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Neue Aufgaben der Psychotherapie?– Fachtagung und Informationsveranstaltung der PTK Hessen


Am 30. Januar fand in Frankfurt/M. die außerordentlich gut besuchte Fachtagung der Psychotherapeutenkammer Hessen zum Thema „Neue Aufgaben der Psychotherapie? – Sollen Psychotherapeuten krankschreiben, einweisen und Psychopharmaka verordnen dürfen?“ statt. Anlass der Veranstaltung waren Vorschläge des vom BMG in Auftrag gegebenen Forschungsgutachtens zur Ausbildung von PP/KJP (das seit Mai 2009 vorliegt). Ein Themenkreis der Ausschreibung des BMGbezog explizit sich auf Frage, ob eine größere Medizinorientierung der Psychotherapie-Ausbildung wünschenswert sei - was mögliche Kompetenz- und Befugniserweiterungen einschließen würde. In dem Gutachten wurden Überlegungen und Empfehlungen zur Kompetenz- und Befugniserweiterung der psychotherapeutischen Tätigkeit für folgende Bereiche gegeben:

  • Krankschreibung,
  • Krankenhauseinweisung/ Überweisung sowie Zwangseinweisung,
  • Psychopharmakaverordnung,
  • Heil- und Hilfsmittelverschreibung.

Die Veranstaltung ist ihrem Anspruch, zur Qualifizierung der Diskussion beizutragen, in vollem Umfang gerecht geworden. Neben den fachlichen Aspekten und der rechtlichen Perspektive standen die Auswirkungen auf die therapeutische Beziehung im Mittelpunkt der Vorträge.

In seinem Grußwort verwies der Präsident der Ärztekammer Hessens auf die Kernkompetenzen der verschiedenen Berufsgruppen und forderte dazu auf, die Felder der Zusammenarbeit auszubauen. (statt die Kompetenzen der Psychotherapeuten zu erweitern?!)

In der fachlichen Einführung benannte Hans Bauer, Vizepräsident der Kammer,  fünf Fragestellungen und Aspekte der Diskussion zur Befugniserweiterung von PP und KJP.

  • Praktische Relevanz einer Befugniserweiterung
  • Auswirkungen auf die therapeutische Beziehung
  • Rechtliche Aspekte
  • Auswirkungen auf die Ausbildung
  • Veränderungen des Berufsbildes

Mit dem Begriff Befugniserweiterung wurde sehr bewusst die Begrifflichkeit Kompetenzerweiterung aufgegeben und der Bezug zum § 73 Abs. 2 SGB V hergestellt. Dort wurden Befugnisbegrenzungen der PP und KJP im Zusammenhang mit der Verabschiedung des Psychotherapeutengesetzes formuliert. Demnach gehe es jetzt um die Aufhebung der Beschränkungen im SGB V. Die Frage, welche Befugniserweiterung auch einer Kompetenzerweiterung bedarf, wurde im Anschluss diskutiert.

Als Referenten waren geladen:

Prof. Dr. Sven Barnow, PP, Uni Heidelberg, Mitautor des Forschungsgutachtens

Prof. Dr. Robert Francke, Jurist, Uni Bremen

Dirk Fiedler, niedergel. PP, Ausschussvorsitz „Ausschuss für ethische Frage und BO“

Priv. Doz. Dr. Hans-Peter Hartmann, Arzt, Leiter des psych. LKH Heppenheim

Prof. Dr. Harald Rau, PP, Uni Tübingen, Vorstandsvorsitz Zieglerschen Anstalten

Prof. Dr. Dr. Rolf-Peter Warsitz, Psychiater und ärztl. Psychotherapeut, Uni Kassel

Verordnung von Psychopharmaka

Prof. Barnow erläuterte die hierzu ablehnende Positionierung der Forschergruppe und hob haftungsrechtliche Gründe, den Patientenschutz, das fehlende pharmakologische Grundwissen der Psychotherapeuten und die dazu notwendigen Laborkontrollen hervor. Seine persönliche Meinung weicht vom Votum im Gutachten ab. Er könne sich für eine kleine Gruppe von Psychotherapeuten, die vor allem im klinischen Bereich tätig seien, eine Weiterbildung zum „Fachpsychologen für Pharmakologie“ vorstellen.

Prof. Francke führte aus, dass es bei den Fragestellungen um weitergehende heilberufsrechtliche Handlungsberechtigungen gehe, die nicht nur eine Berechtigung, sondern auch eine Verpflichtung bedeuten, soweit sie nicht unzumutbar seien. Aber im Kern wären dies rechtspolitische Fragen, die politisch entschieden werden müssten. Verfassungsrechtlich begrenzt sei dies durch

a) berufliche Freiheit der Berufsangehörigen nach Art 12 GG,

b) geschützte Interessen der Patienten und

c) durch Interessen der Allgemeinheit und in Abwägung eines angemessenen Ausgleichs von Patientenrecht und Berufsrecht.

Er wies darauf hin, dass es rechtlich keine geteilte Verantwortlichkeit gebe. Sollte sich der Gesetzgeber für die Befugniserweiterung zur Verordnung von Arzneimitteln entscheiden, sieht er ein großes Ausbildungsdefizit bzw. die Notwendigkeit einer fakultativen Weiterbildung verbunden mit einer ständigen Fortbildungsverpflichtung in diesem Bereich.

Dirk Fiedler habe bisher seine „Nichtbefugnis“ trotz langjährigen Berufspraxis nicht hinterfragt.

