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Bericht der Landesgruppe Mecklenburg-Vorpommern (Rosa Beilage zur VPP 3/2010)


Der nächste Vortrag im Rahmen unserer Rostocker Reihe findet am Mittwoch, 15.9.2010,  20 Uhr im CJD Rostock statt. Dr. Volker Premper wird über „Diagnostik und Behandlung des pathologischen Glücksspiels“ referieren. Wir freuen uns, wenn Sie sich vorher per E-Mail anmelden: mv@dgvt.de.

Vom 24. bis 26. Juni fand im IFA-Grand-Hotel am Ostseestrand bei Graal-Müritz die nun dritte Sommerakademie statt, eine Kooperation der Bundes-afp mit der Rostocker afp-Ost von Dörte Heidenreich-Wendelken und der Landesgruppe Mecklenburg-Vorpommern Wir hatten wieder Glück mit sonnigem Wetter und alle Kurse liefen gut, auch die morgendlichen Wellnessangebote wurden angenommen. Die Sommerakademie 2011 kann übrigens schon in ihrem Kalendarium vorgemerkt werden, sie findet vom  23.6. (Eröffnungsvortrag), bis 25.6.2011 statt.

Den Eröffnungsvortrag hielt Prof. Armin Kuhr, der zur Entwicklung neuer Versorgungsstrukturen referierte. In der ja eher politisch ausgerichteten Rosa Beilage will ich deswegen davon nun etwas ausführlicher meine Eindrücke wiedergeben. Laut. McKinsey warten im teuren deutschen Gesundheitswesen Effizienzpotentiale in Höhe von über 25 % darauf, gehoben zu werden. Bei Organisationsformen, die z.T. aus dem 19. Jahrhundert stammen, ist dies kein Wunder. Die Kooperations-Gießkanne der Neuen Versorgungsformen brachte bislang leider nicht automatisch mehr Einsparungseffekte. Während die Politik immer noch keinen Konsens für die angekündigte Strukturreform hat,  werden gerade psychische Erkrankungen immer dominanter. Die KV Bayern hat dokumentiert, dass gerade einmal 11 % der Patienten mit schweren depressiven Episoden psychotherapeutische Behandlung finden, bei den leichten sind es 20 %, wesentlich mehr Depressive (27-37 %) bekommen gar keine Behandlung, von Behandlungsketten oder präventiven Frühinterventionen z. B. am Arbeitsplatz ganz zu schweigen.

Nötig wäre also wohl zuallererst, die gesellschaftliche Akzeptanz für psychische Erkrankungen weiter zu erhöhen sowie die psychotherapeutischen Behandlungsangebote deutlich zu erweitern. Strukturell wären im Feld zwischen der etablierten Richtlinienpsychotherapie und der stationären Psychiatrie / Psychosomatik neue Formate wie Intensiv-Psychotherapie und ambulante Ganztagesbehandlung gut vorstellbar. Aber auch der vorgeschaltete HausärztInnnen- und Beratungsstellen-Sektor müsste wohl deutlich effizienter werden. Solchermaßen erweiterte Versorgungsstrukturen funktionieren sicher nicht ohne multiprofessionelle Vernetzung. Ob das Ganze dann zu höherer Versorgungsqualität bei guter Effizienz führt, sollte natürlich zuallererst zumindest prototypisch empirisch untersucht werden.

Soweit die Theorie, für die Praxis gilt eher: „Es geht um das Teilen von Wissen, Macht und Geld.“ (M.-L. Müller). Die Bilanz der Integrierten Versorgung ist „eher ernüchternd“ (Karl Lauterbach), die Kassen ziehen sich aus manchem Projekt zurück. Können nun die Selektivverträge eher in jene schöne neue Welt führen? (Dort geht es doch auch bereits um: Profitsteigerung, Verdrängungswettbewerb bei Vertrags-Intransparenz und  Marktzersplitterung). Die Psychotherapie hatte bei all dem bislang eher die Rolle eines Mauerblümchens (zu klein, einzelgängerisch-unorganisiert, passiv, unbeweglich) eingenommen.

