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Assistierte Ausbildung - Ein Projekt bringt benachteiligte Jugendliche und Betriebe zusammen


Einerseits brauchen auch Jugendliche mit besonderem Förderbedarf, die am Ausbildungsmarkt aus verschiedenen Gründen benachteiligt sind, eine Ausbildung. Andererseits klagen viele Unternehmen, keine für ihren Betrieb passenden Auszubildenden zu finden; und der demografische Wandel wird das Problem verschärfen. Das Projekt »Assistierte Ausbildung« will beide Interessentengruppen passgenau zusammenbringen.

Um dem drohenden Nachwuchskräftemangel zu begegnen, wird unsere Gesellschaft Wege finden müssen, wie die Potenziale aller in Deutschland lebenden Jugendlichen besser einbezogen werden können. Dabei ist davon auszugehen, dass sich die Förderbedarfe der Jugendlichen für einen erfolgreichen Ausbildungs- und Berufsweg in Umfang und Qualität individuell sehr unterschiedlich darstellen werden. Deshalb werden verstärkt Förderinstrumente nötig sein, die in der Praxis individuelle Zuschnitte erlauben.

Mit dem Modell der »Assistierten Ausbildung« haben zwei Projektträger ein Modell entwickelt, das einen Baustein für die Lösung der Zukunftsprobleme auf dem Ausbildungsmarkt bieten kann. Basierend auf einem regulären Ausbildungsvertrag, der die volle Ausbildungsverantwortung beim Betrieb und dem Jugendlichen belässt, wird eine individuelle Assistenz angeboten, die zum Beispiel  eine intensive Vorbereitungsphase der Jugendlichen beinhaltet, sowie  ein genaues »Abchecken«, ob auch »die Chemie stimmt« zwischen dem einzelnen Betrieb und dem Jugendlichen. Das Besondere: Erfahrene Jugendberufshilfeträger begleiten anschließend während der gesamten Ausbildungszeit sowohl die Jugendlichen als auch die Betriebe, um den Ausbildungserfolg sicher zu stellen. Im Projekt »carpo« wird das Modell der Assistierten Ausbildung in Baden-Württemberg an zehn Standorten von Oktober 2008 bis Dezember 2011 realisiert. »carpo« ist ein Kooperationsprojekt des Diakonischen Werkes Württemberg e. V. und des Paritätischen Baden-Württemberg e.V., finanziert aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Landes Baden-Württemberg sowie der Bundesagentur für Arbeit.

Die Auswertungsergebnisse des Vorgängerprojekts »DIANA« (abgeschlossen im Jahr 2008) spiegeln den Erfolg und die Wertschätzung der Assistierten Ausbildung sowohl bei Betrieben als auch bei den Jugendlichen wider: 96,7 Prozent der Auszubildenden haben ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen, 98 Prozent der Auszubildenden und 98 Prozent der Betriebe würden anderen Jugendlichen und Betrieben eine Assistierte Ausbildung empfehlen.

Zehn Erfolgsfaktoren

Der Erfolg der Assistierten Ausbildung basiert im Wesentlichen auf zehn Faktoren dieser Konzeption:

  1. Assistierte Ausbildung bringt Betriebe und junge Ausbildungswillige passgenau zusammen. Durch die intensive Vorbereitungsphase der Jugendlichen (u. a. Berufsorientierung, soziales Kompetenztraining, Praktikumsvermittlung) und die gezielte Unterstützung bei der Betriebsakquise werden passende Betriebe und Jugendliche gefunden.

  2. Assistierte Ausbildung bietet Kontinuität durch verlässliche Ansprechpartner für alle Fragen und Probleme während der gesamten Ausbildungsphase.

  3. Assistierte Ausbildung arbeitet gleichzeitig sowohl mit den Jugendlichen als auch den Betrieben. Projektmitarbeitende, Auszubildende und Betriebe bilden ein Dreieck, in dem die Projektmitarbeiterinnen und Projektmitarbeiter die unterschiedlichen Blickwinkel und Interessen verbinden.

  4. Assistierte Ausbildung bietet eine reguläre betriebliche Ausbildung. Die Jugendlichen erhalten eine Vollausbildung auf dem ersten Arbeitsmarkt. Der Ausbildungsvertrag wird zwischen Jugendlichem und Betrieb geschlossen, die Ausbildungsverantwortung liegt beim Betrieb. Für den Status und das Selbstwertgefühl der Jugendlichen ist es von enormer Bedeutung, dass sie »einen ganz normalen Ausbildungsvertrag« haben.

