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Bericht der Landesgruppe Schleswig-Holstein (Rosa Beilage zur VPP 2/2010)


In gut einem Jahr ist es wieder soweit. Zum dritten Mal wählen die Pflichtmitglieder der noch jungen Psychotherapeutenkammer Schleswig-Holstein ihre Vertreterversammlung. Um einen sachgerechten Blick nach vorne werfen zu können ist es ja meist hilfreich, zunächst die Vergangenheit nüchtern zu bilanzieren.

Eine Schlüsselstelle in dieser Vergangenheit stellt sicher die zweite Kammerwahl im Juli 2007 dar. Während in anderen Landespsychotherapeutenkammern bei den je zweiten Kammerwahlen die ProtagonistInnen der ersten Wahlperioden in der Regel für ihre Arbeit bestätigt wurden, gab es in Schleswig-Holstein einen radikalen Wechsel. Und an diesem Wechsel waren die VertreterInnen der DGVT stark beteiligt. Während wir vor der ersten Kammerwahl in 2003 mit unseren Vorstellungen einer transparenten, kostengünstigen, die Approbation wertschätzenden und mitgliedernahen Kammer in der Verbändelandschaft eher isoliert waren, gelang im Vorfeld der zweiten Wahl die Gründung des Wahlbündnisses „KAM ON“ mit verbandsunabhängigen KandidatInnen, VertreterInnen von BDP, GwG und eben uns. Wir traten ausdrücklich als Gegengewicht zum „Bündnis Psychotherapie“ an, das in der ersten Wahlperiode komplett den Vorstand stellte und in dem ausschließlich in Kiel KV-zugelassene KollegInnen saßen.

Eine Stärke von „KAM ON“ bestand sicherlich darin, dass sich in diesem Bündnis nicht nur KollegInnen aus ganz Schleswig-Holstein zusammen fanden, sondern in ihm auch die unterschiedlichsten Formen der Berufsausübung repräsentiert waren. Neben dem Bestreben nach einer repräsentativ zusammengesetzten Kammerversammlung und nach einem repräsentativ zusammengesetzten Kammervorstand traten wir inhaltlich an mit dem Engagement für:

  • Niedrigere und sozial gestaffelte Beiträge
  • Gemeinsame Nordkammer HB-HH-NDS-SH
  • Transparenz und Demokratie in der Kammerversammlung
  • Vielfalt der psychotherapeutischen Verfahren
  • Verbesserung der Ausbildungssituation
  • Aufwertung des Berufsstandes

Unsere Vorstellungen waren offensichtlich so attraktiv, dass neun unserer zehn KandidatInnen in die Kammerversammlung gewählt wurden, was genau der Hälfte der Sitze dort entspricht. Sieben unserer KandidatInnen erhielten dabei mehr Stimmen, als die ProtagonistInnen der ersten Wahlperiode. In der großen Politik nennt man das einen Erdrutsch, der schließlich dazu führte, dass „KAM ON“ komplett den neuen Vorstand bildete, ohne sich jedoch auf eine eigene Mehrheit in der Kammerversammlung stützen zu können. Sicherlich keine günstige Ausgangsposition und was wir daraus gemacht haben, kann letztlich nur jeder für sich selbst beurteilen. Wir denken aber, dass wir uns mit dem bisher Erreichten keinesfalls verstecken müssen. Im Folgenden ein paar Anmerkungen zu den Punkten, die in der berufspolitischen Landschaft tatsächlich heftig umstritten sind:

Kosten/Beiträge

Zum einen haben wir auf diesem Feld sehr sichtbar unsere Vorstellungen umsetzen können, zum anderen ist aber gerade das auch das mit am heftigsten Umstrittene. In den drei bisher von uns zu verantwortenden Kammerhaushalten haben wir zweimal die Beiträge gesenkt und zudem eine sozial gestaffelte Beitragsordnung umgesetzt. Die soziale Staffelung war in der Kammerversammlung konsensfähig, keinesfalls jedoch die Beitragssenkungen als solche.

