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Fachtagung der GK II-Verbände „Nutzenbewertung von Psychotherapieverfahren“ am 17. Juli in Berlin


Am 17. Juli 2010 fand in Berlin auf Einladung eine Fachtagung zur Thematik der Nutzenbewertung von Psychotherapieverfahren von Vertretern der  psychotherapeutischen Verbände (GK II) statt. Für die DGVT nahmen an der Veranstaltung Kerstin Burgdorf, Wolfgang Bürger und Heiner Vogel teil. Die Tagung war seit längerer Zeit geplant und von einer Arbeitsgruppe des GK II inhaltlich vorbereitet worden. Sie wurde von Norbert Bowe, Birgit Clever und Karin Tritt moderiert.

Die Verbände setzten sich bei diesem Treffen vor allem mit aktuellen Entwicklungen im Hinblick auf Zulassung von Psychotherapieverfahren durch den Gemeinsamen Bundesausschuss GBA auseinander.

Der Gemeinsame Bundesausschuss bestimmt als oberstes Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung von Ärzten, Zahnärzten, Psychotherapeuten, Krankenhäusern und Krankenkassen in Form von Richtlinien den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Angesichts des steigenden Kosten im Gesundheitswesen wächst der Druck zu prüfen, welche Leistungen in welchem Umfang finanziert werden sollen, will man die Krankenkassenbeiträge nicht immer weiter steigen lassen. In dieser Diskussion wird zunehmend auch gefordert, ein rationales Verfahren zur Bewertung des Nutzens von Gesundheitsleistungen einzuführen, anhand dessen solche schwierigen Entscheidungen getroffen werden können. Der GBA entscheidet aktuell und zukünftig u. a. auch darüber, welche psychotherapeutischen Verfahren von den gesetzlichen Krankenkassen finanziert werden.

Jüngst hat eine ablehnende Entscheidung des GBA zur Gesprächspsychotherapie unter anderem auch deshalb für Diskussionen unter den psychotherapeutischen Verbänden gesorgt, weil der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie (ein beratendes Gremium mit Vertretern der Ärztekammer und der Psychotherapeutenkammer) nach § 12 PsychThG wie auch eine Expertenkommission der Bundespsychotherapeutenkammer auf der Grundlage von vorgelegten wissenschaftlichen Evaluationsstudien der Gesprächspsychotherapie attestiert hatten, ein zur Krankenbehandlung effektives Behandlungsverfahren zu sein.

Die Entscheidungen des GBA (wie auch des wissenschaftlichen Beirates) bewegen sich u. a. auch deshalb in einem hochbrisanten Spannungsfeld, weil verschiedenste und zum Teil widersprechende Interessen der Akteure (Berufsverbände, Leistungserbringer, Krankenkassen, Arbeitgeber u.a.) zwischen dem Bedürfnis nach Verhinderung von Kostensteigerungen im Gesundheitswesen einerseits und Zulassung von neuen effektiven und wirksamen Verfahren andererseits aufeinander stoßen. Erschwert werden solche  Diskussions- und Entscheidungsprozesse zusätzlich noch dadurch, dass wissenschaftliche Studien, die als Entscheidungsgrundlage herangezogen werden, immer mit mehr oder minder großen forschungsmethodischen Mängeln und Einschränkungen verbunden sind, die die Aussagekraft und den Geltungsbereich von solchen Studien begrenzen. Insofern spielen im GBA bei der Synopse vielfältiger wissenschaftlicher Befunde immer auch subjektive und diskussionswürdige Aspekte vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Interessen der Akteure eine Rolle.

Für alle psychotherapeutischen Verbände, die psychotherapeutische Verfahren und Leistungserbringer vertreten, haben solche Entscheidungen des GBA u. U. gravierende Folgen, wenn Leistungen ihrer Mitglieder vollständig oder auch in Teilbereichen von der Finanzierung durch die Krankenkassen ausgeschlossen werden.

Ablehnende Bescheide von noch nicht zugelassenen Verfahren, zukünftige Beschränkungen von bestehenden Verfahren oder auch Unterschiede zwischen Verfahren hinsichtlich der bewilligten Leistungsumfänge werden deshalb immer auch Auseinandersetzungen und Argumentationen der betroffenen Vertreter der Psychotherapieverfahren über nachvollziehbare Gründe für solche Entscheidungen nach sich ziehen. Es ist daher im Interesse aller Beteiligten, sich auf möglichst objektive und nachvollziehbare Standards bei der Bewertung der Wirksamkeit und des Nutzens von Therapieverfahren zu verständigen.

Vor diesem Hintergrund haben die Verbände auf ihrem Treffen am 17. Juli zunächst Kriterien und das Verfahren der Prüfungen des GBA sowie die Überlegungen zu Nutzenbewertungen diskutiert. Erfreulicherweise fand dieser Austausch, der ja zum Teil auch konkurrierende Interessen der Verbände berührt, in einem sehr offenen und respektvollen Stil des Miteinanders statt. Bei allen Beteiligten besteht wohl Einvernehmen, dass ein einheitliches Auftreten der psychotherapeutischen Verbände den Interessen der Psychotherapie insgesamt am ehesten dienlich ist.

Sicher kann der Gesprächskreis der Psychotherapeutenverbände zukünftig keine Detailfragen hinsichtlich des Vorgehens bei Wirksamkeits- und Nutzenbewertungen von psychotherapeutischen Verfahren lösen oder entsprechende detaillierte Vorschläge erarbeitet. Gleichwohl können die Verbände aber Vorschläge hinsichtlich Kriterien und Richtlinien erarbeiten, was Therapieverfahren ausmacht und welche Aspekte bei Wirksamkeits- und Nutzenbewertungen beachtet werden sollten, um im Interesse aller zu fairen Bewertungen und Entscheidungen zu kommen, die den spezifischen Interessen der Psychotherapie gerecht werden. In diesem Sinne soll auf einem nächsten Treffen weitergearbeitet werden. 

Wolfgang Bürger, Karlsruhe


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