Die Krankenkassen bringen nicht nur notgedrungen ihre Marktmacht immer aktiver ins Spiel, sondern gegenwärtig insbesondere bezüglich indikationsspezifischem Versorgungsmanagement für Kostenrisikogruppen unter ihren Versicherten. Künftig wird daraus wohl ein ganzheitlicheres Personenmanagement, weit über das bisherige Risikodiagnose-Spezifische hinaus. Die aktive Eigenorganisation der Versorgung  durch die Kassen wird zu verschärftem Wettbewerb unter den Leistungsanbietern führen (Köhler: „Wem gehört der chronische Rückenschmerz?“). Leitprinzip wird die stete Ergebnisorientierung: „Pay for Performance“.

Wie wird es unter solchen Rahmenbedingungen wohl mit der Psychotherapie weitergehen? Falls die Entwicklung von Zugangssteuerungen auf die politische Agenda kommt, wäre auf jeden Fall das Erstzugangsrecht zum Psychotherapeuten zu bewahren. Derzeit besteht bei Ressourcenknappheit ja eher ein Anbietermarkt, dem eine latente Patientenselektion als inhärent unterstellt wird. Würde hier eine qualitätsgesicherte Indikationsstellung  statt dem Gutachter-Genehmigungs-Verfahren in eine bessere Zukunft führen? Schöne Zukunftsmusik wäre wohl eine Ausdifferenzierung der Psychotherapie-Versorgung. Neben der Richtlinienpsychotherapie könnte es dann alternative Versorgungsformen und – umfänge geben. Spezialisierungen mit Zusatznutzen würden empirisch entwickelt (z.B. für Geriatrisches, Chronisches, Multimorbides, Somatisches). Versorgungslücken im Prekariat würden multiprofessionell geschlossen.

Derweil steht das Versorgungssystem aber bereits unter großem ökonomischen Anpassungsdruck: inter- und intrasektorale Verteilungskämpfe um Marktmachtpositionen sind ausgebrochen (Jeder gegen Jeden?). Selbst die KBV hält die Arzt-Einzelpraxis langfristig für todgeweiht. Dennoch braucht das für die klassische Psychotherapie-Praxis so nicht zu stimmen.

Also was ist nun mit einer Positionierung der Psychotherapie in der sich verändernden Versorgungs-Landschaft? Selektiv oder kollektiv? Gemeinschafts-Praxis-Gemeinschaft, MVZ oder andere Anstellungs-Modelle? Auch die DGVT muss helfen, aus der Fachpolitik heraus dazu gemeinsam berufspolitische Positionen zu entwickeln. (Wie wäre es mit einem VPP-Themenheft zur „Zukunft der deutschen Psychotherapie“?)  Die Fragen der Versorgungs- und Zugangsproblematik können nicht länger ignoriert werden. Differenzierte, gestufte, flexiblere und multiprofessionelle Angebote werden die Dominanz des Richtlinienpsychotherapie-Formats brechen müssen, wenn wir Fortschritte in der sich verändernden Landschaft erzielen wollen. Sonst droht die Entwicklung an der Psychotherapie vorbei zu laufen! Franz Knieps: „Das Potential nicht-ärztlicher Heilberufe ist noch lange nicht ausgeschöpft“. „Die Beibehaltung unseres Status Quo hat einen Preis, offen ist, wie hoch der Preis ist und wann er zu zahlen sein wird!“ Letzteres Zitat stammt direkt von Armin Kuhr, dem für seinen anregenden Vortrag zu danken ist!

In Mecklenburg-Vorpommern fand erneut eine regionale Info-Veranstaltung der Ostdeutschen Psychotherapeuten Kammer (OPK) statt. Am 1.6. ging es in Rostock um Informierung bezüglich des Versorgungswerks (VW). Dieses ist dank des vollzogenen Beitritts der OPK nun seit dem 1.7.2010 aktiv. Bis zum Jahresende können sich die Altmitglieder der OPK überlegen, ob sie sich mindestens mit 1/10 des Regelbeitrags dort alterssichern (freiwillig maximal mit 15/10) wollen oder nicht.

