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Bericht vom Hauptstadtkongress 2010 in Berlin


Rund 8 000 TeilnehmerInnen tummelten sich vom 5. bis 7. Mai beim so genannten Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit im Internationalen Congress Centrum (ICC). Der jährlich stattfindende Hauptstadtkongress besteht aus den drei Fachkongressen Krankenhausmanagement, Pflege, Ärzte und dem Hauptstadtforum Gesundheitspolitik. Wie man Abläufe und Verfahren im klinischen Alltag verbessern kann, gehört ebenso zur Themenpalette wie Fragen zur Priorisierung medizinischer Leistungen, zur Delegation ärztlicher Aufgaben und zur Prävention. Die Kranken-, Unfall- und Rentenversicherungen präsentierten sich mit eigenen Veranstaltungen auf dem ‚Tag der Versicherungen’. Obwohl als nationaler Kongress ausgeschrieben, gab es internationale Symposien zum Abbau gesundheitlicher Ungleichheiten in Europa, zum Gesundheitssystem in den Niederlanden und in den USA sowie ein Forum der Deutsch-Chinesischen Gesellschaft für Medizin.

Das Deutsche Ärzte Forum, das seit 10 Jahren zum Hauptstadtkongress gehört und 2010 Jubiläum feierte, beschäftigte sich vor allen Dingen mit dem ärztlichen Nachwuchs, der Aus- und Fortbildung, dem Selbstverständnis des Arztberufes sowie der Patientensicherheit. Außerdem gab es zum zweiten Mal den ‚Tag der Niedergelassenen’, u. a. mit der zentralen Diskussionsveranstaltung „Der Arzt im Wandel: Beruf statt Berufung?“, den Veranstaltungen zu Medizinischen Versorgungszentren (MVZ), zur qualitätsorientierten Vergütung, ‚Stichprobenprüfungen durch KVen: Qual oder Qualitätsbeleg?’

Zentrale Fragen des Deutschen Pflegekongresses 2010 waren: Welche Veränderungen muss es geben, damit ausreichend Pflegekräfte für die älter werdende Bevölkerung zur Verfügung stehen? Was bringt die neue Legislaturperiode für die Pflege? Es ging um Beratung für Angehörige von Pflegebedürftigen, um den Pflegebegriff, um die Personalentwicklung in der Altenhilfe und um das Verhältnis von Pflegewissenschaft zur Pflegepraxis.

Nach der Eröffnung am Mittwoch, 5. Mai, durch den Kongresspräsidenten und Gesundheitssenator a. D. Ulf Fink unterhielt Dr. med. Dipl. Theol. Manfred Lütz, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit einem launigen Vortrag mit dem Titel „Wir behandeln die Falschen – unser Problem sind die Normalen!“. Der Untertitel seines gleichnamigen Buches ist zugleich die Kernthese seines Vortrages. Die Gesellschaft habe nach wie vor Angst vor psychisch Kranken, ohne zu wissen, dass etwa jeder dritte Mensch bereits einmal in seinem Leben eine behandlungsbedürftige psychische Krise oder Krankheit durchlebt hat oder an ihr leidet. Fast Jeder habe in seinem engeren Umfeld einen Menschen mit einer psychischen Erkrankung. „Menschen mit psychischen Erkrankungen sprengen starre Konventionen und erweisen uns damit einen großen Dienst, da sie die humane Temperatur einer Gesellschaft über dem Gefrierpunkt halten, indem sie der Gesellschaft unterschiedliche menschliche Gesichter geben“, so die These von Lütz. Ihre Lebenswelt sei oft liebenswürdiger, bunter, chaotischer, phantasievoller, erschütternder, leidvoller aber auch weniger zynisch als die glatt lackierte allgemein herrschende Normalität. Selbst ehrgeizige, eitle Erfolgsmenschen, die von psychischer Erkrankung betroffen sind, würden zum ersten Mal in ihrem erwachsenen Leben hilfsbedürftig und wirkten dadurch zugleich oft echter.

