung in Praxen. Das Qualitätsmanagement-System speziell für Praxen im niedergelassenen Bereich. Köln.

Lemisz W. (2005). Die Belastungsgrenzen der Psychotherapeuten. Viele Sitzungen, schlechte Ergebnisse? VPP, 37 (4), 912-917.

Palm W. (2005). Honorargerechtigkeit? – Ach was! VPP, 37 (4), 905-912.
Palm W. (2005), Integrierte Versorgung Depression oder wird die Prinzessin Wissenschaft demnächst den Praxis-Frosch wachküssen?, Quelle: VPP 2/2005
Sozialgesetzbuch 5, §§ 92, 135, 136, 136a, Seite 72, 109

 Quelle: VPP 2/2006


Zurück