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Erlebnisbericht vom 17. Deutschen Psychotherapeutentag am 13.11.2010 in Hannover oder „Wie lässt sich eine Verschärfung der Ausbildungsbedingungen verhindern?“


Vorbereitungen und Vorgespräche

Schon im Vorfeld des 17. Deutschen Psychotherapeutentag (DPT) begann hektische Betriebsamkeit: Telefonate, Telefonkonferenzen und ein drastischer Anstieg der zu lesenden Mails. Diesmal trugen auch wir zu dieser Betriebsamkeit bei, denn wir wollten mit einem Antrag verhindern, dass es im Rahmen der Reform des Psychotherapeutengesetztes zu einer deutlichen Verschärfung der Anforderungen an die Psychotherapieausbildung kommt: Im bisher bekannten Vorstandsentwurf, vorgelegt zum sog. Ausbildungsgipfel der BPtK am 26.10.2010, sollte die Anzahl der Theoriestunden, der Behandlungsstunden, der Supervision, der Selbsterfahrung und der Fallberichte um fast 17 % erhöht werden.

Außerdem machten wir Werbung für die Anträge der PiA-VertreterInnen, in denen sie zum einen dafür appellierten, dass alle PiAs kostenfreie Mitglieder der Landeskammern werden können. Zum anderen wollten sie mehr Unterstützung der BPtK, um sich besser vernetzen zu können.

Am Freitagnachmittag begannen die Vorbesprechungen der Fachverbände und der Delegierten der einzelnen Landeskammern. Bezüglich der Reform der Psychotherapieausbildung herrscht in Niedersachsen große Übereinstimmung: Auf der letzten Kammerversammlung hatte sich eine überwältigende Mehrheit gegen eine Verschärfung der Ausbildungs­bedingungen ausgesprochen und bereits im Vorfeld hatte sich der Vorstand der PKN dafür eingesetzt, dass der Zugang

zur Psychotherapieausbildung für die (Sozial-)Pädagogischen Studiengänge auf Masterniveau erhalten bleiben soll.

Im Verlauf der Vorbesprechung der DGVT-Delegierten wurde deutlich, dass wir unseren Antrag gegen die Verschärfung der Ausbildungsbedingungen wohl nochmals umformulieren müssen, um ihn mehrheitsfähig zu machen. Wir formulierten noch einen weiteren Antrag, in dem der Vorstand dazu aufgefordert wird, bei seinen Vorschlägen zur Reform der Psychotherapieausbildung immer auch die daraus folgende finanzielle Mehrbelastung der Ausbildungs­teilnehmerInnen anzugeben. Als wir kurz nach Mitternacht damit fertig waren, bemerkte ein erfahrener Kollege: „Ich bin gespannt, ob ihr morgen Abend der Meinung seid, dass sich der ganze Aufwand gelohnt hat.“

Grußwort und Vorstandsbericht

Am Samstagvormittag begann der 17. DPT zunächst relativ ruhig und gemächlich. Nach der Eröffnung durch die Versammlungsleitung stellte die niedersächsische Kammerpräsidentin, Gertrud Corman-Bergau, in ihrem Grußwort sympathisch das gastgebende Bundesland vor, nicht ohne dabei auch auf die Rolle des Landes bei der Psychiatriereform in den 70er Jahren oder den letzten Castor-Transport einzugehen, der gerade vor einer Woche durch Hannover gerollt war. Dass dieser Bezug zu einer Entscheidung demokratisch legitimierter VertreterInnen, die bei Teilen des Souveräns auf erheblichen Widerstand stößt, auch für den DPT von höchster Aktualität war, zeigte der weitere Verlauf der Veranstaltung.

Zunächst erfolgte jedoch weiter in ruhiger und sachlicher Atmosphäre der Bericht des Vorstandes der BPtK, der weitestgehend zustimmend und wohlwollend von den Delegierten zur Kenntnis genommen wurde. Sehr positiv sehen auch wir die zukünftig verstärkten Bemühungen der BPtK, eine neue Regelung für die Bedarfsplanung zu finden.

Beratungen über den Haushalt

Größerer Dissens zeigte sich erst bei der folgenden Diskussion über die Finanzen. Der Finanzausschuss hatte eine sehr optimistische Prognose vorgelegt, die davon ausgeht, dass die Einnahmen weiter steil steigen werden, die Ausgaben aber nach einer deutlichen Steigerung in den letzten Jahren in Zukunft auf wundersame Weise stabil bleiben. Beide Annahmen sind problematisch: Zum einen wird sich die Steigerung der Einnahmen abflachen, wenn in den nächsten Jahren viele KollegInnen in den Ruhestand gehen. Zum anderen wird alleine die Preissteigerung zu einem Anstieg der Ausgaben führen, ganz zu schweigen von aktuellen wichtigen politischen Projekten.

