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Weiterhin gravierende Kritik an Einführung der Ambulanten Kodierrichtlinien


Es regt sich weiterhin Widerstand gegen die Einführung der Ambulanten Kodierrichtlinien, die zum 1.1.2011 in Kraft treten. Mit der Einführung der neuen Kodiervorgaben wird nicht nur eine Zunahme an Bürokratie erwartet, sondern auch mehr Kontrolle der niedergelassenen ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen befürchtet sowie insbesondere auch die Beeinträchtigung der Rechte von PatientInnen. Ärztliche und psychotherapeutische Diagnosen sind in Zukunft wesentlich detaillierter als bisher z.B. auch an die Krankenkassen zu übermitteln. Der politische Hintergrund für die Einführung der Ambulanten Kodierrichtlinien dürften u.a. Berichte über einige Krankenkassen gewesen sein, die ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen Boni für ein Upcoding in Aussicht gestellt hatten.

Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen hat für den 15.11.2010 eine Pressekonferenz angekündigt, in der auf die Gefahren dieser neuen Kodierung insbesondere für das Patientengeheimnis hingewiesen werden soll. Praxen seien durch die Ambulanten Kodierrichtlinien gezwungen, auch Diagnose-Codes anzugeben, die sich für den Patienten z.B. beim Abschluss von Lebensversicherungen extrem nachteilig auswirken können. Dies gilt insbesondere für psychotherapeutische und psychiatrische Diagnosen, die nun den Kassen zur Verfügung gestellt werden.

Auch die Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) lehnt die neuen Kodiervorgaben in der geplanten Form ab. In einer Resolution forderte die KVSH die KBV auf, die Diagnoseverschlüsselung praxistauglicher zu machen. Erste Erfahrungen aus Bayern hätten gezeigt, dass die Kodierrichtlinien nicht praktikabel seien und lediglich zusätzliche Bürokratie verursachten.

Aus Sicht der DGVT sollte insbesondere wegen der immer noch vorhandenen Stigmatisierung psychisch kranker Menschen mit psychischen Diagnosen vorsichtig umgegangen werden.

Wer sich mit den Regelungen im Detail befasst, stellt fest, dass sich ab 2011 Mehrarbeit für den Praxisablauf ergeben wird. Künftig sind nicht nur Diagnosen nach ICD-10 anzugeben. Zusätzlich zu vielen Diagnosen wurden noch „Plausibilitätskriterien“ eingebaut, die bei jeder Diagnosevergabe schriftlich zu erläutern sind. Behandlungsdiagnosen bei psychotherapeutischen Behandlungen sind zukünftig in aller Regel mit ICD-Kodes (F00-F99) für die Abrechnung zu verschlüsseln, zusätzlich sind Kodes für somatische Erkrankungen zu melden, „falls erforderlich“. Eine weitere Neuerung, die auch die PsychotherapeutInnen betrifft, ist die Kodierung des Schweregrads einer Erkrankung.

Ob es, wie die KBV jetzt sagt, darum geht, Qualität nachzuweisen, um künftig mehr Geld zu bekommen, könnte sich bald ins Gegenteil verkehren, sollten z.B. nicht ausreichend gravierende Diagnosen kodiert werden innerhalb einer Facharztgruppe. Es könnte sogar dazu kommen, dass das Institut des Bewertungsausschusses eine niedrigere Morbidität unter den Versicherten feststellt und dann von der „morbiditätsorientierten Gesamtvergütung" Abschläge vorgenommen werden könnten.

Um den niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten den (unliebsamen) Einstieg in die Ambulanten Kodierrichtlinien (AKR) zu erleichtern, soll es nun eine sechsmonatige Übergangsphase geben, auf die sich KBV und der Spitzenverband der Krankenkassen geeinigt haben. Insbesondere den Herstellern von Praxis-Software soll genügend Zeit für eine anwendergerechten Umsetzung der Ambulanten Kodierrichtlinien gegeben werden. In dieser Übergangsphase drohen den Niedergelassenen keine Sanktionen. Praxisinhaber können selbst entscheiden, wann sie einsteigen mit der Anwendung der Kodierrichtlinien. Die Kassenärztlichen Vereinigungen wollen Niedergelassenen zudem verstärkt Beratung und Schulung anbieten, eine zertifizierte Online-Fortbildung der KBV ist in Planung.

Die Ambulanten Kodierrichtlinien sind auf der Website der KBV abrufbar: www.kbv.de/kodieren/25222.html.

Auf der Homepage des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) findet sich die jeweils aktuellste Fassung des ICD-10-GM: www.dimdi.de/static/de/klassi/diagnosen/icd10.

Ab 1.1.2011 gelten bundesweit die Ambulanten Kodierrichtlinien, wonach alle KV-zugelassene ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen ihre Diagnosen künftig gemäß festgelegten Vorgaben zu vergeben und zu dokumentieren haben. Die nach § 295 Abs. 3 Satz 2 SGB V von den Partnern der Bundesmantelverträge vereinbarten Ambulanten Kodierrichtlinien sollen eine qualitätsgesicherte Dokumentation der ambulanten Diagnosen nach der ICD-10-GM (German Modification) Version 2010 sicherstellen. Erstellt wurden die Kodierrichtlinien vom Institut des Bewertungsausschusses.

Kerstin Burgdorf


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