  5. Assistierte Ausbildung arbeitet dienstleistungsorientiert, individuell und flexibel. Im Mittelpunkt der Assistenz stehen die individuellen Bedarfe/Bedürfnisse von Jugendlichen und Betrieben, auf die im Rahmen des Projekts flexibel und schnell, unbürokratisch und maßgeschneidert reagiert werden kann.

  6. Assistierte Ausbildung arbeitet kooperativ. Die Kompetenzen anderer Institutionen werden mit einbezogen. Kooperationen mit Schulen und Beratungsstellen, Verbänden und Bildungsträgern, Einrichtungen der Jugendhilfe und den Kammern, mit Arbeitsgemeinschaften (ARGEN), Agenturen für Arbeit und Landratsämtern sind selbstverständlicher Bestandteil der täglichen Arbeit.

  7. Assistierte Ausbildung fördert die Chancengleichheit der Geschlechter bei der Berufswahl und Berufsausbildung. Jugendliche greifen bei der Berufswahl im Regelfall auf typische Rollenmuster zurück. Damit gehen für die Betriebe und die Gesellschaft viele innovative Potenziale verloren. Assistierte Ausbildung unterstützt bei der Berufsorientierung und Berufswahl systematisch die Öffnung hin zu einer geschlechteruntypischen Berufswahl.

  8. Assistierte Ausbildung fördert die Vereinbarkeit von Familie und Berufsausbildung. Junge Mütter und Väter, besonders Alleinerziehende, sehen sich vor die schwierige Aufgabe gestellt, wie sie Ausbildung oder Beruf mit Familie vereinbaren können. Assistierte Ausbildung fördert die Möglichkeiten einer Teilzeitausbildung für junge Mütter und Väter. Die zusätzliche Unterstützung bei der Organisation alltagspraktischer Hilfen erleichtert es den Jugendlichen, Familie und Berufsausbildung miteinander vereinbaren zu können.

  9. Assistierte Ausbildung fördert in besonderer Weise die Integration von jugendlichen Migrantinnen und Migranten. Auf der Basis des Inklusionskonzeptes werden die Jugendlichen unterstützt, den Zugang zum regulären Ausbildungs- und Arbeitsmarkt im Zentrum unserer Erwerbsgesellschaft zu finden. Falls sich herausstellt, dass die Jugendlichen spezifische Unterstützung .zur Verbesserung ihrer Deutschkenntnisse benötigen,  werden diese Leistungen von der Assistierten Ausbildung organisiert.

  10. Assistierte Ausbildung schafft zusätzliche Ausbildungsplätze. 57 Prozent der am Projekt DIANA beteiligten Betriebe haben angegeben, dass sie aufgrund der Möglichkeiten der Assistierten Ausbildung einen zusätzlichen Ausbildungsplatz eingerichtet hätten.

Zielgruppen

Am Projekt »carpo« können junge Frauen und Männer bis zum Alter von 25 Jahren teilnehmen, die mindestens ein Jahr nach der allgemeinen Schulausbildung keine Ausbildung begonnen haben (sogenannte Altbewerberinnen und Altbewerber). Das Projekt »carpo« ist insbesondere für Jugendliche interessant, die einen Migrationshintergrund aufweisen oder die einen geschlechteruntypischen Beruf ergreifen wollen , aber auch für  junge Mütter oder Väter, die eine Ausbildung in Teilzeit oder Vollzeit suchen. .Die aktuellen Evaluationsergebnisse zeigen, dass von den bis zum 31.05.2010 aufgenommenen 421 carpo-TeilnehmerInnen 93% »Altbewerber«" sind (davon 42,9% zwischen zwei bis fünf Jahre und 24,2% über fünf  Jahre), 60,7% der TeilnehmerInnen sind weiblich, 54% haben einen Migrationshintergrund und 30,6% leben zusammen mit Kindern.

