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Gesundheitsfördernde Stadt- und Gemeindeentwicklung

5 Thesen zum Einstieg und eine Aufforderung zur Mitwirkung


1. Der gegenwärtige gesellschaftlicher Wandel erzeugt vielfältige prekäre Lebenslagen

Die gesellschaftlichen Organisationsformen und Lebensmuster der Industriegesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts verlieren im Übergang zur globalen Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts ihre soziale Integrationskraft.

Politische Entscheidungen tragen dazu bei, diesen Prozess noch zu verstärken.

Sehr viele Menschen werden dabei mit der Notwendigkeit konfrontiert, unter unsicheren äußeren Lebensbedingungen aktiv neue tragfähige Lebensmuster für ein gelingendes Leben zu entwickeln.

Die Entwicklung der sog. Zivilisationserkrankungen und der soziosomatischen Leiden zeigt, dass die Gestaltung einer gesundheitsförderlichen Lebensweise gegenwärtig häufig nicht gelingt.

Ein Mangel an stützenden Sozialbeziehungen, unzureichende Unterstützung durch das öffentliche Bildungs- und das Gesundheitswesen und fehlleitende wirtschaftliche Werbungs- und Konsummuster erzeugen prekäre und gefährdende Lebenslage, zunehmend bereits auch für junge Menschen.

Erhebliche Zuspitzungen in allen Bereichen sozialer Devianz ( psychische und soziosomatische Leiden, aggressive Verhaltensweisen und Kriminalität ) sind zu erwarten, wenn es nicht gelingt, einen bürgerschaftlichen Konsens über stützende Rahmenbedingungen für eine gesundheitsfördernde Lebenskultur und ein gelingendes Leben zu schaffen.

2. Städte und Gemeinden müssen neue Funktionen zur Sicherung der kommunalen Daseinsvorsorge übernehmen.

Die öffentlich verbreiteten Hoffnungen, die skizzierten Problemlagen liessen  sich durch ein erneut forciertes Wirtschaftswachstum beheben, sind  kaum begründet.

In den Städten und Gemeinden werden die Folgen des gesellschaftlichen Wandels, der wirtschaftlicher Fehlsteuerung und des Fehlens einer gesundheitsfördernden Gesamtpolitik besonders sichtbar. Hier schaukeln sich soziale Problemlagen auf und es entstehen in einzelnen Bereichen Verelendungs-Milieus, in denen Menschen ihre produktiven Lebenspotentiale verlieren.

 Andererseits kann in Städten und Gemeinden auch solidarisches Handeln und bürgerschaftliches Engagement unmittelbar wirksam werden und zu gemeinsame Anstrengungen motivieren.

 Als kleinste selbständige politische Einheiten unseres Staatswesens sind Städte und Gemeinden daher auch Hoffnungsträger für kreatives Bürgerengagement, solidarisches Handeln und nachhaltige Entwicklungsanstrengungen.

Die geographische und soziale Verbundenheit mit dem jeweiligen Lebensort kann zu identitätsstiftender Zugehörigkeit und heimatlicher Bindung führen.

Bei einem zunehmenden Bedeutungsverlust familiärer und beruflicher Bindungen gewinnen Städte und Gemeinden im Zeitalter der Globalisierung daher eine zunehmende soziale Stützfunktion für eine offene Lebensgestaltung der Menschen.

Diese muss sich vor allem bei denjenigen MitbürgerInnen bewähren, die in besonderer Weise auf soziale Anteilnahme und solidarische Unterstützung angewiesen sind. Tendenziell gehören zu dieser Bevölkerungsgruppe mit erhöhtem Gesundheitsrisiko alle Menschen, die nicht mit hinreichender Anteilnahme durch familiäre, schulische, betriebliche oder gemeinschaftliche Unterstützungs-Netzwerke rechnen können.

Alleinstehende ältere Menschen, Alleinerziehende, Menschen mit geringem Bildungsstand, MigrantInnen, oder Langzeitarbeitslose geraten mit deutlich erhöhter Wahrscheinlichkeit in prekäre Lebenssituationen, gesundheitliche Gefährdung und wirtschaftliche Not.

Da sie in manchen Stadtteilen und Gemeinden bereits die Mehrheit bilden, geht es künftig angesichts der absehbaren demografischen und wirtschaftlichen Entwicklung nicht mehr nur um die soziale Lage von Minderheiten, sondern um die Zukunft der Städte und Gemeinden als gemeinschaftlicher Lebensraum und  als Orte sozialer Integration, bürgerschaftlicher Solidarität und stützender Heimat in einer sich globalisierenden wirtschaftlichen Wettbewerbsordnung.