Zwei Grundüberzeugungen stehen dahinter: Einerseits meinen wir, dass „Aufwandsentschädigungen“ für die grundsätzlich per Gesetz als „ehrenamtlich“ definierten Tätigkeiten in den Kammergremien deutlich reduziert und begrenzen werden müssen, weil es sich eben nicht um bezahlte berufliche Tätigkeit handelt. Andererseits ist Kammerarbeit nach unserem Verständnis im Wesentlichen auf ihre gesetzlichen Kernaufgaben zu begrenzen, weil sie durch Beitragszahlungen auf Grundlage einer Zwangsmitgliedschaft von allen Mitgliedern finanziert wird. Diese Überzeugungen wurden nicht nur in der Kammerversammlung z. T. heftig und nicht immer sachlich kritisiert.

Auch bundesweit blieb unsere Ausrichtung nicht ohne Resonanz, bürsten wir damit das Kammerwesen doch teilweise deutlich gegen den Strich. Zu diesem Punkt gibt es tatsächlich zwei klare Alternativen: Man kann sich auf den Standpunkt stellen, dass die Kammern hier auch im Sinne allumfassender Lobbyarbeit die Aufgabe haben, alles Erdenkliche zu tun, was auch nur im Entferntesten geeignet sein könnte, der Etablierung oder Förderung der neuen Heilberufe zu dienen. Kein Problem – nur muss alles dies eben auch bezahlt werden. Dem gegenüber halten wir es für unsere Aufgabe, bei allen möglichen Aktivitäten sehr genau zu prüfen, ob sie tatsächlich dem Berufsstand dienen oder vielleicht mehr den Funktionsträgern im Berufsstand oder der Aufblähung des Kammerapparates.

Der Begriff der „schlanken Kammer“ ist in den zurückliegenden Monaten zum Teil konstruktiv diskutiert, z. T. auch übel diffamiert worden. Während „schlank“ in einer überernährten Gesellschaft gemeinhin mit „fit“ übersetzt wird, scheint dies in dem Zusammenhang nicht zu gelten. „Schlank“ wird hier doch allzu locker mit „schwach“ gleichgesetzt, was selbstverständlich unseren entschiedenen Widerspruch findet. Wir wollen eine starke Interessenvertretung der Psychotherapeutenschaft und denken, dass überflüssige Pfunde an den falschen Stellen hier auch schädlich sein können, weshalb sie zu vermeiden sind. So liegt beispielsweise auf der Hand, dass eine wirklich starke und effektive politische Interessenvertretung unserer doch recht kleinen Berufsgruppe an ein geschlossenes und bundeseinheitliches Auftreten gebunden sein dürfte. Hier kann nach unserer Auffassung die Aufgabe nur darin bestehen, Strukturen auf Landesebene zu begrenzen und die Bundespsychotherapeutenkammer für diese wesentliche Aufgabe zu stärken. Für eine Landespsychotherapeutenkammer ist Lobbyarbeit zweifellos nicht gänzlich verzichtbar, aber sie ist nach unserer Auffassung begrenzbar auf das, was tatsächlich auch auf Landesebene zu entscheiden ist und was dort dem Berufsstand als Ganzem tatsächlich Nutzen bringt. Vor dem Hintergrund, dass kein Psychotherapeut und keine Psychotherapeutin bei Nichtgefallen einfach aus der Kammer austreten kann (es sei denn, er gibt gleichzeitig seinen Beruf auf), halten wir eine solche Grundauffassung für geboten. Sie ist jedoch keinesfalls selbstverständlich und wenn sie auch über die nächste Kammerwahl hinaus gelten soll, braucht es genügend KollegInnen, die bereit sind, eine solche Grundauffassung gemeinsam mit uns aktiv zu vertreten.

