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Perspektiven einer bio-psycho-sozialen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Betrachtungen zur Überarbeitung des Psychotherapeutengesetzes


Fachtagung am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein

Die Fachtagung wurde unterstützet von der DGVT, vom Berufsverband der Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen (bkj) und vom Förderverein Sozialwesen

Das Psychotherapeutengesetz steht zur Überarbeitung an und es gibt Bestrebungen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, denen bislang die Möglichkeit offen steht, nach ihrem Studium eine Psychotherapie-Ausbildung zu beginnen, die mit der Approbation als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut/in abschließt, nicht mehr zur Psychotherapieausbildung zuzulassen. Der Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein hatte dazu eine Fachtagung veranstaltet, bei der es vor allem um folgende Frage ging: Muss nicht der über das psychologische Verständnis psychischen Leids hinausgehende Blick auf die sozialen Verhältnisse, wie er für die Soziale Arbeit konstituierend ist, auch zukünftig seinen Platz auch in der psychotherapeutischen Versorgung finden?

Bio-psycho-sozialer Ansatz

Der erste Vortrag wurde von Silke Gahleitner gehalten, die als Professorin an der Alice-Solomon-Hochschule in Berlin tätig ist. Sie erläuterte engagiert, inwiefern ein bio-psycho-soziales Fallverständnis gerade auch in der psychotherapeutischen Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien von herausragender Bedeutung ist. Die aktuelle epidemiologische Forschung zeigt deutlich, dass psychische Probleme sozial in hohem Maße ungleich verteilt sind. Gerade für eine Multi-Problem-Klientel, welche von psychischer Störung und sozialer Deklassierung gleichzeitig betroffen ist, muss ein Behandlungsangebot geschaffen werden, welches nicht nur innerpsychische Befindlichkeiten thematisiert, sondern auch die soziale Lebenswelt der Patientinnen und Patienten in ihren konzeptionellen Überlegungen und in ihrem praktischen Handeln berücksichtigt. Ein solches multimodales psychotherapeutisches Angebot, welches in der Praxis hohe Bedeutung hat, ist viel zu selten vorhanden.

Gesetzesänderung

Peter Lehndorfer, Mitglied des Vorstandes der Bundespsychotherapeutenkammer und Vorsitzender der Vereinigung analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, erläuterte die geplanten Änderungen des Psychotherapeutengesetzes. Demnach ist gewünscht, dass es zukünftig keine eigenständigen Berufe „Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut„ (KJP) und „Psychologischer Psychotherapeut“ (PP) mehr geben soll, sondern einen einheitlichen Psychotherapeutenberuf mit Schwerpunktsetzung entweder in der Psychotherapie Erwachsener oder der Therapie von Kindern und Jugendlichen.

Empirische Studie

Barbara Beck, seit wenigen Monaten fertige Sozialarbeiterin, stellte zusammen mit Michael Borg-Laufs, Professor und Studiendekan am Fachbereich Sozialwesen und wissenschaftlicher Leiter der Fachtagung, ihre Abschlussarbeit vor, die mit dem Senatspreis der Hochschule Niederrhein ausgezeichnet wird. Sie hatte in einer sorgfältigen Analyse aufgezeigt, welche Kompetenzen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter im Umgang mit der psychisch kranken Klientel in ihrem Studium erwerben. Schlüssig konnten die beiden an den Eröffnungsvortrag von Silke Gahleitner anknüpfen, dass sozialarbeiterische Kompetenzen, die eben nicht nur psychologische Kenntnisse voraussetzen, sondern auch Kenntnisse aus weiteren Bezugswissenschaften der Sozialen Arbeit hervorragend auf eine Psychotherapieausbildung vorbereiten. Insbesondere die große Zahl der sozial benachteiligten Patienten, so ihr Resümee, benötigt eine Form psychotherapeutischer Hilfe, deren Blick nicht auf das Individuum beschränkt bleibt. Die Ergebnisse ihrer Studie zeigen, dass SozialarbeiterInnen nach einem Masterstudium fast alle vom Psychotherapeutentag geforderten Kenntnisse und Kompetenzen formal nachweisen können, einschließlich der notwendigen klinisch-psychologischen Kenntnisse. Nur die in besonders hohem Umfang geforderten psychologischen Grundlagenkenntnisse werden in den Studiengängen bei weitem nicht erreicht.

Erfolgsstory Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut/in

Im Vortrag von Meinrad Armbruster, Professor an der Hochschule Magdeburg-Stendhal und Leiter des Magdeburger Ausbildungsinstituts für Psychotherapie, wurde die „Erfolgsstory“ des Berufes „Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut/in“ (KJP) hervorgehoben. Mit dem Psychotherapeutengesetz von 1999 war der KJP ein eigenständiger approbierter Heilberuf, unabhängig vom Psychologischen Psychotherapeuten (PP). Europaweit sei die hiesige kinder- und jugendpsychotherapeutische Versorgung qualitativ und quantitativ beispielhaft. Armbruster betonte darüber hinaus ebenso wie Lehndorfer, dass der Master-Abschluss unabdingbare Voraussetzung für die Aufnahme einer Psychotherapieausbildung sein sollte.

Diskussion und Fazit

Bei der abschließenden Diskussion, von Heidi Möller, Professorin an der Universität Kassel moderiert, zeigte sich, das es inhaltlich in Bezug auf das notwendige bio-psycho-soziale Profil psychotherapeutischer Tätigkeit viel Einigkeit gab. Wie aber sichergestellt werden kann, dass zukünftig auch Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen weiter psychotherapeutisch tätig sein können, diese Frage war strittig. Die Forderungen des Deutschen Psychotherapeutentags seien widersprüchlich, da einerseits der breite Zugang im Sozialarbeiterstudium erhalten bleiben und andererseits im Umfang von 115 CP psychologische Grundlagen vermittelt werden sollen. Für die Studierenden im Publikum blieb unbefriedigend, dass die ReferentInnen aufgrund der unklaren gesetzlichen Lage letztlich keine verbindlichen Aussagen dazu machen konnten, ob und auf welchem Wege sie nach Abschluss ihres Studiums eine psychotherapeutische Ausbildung antreten könnten.

Auf www.dgvt.de unter „Aktuell“ finden Sie einen Link auf die Homepage der Fachhochschule Niederrhein mit dem ausführlichen Tagungsbericht.


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