Integrierende Programme gesundheitsfördernder Stadt- und Gemeindeentwicklung können dabei öffentliche Gemeinschaftsanstrengungen unterstützen.

3. Integrierte Programme gesundheitsfördernder Stadt- und Gemeindeentwicklung eröffnen neue Entwicklungschancen

Mit der Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung der WHO ist bereits 1986 ein wegweisendes Programm veröffentlicht worden, in dem Handlungsebenen und Handlungsformen für eine wirksame öffentliche Politik der Gesundheitsförderung beschrieben wurden.

In einem Mehrebenen-Konzept wird dabei ein Entwicklungsprozess beschrieben, bei dem eine Synergie aus:

  • persönlicher Kompetenzentwicklung
  • fördernden Gemeinschaftsaktivitäten
  • verantwortungsbewusstem Organisationshandeln
  • stützender kommunaler Umgebung und
  • einer gesundheitsfördernden Gesamtpolitik

entstehen kann.

Im “Gesunde-Städte“-Netzwerk werden diese Konzepte in praktische Initiativen umgesetzt.

Nachdem sich im Jahr 2000 im Rahmen einer Weltkonferenz zur Gesundheitsförderung der WHO in Mexiko mehr als 80 GesundheitsministerInnen dazu verpflichtet haben, in ihren Ländern nationale Aktionsprogramme für Gesundheitsförderung auf der Grundlage der Ottawa-Charta zu entwickeln, besteht auch für Deutschland eine entsprechen Verpflichtung und Chance.

Netzwerke gesundheitsfördernder Schulen, zahlreiche Projekte betrieblicher Gesundheitsförderung und das Deutsche Netzwerk gesundheitsfördernder Krankenhäuser  haben in den letzten Jahren vielfältige Ansatzpunkte für eine beteiligungsorientierte Gesundheitsförderung in den Organisationen des Alltagslebens geschaffen.

In vielen Städten und Gemeinden sind  im Rahmen der „Lokalen Agenda 21“ neue Formen bürgerschaftlichen Engagements für eine nachhaltige Entwicklung entsprechend den Beschlüssen der UNO-Weltkonferenz von Rio de Janeiro im Jahr 1992 entstanden.

Auch das Projekt “Soziale Stadt“ hat in den letzten Jahren vielfältige Anregungen für gemeinschaftliche Anstrengungen in besonders problembeladenen Stadtteilen gegeben.

Die Verbindung dieser Leitprojekte auf der Ebene von Städten und Gemeinden kann zu einer wirkungsvollen Gestaltung nachhaltiger Kommunalentwicklung beitragen.

4. Für nachhaltige Entwicklungen  sind tragfähige Infrastrukturen für gemeindeorientierte Gesundheitsförderung notwendig

Gemeindeorientierte Gesundheitsförderung erfordert neue Planungs- und Organisationskompetenzen in den Kommunen.

Entsprechend dem Handlungszyklus kommunaler Gesundheitsförderung müssen die Fähigkeiten zur sachlich begründeten Problembestimmung („Daten für Taten“), zu partizipatorischen Bewertungsverfahren („Gesundheitsförderungs-Konferenzen“), zu effizientem Projektmanagement („Gesundheits-Wirkstätten“), zu kontinuierlichem Assessment („Qualitätszirkel“) und zu wirkungsvoller öffentlicher Kommunikation („Gesundheits-Marketing“) gestärkt werden.

Dies ist auch mit einem veränderten Funktionsverständnis kommunaler Selbstverwaltung verbunden.

Aus Ämtern werden  dabei Planungs-, Steuerungs- und Service-Einrichtungen, die die Rahmenbedingungen für ein wirkungsvolles bürgerschaftliches Engagement sichern und Gemeinschaftsaktivitäten koordinieren.

Intersektorale Zusammenarbeit wird innerhalb der Verwaltungen durch fachübergreifende Projektgruppen unterstützt.

Stadtteilbezogene Gesundheitshäuser dienen als unabhängige Informations- und Kommunikationszentren für Selbsthilfeaktivitäten, Patientenberatung, Gesundheitsbildung und bürgerschaftliches Engagement im Rahmen der gemeindebezogenen Gesundheitsförderung.

Menschen in schwierigen und belastenden Lebenslagen finden dabei eine besondere Aufmerksamkeit und Unterstützung.

Settingorientierte Ansätze der Gesundheitsförderung in Schulen, Betrieben und  Krankenhäusern entwickeln Arbeitsstrukturen für einen gesundheitsfördernden Alltag  und vernetzen ihre Aktivitäten durch gemeinsame Gesundheitsförderungs-Konferenzen.