Nordkammer

Deutlich sichtbare Erfolge zu diesem Ziel konnten bislang leider nicht erreicht werden. Gleichwohl fühlen wir uns ermuntert, dieses Ziel fest im Visier zu behalten. Wir halten nach wie vor daran fest, dass nicht jedes noch so kleine Bundesland seine eigene Psychotherapeutenkammer braucht. Bewiesen ist dies längst dadurch, dass die ostdeutschen Bundesländer seit Jahren eine erfolgreich arbeitende länderübergreifende Kammer haben. Je kleiner die Grundgesamtheit der Pflichtmitglieder einer Kammer, umso höher sind die Kosten pro Mitglied und umso geringer der finanzielle Spielraum (es sei denn, man steigert die Pflichtbeiträge immer weiter, was keiner will). Auch politisch ist es nach unserer Auffassung nicht notwendig und an manchen Stellen auch nicht sinnvoll, dass sich jedes kleine Bundesland eigene Kammerstrukturen leistet. Längst wird versucht, in recht aufwendigen Prozessen viele wichtige Dinge bundesweit zu vereinheitlichen (Akkreditierung von Fortbildungen, Berufsordnungen), was zunächst jede Landeskammer aufwändig für sich geregelt hatte. Zur Lobbyarbeit siehe letzten Absatz. Auch gibt es auf einer ganz praktischen Ebene Bewegung. Wie auf den Bremer Länderseiten des vorletzten Psychotherapeutenjournals (PTJ) zu lesen war, beschäftigt man sich nunmehr dort sehr ernsthaft mit einer Fusion der Bremer Kammer mit der Niedersächsischen, weil man in Bremen einfach aufgrund der geringen Masse an die Grenzen des Machbaren gestoßen ist. Jüngst haben in Niedersachsen Kammerwahlen stattgefunden, aus denen die Kräfte gestärkt hervorgingen, die dem Gedanken einer länderübergreifenden Nordkammer positiv gegenüber stehen. Wir habe in den zurück liegenden Jahren sicher unseren Beitrag dazu geleistet, dass der Gedanke einer Nordkammer aus der Schmuddelecke auf die Tagesordnungen mehrerer Treffen kam und wir wollen die beschriebenen Entwicklungen weiter nutzen, damit aus der von uns entworfenen Vision mittelfristig Realität werden kann. Wenn aber der Zug tatsächlich auf diesem Gleis weiterfahren soll, braucht es genügend KollegInnen, die bereit sind, aktiv mitzumachen.

Aufwertung des Berufsstandes

Klar gibt es keine berufspolitische Kraft, die diesen Punkt nicht auf ihrer Agenda hätte. Gleichwohl gibt es einen Aspekt, der in diesem Zusammenhang kontrovers und bisweilen auch heftig kontrovers diskutiert wird. Mehrere Jahrzehnte brauchte es, bis die PsychotherapeutInnen als Heilberufler anerkannt wurden. Seit 1999 haben die PsychotherapeutInnen eine Approbation, sind damit den ärztlichen KollegInnen gleichgestellt und dürfen alle psychischen Störungen behandeln. Nach unserer Auffassung hat die berufsständische Interessenvertretung die Aufgabe, alles dafür zu tun, dass dies auch so bleibt, die Approbation in ihrem Wert eher ausgebaut, aber keinesfalls begrenzt wird. Es kann nicht Aufgabe von Kammern sein zu definieren, was man mit einer Approbation alles nicht kann, um dann über Weiterbildungsordnungen und curriculare Fortbildungen vorzuschreiben, welche zusätzlichen Qualifikationen man erwerben muss, um bestimmte Aufgaben kompetent durchführen zu können/dürfen.

Dass jeder seinen Beruf gewissenhaft ausüben muss, steht in jeder Berufsordnung. Dazu gehört selbstverständlich auch, dass sich jeder das, was er zu einer gewissenhaften Berufsausübung braucht, ggf. über Fortbildungen zusätzlich aneignet und sich durch Fortbildungen stets auf dem aktuellen Stand hält. Uns geht es aber um die Verhinderung einer Abwertung der Approbation durch Weiterbildungen oder Fortbildungen zu ankündigungsfähigen Zusatztiteln oder Spezialisierungen innerhalb des Spektrums von Erkrankungen, das bislang mit der Approbation behandelt werden darf. Die sozialrechtlichen Konsequenzen der Begrenzung von weitergebildeten KollegInnen und der Ausgrenzung nicht weitergebildeter Approbierter sind nach unserer Auffassung nicht wirklich kalkulierbar und wir halten es dem Wert der Approbation für abträglich, wenn der Berufsstand nach außen hin eine Aufsplittung in verschiedenste psychotherapeutische Teilkompetenzen vertritt.