Berufsständische Versorgungswerke gelten ja als Teil der 1. Säule der bundesdeutschen Altersicherungs­systems. Anders als die gesetzliche Rentenversicherung wirtschaften sie aber eher kapitaldeckend, unser Versorgungswerk arbeitet im offenen Deckungsplanverfahren. Dort gilt eine Gruppenäquivalenz zwischen Beitrag und späterer Leistung. Das soll wegen den teilweise unsteten Beitragsflüssen von unsereinem letztlich gerechter sein. Derzeit erwirt­schafte das VW eine Rendite aufs Kapital von über 4 % bei moderaten Verwaltungskosten. So ein VW hat teils auch demokratische Strukturen, für die 15-köpfige Vertreterversammlung werden von der OPK noch interessierte Mitglieder gesucht!

Die zu 70 % weiblichen VW-Mitglieder zahlen maximal den halben Höchstbeitrag der DRV, derzeit 547,20 € ab 2750 € Einkommen. Auf Antrag kann man den Monatsbetrag auf minimal 1/10 absenken. Der Monatsbeitrag wird immer am 10. des Folgemonats eingezogen. Von der Einzahlung ausgenommen werden kann man auf Antrag bei Kindererziehungszeiten, Existenzgründung oder in Härtefällen. Mit dem Rentenbezug kann man frühestens ab dem 62. Lebensjahr beginnen, im Regelfall aber mit dem 67. Die DRV behandelt VW-Renten als Einkommen. Auch in den Leistungen des VW inbegriffen sei eine Witwen- und Waisenrentenversicherung sowie eine Berufsunfähig­keitsrentenversicherung. Bei 100 % Berufsunfähigkeit bekäme man ab dem 1. Monat 85 % der Altersrente. Ein letzter Satz noch zu den Übergangsregeln: wer vom Beitrittsbestand an Kammermitgliedern 40 Jahre und älter sei, könne zwar auf Antrag freiwillig Mitglied werden, habe aber bezüglich der Berufsunfähigkeitsversicherung zwei Jahre Wartezeit. Ich bin ein solcher Altfall und werde mich wohl dafür entscheiden, eine freiwillige Mitgliedschaft zu beantragen und monatlich den 1/10 Beitrag einzahlen. Wer noch Fragen hat, kann sich an info@ptv_opk.de wenden.

Am Freitag, 1.10., und Samstag, 2.10.2010, findet übrigens die nächste Delegiertenversammlung der OPK statt, diesmal in Potsdam. Wie immer sind interessierte Kammermitglieder herzlich eingeladen, einige freie Stühle warten dort auf Sie! Näheres hoffentlich auf der Homepage der OPK.

Ein Berufsverband empfiehlt mittlerweile übrigens wieder Widersprüche gegen künftige KV-Honorar­bescheide, weil die letzten Honorarerhöhungen der Kassenärzteschaft immer noch nicht zu neuen Mindest­stundensätzen der genehmigten Psychotherapie geführt haben. Da wir PPs und KJPs im deutschen Osten ja auch einiges mehr erhalten als zuvor und man bei der KV M.-V. immer mit jenen unsäglichen 100 € pro Widerspruch bei negativem Ausgang rechnen muss, sind wir mit so einer Empfehlung derzeit noch vorsichtiger. Ich warte zumindest noch mal ein Quartal ab, um die Frage besser einschätzen zu können.

Den Wahlen zur Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung M.-V. gingen Veränderungen im Vorstandsgefüge voraus, dieser ist nun drei-köpfig. Das hatte wohl mit Machtkämpfen zwischen Haus- und FachärztevertreterInnen zu tun. Für die nichtärztlichen Psychotherapeuten wurde Frau Frank von der Vereinigung wiedergewählt. Wie von der Interessensgemeinschaft der in M.-V. aktiven psychotherapeutischen Verbände gewünscht, hatte zusätzlich ich, Jürgen Friedrich, kandidiert, damit ein Nachrücker bereitsteht, also im Falle eines Falles die Psychotherapeutenschaft unseres Landes in der KV-Versammlung nicht unvertreten bliebe. Das ist nun sichergestellt. Am 1.9. ist in HRO bei Otto Rendenbach vom BDP das nächste Treffen der Interessensgemeinschaft in M.-V. aktiver psychotherapeutischer Verbände, wir hoffen auf Information und Kooperation, auch bezüglich der anstehenden KV-Ausschuss-Besetzungsvorschläge.

Jürgen Friedrich


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