Regionale „Hochschulen für Gesundheit“ engagieren sich für Gemeinwesenarbeit, Stadtentwicklung und gemeindeorientierte Gesundheitsförderung und unterstützen diese durch praxisorientierte Forschung sowie durch Fort- und Weiterbildung der Akteure.

Bürgerstiftungen unterstützen Modell-Projekte und sichern unabhängige Initiativen bürgerschaftlichen Engagements für eine nachhaltige Stadtentwicklung.

Kooperationsprojekte mit Einrichtungen des Gesundheits- und des Bildungswesens, der Medien und der lokalen Wirtschafts- und Sozialpartner erhöhen den Wirkungsgrad von Gemeinschaftsaktivitäten und unterstützen die Entwicklung neuer Formen kommunaler Selbstorganisation.

Integrierende Programm-Planungen unterstützen nachhaltige und zielorientierte Entwicklungen, über die sich die Kommunen auch in überregionalen und internationalen Netzwerken austauschen, um ihre Aktivitäten im politischen Raum zur Geltung zu bringen und um sich von Modellen guter Praxis anregen zu lassen.

5. Die Verschränkungen von globalen und lokalen Entwicklungen erfordern eine  neue Politik der Gesundheitsförderung in Europa und auf der Ebene von Bund, Ländern und Gemeinden

In Zeiten einer Globalisierung der Wirtschaftstätigkeiten müssen die lokalen Aktivitäten der Gesundheitsförderung einen zukunftsfähigen Kontext durch eine unterstützende Politik durch die Länder, den Bund und ein Europa der Regionen erhalten.

Das politische Prinzip der Subsidiarität muss sich in Europa in der Unterstützung der Selbstorganisation der Städte und Gemeinden bewähren.

Eine produktive Verbindung von globalen und lokalen Politiken durch eine vertikale Integration der verschiedenen Politik-Ebenen steht im Mittelpunkt  nachhaltiger Gesundheitsförderung.

Ziel ist die Stärkung der Selbstorganisationskraft der Städte und Gemeinden als Kernprozess eines künftigen Europas der BürgerInnen und einer europäischen Zivilgesellschaft.

Der gegenwärtige Abbau und Umbau industriegesellschaftlicher Versorgungsstrukturen muss  dabei durch einen funktionalen Aufbau gemeindebezogener Unterstützungs- und Kooperationsstrukturen kompensiert und mit hoher Priorität von allen politischen Parteien und gesellschaftlichen Kräften unterstützt werden.

Wohlfahrtsverbände, Selbsthilfe-Vereinigungen, Kichengemeinden und Bürger-Vereinigungen  müssen die Rolle einer „Vereinten Lebens-Gewerkschaft der BürgerInnen“ übernehmen, um eine hinreichende ökonomische Grundsicherung und soziale Teilhabe auch derjenigen BürgerInnen zu erreichen , die auf soziale Hilfen angewiesen sind und die in den gegenwärtigen Wirtschafts- und Politikstrukturen über keine ausreichende Vertretungsmacht verfügen.

Die Alternative zu einer Politik weiterer Individualisierung, Privatisierung und Medikalisierung von Menschen in prekären Lebenssituationen wird in einer neuen Wertschätzung der kommunalen Daseinsvorsorge und der entschlossenen Unterstützung einer Politik gemeindebezogener Gesundheitsförderung entsprechend den Programmen der WHO und anderer UN-Organisationen gesehen.

Nachhaltige und sozial gerechte Lebensweisen - eine wesentliche Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben von demnächst acht Milliarden Menschen einer sich formierenden Weltgesellschaft auf einem begrenzten Globus - können in den sozialen Gemeinschaften der Städte und Gemeinden konkretisiert und verwirklicht werden.

Dort, wo die Menschen leben, lieben, arbeiten und spielen und sich „zu Hause“ fühlen können, kann das Leitbild einer gesundheitsfördernden sozialen Stadt selbstverständlicher Teil einer lokalen Agenda für eine zukunftsfähige Kommune im globalen Kontext werden.

Wir werben angesichts der  allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen für eine entschlossene  und wirksame Unterstützung dieser Anstrengungen in den Städten und Gemeinden.

Berlin/ Bielefeld/Bonn/Hamburg/Magdeburg                                         

Als Erstunterzeichner:
Prof. Dr. Eberhard Göpel , Hochschule Magdeburg;
Dr. Rolf-Peter Löhr, Projekt Soziale Stadt, Berlin
Markus Pierk, Agenda-Transfer , Bonn
Klaus-Peter Stender, Gesunde-Städte-Netzwerk, Hamburg
Waldemar Süß, Universität Hamburg

Kontaktadresse:
Dr. Christa Böhme
Deutsches Institut für Urbanistik, Berlin
Email: boehme@difu.de


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