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Es erreichte uns noch ein Nachwort von Peter Gottwald zum Gespräch in Münster


Eine lange Geschichte kann man nicht kurz erzählen. In der Geschichte der GVT und später der DGVT haben viele Personen mitgewirkt, zwischen denen höchst komplexe Beziehungen bestanden. Allein um die Gründergestalt des Johannes C. Brengelmann ranken sich zahllose Anekdoten, Analysen, Bewertungen und Kampfgeschichten. Was mich betrifft, so habe ich ihm wie auch Detlev Ploog eine große Freiheit bei der Wahl meines Forschungsgebietes zu danken. Schwieriger war es bei Beiden herauszufinden, was sie wirklich bewegte und in ihren Forschungsansätzen leitete. So konnte bei Ploog erst nach Jahren seine Vorliebe für den Individualpsychologen Fritz Künkel zutage treten – was nach dem Einsatz für eine biologisch-verhaltenswissenschaftliche Psychiatrie denn doch überraschte. Noch schwieriger war es bei Brengelmann, der überdies gelegentlich Versprechungen machte von denen klar war, dass sie nicht einzulösen waren. Fraglos war sein Engagement für eine experimentell zu begründende Klinische Psychologie authentisch – mochten auch die konkreten Projekte teilweise abenteuerlich oder offen opportunistisch erscheinen.

In dem Spannungsfeld zwischen diesen beiden Personen und den Abteilungsleitern wie Detlev von Zerssen (Psychiatrie), Gertrud Bleek (Kinderpsychiatrie) und Rudolf Cohen (Klinische Psychologie) suchten die jüngeren MitarbeiterInnen den eigenen Weg, und zwar meist nicht eben kooperativ sondern offen kompetitiv. Eine Ausnahme waren meine langjährige und auch nicht immer spannungsfreie Zusammenarbeit mit Paul Innerhofer sowie die guten Beziehungen zu den Freunden Jarg Bergold und Christoph Kraiker vom Psychologischen Institut der Münchner Universität.

Die Gründungsgeschichte der GVT/DGVT und deren Krisen zeigte bei den Beteiligten deutliche Brüche und damit „Bruchflächen“ auf, wie Heinrich Böll dies einmal genannt hat: Der eine erwies sich dabei als „schwarzbrüchig“, der andere als „rotbrüchig“. Mein eigener Ehrgeiz geriet dabei in Konflikt mit einem Gefühl dafür, was politisch anrüchig war (Auflösung und Neugründung der GVT). Der Preis für meine damalige Entscheidung (Übernahme des Vorstands vom Notvorstand August Rüggeberg) kostete mich am Institut Sympathien, die ich aber verschmerzen zu können meinte. Ohnedies waren die Karrieremöglichkeiten (wie an allen Max Planck-Instituten) für die Mitarbeiter sehr begrenzt, waren die Institute doch klar auf herausragende Forscherpersönlichkeiten zugeschnitten. Traten diese ab, wurden die meisten Institute geschlossen bzw. ganz neu besetzt. Galt ich also am Institut fortan als „rot“, so machten viele kritische Kollegen und Studierende  mir frischgebackenem Professor an der Universität Oldenburg bald klar, dass ich bestenfalls kleinbürgerlich dächte und keinesfalls als ein „Linker“, also als Kollege, anzusehen war. Auch das war jedoch auszuhalten, zumal sich das Spektrum dieser Universität über die Jahre von rot über grün zu gelb verschob. Von der Reformuniversität blieb wenig übrig!

Dass mein eigener Weg mich immer mehr zu Philosophie und Kultur-Anthropologie führte, haben die DGVT-Kongresse 1982 und 1984 deutlich gemacht, auf denen ich (aus meiner Sicht) grundlegende Referate hielt – im Falle des Eröffnungsvortrags zum Kongress 1984 dabei aber an die Grenze zu einem Eklat geriet, als ich zum Schluss Bild- und Tonmaterial einspielte, die den Zuhörenden fremd bleiben mussten, für mich jedoch hochbedeutsam war!

Schließlich hatte ich mir auch einzugestehen, dass die Vorstandstätigkeit in der GVT und später DGVT nicht eigentlich meine Sache war. Deshalb war ich sehr erleichtert und dankbar, als mit Steffen Fliegel und seinen Kollegen und Freunden Personen die Vorstandarbeit übernahmen, die engagiert, kompetent und ausdauernd die zahllosen Verhandlungen und Projekte durchführen konnten.

Zum Schluss noch eine Reminiszenz: Die Münchner Druckerei, welche die stetig wachsenden Auflagen der „Mitteilungen…“ und später der „VPP“ zu liefern hatten, konnten dank der Entwicklung der DGVT ungeahnte Zuwachsraten erzielen! Und bekanntlich entstand schließlich ein sehr erfolgreicher eigener DGVT-Verlag!

PS: Wenn man ein gewisses Lebensalter erreicht hat, mag einem widerfahren, dass man bei Gelegenheit als „Zeitzeuge“ eingeladen wird und damit ein Stück der gemeinsamen Geschichte darlegen kann. Das ist mir seitens der DGVT nun schon öfter geschehen, und wenn ich auch betroffen war, so habe ich mich doch bemüht, heiter zu bleiben. Es bleiben bei jedem solchen Versuch ja Schattenseiten genug, die kaum noch aufzuhellen sind – und eine „Geschichte“, ja ein „Weg“, zeigt sich wie bekannt nur im Rückblick. Aber, wie wir Handlungstheoretiker sagen (vgl. VPP 1985): Jede Handlung ist sinnhafte Handlung, dieser Sinn erklärt sich im System, zeigt sich im Symbol, offenbart sich in der leiblichen Symbiose. Somit bleibt immer ein Rest – und den gilt es zu wahren! Möge uns diese Übung gelingen!


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