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„Mythos Interdisziplinarität“ - 2. Interdisziplinäres Kolloquium der Berliner Psychotherapeutenkammer


Am 9. September 2010 veranstaltete die Berliner Psychotherapeutenkammer ein Kolloquium zur interdisziplinären Zusammenarbeit in der institutionellen psychosozialen Versorgung von Kindern und Jugendlichen. Die Veranstaltung fand statt in den Räumen der International Psychoanalytic University (IPU) und war mit rund 80 TeilnehmerInnen gut besucht, es gab mehr Anmeldungen als Plätze.

Es diskutierten in der Mehrheit leitende Repräsentanten versorgungsrelevanter Institutionen: als Chefarzt einer Kinder- und Jugendpsychiatrie Dr. Hans Willner, als Direktor der Berliner Schulpsychologie Dipl.-Psych. Klaus Seifried, aus der Senatsverwaltung der Abteilungsleiter Erziehungshilfen Winfried Flemming, Dr. Ursula Mohn-Kästle für einen bezirklichen Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst und Dipl.-Psych. Rainer Zeddis als Leiter eines Jugendamtes.

Weitere Beiträge kamen von der Jugendrichterin Dagmar Köster-Mindel und Prof. Jürgen Körner von der IPU. Er veranschaulichte in seinem Beitrag den Unterschied zwischen pädagogischen und psychotherapeutischen Interventionen am Beispiel jugendlicher Devianz. Die anderen ReferentInnen stellten ihre institutionellen Ressourcen vor, legten Indikationen und Kriterien für weitergehende und andere Hilfen aus ihrer jeweiligen Perspektive dar sowie die rechtlichen und praktischen Rahmenbedingungen und Beispiele, solche Hilfen in Kooperation mit anderen einzuleiten.

Auch wenn der Veranstaltungstitel provozieren wollte, so schienen mir die jeweiligen Referenten mit ihren Kooperationen (und der damit realisierten Interdisziplinarität) insgesamt zufrieden zu sein. Dies mochte eine Schwäche der Veranstaltung sein: Dass dem aufreizenden Titel kein zugespitzter Problemaufriss, keine provokante These folgte, zu dem die Referenten dann Stellung nehmen müssten. Dennoch war die Veranstaltung nicht nur gut besetzt, sondern auch informativ und gut moderiert.

Besonders interessant erschienen mir die Beiträge der Jugendrichterin und des Leiters des Schulpsychologischen Dienstes. Dies vor allem, weil die sonst zwischen Jugendhilfe und Kinder- und Jugendpsychiatrie üblicherweise geführten Diskurse über Schnittstellenproblematik, Indikationsfragen und diagnostische Verständigungsmöglichkeiten und -hindernisse überschritten wurden in Richtung Justiz und Schule. Der Beitrag von Klaus Seifried verdeutlichte, dass Deutschland die schlechteste schulpsychologische Versorgung in Europa hat. Dem ist wenig (oder sehr viel, aber nicht an dieser Stelle) hinzuzufügen. Nichtsdestotrotz kamen in seinem Beitrag Schüler immer schon als vorgeschädigte oder belastete Problemschüler vor, denen dann mit unzureichenden Mitteln geholfen oder auch nicht geholfen wird. Die Frage, ob Schule in ihrer aktuellen Beschaffenheit nicht auch aus sich heraus Kinder in ihren psychischen und sozialen Funktionen schädigen könnte, geriet leider nicht in den Horizont kritischer Reflektion. Der Beitrag der Jugendrichterin Dagmar Köster-Mindel zeigte implizit auf, dass die Jugendrichter mitunter die einzigen sind, die für eine bestimmte Gruppe von Jugendlichen therapeutische oder pädagogische Interventionen und Maßnahmen einleiten können – und dies auch tun.

Insgesamt war es eine gelungene und interessante Veranstaltung. Dass die Kammer Fragen der institutionellen Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit einem fachpolitischen Thema aufgreift, halte ich auch unter einer berufspolitischen Perspektive für sinnvoll. Schließlich muss die Verankerung

der Approbation (und damit die Zuständigkeit der Kammer) als notwendiges Qualifizierungsmerkmal psychologischer Tätigkeit in weiten Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe erst noch durchgesetzt werden.

Peter Tzscheetzsch, Berlin


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