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1st International Congress on Borderline Personality Disorder – 1. bis 3. Juli 2010 in Berlin


Sobald ich, als bekennender Borderline-Therapeut, von der Idee hörte, dass ein kleiner Verband, wie der deutsche Dachverband Dialektisch-BehavioraleTherapie (DDBT), den ersten internationalen Kongress für Borderline-Störungen plant, war ich skeptisch und fragte mich, ob dies nicht doch ein zu großes Wagnis darstellt. Von daher war ich gespannt auf die Umsetzung dieser Idee.

Als ich dann jedoch das Programm im Internet sah, war ich überzeugt, dass dieser Kongress ein Highlight werden könnte. Alle Verfahren zur Behandlung von Borderline-Störungen sollten mit den Protagonisten vertreten sein, dazu die wichtigsten Forscher in diesem Bereich.

In der konkreten Umsetzung zeigte sich dann, dass zwar die vier international anerkannten Behandlungsvorgehensweisen (Dialectical Behavioral Therapy DBT, Transference Focussed Psychotherapy, TFP, Mentalization Based Therapy und Schematherapie) vertreten sein würden, TFP und Schematherapie aber leider ohne die Begründer Otto Kernberg und Jeffry Young. Ich denke, diese Beiden hätten sicherlich noch etwas mehr „Pfeffer“ in den Kongress gebracht.

Dennoch stellte die Zusammensetzung der ReferentInnen eine Auswahl der wichtigsten Forscher im Bereich Borderline-Forschung dar. Daraus resultierte natürlich ein sehr breites Angebot an Information, auch über die Überschneidungsbereiche von BPS und anderen Störungsbildern, wie beispielsweise Depression oder ADHS. Insgesamt standen 24 Themenbereiche zur Auswahl, in denen jeweils unterschiedliche Präsentationsweisen (Symposien, Practice Seminar, Plenary Sessions, oral Presentation und Round Table) zum Einsatz kamen. Diese breite Auswahl erforderte natürlich eine genaue Auswahl der verschiedenen Vorträge und auch der Practice Seminars. Abgerundet wurde das Ganze durch eine große Auswahl an Posterpräsentationen.

Alle von mir besuchten Vorträge waren von guter bis ausgezeichneter Qualität, aber leider haben nicht alle SymposiumsleiterInnen sich an die Zeitvorgaben gehalten. Dadurch gab es Probleme in verschiedenen Symposien einzelne Vorträge hören zu können, denn häufig war es so nicht möglich, pünktlich andere Vorträge zu erreichen oder zwischen den einzelnen Blocks auch nur eine kurze Pause zu machen, um das Gehörte etwas sacken zu lassen, etwas zu trinken o. ä.

Die vielen Vorträge und Themenbereiche brachten die Qual der Wahl mit sich, an manchen Stellen hatte ich aber auch den Gedanken, dass weniger mehr gewesen wäre, da hier „Minibereiche“ des großen Themas vorgestellt wurden.

Wie meist gab es auch bei diesem insgesamt sehr positiven Kongress mehrere Wermutstropfen:

Ich fand den Preis für Nichtmitglieder des Dachverbandes sehr hoch, vor allem weil für Practice Seminars noch ein Zusatzbeitrag fällig war. So konnte man locker auf 500 Euro und mehr als Teilnahmebeitrag kommen. Ich denke, das dieser Preis verhindert hat, das noch mehr TeilnehmerInnen kamen, vor allem wurde es AusbildungsteilnehmerInnen so unmöglich gemacht teilzunehmen. Gerade dem Nachwuchs, also der zukünftigen Generation von TherapeutInnen, wurde damit eine große Chance genommen, sich intensiver mit dem Thema Borderline-Störung auseinander zu setzen und auch praktische Anregungen zu bekommen bzw. sich mit erfahrenen Praktikern auseinander zu setzen.

Die Location im Berliner Congress Center war mit der Besucherzahl aber ohnehin mehr als ausgelastet und hätte nicht mehr Teilnehmer verkraftet. Einige Räume, in denen ich zuhörte, waren so überfüllt, dass nach kurzer Zeit die Luft derart schlecht war, dass es sehr schwierig war, den Vorträgen konzentriert zu folgen. Klaustrophobiker hätten hier kostenlos eine Exposition machen können.

Negativ aufgefallen ist mir zudem die Werbung im Programmheft. Als dgvt’ler ist es für mich sehr ungewohnt, dass Kliniken sich ganzseitig in Kongressprogrammen darstellen. Dies ist wahrscheinlich im ärztlichen Bereich üblich, ich fand es aber deplatziert.

Rudi Merod, Bad Tölz



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