< vorheriger Artikel

Bericht der Landesgruppe Nordrhein-Westfalen (Rosa Beilage zur VPP 2/2010)


NRW hat gewählt, es wird eine neue Regierungskoalition geben, doch ist (zum Zeitpunkt des Redaktions-Schlusses dieser Zeitschrift) die Zusammensetzung aufgrund der Patt-Situation noch nicht klar. Man darf gespannt sein. Wir Psychotherapeuten haben lange gebraucht, bei der schwarz-gelben Landesregierung Gehör zu finden, hatten uns in der letzten Zeit aber verstärkt ins Blickfeld bringen können. Wir werden sehen, ob und wie wir daran anknüpfen können. In einer Zeit der Verknappung von staatlichen Leistungen werden wir sicherlich auch weiter um den Erhalt oder gar Ausbau unserer Leistungen, unseres Beitrags zur Versorgung, kämpfen müssen, unabhängig von der Zusammensetzung der Landesregierung. Da ist nicht nur der Bereich der GKV, in dem wir glauben, einen anerkannten Platz gefunden zu haben. Besonders sorgt uns der Jugendhilfebereich, der von Kürzungen betroffen und bedroht ist, weil etablierte Leistungen häufig keine Pflichtleistungen, sondern freiwillige Leistungen, z.B. der Kommunen sind.

Wir werden sehen, was uns die große Politik bringt und wie wir uns gezielt einmischen können.

In unseren ureigensten Angelegenheiten werden wir die Politik brauchen, um den Erhalt von Verhaltenstherapie auf hohem Niveau in der psychotherapeutischen Versorgung zu sichern. Seit vier Jahren bemüht sich die Profession um gemeinsame Positionen zur Reform der Psychotherapieausbildung. Wir haben uns als Verband mit dem „Tübinger Modell“ der DGVT frühzeitig und deutlich positioniert. Durch das Forschungsgutachten wurde unser Modell untermauert und bestätigt. Die Diskussion ist mittlerweile fortgeführt worden und nimmt nun einen neuen Verlauf.

Eine immer größere Mehrheit in der Profession scheint sich der Einschätzung anzuschließen, dass nur ein einheitlicher Zugang zur Psychotherapieausbildung auf dem Niveau des bisherigen Psychologiestudiums die Forderung nach dem Master begründen kann. Ein längerer Übergangsprozess soll dies auch in den Fachhochschulen möglich machen, so dass auch dort die notwendigen Voraussetzungen in einem Masterstudium zu erwerben sind.

Auch scheint mittlerweile die Mehrheit der Profession der Überzeugung anzuhängen, dass man die beiden Berufe PP und KJP näher zusammenführen sollte, mit dem zentralen Argument, es nicht zu einer Abwertung des KJP-Berufs kommen zu lassen. In diesem Zusammenhang sollen Teile der Ausbildung gemeinsam durchgeführt werden und Kenntnisse für alle Altersgruppen vermittelt werden, so dass eine berufsrechtliche Gleichstellung möglich wird.

Es scheint sich auch eine Mehrheit dafür auszusprechen, die Situation der PiAs dadurch zu verbessern, dass das praktische Jahr zu einem (stationären) Teil der praktischen Ausbildung wird, durch eine eingeschränkte Behandlungserlaubnis aufgewertet und so verpflichtend zu honorieren ist.

Bei der aktuellen Diskussion um die inhaltliche Profilierung der derzeit noch vorliegenden zwei Berufsbilder werden wir allerdings auch nicht müde zu betonen, dass die Ausgangslage der Diskussion mit den Einschränkungen, die uns das PTG seinerzeit mit auf den Weg gegeben hat, keinesfalls eine umfassende Diskussionsgrundlage für die Entwicklung einer „optimalen“ Gestaltung psychotherapeutischen Wirkens bietet. Verstärkt wird diese Bindungskraft auch durch den Rückzug auf das Forschungsgutachten, das als Basis der laufenden Diskussion gelten darf, das sich aber deutlichst auf die Beschreibung des Status Quo beschränkt.

