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Aktueller Sachstand KJP-Mindestquote


Mittlerweile ist die Umsetzung der sog. Mindestquote in den einzelnen Planungsbezirken in Gang gekommen. Einzelne Zulassungsausschüsse haben bereits erste Neuzulassungen ausgesprochen. Wenn auch die Verzögerungstaktik durch die vom G-BA verordnete zweistufige Durchführung der Mindestquoten-Neuzulassungen greift, ist damit zu rechnen, dass binnen des Jahres 2010 ca. 900 neue KV-Zulassungen ausschließlich für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen vergeben werden können. Zahlenmäßig am meisten ins Gewicht fallen die Neuzulassungen in den Stadtstaaten Berlin und Hamburg. Hier konnten bereits im März und April des Jahres 81 bzw. 70 neue Psychotherapeuten-Sitze für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen in einem einzigen Schritt ausgeschrieben werden. Die beiden Städte stellen jeweils nur einen Planungsbezirk dar, so dass kein gestuftes Vorgehen notwendig wurde. Die Versorgung kann damit deutlich verbessert werden.

Nach Angaben im Deutschen Ärzteblatt (Ärzteblatt PP, Heft 5/ Mai 2010, S. 199 f.) erfüllen lediglich in sieben der siebzehn KVen alle Planungsbezirke die geforderte 10-Prozent-Quote. In den verbleibenden acht KVen (Berlin und Hamburg ausgenommen) sind in 47 Planungsbezirken zunächst 108,5 Sitze zu besetzen, bevor in einer zweiten Runde die „restlichen“ ca. 800 Sitze vergeben werden können. Die zweite Runde kommt voraussichtlich erst im Sommer des Jahres in Gang. Notabene: der Erweiterte Bewertungsausschuss hatte bereits im September 2009 ab 1.1.2010 zusätzlich 40 Mio. Euro für die psychotherapeutische Versorgung beschlossen, um die Umsetzung der neuen gesetzlichen Mindestquote als auch der erwarteten veränderten Versorgungssituation durch Teilzulassungen finanzieren zu können.

Problem der Anrechnung von PsychotherapeutInnen mit Doppel-Zulassung

Der G-BA-Beschluss vom 19.6.2009[1] sorgt nicht nur wg. der verzögerten Umsetzung des Gesetzes in zwei Etappen für Empörung im Berufsstand. Ein weiteres Ärgernis stellt der festgeschriebene Anrechnungsfaktor bei der Berechnung des Versorgungsbedarfs auch für diejenigen Psychotherapeuten dar, die nur gelegentlich Kinder und Jugendliche behandeln. In KV-Regionen, in denen (doppelt approbierte) PsychotherapeutInnen die Doppelzulassung (sowohl als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut als auch als Psychologischer Psychotherapeut) erhalten konnten, macht sich deren Erfassung mit einem Faktor 0,5 bei der Berechnung des Versorgungsbedarfs deutlich bemerkbar. Die KBV geht davon aus, dass bei Anrechnung von PsychotherapeutInnen mit Doppelzulassung mit dem Faktor 0,5 bundesweit 909 Niederlassungsmöglichkeiten geschaffen werden. Würden diese Personen hingegen nicht als KJP berücksichtigt, könnten 1 070 neue Niederlassungsmöglichkeiten ausgeschrieben werden.[2]

Rechtsmittel gegen Fehlberechnungen der Landesausschüsse

Eine Differenz von 161 Sitzen ist durchaus relevant. Rechtlich überprüfbar ist die Frage der Rechtmäßigkeit der Berechnung des Versorgungsbedarfs nur anhand konkreter Widersprüche gegen ablehnende Zulassungsbescheide. Das gilt zum einen für die Frage der Rechtmäßigkeit des Zugrundelegens des Anrechnungsfaktors 0,5 für Doppelzulassungen im jeweiligen Planungsbezirk, zum anderen auch, sofern ein Landesausschuss bei der Berechnung der KJP-Quote falsche Werte zugrunde gelegt hat, sich also verzählt hat und in der Folge zu wenige Sitze in einem Planungsbezirk ausgeschrieben hat. Ein abgelehnter Bewerber kann mit entsprechender Argumentation Widerspruch einlegen, um seinen Anspruch auf Zulassung überprüfen zu lassen.

Was kommt nach der Mindestquote?

Nach der Umsetzung der Mindestquote stellt sich die Frage, wie die Bedarfsplanung für Kinder und Jugendliche weitergehen soll. Aus Sicht der DGVT sollte weiterhin im Blick behalten werden, dass es sich mit der Mindestquoten-Einführung nur um schrittweise Verbesserungen der Versorgung handelt. Es besteht die Sorge, dass die Mindestquote zu einer Zementierung der Bedarfsplanung führen könnte. Insbesondere in den Planungsbereichen, die von der Mindestquote unmittelbar profitieren konnten, ist damit zu rechnen, dass es in der nächsten Zeit keine weiteren Neuzulassungen per Sonderbedarfszulassung bzw. Ermächtigung geben wird. In Planungsbezirken, die nicht von der Mindestquote profitieren konnten, ist aus unserer Sicht durchaus mit weiterem Bedarf zu rechnen.

