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KV Nordrhein: Abrechnungstaktiken unter dem neuen HVV

wie in KVNO-aktuell (3/06, S. 8) nachzulesen gilt im Bereich der KV-Nordrhein ab dem 01.04.2006 ein neuer Honorarverteilungsvertrag (HVV), welcher u. a. Regelungen zur Mengensteuerung (d.h. Begrenzung) psychotherapeutischer Leistungen beinhaltet.


Ab dem 01.04.2006 werden

  • antrags- und genehmigungspflichtige Leistungen, die den Punktzahlengrenzwert von 561 150 Punkten je Quartal übersteigen, lediglich mit einem Kürzungs-Punktwert in Höhe  von 10 % des für die übrigen psychotherapeutischen Leistungen ermittelten Punktwertes vergütet.
  • für  die nicht antrags- und genehmigungspflichtigen Leistungen (u. a. probatorische Sitzungen, Biographische Anamnese, Psychotherapeutisches Gespräch, Berichte an den Gutachter, übende Verfahren, Hypnose, Ordinations- und Konsultationskomplexe, Bescheinigungen und Krankheitsberichte) ein Regelleistungsvolumen gebildet, das sich aus der Fallzahl multipliziert mit einer Fallpunktzahl von 1 900 Punkten (für PP, ÄP) bzw. 2 700 Punkten für KJP ergibt. Die Überschreitungspunktzahl wird ebenfalls mit einem Punktwert in Höhe von 10 % des für die übrigen psychotherapeutischen Leistungen ermittelten Punktwertes (welcher ohnehin schon bedauerlich niedrig ausfällt) vergütet.

Die zweite Regelung dürfte eine größere Anzahl von KollegInnen betreffen, insbesondere diejenigen, welche  einen überproportional hohen Anteil nicht-genehmigungspflichtiger Leistungen im Verhältnis zur Fallzahl abrechnen (Neupraxen). Aber auch für die langjährig praktizierenden KollegInnen werden sich Überlegungen anbieten, wie einerseits eine ethisch vertretbare Diagnostik und Behandlung durchgeführt, andererseits eine finanzielle Selbstausbeutung minimiert werden kann. Die schon vor dem Hintergrund des niedrigen Punktwertes für nicht-genehmigungspflichtige Leistungen seit längerer Zeit kontrovers geführte Diskussion über eine abrechnungstechnisch sinnvolle, jedoch therapeutisch bedenkliche begrenzte Abrechnung diagnostischer Leistungen erfährt durch die neuen HVV-Regelungen eine erneute Belebung.

Meiner Auffassung nach müssen wir auf eine bereits existierende Abrechnungsphilosophie medikamentenverordnender Ärzte zurückgreifen, die Quersubvention. Hierunter ist zu verstehen, dass die nicht-ausgenutzten Medikamentenbudgets einiger weniger bedürftiger Patienten dazu verwendet werden, bedürftigeren Patienten entsprechend mehr bzw. kostenträchtigere Medikamente zukommen zu lassen. Auf psychotherapeutische Belange übertragen bedeutet dies, dass die nicht ausgeschöpfte Fallpunktzahl (1.900/2.700 Punkte) bei Patienten, bei denen neben den genehmigungspflichtigen Leistungen z. B. lediglich Ordinations- und Konsultationskomplex abgerechnet werden, dazu verwendet wird, nicht genehmigungspflichtige, insbesondere diagnostische Leistungen bei anderen Patienten im erforderlichen Ausmaß durchzuführen. Bei allem Kalkül: für die Abrechnungsziffer 23220 (Psychotherapeutisches Gespräch) bedeutet der neue HVV das politische Aus.

Vor besonders extremen Abrechnungsoptimierungen möchte ich jedoch eindringlich warnen. So ist mir gerüchteweise zu Ohren gekommen, dass KollegInnen mit Befreiung von der Berichtspflicht für Kurzzeittherapie aus abrechnungstechnischen Gründen bereits jetzt schon gänzlich auf die Abrechnung probatorischer Sitzungen verzichten und diese Taktik unter den neuen HVV-Bedingungen vielleicht noch konsequenter praktizieren wollen. Ich bitte – sehen wir einmal von den Auswirkungen dieser Praxis auf die Glaubwürdigkeit unserer Fach- und Berufsverbände  ab – die  möglichen  persönlichen  Konsequenzen  zu  bedenken. Die Nicht- Abrechnung von diagnostischen Leistungen kann in verschiedenen Überprüfungsvorgängen kritisch bewertet werden, z.B.

  • bei Plausibilitätsprüfungen: Implausibilitäten
  • bei Wirtschaftlichkeitsprüfungen: Verstoß gegen das Wirtschaftlichkeitsgebot
  • bei disziplinarrechtlichen Überprüfungen: Feststellung disziplinarrechtlicher Verstöße

Aus der kritischen Bewertung können auch Sanktionen abgeleitet werden, die von der Ermahnung über Honorarkürzungen und Bußgelder bis hin zu einem zwangsweisen Ruhen der Zulassung reichen können. Über etwaige berufsrechtliche Konsequenzen wegen mangelnder Beachtung der Berufsordnung, die vor Beginn einer Psychotherapie natürlich auch Diagnostik und Aufklärung des Patienten über z.B. therapeutische Vorgehensweisen als Standards voraussetzt, müsste gesondert nachgedacht werden.
Der Mindeststandard diagnostischer Leistungen (probatorische Sitzungen, biographische Anamnese, Testverfahren) ist nicht nur meiner Einschätzung nach erst dann erfüllt, wenn mit Sicherheit die Indikation (inkl. Diagnose) für eine Psychotherapie gestellt werden kann. Dies kann schon nach einer probatorischen Sitzung und der biographischen Anamnese der Fall sein, wobei weitere probatorische Sitzungen und/oder Testverfahren die Qualität der Diagnostik verbessern dürften, bis der state-of-the-art erreicht ist.

Dr. Jochen Maurer
Psychologischer Psychotherapeut, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut
Friedrich-Ebert-Str. 88, 42103 Wuppertal, Tel.: 0202-2987270, Fax: 0202-2987274
E-Mail: JochenMaurer(at)aol.com

Quelle: 'Rosa Beilage' zur VPP 2/2006


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