Der Spagat, der zu einer wirklich innovativen Weiterentwicklung des Berufsstandes in inhaltlicher und formaler Hinsicht wohl erforderlich ist, ist zusätzlich zu leisten.

Im Vorstand der Kammer NRW hat sich unser Vertreter an der Erarbeitung von Eckpunkten beteiligt, die gegenüber der Politik den Erhalt von akademischen psychotherapeutischen Heilberufen, gleichgestellt dem Facharzt, begründen sollen und zu einer Verbesserung der Ausbildungssituation hinsichtlich der Bezahlung des praktischen Jahrs führen sollen. Die folgenden innerhalb der DGVT entwickelten Positionen sind darin enthalten:

  • der Einstieg in die PT-Ausbildung auf Masterniveau,
  • die Gleichstellung von Erwachsenen- und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten,
  • die Parallelstellung mit der Facharztweiterbildung und
  • die Aufwertung des praktischen Jahrs zu einem Teil der praktischen Ausbildung, die bezahlt werden muss

Die Eckpunkte wurden in der Kammerversammlung zur Diskussion gestellt und weiterentwickelt.

Mit großer Mehrheit sprachen sich die Delegierten der 3. Kammerversammlung der Psychotherapeutenkammer NRW am 23. April 2010 in einem Meinungsbild dafür aus, bei der Reform der Psychotherapeutenausbildung folgende Eckpunkte anzustreben:

Das erfolgreiche Absolvieren eines Hochschulstudiums mit einem Masterabschluss, in dem die für den Beruf des Psychotherapeuten grundlegenden Kompetenzen und Kenntnisse erworben werden

  • eine einheitliche Eingangsqualifikation für die postgraduale Psychotherapeutenausbildung
  • Das Niveau der gegenwärtigen Eingangsqualifikation zum Psychologischen Psychotherapeuten darf nicht unterschritten werden, d.h. festzulegen sind im dazu erforderlichen Umfang[1]
  • Kenntnisse und Kompetenzen aus den verschiedenen Grundlagenfächern der Psychologie

                   - Kenntnisse und Kompetenzen der Klinischen Psychologie

                   - Kenntnisse und Grundlagen in allen vom wissenschaftlichem 
                     Beirat anerkannten psychotherapeutischen Verfahren

                   - Grundlegende wissenschaftliche Methodenkompetenzen

  • Vorzusehen sind außerdem definierte Kenntnisse aus weiteren Fächern der Psychologie sowie aus relevanten Nachbardisziplinen, wie Erziehungswissenschaft, Sozialpädagogik, Soziologie, Medizin und andere Humanwissenschaften
  • Die postgraduale Ausbildung führt zu einer einheitlichen Approbation und befugt alle Absolventen berufsrechtlich zur Behandlung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen
  • Während der postgradualen Ausbildung erfolgt eine Grundqualifizierung für die Behandlung aller Altersgruppen und eine Schwerpunktsetzung mit vertiefter Qualifizierung, die zum Erwerb der Fachkunde für die Behandlung entweder von Kindern und Jugendlichen oder von Erwachsenen führt
  • Die praktische Ausbildung umfasst psychotherapeutische Behandlung in unterschiedlichen Settings (teil-stationär und ambulant) und folgt curricularen Vorgaben
  • Die Vergütung für die Beteiligung der Ausbildungsteilnehmer an der Versorgung ist für alle Phasen der Ausbildung gesetzlich vorgeschrieben
  • Es ist sicherzustellen, dass Ausbildungsteilnehmer während ihrer Ausbildung unter Supervision oder Aufsicht auf eindeutiger rechtlicher Grundlage psychotherapeutisch behandeln dürfen
  • Die Herbeiführung gleicher Ausbildungsbedingungen für alle wissenschaftlich anerkannten Psychotherapieverfahren

Mittlerweile hat der DPT am 8.5.10 ähnliche Eckpunkte einer Reform diskutiert und Beschlüsse, die an anderer Stelle in diesem Heft kommentiert werden, gefasst. Damit hat sich die Profession auf Eckpunkte geeinigt, die gegenüber der Politik vertreten werden können, um in dieser Richtung auf eine Reform des Psychotherapeutengesetzes zu drängen. Ob es gelingt, damit andere politische Bestrebungen z.B. in Richtung Direktausbildung auszuhebeln, bleibt abzuwarten.