In Schleswig-Holstein ist es uns bislang gelungen, solchen Bestrebungen entgegen zu wirken. Wir haben weder eine Weiterbildungsordnung verabschiedet noch curriculare Fortbildungen installiert. Auf Landes- wie auf Bundesebene haben wir uns engagiert in die bisweilen sehr kontroversen Auseinandersetzungen um diese Thematik eingebracht und damit nach unserer Wahrnehmung nicht unerheblichen Anteil daran, dass vorerst Anträge zu weiteren Weiterbildungsregelungen nicht mehr auf die Tagesordnung deutscher Psychotherapeutentage gesetzt wurden. Damit ist die Auseinandersetzung aber noch keineswegs entschieden oder beendet. Weitere Aktivitäten einiger Kammern auf diesem Gebiet sind zu erwarten oder zu befürchten, und es braucht eine Reihe aktiver KollegInnen, wenn man will, dass der von uns eingeschlagene Kurs weiter gehalten werden kann.

Liebe LeserInnen,

die Kammerarbeit in Schleswig-Holstein ist in den zurückliegenden Jahren von den DGVT-VertretreInnen entscheidend mitgeprägt worden. Was Sie davon halten, entscheiden Sie selbstverständlich für sich selbst. Sollten Sie unsere Arbeit aber gut finden und sollten Sie ein Interesse daran haben, dass sie auch nach der nächsten Kammerwahl fortgesetzt werden kann, brauchen wir noch weitere MitstreiterInnen. Im Idealfall gelingt es wieder, ein starkes Wahlbündnis auf die Beine zu stellen, in dem sich die ganze Bandbreite unserer Profession widerspiegelt. Auch brauchen wir mehr BewerberInnen als beim letzten Mal, wenn wir aus der Patt-Situation in der Kammerversammlung heraus wollen. Machen Sie also mit, melden Sie sich bei uns und erzählen Sie Erzählenswertes auch interessierten KollegInnen. Wir sind offen für engagierte KollegInnen, auch wenn sie nicht DGVT-Mitglieder sind. Im Herbst dürften die entscheidenden Weichen für die nächste Kammerwahl gestellt werden. Man wird sortieren, wer mit wem und mit welchen inhaltlichen Schwerpunkten. Wir möchten Sie gerne frühzeitig in diese Prozesse einbinden und laden deshalb ein zur nächsten

Regionalen Mitgliederversammlung am

25.09.2010 in Kiel

Genaue Uhrzeit und genauer Ort werden noch rechtzeitig bekannt gegeben.

Koppeln wollen wir die Mitgliederversammlung an eine Informationsveranstaltung zu den Neuen Versorgungsformen. Aufgrund der doch reichlich begrenzten Zulassungsmöglichkeiten und der Stellensituation in Kliniken gehen wir davon aus, dass sich für immer mehr KollegInnen die Arbeit in neuen Versorgungsformen (MVZs und Integrierte Versorgung) als ernsthafte Alternative anbietet. Wir wollen etwas genauer hinschauen, welche Chancen und Risiken für die neuen Heilberufe mit den neuen Versorgungsformen verbunden sind. Als Hauptreferenten konnten wir hierzu bereits Herrn Joachim Speicher vom DPWV Hamburg gewinnen. Weitere Vorträge sind noch in Planung.

Zu beiden Veranstaltungen werden Sie noch persönliche Einladungen erhalten. Die Informationsveranstaltung zu den neuen Versorgungsformen ist selbstverständlich auch für Nichtmitglieder offen.

Diana Will, Detlef Deutschmann und Bernd Schäfer


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