Lütz kritisierte die Säkularisierung des Gesundheitsbegriffes und zitierte in diesem Zusammenhang Nietzsche mit dem Satz: „Gesundheit ist das Ausmaß an Krankheit, das es mir noch erlaubt, meinen Aufgaben nachzugehen.“ Der Gesundheitswahn bringe Menschen dazu, nur noch vorbeugend zu leben, „ … die sterben dann zwar gesund, sind aber am Ende auch tot“. Er bedauerte die Überbewertung der Hirnforschung, wohingegen die Sozialpsychiatrie seiner Meinung nach zu kurz komme. Das Wichtigste sei, an den Ressourcen der Menschen anzuknüpfen, so Lütz, der sich von der Psychoanalyse abgewendet hat, weil sie ihm zu defizitorientiert sei.

Nach diesem kurzweiligen Vortrag mit viel Applaus und Lachen im großen Saal des ICC wurde der Bundesgesundheitsminister, Dr. Philipp Rösler, begrüßt. Er warb in seiner Rede für mehr Vertrauen und Transparenz im Gesundheitswesen und forderte zu einem Mentalitätswechsel mit weniger Staat auf. Die beste Kontrolle im System seien dagegen mündige und aufgeklärte PatientInnen. Die PatientInnen sollten durch Gesundheitswissen in die Lage versetzt werden, sich durch das Gesundheitswesen zu bewegen. Gegenwärtig sei nicht „der gute Arzt der Gewinner, sondern derjenige, der sich im System am besten auskennt und die EDV zur Budgetoptimierung einsetzt“. In der Option für die Kostenerstattung in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sieht Rösler einen Beitrag zur Qualitätsverbesserung. Die PatientInnen müssten sehen, was ein Arztbesuch kostet. Selbstverständlich dürfte die Solidarität der Gesunden mit den Kranken nie in Frage gestellt werden. Der Ausgleich zwischen Arm und Reich gehöre ins Steuersystem, sodass die Solidarität auf einer breiten Basis aller Steuerzahler gewährleistet ist.[1]

Zum Abschluss der Eröffnungsveranstaltung zeichnete der Staatssekretär im Bundesforschungsministerium (BMBF), Dr. Georg Schütte, die Regionen Ostseeküste/ Greifswald, Hamburg und Rhein-Neckar als Gewinner im Wettbewerb Gesundheitsregionen der Zukunft aus. Sie werden in den kommenden drei Jahren zusammen bis zu 22,5 Millionen Euro vom BMBF erhalten. In diesem seit drei Jahren laufenden Wettbewerb waren regionale Forschungsverbünde aufgerufen, unter einem gemeinsamen Thema eine Forschungs- und Entwicklungsinitiative zu begründen, die in den vier Jahren der geplanten Projektlaufzeit verspricht, umfassende und zukunftsorientierte Entwicklungen für das Gesundheitssystem zu erarbeiten. Interessant und ermutigend ist, dass der erfolgreiche Hamburger Verbund, der unter dem Label „Gesundheitsmetropole Hamburg“ angetreten ist, sich dem Thema Netzwerk psychische Gesundheit verschrieben hat. Hier sollen in den nächsten Jahren umfangreiche Projekte zur Entwicklung und Erprobung neuer (integrierter/vernetzter) Versorgungsstrukturen und zur Verbesserung der Behandlungskonzepte durchgeführt werden zu den Indikationen Psychose, Depressionen, somatoforme Störungen, Alkohol im Jugendalter sowie Anorexie und Bulimie. Der Antrag wurde ganz wesentlich von der Abteilung Medizinische Psychologie des Universitätskrankenhauses Eppendorf (UKE) vorbereitet sowie von der Psychotherapeutenkammer Hamburg unterstützt.

Waltraud Deubert



[1] vgl. hierzu den Beitrag „Für und Wider die Kopfpauschale“


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