Merkmale der Ausbildungsverhältnisse

Die Ausbildung findet in allen Branchen (Handwerk 31,1%, Dienstleistung 19,9%, kaufmännische Berufe 16,1%, Handel 10,6%, Industrie und Hotel/Gastronomie je 7,5%, Agrar/Gartenbau 5%) und in 62 Berufsbildern statt. Der Anteil der Ausbildungen in Teilzeit beträgt 17,8%, der Anteil genderuntypischer Berufe 34,4%. Nur 9,9% der Ausbildungen werden vorzeitig beendet (gegenüber ca. 20% im Durchschnitt aller begonnenen dualen Ausbildungen). Die Ausbildungsbetriebe sind überwiegend kleine und mittlere Betriebe (ca. 70% Betriebe mit bis zu 50 Beschäftigten).

Resümee

Wir sind überzeugt, dass Assistierte Ausbildung auch in schwierigeren Zeiten auf dem Ausbildungsmarkt ein Erfolgsmodell für die berufliche Integration benachteiligter Jugendlicher sein kann. Assistierte Ausbildung schafft eine Win-win-Situation für benachteiligte Jugendliche, Betriebe und Politik. Für die nachhaltige Umsetzung des Modells wird es erforderlich sein, dass die Träger der Jugendpolitik sowie Kommunen und Arbeitsgemeinschaften , Jugendhilfe und Verbände im Sinne der individuellen Förderung kooperieren und die jeweiligen Förderinstrumente dafür einsetzen.

Assistierte Ausbildung – zwei Praxisbeispiele

Dennis, 18 Jahre, Wunschberuf Raumausstatter: Sein bisheriger Werdegang verlief nicht glatt. Nach dem Hauptschulabschluss begann Dennis eine Ausbildung, brach sie aber nach zwei Wochen ab. Er nutzt jetzt die Begleitung im Projekt »carpo«, um gezielte Förderung zusätzlich zu seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu bekommen. Dennis: »Wenn im Betrieb einmal etwas nicht rund läuft, kann das gleich geklärt werden. Mein Ansprechpartner im Projekt ist dafür immer erreichbar. Und beim fachtheoretischen Lernen bekomme ich auch Hilfe. Denn in der Schule möchte ich besser werden. « So erlernt er nun den Ausbildungsberuf, den er sich eigentlich schon immer gewünscht hatte: Dennis wird Raumausstatter.

Marisa, 22 Jahre, Mutter und Auszubildende: Glücklich mit ihrem Vertrag ist Marisa, die die Ausbildung zur pharmazeutisch-kaufmännischen Angestellten absolviert. Wie sie dies als Mutter einer dreijährigen Tochter schafft? Marisa: »Ohne die Teilzeitausbildung hätte ich Familie und Beruf nicht bewältigen können. Meine Ausbildungsbegleitung ist genau auf die Bedürfnisse junger Mütter zugeschnitten. Hier bekomme ich Hilfe bei der Finanzierung meines Lebensunterhaltes, der Kinderbetreuung und bei Verwaltungsfragen. Ich habe jetzt einen geregelten Ausbildungsablauf und trotzdem noch Zeit für mein Kind! « Nach vielen vergeblichen Versuchen, in den Arbeitsmarkt einzusteigen, ist dies der erste Erfolgreiche. Vollzeitangebote scheiterten an knappen Betreuungszeiten, langen Anfahrtswegen oder wechselnden Arbeitszeiten. Marisa, die ihr Kind sehr früh bekam, war trotz ständiger Bewerbungen ohne Perspektive. Wie sie ihre Chancen jetzt sieht? »Das Betriebsklima ist toll und in der Berufsschule läuft es auch. Alles, was ich möchte, ist meine Ausbildung zu Ende bringen und das gut. «

Der Paritätische Wohlfahrtsverband, Landesverband Baden-Württemberg e. V., Haußmannstraße 6, 70188 Stuttgart, Telefon 0711 2155–165, Fax 0711 2155–215, E-Mail korten@paritaet-bw.de, Internet www.carpo-esf.de

Diakonisches Werk Württemberg e. V., Heilbronner Straße 180, 70191 Stuttgart, Telefon 0711 1656-349, Fax 0711 1656-329, E-Mail info@carpo-esf.de, Internet www.carpo-esf.de

Berndt Korten[2]


[1]Quelle: Blätter der Wohlfahrtspflege, Ausgabe 3/2010, Mai/Juni 2010, Jg. 157; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.

 

[2]Berndt Korten arbeitet beim Paritätischen Wohlfahrtsverband, Landesverband Baden-Württemberg e. V. im Servicebereich Projekte und Förderprogramme als Projektkoordinator von »carpo«. E-Mail korten@paritaet-bw.de

 


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