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6. World Congress of Behavioral and Cognitive Therapies (WCBCT) in Boston


Die „Verhaltenstherapiewelt“ hat sich vom 2. bis 5. Juni 2010 zum 6. Mal zum World Con­gress of Behavioral and Cognitive Therapies getroffen, um zu diskutieren, sich auszutauschen und zusammen zu lernen. Das Motto dieses Weltkongresses lautete „Translating Science into Practice“. Diesem Motto wurde der Kongress sicherlich gerecht, nicht nur weil unter den ReferentInnen Forscher sowie Praktiker aus aller Welt vertreten waren sondern auch, weil es vielfältige Austauschmöglichkeiten zwischen Forschung und Praxis gab.

Freilich war das Angebot an Symposien und Vorträgen so umfangreich, dass es allen TeilnehmerInnen, also auch mir, nur möglich war, einen Bruchteil davon wahrzunehmen. Deshalb kann ich lediglich einen kleinen, persönlichen Eindruck wiedergeben.

Insgesamt waren alle von mir besuchten Symposien von hohem Niveau, gleichzeitig auch sehr breit angelegt, sodass ich immer neue Aspekte vorfand. Besonders angetan war ich dabei von der Lebendigkeit der hier zu erlebenden VT Welt. In Deutschland wirkt VT auf mich oftmals sehr konservativ, verstaubt und wenig lebendig oder auch rückwärtsgewandt. Es scheint wenig innovative Ideen im Bereich der Forschung und der veröffentlichten VT zu geben. Ich fand es sehr anregend, wie in anderen Ländern die unterschiedlichsten Ansätze in die VT integriert oder als selbstverständlich dazu gehörig dargestellt wurden und mein Eindruck war, dass die Idee einer allgemeinen Psychotherapie von Klaus Grawe in den anderen Ländern sehr viel lebendiger zu sein scheint als in Deutschland, wo Grawe zwar häufig zitiert, aber nur selten umgesetzt wird.  Gerade bei den forschungsorientierten Vorträgen in Boston hatte ich den Eindruck als hätte Grawe hier Pate gestanden.“

Positiv überrascht war ich bereits beim Durchsehen des Kongressprogramms von dem relativ großen Angebot an Symposien im Bereich der VT bei Kindern und Jugendlichen. Im Gegensatz zum Kongress 2007 in Barcelona gab es deutlich mehr Vorträge aber auch für mich neue und überraschende Aspekte.

Möglicherweise hat ja die Forschung und auch die Praxis die enorme Relevanz dieses Teils der Psychotherapie erkannt und beginnt nun die Wissens- bzw. Forschungslücken, die es im Vergleich zur Therapie mit Erwachsenen gibt, langsam zu schließen. Auch hier gab es viele Vorträge zu Themenkomplexen, die in Deutschland noch sehr stiefmütterlich behandelt werden, wie z.B. dem mich seit Jahren beschäftigenden Bereich von Persönlichkeitsstörungen bei Jugendlichen und deren Behandlung.

Da ich den direkten Vergleich anstellen konnte, ist mir aufgefallen, dass sowohl bei den ReferentInnen wie bei den TeilnehmerInnen die Zahl der deutschen Besucher im Vergleich zu Barcelona erheblich größer war. Die Vorträge, die ich hören konnte, wurden auch gemeinhin sehr positiv aufgenommen. Es hat den Anschein, als würde Deutschland im Reigen der Forscher langsam wieder etwas an Boden gewinnen und aus der Regionalliga schon fast wieder in die 2. Bundesliga aufsteigen. Dies zeigte sich auch darin, dass bei den Keynote Vorträgen dieses Mal zwei deutsche Wissenschaftler (Winfried Rief als Stream Leader im Bereich Behavioral Medicine und Kurt Hahlweg als Stream Leader im Bereich Sex, Marital and Family Relationships) eine prominente Stellung einnahmen.

Doch bei aller Begeisterung gab es für mich natürlich auch einen Wermutstropfen: Die Location, also der Campus der University of Boston, war für einen solchen Kongress sicherlich nicht optimal. Die Symposien waren über den weiten Campus der Universität Boston verstreut und das, was ich so sehr schätze an derartigen Kongressen, nämlich KollegInnen einfach so im Vorbeigehen zu treffen und ein kurzes „Schwätzchen“ zu halten, war selten möglich, da es eigentlich keinen zentralen Ort gab, an dem alle zusammen kamen. Jeder strömte „seinem“ Hörsaal oder Seminarraum in den verschiedensten Gebäuden zu, die auch noch räumlich weit auseinander lagen. Von daher war der spontane und zufällige zwischenmenschliche Austausch, den ich ansonsten immer als sehr bereichernd empfinde, nur recht eingeschränkt möglich - Schade.

Rudi Merod, Bad Tölz


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