Die Vermutung ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass diese optimistische Einschätzung auch dazu beitragen sollte, die Zustimmung der Delegierten zu den im Folgenden beantragten Mehrausgaben zu gewinnen: Zum einen ging es um das sog. „Zeitzeugenprojekt“, in dem Dokumente und Erfahrungen aus der Zeit der Entstehung des Psychotherapeutengesetztes für einen Aufwand von 80.000 Euro archiviert werden sollen. Dieses wurde, wenn auch zunächst nur mit Kosten in Höhe von 10.000 Euro, bewilligt. Etwas befremdlich erschien uns, dass ausgerechnet eine PiA-Vertreterin im Namen der PiAs die Realisierung des „Zeitzeugenprojektes“ forderte. Nach unserem Verständnis gäbe es eine Reihe wichtiger Anliegen, die für den Nachwuchs relevanter sind als die Archivierung der Vergangenheit.

Zum anderen wurde beantragt, die Aufwandsentschädigung für den Vorstand um etwa 20 % zu erhöhen, da Umfang, Komplexität und zeitliche Belastung der Vorstandsarbeit deutlich zugenommen haben. Nachdem die Aufwandsentschädigung in den letzten Jahren konstant geblieben ist, erscheint eine gewisse Erhöhung durchaus gerechtfertigt. Andererseits stellt sich natürlich die Frage, inwieweit mehr Geld hilft, einen deutlich gestiegenen Arbeitsumfang zu bewältigen. Ein entsprechender Antrag, der statt einer Erhöhung der Aufwandsentschädigung einen weiteren Vorstandsposten zur besseren Verteilung der Arbeit vorschlug, wurde jedoch abgelehnt, während der Erhöhung der Aufwandsentschädigung stattgegeben wurde.

Reform der Psychotherapieausbildung

Langsam näherte sich der DPT dem heißen Eisen der Veranstaltung: der Reform der Psychotherapieausbildung. Nachdem der Vorstand das Vorhaben nochmals ausführlich vorgestellt hatte, wurden in den folgenden Diskussionsbeiträgen die Konfliktlinien nochmals deutlich.

Zum einen ging es um die Frage der Zugangsvoraussetzungen. Strittig ist dabei v.a. die Frage, wie viel psychologisches Grundlagenwissen notwendig ist. Im bisherigen Entwurf werden hier mindestens 115 ECTS[1] gefordert, zusätzlich werden an Leistungen im Bereich Klinische Psychologie 50 ECTS verlangt. Während die Deutsche Gesellschaft für Psychologie die 115 ECTS an Grundlagen für das absolute Mindestmaß hält, wissen VertreterInnen der pädagogischen Studiengänge nicht, wie sie diese Menge an psychologischen Grundlagen in ihre Studiengänge integrieren können, ohne sie in ein Studium der Psychologie zu verwandeln. Es bleibt die Hoffnung, dass sich bei den geplanten Gesprächen des BPtK-Vorstandes und der Vertreter der Hochschulen doch noch ein Konsens finden lässt, der neben den unstrittigen medizinischen und psychologischen Zugängen auch einen sozialwissenschaftlichen erlaubt. Ein diesbezüglicher Antrag wurde von einer Mehrheit der Delegierten unterstützt, ebenso die Forderung, dass die Grundlagen aller wissenschaftlich anerkannten Verfahren an den Hochschulen gelehrt werden.

Nachdem die Diskussion über die Reform der Psychotherapieausbildung am Vormittag noch engagiert, aber im Ton ruhig und sachlich geführt wurde, kam nach der Mittagspause unerwartete Dynamik in die Debatte. Es lagen noch eine Reihe von Verbesserungsvorschlägen an dem Reformmodell der Psychotherapieausbildung vor, als plötzlich beantragt wurde, dass der Vorstand auf Grundlage des bisherigen Modells „unverzüglich eine Gesetzesinitiative auf den Weg“ bringen möge. Unklar war zunächst, wie dieser Antrag genau gemeint war und ob er im Vergleich zu den Verbesserungsvorschlägen ein „weitergehender Antrag“ sei. Dies hätte zur Folge gehabt, dass man diesen Antrag zuerst behandeln müsste, und wenn ihm zugestimmt worden wäre, wären alle anderen Anträge hinfällig gewesen und es hätte keine Diskussion über die Reform der Psychotherapieausbildung gegeben. Viele Delegierte befürchten, dass mit diesem Antrag qua Geschäftsordnung eine wichtige, aber einigen unliebsame Diskussion zur Verbesserung des Reformmodells unterbunden werden sollte.

Mit bewundernswerter Klarheit und Ruhe gelang es Versammlungsleiter  Wolfgang Schreck, die verfahrene und aufgeheizte Situation zu klären. Nach Nachfrage an die AntragstellerInnen stellte sich heraus, dass dieser Antrag nicht als weitergehend zu interpretieren sei und die Verbesserungsvorschläge wurden noch diskutiert.

