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Das Ende des Therapiemonopols?

Von: Matthias Gruhl, Bremen

Die Heilberufe stehen vor einer bisher unbe(bzw. er)kannten Herausforderung, die das in den letzten Jahrhunderten gewachsene Berufsbild von Ärzten und anderen Heilberuflern nachhaltig berühren wird: Das Therapiemonopol des Arztes gerät ins Wanken.


So wird die Rolle des Arztes in der medizinischen Versorgung – gewollt oder ungewollt – aus unterschiedlichen Gründen neu zu positionieren sein:

  • Der Bologna-Prozess, das Synonym für eine an dem Bachelor/Master- Abschluss ausgerichtete akademische Ausbildung, wird auch vor den Heilberufen nicht halt machen (können), eine Erkenntnis, der sich inzwischen auch die Gesundheitsministerkonferenz nicht mehr verweigert. Insofern werden – z.B. über Bachelor-Abschlüsse – neue akademische Berufsbilder in den Gesundheitsmarkt drängen.
  • Der europäische Binnenmarkt und dessen Freizügigkeit wird zunehmend Auswirkungen auf die Dienstleistungsberufe in der Medizin haben. In anderen europäischen Ländern etablierte neue Aufgabenaufteilungen zwischen den Heilberufen und Gesundheitsfachberufen werden über das europäische Recht im Sinne der Niederlassungsfreiheit auch in Deutschland eingefordert werden. Rechtlich werden veränderte Berufsbilder ihren Anspruch auf eine Berufsausübung auf dem deutschen Markt europaweit durchsetzen können.
  • Ein Mangel an Heilberuflern – insbesondere Ärzten – in Deutschland wird den Ruf nach kompensatorischen Berufsbildern lauter werden lassen.
  • Das durch die Akademisierung der Gesundheitsfachberufe, aber auch durch einen neuen, teamorientierten Ansatz besonders im stationären Sektor geförderte neue Selbstbewusstsein dieser Berufe wird sich mit der klassischen Rollenaufteilung zwischen Ärzten und den sonstigen Gesundheitsfachberufen immer weniger zufrieden geben und auf ein stärkeres eigenes Profil drängen.
  • Die Ökonomisierung der Medizin wird das ärztliche Vorbehaltsgebot zumindest für die Aufgaben hinterfragen, die routiniert oder in gesicherten Rahmen so angewandt werden, dass sie einer aufwändigen ärztlichen Ausbildung nicht bedürfen.

Untersuchungen über die Effekte einer solchen Rollenverschiebung liegen aus den – sicherlich nicht in allen Punkten vergleichbaren – Erfahrungen des Auslands vor. Sie wurden kürzlich auf dem 4. Bremer Qualitätsforum am 7. Juli in Berlin vorgestellt. Demnach steht nach den bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen die wirtschaftliche Verbesserung bei weitem nicht im Vordergrund, aber eine höhere Patientenzufriedenheit wird durchgängig nachgewiesen. Dabei bilden sich veränderte Berufsbilder nicht nur im ambulanten Bereich, sondern inzwischen auch durchgängig im stationären Bereich im Ausland ab.

An dem universitären medizinischen Zentrum in Groningen hat sich beispielsweise in den letzten 10 Jahren durch die professionelle Qualifikation „Advanced Nursing Practice“ das Berufsbild des „Nurse Practioner“ durchaus in Konkurrenz zum Arztbild erfolgreich etabliert. Auch hier zeigt sich, dass sich die Patientenzufriedenheit positiv entwickelt hat, die Kosten jedoch nicht wesentlich gesenkt wurden. Insgesamt scheint diese Neuverteilung auch in Deutschland angekommen. „Die Pflegearbeit wird medizinorientierter werden,“ diese Äußerung von Karl Lauterbach in der Zeitschrift „Pflege“ wird ergänzt durch seine Aussage zur Veränderung des Pflegespektrums, indem das Abrücken der Pflege von den Serviceleistungen eines Hotelbetriebes gefordert wird.

Die Politik hat diesen Berufsbildwechsel bereits aufgegriffen und neue Funktionen für die Pflegeberufe in den Koalitionsvereinbarungen und in die Eckpunkte der Gesundheitsreform eröffnet.

Sicherlich wird diese Neuorientierung in den Aufgaben von Heil- und Gesundheitsfachberufen ein Prozess über mindestens eine Dekade sein, aufzuhalten wird er aber kaum sein. Dafür ist das Momentum zu stark. Gefordert ist jetzt auch die Flexibilität und die Weitsicht der Heilberufe selber, die sich entscheiden müssen, ob sie dieser Entwicklung pro-aktiv, auch im Sinne einer neuen, zukunftsorientierten Standortbestimmung aufgreifen oder sich auf pure Ablehnung versteifen sollen.
Eines sollte dabei unumstritten sein: Wir brauchen weiterhin sehr gut ausgebildete und dem lebenslangen Lernen verpflichtete medizinische Spezialisten, ein daraus abgeleiteter Alleinvertretungsanspruch für sämtliche Formen von Therapie und Diagnostik wird aber in Zukunft daraus nicht abzuleiten sein.

Dr. Matthias Gruhl
Abteilungsleiter Gesundheitswesen beim Senator für Arbeit, Frauen, Gesundheit,
Jugend und Soziales, Bremen


[1] Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Onlinemagazins „Highlights“, Ausgabe Nr. 18/2006, vom 24.08.2006.


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