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Bericht der Landesgruppe Nordrhein-Westfalen (Rosa Beilage zur VPP 3/2010)


In NRW ist es endlich so weit. Nach langem Warten auf die bereits seit 1.1.2009 geltende 20 %-Quote für Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen ist es endlich so weit. Die KV Nordrhein und die KV Westfalen-Lippe haben begonnen, die heiß begehrten Sitze zu vergeben.

Sicher, an der einen oder anderen Stelle hätte man sich wohl eine engere Kooperation der KVen untereinander gewünscht, um z.B. einheitliche Vergabekriterien oder stringentes Vorgehen bei der Halbierung von Sitzen vorzufinden. Insgesamt kann man aber zumindest zufrieden sein, dass das lange Warten auf die Umsetzung ein vorläufiges Ende gefunden hat. Bis auf Weiteres wird man nun erst einmal nur beobachten können, wie sich die Lage in den nächsten Monaten entwickeln wird und wann die letzten „neuen SitzinhaberInnen“ wirklich ihre Arbeit als VertragspsychotherapeutInnen aufnehmen können.

In diesem Zusammenhang erscheint fast die Tatsache noch spannender zu sein, dass sich aktuell zwei parallel laufende Entwicklungen abzeichnen. Einerseits werden, wie oben erwähnt, die dringend notwendigen Sitze zur verbesserten Versorgung von Kindern und Jugendlichen nun endlich besetzt.

Andererseits könnte die geplante Reform der psychotherapeutischen Ausbildungen möglicherweise die zukünftige qualitative und quantitative Versorgung der Kindern und Jugendlichen erneut gefährden.

Der 16. Deutsche Psychotherapeutentag hat sich bezüglich der Psychotherapieausbildung für Eingangsqualifikationen auf Masterniveau ausgesprochen, in denen Psychologie, Erziehungswissenschaften und andere Humanwissenschaften enthalten sein sollen. Gleichzeitig sprach man sich aber auch für eine einheitliche Approbation als PsychotherapeutIn für alle Altersgruppen aus, die durch Schwerpunktsetzung in der Ausbildung zum Erwerb der Fachkunde für Kinder und Jugendliche oder für Erwachsene führen soll. Das heißt, zukünftig soll es nur noch einen Beruf geben, der alte „Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut“ würde somit aussterben.

Die Sicherung eines breiten akademischen Zugangs zur Psychotherapieausbildung, im Sinne der psychologischen, pädagogischen und sozialwissenschaftlichen Studiengänge auf Masterniveau ist auch unseres Erachtens dringend notwendig. Allerdings scheint sich abzuzeichnen, dass sich die zukünftig zur Zulassung zur Psychotherapieausbildung notwendigen 260 ECTS (Punkte) zum Großteil aus psychologischen Inhalten zusammensetzen sollen. Im Moment scheint die Erlangung der notwendigen Punkte im Rahmen eines pädagogisch ausgerichteten Studienganges kaum erreichbar.

Das könnte bedeuten, dass man sich zukünftig bereits frühzeitig im Studium entscheiden müsste, ob man später den Weg des Psychotherapeuten/ der Psychotherapeutin einschlagen möchte, da nachträgliche Qualifizierung auf Grundlage eines pädagogischen Studiengangs kaum mehr möglich zu sein scheint.

Zum jetzigen Zeitpunkt erscheinen daher von Grund auf pädagogisch ausgerichtete Studiengänge den Eingangskriterien für eine Psychotherapieausbildung nicht genügen zu können. Es wird daher abzuwarten bleiben, wie die Hochschulen diesen Forderungen begegnen wollen oder auch können.

Es könnte der Eindruck entstehen, dass durch die Schaffung eines einzigen Psychotherapeutenberufs, und das nach langem Ringen um ein Psychotherapeutengesetz, nun in der nächsten Reformrunde die pädagogischen Grundberufe durch die Hintertüre verabschiedet werden sollen.

Sollte sich diese Entwicklung allerdings durchsetzen, dass es fortan nur noch den Beruf des Psychotherapeuten geben wird, so wird sich zeigen müssen, ob sich dann noch ausreichend AusbildungsteilnehmerInnen für den Kinder- und Jugendbereich finden lassen. Es bleibt somit einerseits die Frage zu klären, wer dann rein quantitativ betrachtet noch die Versorgung der Kinder, Jugendlichen und deren Familien sichern soll, wo sich schon heute ein Großteil der AusbildungsteilnehmerInnen für die Behandlung von Erwachsenen entscheidet? Schon jetzt zeichnet sich im aktuellen Vergabeverfahren der Mindestquoten-Sitze ab, dass diese in manchen, „weniger attraktiven Städten“ aufgrund fehlender BewerberInnen zunächst unbesetzt bleiben werden. 

Gleichzeitig wollen wir auch eine mögliche qualitative Verschlechterung zu bedenken geben, da ggf. langfristig PädagogInnen, SozialpädagogInnen und weitere Berufsgruppen mit u.U. langjähriger Berufserfahrung und umfassenden Qualifikationen nicht mehr zu einer Ausbildung zugelassen werden würden, während aktuell bereits in verschiedenen Bundesländern Bachelor-AbsolventInnen die Ausbildung beginnen dürfen.  

Wer sich noch umfassender mit diesem kontrovers diskutierten Thema befassen möchte, dem sei der Artikel „Psychologie als einzig relevante Grundlage der Psychotherapie?“ von Michael Borg-Laufs und Barbara Beck empfohlen, der in der aktuellen VTKJ zu finden ist.

Die Entwicklung wird weiterhin zu beobachten sein. Alles ist offen und es bleibt spannend.

Eva Bell und Irene Seiderer


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