Prof. Rau stellte das positive Ergebnis der Befugniserweiterung amerikanischer Militärpsychologen vor, aber auch kritische Studien zur Wirksamkeit von Psychopharmaka und stellte die provokante Frage: „Wollen Sie wirklich einen Aufstand machen, um dann auch Placebos verordnen zu dürfen?“ Letztlich sprach er sich für eine staatliche Weiterbildung nach dem amerikanischen Modell für ca. 10 % der Psychotherapeuten aus, forderte jedoch den Erwerb von Kooperationswissen, statt Pharmako-Kompetenzen, um durch die Kooperation von Arzt und PT dem Patienten ein Triangulierungsmodell anbieten zu können.

Prof. Warsitz sprach sich eindeutig gegen die Befugnis von Psychotherapeuten zur Verordnung von Medikamenten und für eine klare Trennung von Psychotherapie und ärztlicher invasiver Therapie aus. Er votierte für eine hochspezialisierte Fachkompetenz für die Verordnung von Psychopharmaka bei den Fachärzten und in spezialisierten Ambulanzen.

Ausstellung von Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen

Prof. Barnow befürwortete für die Forschergruppe diese Befugniserweiterung. Gründe für die Entscheidung waren: die umfangreichere Erfahrung der Psychotherapeuten mit psychischen Störungen, das Mehr an Informationen über den Lebensalltag des Patienten und die damit verbundene Kostenersparnis, weil die Krankheitsdauer besser eingeschätzt werden könne. Er äußerte die Notwendigkeit von Leitlinien und Ausbildungsmodulen, um den rechtlichen Aspekten gerecht werden zu können. Eine mögliche Gesamtverantwortung des Facharztes und die Auswirkungen auf die therapeutische Beziehung wurden von den Gutachtern gesehen, aber nicht als entscheidend gewichtet.

Prof. Francke sah keine zwingenden Gründe für oder gegen eine entsprechende Entscheidung des Gesetzgebers.

Dirk Fiedler forderte eine differenzierte Auseinandersetzung mit den positiven und negativen Auswirkungen auf die Beziehungsgestaltung incl. Übertragungs- und Gegenübertragungsprozesse, Rollenveränderungen, Kooperationsmodelle sowie den Haftungsaspekte.

Prof. Hartmann differenzierte die Bedeutung der Möglichkeit, den Patienten krankschreiben zu können, auf dem Hintergrund und der Schwere der strukturellen Störung. Er  stellte Überlegungen an, welche Bedeutung die Gewährung oder Verweigerung einer Krankschreibung für das therapeutische Bündnis bedeuten könnte:

  • Eine Verweigerung könne seitens des Patienten als Zurückweisung bzw. im Stich gelassen werden erlebt werden - oder gar bei Borderline- Patienten zu einem Abbruch der Behandlung führen. Zudem müsse genau erkundet werden, ob die Gewährung der Krankschreibung nicht Rückzugsverhalten unterstütze oder malignen Regressionstendenzen diene.
  • In Krisen könne andererseits eine Gewährung für den Patienten Stabilisierung bedeuten und Haltefunktion des Therapeuten vermitteln; Der Therapeut könne zudem als Solidarpartner im gemeinsamen Kampf gegen widrige Lebensumstände erlebt werden.

Berechtigung, in stationäre Behandlung zu überweisen

Prof. Barnow erläuterte dieklare Positionierung der Forschergruppe und aller Experten für diese Befugniserweiterung mit der Begründung einer verbesserten Verzahnung und vereinfachten Behandlungsverläufen. Hierzu seien entsprechende Ausbildungsmodule und Leitlinien erforderlich.

Prof. Francke bewertete die Krankenhauseinweisung als eine gutachterliche Stellungnahme. Rechtlich gesehen treffe der Arzt die Entscheidung über die Aufnahme im Krankenhaus. Aber der Gesetzgeber wäre frei, die Befugnis zur Einweisung auch den Psychotherapeuten zu übertragen.

Dirk Fiedler: vergl. AU-Bescheinigung

Berechtigung, gesetzliche Unterbringung einzuleiten

Prof. Barnow stellte die Gründe für dieAblehnung durch die Forschergruppe dar. Dies sei nicht notwendig, da jeder Bürger bereits jetzt berechtigt sei, eine Unterbringung über die Notdienste einzuleiten. Die Entscheidung über den Aufenthalt obliege den Fachkliniken und werde anschließend gerichtlich getroffen.

Prof. Francke sah nicht die Notwendigkeit einer Veränderung. Die rechtlichen Regelungen seien ausreichend.

Dirk Fiedler bewertete diese Befugniserweiterung sehr kritisch. Er nahm keinen Bedarf von Seiten der Patienten wahr, sah aber die Gefahr von Anfragen der Angehörigen, wenn der Psychotherapeut die Befugnis zur Zwangseinweisung hätte.

Abschlussplenum

In der Behandlung von Kindern und Jugendlichen entstehen durch die Befugniserweiterungen besondere Triangulierungsanforderungen im Kontext Patient, Bezugsperson, Kinderarzt und KJP. Krankschreibungen könnten hier nicht nur vom Patienten, sondern auch ggf. von den Eltern eingefordert werden.

Besonders angesprochen wurden die Diskrepanzen zwischen den unterschiedlichen Berufsfeldern der Niedergelassenen und den in den Kliniken angestellten PP/KJP.

Eine Erweiterung der Versorgungskompetenz und Verantwortungsübernahme sei durch Legalisierung der vorhandenen Kompetenzen anzunehmen.

Die Vorträge der Veranstaltung finden Sie auf der  Homepage der hessischen Psychotherapeutenkammer: www.PTK-Hessen.de.

Matthias Fink, Marion Schwarz


 

[1]Quelle: bkj-Mitglieder-Rundbrief II/2010 vom 22.4.2010; Abdruck mit freundlicher Genehmigung der AutorInnen Matthias Fink und Marion Schwarz.


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