Beim Treffen der DGVT-Fachgruppe KiJu beim DGVT-Kongress im März 2010 in Berlin wurde  Versorgungsforschung speziell für Kinder und Jugendliche gefordert. Dabei soll aus Sicht der DGVT die Versorgungsfrage nicht einseitig auf die niedergelassenen BehandlerInnen konzentriert, sondern „sektorenübergreifend“ gedacht werden. Psychotherapeutische Versorgungsforschung sollte als Ansatz genutzt werden, um eine Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Situation im Bereich Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie durchzuführen.

Ausgangspunkt der Überlegungen, die Versorgungssituation grundlegend zu untersuchen, ist, dass die derzeitige Bedarfsplanung nicht den realen Versorgungsbedarf widerspiegelt. Im GKV-Bereich erfolgt die Zulassung von PsychotherapeutInnen zur Versorgung derzeit anhand von Kriterien, die nicht den tatsächlichen Versorgungsbedarf abbilden, sondern sich an der sehr lückenhaften Versorgung, wie sie zum Zeitpunkt des Inkrafttretens des Psychotherapeutengesetzes am 1.1.1999 („Stichtag“) bestand, orientieren. Nachteilig hinzu kommt, dass regional ungleiche rechnerische Verteilungen existieren und die Einteilung in die sog. Planungstypen z. T. nicht mit dem tatsächlichen regionalen Versorgungsbedarf einhergeht. Eine Reform der Bedarfsplanung müsste daher auch die Verhältniszahlen von Einwohnern zu Psychotherapeuten neu definieren.

Die DGVT-Bundesdelegierten haben beim 8. DPT in Berlin am 8. Mai 2010 folgenden Antrag eingebracht, der mehrheitlich angenommen wurde:

Antrag der DGVT-Delegierten

16. DPT am 8. Mai 2010 in Berlin

Antrag

Der Vorstand der Bundespsychotherapeutenkammer wird aufgefordert, das bei der BPtK eingerichtete Referat "Versorgungsforschung" damit zu beauftragen, sich intensiv mit Perspektiven der psychotherapeutischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen zu beschäftigen. In die Untersuchung ist die psychotherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen sowohl durch niedergelassene PsychotherapeutInnen, durch Beratungsstellen als auch durch andere Institutionen des psychosozialen Bereichs einzubeziehen. Der Berufsstand könnte auf dieser Basis Ableitungen für sektorenübergreifende, bedarfsorientierte Versorgungsstrukturen bzw. -modelle formulieren und entsprechende Forderungen an die Politik stellen.

Begründung

Begründung:

Mit Hilfe der Entwicklung und Formulierung von Zukunftsperspektiven für die psychotherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen kann dieser Bereich innerhalb der psychotherapeutischen und psychosozialen Versorgungsstrukturen (GKV-Bereich, Jugendhilfe) gerade auch in Zeiten einer Bedrohung durch Verteilungskämpfe um knappe Ressourcen besser verankert werden. Ein sektorenübergreifender Versorgungsansatz könnte aufgrund hoher Kosten-Nutzen-Effizienz gute Argumente an die Politik liefern, Strukturen im Bereich der psychotherapeutischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen weiterzuentwickeln und neue Angebote zu schaffen.

Ohne valide Daten der psychotherapeutischen Versorgungsforschung besteht die Gefahr, dass innerhalb der bereits laufenden Debatte um die Zukunft der vertragsärztlichen bzw. vertragspsychotherapeutischen Bedarfsplanung der Versorgungsbedarf im Bereich Psychotherapie nur am Bestehenden gemessen wird. Dies wäre besonders für den Bereich der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie nachteilig, da die gesellschaftlichen Entwicklungen auf einen steigenden Bedarf in diesem Bereich hinweisen. Das aktuell formulierte Ziel der KBV, die Bedarfsplanung kleinräumiger und sektorenübergreifend zu gestalten, stellt eine Herausforderung und Chance dar, zu der sich die Psychotherapeutenschaft dezidiert positionieren sollte.

Zudem sollte eine entsprechende Untersuchung auch alle weiteren Versorgungsangebote im Bereich Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie analysieren, insbesondere unter Berücksichtigung der Verteilung auf verschiedene Sektoren und unterschiedliche Kostenträger. Auf Grundlage der Ergebnisse könnten Modelle für Versorgungsangebote erarbeitet werden, die eine sektorenübergreifende, bedarfsorientierte Versorgungssteuerung besser ermöglichen.

Die BPtK sollte gemeinsam mit den Psychotherapeutenverbänden die Diskussion über die zukünftige psychotherapeutische Versorgung führen. Eine realistische Analyse des Versorgungsbedarfs und die Förderung kosteneffektiver Versorgungsstrukturen stellt insbesondere im Bereich Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie eine zentrale Herausforderung für den Berufsstand dar.

Kerstin Burgdorf

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[1]Vgl. www.g-ba.de/informationen/beschluesse/839/ (Bedarfsplanungs-Richtlinie, Quotenregelung zur psychotherapeutischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen).

 

[2] Vgl. BT-Drucksache 17/250 v. 16.12.2009, veröffentlicht auf der DGVT-Homepage (www.dgvt.de / Aktueller Sachstand Umsetzung Mindestquote KJP, Meldung v. 29.1.2010).

 


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