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Drogenabhängige können zukünftig im Rahmen der GKV mit Diamorphin behandelt werden


Jahrelang wurde auf politischer Ebene darüber gestritten, ob der Einsatz von synthetischen Drogen (Diamorphin; synthetisches Heroin) bei der Behandlung von Schwerstabhängigen erlaubt werden solle oder nicht (Vgl. RB 1/2007, VPP2/2007, RB 2/2007, RB 3/2008, RB 4/2008, VPP2/2009, RB 2/2009). Vor allem die Union im Bundestag hatte starke Bedenken gegen das zuvor in einem Modellprojekt in sieben Städten erprobte und erfolgreich evaluierte Verfahren geäußert. In dem Projekt konnte nachgewiesen werden, dass sich der Gesundheitszustand langjähriger Abhängiger im Vergleich zur Methadonbehandlung vielfach verbesserte.[1] Diamorphin musste, damit es zukünftig in der Routineversorgung eingesetzt werden kann, im Betäubungsmittelgesetz (BtMG) von der Liste illegaler Drogen gestrichen und zum verschreibungspflichtigen Betäubungsmittel erklärt werden.

Hintergrund war insbesondere, dass die Veränderung des BtMG dazu führen würde, dass Diamorphin als verschreibungspflichtiges Arzneimittel zukünftig von den Krankenkassen bezahlt werden müsste (somit war eine Ablehnung der Krankenkassen zu erwarten). Demgegenüber standen die Landes- und Kommunalpolitiker, die bei Schwerstkranken die unterschiedlichen Folgekosten zu tragen haben (in den Bereichen Sozialhilfe, kommunale Beratung, Beschaffungskriminalität etc.), die nach der erwähnten Evaluation zumindest teilweise vermeidbar sein dürften.

Nachdem die Gesetzesvorlage der früheren Bundesgesundheitsministerin Schmidt im Jahr 2008 zunächst gescheitert war, gab es dann eine Bundesratsinitiative (mit Unionsmehrheit!) und eine erneute Gesetzesvorlage im Bundestag, die – bei aufgehobenem Fraktionszwang - Anfang 2010, noch vor der Bundestagswahl, dann doch zu der von Vielen lange erhofften Gesetzesänderung im BtMG geführt hat.

In der Folge dieser grundsätzlichen Freigabe waren nun Umsetzungsvorschriften festzulegen; hierfür gibt es ein zuständiges Gremium, den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), in dem 50% der Sitze die Krankenkassen, also die Kostenträger, einnehmen. Deren Interesse an einer patientenfreundlichen Umsetzung wurde oben schon charakterisiert.

Der G-BA hat jetzt am 18.3.2010 entschieden, in welcher Form schwerstabhängige Drogenabhängige zukünftig im Rahmen der Gesetzlichen Krankenversicherung auch mit Diamorphin behandelt werden können, wenn herkömmliche Methoden – wie etwa die Methadon-Substitution –gescheitert sind. Der Beschluss tritt nach erfolgter Nichtbeanstandung durch das BMG und Bekanntmachung im Bundesanzeiger in Kraft.

Der G-BA hat, wie erwartet, hohe Hürden beschlossen: Für die Behandlung mit Diamorphin kommen nur Patienten im Alter über 23 Jahren in Frage, die seit mindestens fünf Jahren abhängig sind und bereits zwei erfolglose bzw. abgebrochene Suchtbehandlungen hinter sich haben und schwere psychiatrische und somatische Begleiterkrankungen aufweisen.

Die Facheinrichtungen müssen speziell für die Behandlung mit Diamorphin vorbereitet sein und z. B über ein multidisziplinär zusammengesetztes Team verfügen, das sich regelmäßig fortbildet und eine ärztliche Betreuung für mindestens zwölf Stunden täglich gewährleisten kann. Weiterhin muss die Einrichtung über drei separate Räume verfügen, um den Warte-, Ausgabe- bzw. Überwachungsbereich voneinander trennen zu können. Durch dieses Vorgehen sollen Konflikte zwischen den Patienten vermieden werden, die sich vor, während bzw. nach der Substitution in unterschiedlichen körperlichen bzw. psychischen Zuständen befinden.

Parallel zur Diamorphinbehandlung soll möglichst direkt in den Facheinrichtungen für den Zeitraum von mindestens 6 Monaten begleitend eine psychosoziale Betreuung stattfinden.

Die erwähnte Gesetzesänderung ist aus Sicht der DGVT sehr zu begrüßen, da hierdurch der jahrelange Streit über die Behandlung mit Diamorphin beigelegt wird und die Behandlungsmöglichkeiten für Drogenabhängige deutlich verbessert werden. Die DGVT hatte sich an verschiedenen Stellen dafür eingesetzt; DGVT-Vertreter hatten über Resolutionsvorlagen beim Deutschen Psychotherapeutentag eine entsprechende Positionierung der Bundespsychotherapeutenkammer initiiert.

Bedenklich sind nun aber die extrem hohen Anforderungen, die an die durchführenden Facheinrichtungen gestellt werden: Diese Standards können nur von wenigen Einrichtungen erfüllt werden, somit werden zunächst nur wenige Therapieplätze bereitgestellt werden können. Zumal die Kosten, die für die Einrichtungen dabei entstehen, keinesfalls durch die Vergütung der Krankenkasse gedeckt werden. Immerhin kann man festhalten, dass es einen Einstieg in die Möglichkeit der Diamorphinbehandlung gibt. Und es bleibt zu hoffen, dass hier erste Erfahrungen dazu beitragen können, dass die Regeln angepasst und sachgerecht weiterentwickelt werden, so dass die Versorgungsangebote auch entsprechend dem Bedarf ausgeweitet werden können.

Tina Tanšek, Heiner Vogel



[1]  Es konnte auch gezeigt werden, dass die Methadonbehandlung, wenn sie, wie im Projekt als Kontrollgruppenbehandlung fachgerecht, d.h. mit adäquater Begleitbehandlung, erfolgt, deutlich bessere Ergebnisse bringt, als die in der Routineversorgung umgesetzte Methadonsubstitution (die sich meist auf die reine Abgabe von Methadon reduziert). Aber das ist ein anderes Thema.

 


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