So konnten wir unseren Antrag gegen eine Erhöhung des bisherigen Ausbildungsumfanges vorstellen. Prof. Rainer Richter machte daraufhin für den Vorstand der BPtK deutlich, dass er in diesen und anderen Anträgen wichtige Verbesserungsvorschläge sieht und er bot an, diese nochmals mit den AntragstellerInnen zu diskutieren und im Reformmodell zu berücksichtigen.

Zu unserem anderen Antrag, der Forderung nach einer konkreten Darstellung des finanziellen Aufwandes der Psychotherapieausbildung, kam die Bemerkung, dass der Vorstand die Kosten der Ausbildung nicht angeben könne, da es dazu zu viele unterschiedliche Modell gäbe und nicht alle Daten vorlägen. Dennoch wurde dieser Antrag von der Mehrheit der Delegierten angenommen. Wir vertrauen darauf, dass sich eine Lösung für das angesprochene Problem finden lässt. Schließlich wird der Vorstand der BPtK ja wohl schwerlich eine Reform der Psychotherapieausbildung initiieren, ohne sich gründlich darüber Gedanken gemacht zu haben, welche finanziellen und zeitlichen Konsequenzen dies für unseren durch die Ausbildung extrem belasteten Nachwuchs hat (- oder etwa doch?!).

Anträge der Psychotherapeuten in Ausbildung

Im Anschluss wurden die beiden Anträge der PiAs mit großer Zustimmung angenommen. Zum einen erhalten die PiAs damit die Möglichkeit, sich besser vernetzen zu können. Sie sollen sich in Zukunft öfter treffen können und es soll zwei, statt wie bisher einen Stellvertreter des Sprechers geben. Zum anderen verlieh der DPT seinem Wunsch Ausdruck, dass die PiAs künftig kostenfrei Mitglieder der Landespsychotherapeutenkammern werden können. Florian Hänke, der Sprecher der Bundeskonferenz der Psychotherapeuten in Ausbildung, trug seine Argumente in der noch aufgeheizten Stimmung souverän und sachlich vor, so dass er die Zustimmung der meisten Delegierten gewinnen konnte.

Vertagung der Anträge zur Weiterbildung

VertreterInnen der Kommission Zusatzqualifizierung beantragten einen Arbeitsauftrag dafür zu bekommen, einen Vorschlag zur Erweiterung der Musterweiterbildungsordnung zu erstellen, die die Weiterbildung in allen vom Wissenschaftlichen Beirat anerkannten Verfahren regelt. Aus Zeitgründen wurde dieses Thema auf den nächsten DPT vertragt.

Fazit

Was antworten wir dem Kollegen nun, ob sich unser Engagement gelohnt hat? Wenn der Vorstand jetzt tatsächlich von einer Verschärfung der Ausbildungs­bedingungen in seinem Reformentwurf absieht und sich mit den Kosten, die die Reform für die AusbildungsteilnehmerInnen verursacht, beschäftigt, hat es sich auf alle Fälle gelohnt! Ebenso, wenn wir dazu beitragen konnten, dass der sozialwissenschaftliche Zugang zur Psychotherapieausbildung erhalten bleibt und dass den Anträgen der PsychotherapeutInnen in Ausbildung zugestimmt wurde.

Erschreckt hat uns der Versuch, mittels Anträgen notwendige und wichtige Diskussionen zu unterbinden. Eine Woche nach dem Castor-Transport darf unseres Erachtens bei einem DPT in Niedersachsen schon die Frage gestellt werden, ob es politisch sinnvoll ist, bei einem Projekt, das weitreichende Unterstützung und Konsens verlangt, Betroffene zu übergehen. Wir hoffen, dass der Vorstand in diesem Sinne die Anregungen der Delegierten aufgreift und sie zur weiteren Verbesserung und damit zur breiteren Unterstützung seines Reformvorschlages nutzt.

Ausdrücklich möchten wir den VersammlungsleiterInnen an dieser Stelle unseren Dank und unsere Hochachtung ausdrücken. Sie haben es geschafft auch in schwierigen Moment mit Klarheit, Ruhe und auch Humor die Veranstaltung zu leiten.

Klaus Ditterich & Stefanie Brida

Delegierte der Psychotherapeutenkammer Niedersachsen



[1]ECTS = „European Credit Transfer System“ ist das mit dem Bologna-Prozess europaweit einheitlich eingeführte System, die sog. Work Load der Studienleistungen zu bestimmen. Eine Veranstaltung (Vorlesung, Seminar) mit 2 Semesterwochenstunden wird nach diesem System üblicherweise mit 2 bis 3 ECTS/CP bewertet.

 


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