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Befugniserweiterung für Psychotherapeuten?

Bericht über eine Tagung der Psychotherapeutenkammer NRW am 19.3.2010


Seit einiger Zeit wird innerhalb der Psychotherapeutenschaft kontrovers diskutiert, ob durch Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten nicht zusätzliche Aufgaben in der Versorgung übernommen werden und hierfür Modifikationen der relevanten sozialrechtlichen Bestimmungen bewirkt werden sollen. Die Frage der Aufgabenerweiterung bezieht sich auch auf Arbeitsbereiche angestellt arbeitender Psychotherapeuten (Leitungsverantwortung in Krankenhäusern), überwiegend berührt sie jedoch die Tätigkeitsfelder der niedergelassenen KollegInnen. In der ambulanten Versorgung geht es um die Heilmittelverschreibung (Ergotherapie, Logopädie, Soziotherapie), die Einweisung in stationäre psychotherapeutische oder psychiatrische Einrichtungen, ggf. Zwangseinweisung gemäß PsychKG, die Überweisung zum Facharzt und Erstellung von Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen.

Eine besonders heikle Frage lautet, ob Psychotherapeuten auch die Verordnung von Psychopharmaka, d.h. auch deren etwaige Absetzung oder die Veränderung der Medikation, übernehmen sollen. Gegen die Etablierung dieser Aufgabe gibt es viele Bedenken, rechtliche wie politische; dieses Thema wurde daher bewusst nicht in die Tagesordnung der Veranstaltung aufgenommen.

Ein weiteres, ebenfalls auf der Veranstaltung nicht diskutiertes Thema, ist die Erstellung von Attesten bei Vorliegen von Schulunfähigkeit – ein insbesondere für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten nicht uninteressantes Thema.

Historie: Im Zuge eines mehrjährigen Diskussionsprozesses wurde zunächst überlegt, ob Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten für die genannten Aufgaben überhaupt die hierzu erforderliche Kompetenz besitzen. Für die meisten der genannten Aufgaben kann dies nach Auffassung der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) bejaht werden. Eine Ausnahme stellt, wie bereits erwähnt, der Aufgabenkomplex „Verordnung von Psychopharmaka“ dar; für diese Aufgabe fehlt nach gegenwärtig mehrheitlicher Auffassung Psychotherapeuten die Befähigung. Hinsichtlich der Verordnung von Soziotherapie sollte berücksichtigt werden, dass dies bislang auch nur eine sehr eingegrenzte Anzahl von Ärzten (Psychiater, die eine Reihe zusätzlicher Kriterien erfüllen) darf (was in der bisherigen Versorgung im Übrigen kein wirkliches Problem darstellte), so dass seitens der Psychotherapeuten auf die Übernahme dieser Aufgabe kein allzu großes Gewicht gelegt werden sollte.

Da nach mehrheitlicher Auffassung Psychotherapeuten also die für die Übernahme der genannten Aufgaben notwendigen Fähigkeiten aufgrund ihrer Ausbildung und ihres Berufsabschlusses bereits besitzen, bedarf es daher lediglich der sozialrechtlichen Legitimation dieser Fähigkeiten; es hat sich für diesen notwendigen Schritt der Begriff „Befugniserweiterung“ etabliert.

Zur von der Psychotherapeutenkammer NRW durchgeführten Veranstaltung zur Befugniserweiterung wurden Vertreter verschiedener psychotherapeutischer Fachgesellschaften eingeladen, um die Haltung ihres Verbands zur Thematik darzustellen. Einführend informierten Mitglieder des Kammervorstandes über die bisherige Entwicklung in der Sache, der Justiziar der BPtK, Dr. Martin Stellpflug, erläuterte relevante rechtliche Bestimmungen. Nach Präsentation und Diskussion der Positionen der Fachverbände referierte Dieter Best, auf Bundesebene Mitglied in diversen berufsrelevanten Gremien, über „Anforderungen an Psychotherapeuten unter Versorgungsaspekten“.

In seinem Beitrag skizzierte Stellpflug die bisherigen Befugniseinschränkungen von Psychotherapeuten und ihre rechtlichen Grundlagen (Ausschlussklausel in § 73 Abs. 2 SGB V, Bundesmantelvertrag, PsychKG), entdramatisierte Haftungsfragen im Falle der Befugniserweiterung und stellte hinsichtlich der Frage, ob zugestandene Befugnisse auch angewandt werden müssen, Überlegungen dahingehend an, dass gewisse Standards sicherlich erbracht, etwaige Ausnahmen gesondert rechtlich geregelt werden müssten.

In Kürze die Haltungen der Fachverbände: Psychoanalytiker, vertreten durch Dr. Felix Hoffmann von der DGPT, stellen entgegen der Auffassung der BPtK die für die Befugniserweiterung erforderlichen Kompetenzen von Psychotherapeuten in Frage und stehen überdies der Erweiterung sehr skeptisch gegenüber, weil diese u. a. in Konflikt mit dem psychoanalytischen Abstinenzgebot stünden. Aus Sicht der Systemischen Therapie (Anni Michelmann, DGSF) sei die Befugniserweiterung ein Zugewinn an therapeutischen Möglichkeiten – vorausgesetzt, sie würde in Übereinstimmung mit den Interessen des Patienten genutzt. Für die DGVT bekannte Dr. Jochen Maurer, dass zwar der verbandsinterne Diskussionsprozess noch nicht endgültig abgeschlossen sei, die DGVT betrachte die Möglichkeiten der Befugniserweiterung jedoch wohlwollend als ergänzende „Interventionsbausteine“, die neben der bewährten originären psychotherapeutischen Tätigkeit ein Gesamtbehandlungskonzept im Patienteninteresse sinnvoll ergänzen können. Peter Liebermann (EMDR) zeigte sich der Befugniserweiterung gegenüber moderat offen, betonte darüber hinaus, dass bei traumatisierten Patienten nicht nur psychotherapeutische, sondern auch somatische/medizinische Behandlung incl. der jetzt schon bestehenden Befugnisse nötig sei. Dr. Karin Schoof-Tams (Gesellschaft für Neuropsychologie) befürwortete eine Befugniserweiterung, sogar eindeutig auch hinsichtlich der Verordnungsmöglichkeit von Psychopharmaka; sie bezog die Befugniserweiterung dabei exklusiv auf die neuropsychologisch qualifizierten Psychotherapeuten. Katrin Engel (GwG) befand, dass die Befugniserweiterung, jeweils im Einzelfall sorgfältig abgewogen und eingesetzt, im Sinne der Klienten sei. Potenzielle Konflikte zwischen Psychotherapeuten und Patienten, z.B. im Fall nicht praktizierter Krankschreibung, erfordern die Kongruenz von Psychotherapeuten.

Die ausführlichen Stellungnahmen der Fachverbände finden sich als Anhänge zu einem Beitrag (Donnerstag, 8. April 2010, Mehr Befugnisse für Psychotherapeuten? Tagung am 19. März in Köln) auf der Homepage der Psychotherapeutenkammer NRW (www.ptk-nrw.de).

Jochen Maurer


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