Die Landesgruppe NRW hat sich am Diskussionsprozess in der Kammer NRW intensiv mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Positionen beteiligt: im Vorstand, in der Kommission Ausbildung, in der Kammerversammlung und nicht zuletzt bei den Abstimmungen, in denen unsere Fraktion AS sich vom Mehrheitstrend absetzte. Wir hoffen, dass die Debatte fortgesetzt wird im Sinne des Erhalts der Psychotherapie als akademischem Heilberuf und einer hochwertigen Psychotherapieausbildung, zu der die Institute der DGVT entscheidend beitragen und auch weiter beitragen wollen.

Auch beim regionalen Mitgliedertreffen in Köln am 3. Mai 2010, das gut besucht war, wurden diese Eckpunkte diskutiert. Es wurde in Frage gestellt, ob diese geeignet sind zum Erhalt der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Es wurde vielmehr befürchtet, dass es zu einer weiteren Verengung von psychotherapeutischem Handeln kommt, da andere außer psychologischen Voraussetzungen für die Ausbildung in ihrer Bedeutung herabgesetzt werden.

Auch für den Bereich der KV-Niedergelassenen gibt es im Augenblick erhebliche Bewegung. Neben den anstehenden KV-Wahlen wird im Augenblick mit Nachdruck diskutiert, ob und wie die derzeit gültigen Befugniseinschränkungen im Vergleich zu den Ärzten aufzulösen sind, wobei der zweite Aspekt natürlich auch im Angestellten-Bereich von erheblicher Relevanz ist.

Bei den Wahlen zu den KV-Vertreterversammlungen treten wir im Bereich Nordrhein gemeinsam mit der dptv, QdM und dem vakjp auf einer Liste an, die ein breites Interessenspektrum repräsentieren und in den Niederungen der KV-Politik umsetzen soll. Listenführerin ist hier Barbara Lubisch.

Im Bereich Westfalen-Lippe unterstützen wir die Liste mit Andreas Wilser als Spitzenkandidat. Auch diese Liste ist ein breites Bündnis über Therapieverbände und lokale Netzwerke hinweg und verspricht uns aktive Einflussnahme auf die politischen Entwicklungen vor Ort.

Beide Wahlvorschläge werden von uns mit personellen und infrastrukturellen Maßnahmen unterstützt, entsprechende Wahlprogramme gehen Ihnen/Euch zu. Wir werden kurz vor dem Wahltermin nochmals via E-Mail an die Wahl erinnern.

Bei einer seitens der Psychotherapeutenkammer organisierten Veranstaltung zur Aufhebung von Befugniseinschränkungen diskutierte der Berufsstand am 19. März 2010 in Köln über die Zielrichtung, psychotherapeutisches Handeln in Zukunft entsprechend weiter zu fassen.

Dabei stand im Vordergrund, Vor- und Nachteile von Möglichkeiten wie beispielsweise, Arbeitsunfähigkeit zu bescheinigen, in klinische Einrichtungen einzuweisen, Überweisung etc. abzuwägen. Einen detaillierteren Bericht über die Veranstaltung finden Sie im Bericht von Jochen Maurer an anderer Stelle in dieser Zeitschrift, der für die DGVT Positionen vertrat, die in der verbandsinternen Diskussion über die letzten Monate hinweg beschrieben worden waren.

Ob und wie die breite Öffentlichkeit der Psychotherapeutenschaft den Funktionären in ihrer Sichtweise folgen wird, darf als ein spannender Prozess bei der eigenständigen Entwicklung unseres Berufsstandes abgewartet werden.

Eva Bell, Johannes Broil, Jürgen Kuhlmann, Irene Seiderer



[1]Abgestimmtes Meinungsbild zu einer alternativen Formulierung: „im Umfang von mindestens 180 Leistungspunkten“.

 


Zurück