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Liebe und Tod



Bericht von der 23. wissenschaftlichen Tagung der
Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS) zum Thema „Liebe“ in Aachen

 Ich kann halt lieben nur
und sonst gar nichts.
Marlene Dietrich

Es war ihre Tagung gewesen. Als Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Sexual­forschung hatte Dr. Ulrike Brandenburg sich sehr früh dafür stark gemacht, die 23. wissen­schaftliche Tagung der DGfS an ihrem Arbeitsort Aachen durchzuführen. Und auch dafür eingesetzt, dass das Thema Liebe im Mittelpunkt stehen soll. Ein Thema, von dessen zentraler Bedeutung, gerade auch für ein Verständnis von Sexualität und sexueller Störungen, sie zeit­lebens überzeugt war. Ein mutiges Thema, das die Gefahr des Scheiterns von Anfang an mit­trägt. Und auch dieser Mut passt zu ihr. Aber sie hat die Tagung nicht mehr erleben dürfen, die ihr so am Herzen lag. Im Mai diesen Jahres ist Ulrike Brandenburg, die u.a. auch als Do­zentin im DGVT-AusbildungsVerbund aktiv war, im Alter von 56 Jahren einem Krebsleiden erlegen.

Eine Fachtagung mit einer Trauerfeier zu eröffnen ist durchaus eine heikle Angelegenheit. Aber wenn so etwas stimmig sein kann, dann sicher im Fall von Ulrike Brandenburg. Sie hatte immer auch das Rampenlicht gesucht und damit ihren Umgang mit der Ambivalenz zwi­schen Scheu und Mitteilungsbedürfnis gefunden. Vor allem aber war sie der DGfS, ihren Mit­gliedern und Aktiven in einer sehr tiefen und aufrichtigen Weise verbunden. Sie hat wie keine Andere ohne Berührungsängste immer wieder den Weg gesucht über scheinbar festgemauerte Barrieren hinweg, sowohl wissenschaftlich-inhaltlich, wie auch (fach-)politisch-medial. Sie hat damit provoziert und konfrontiert, v.a. aber hat sie damit viele neue Optionen für Kom­munikation, für den Aufbruch verkrusteter Strukturen eröffnet. Nach einer umfassenden Wür­digung ihrer Verdienste um die DGfS und die Sexualforschung insgesamt hat ihr Mann in bewegenden Worten sehr persönliche Einblicke in das Zusammensein mit Ulrike Branden­burg gewährt. Mit der Vorstellung eines Videoprojekts, das in Zusammenarbeit mit ihren Kindern entstanden ist, konnten die Anwesenden nochmals sehr unmittelbar erleben, was Ul­rike Brandenburg für ein offener, unkonventioneller und vor allem liebenswerter Mensch war. Und damit bleibt man dann auch zurück: Einen wunderbaren und nicht zuletzt wunder­schönen Menschen verloren zu haben.

Und dann also Liebe.

In vielversprechender Weise eröffnet Silija Matthiesen den inhaltlichen Teil der Tagung und leitet ihre Ausführungen über den Liebesbegriff heutiger Jugendlicher damit ein, eine Sequenz aus der „Sendung mit der Maus“ vorzuführen (http://www.youtube.com/watch?v=mhp4XKqtpYI; oder www.youtube.com, Suchbegriff: „Sendung mit der Maus Liebe“). Zu diesem Zeitpunkt der Tagung war’s erst nur zu ahnen, dass damit möglicherweise der treffendste Beitrag zum Thema bereits gehalten worden ist. Eine erste kleine Enttäuschung hat der Vortrag von Mat­thiesen dann auch schon eingeführt: Ihre Fokussierung auf den Aspekt des Einflusses von Pornokonsum auf Jugendliche lässt eben auch deutlich werden, dass man sich Liebe wissen­schaftlich wohl nur über Einzelaspekte wird annähern können. Ihr mit eigenen Studien über­zeugend belegter Appell zur Gelassenheit und gegen die mediale Hysterie um „sexuell ver­wahrloste“ Jugendliche war wohltuend und klärend. Bedeutung und Umgang Jugend­licher mit Liebe blieb aber Andeutung.

Die Tagung bringt dann auch an anderen Stellen immer wieder einen Blick auf Teilaspekte bzw. auf spezielle Ausformungen. Während Christian Kleese aus Manchester die Be­ziehungsideologie der sich selbst als Polyamore Bezeichnenden vorstellt, bringt Michael Schödlbauer Einblicke in den Liebeswahn. Zurück bleibt hier wie dort die Frage: Ist das hier jetzt Liebe und wenn ja, warum? Und sie bleibt unbeantwortet.

Arne Dekker geht diese Frage mutig an. Dabei macht er Liebe als Gefühl des Einzelnen und gleichzeitig als Kulturmuster aus. Diese beiden Aspekte zusammenzubringen in einer Theorie der Liebe – das wäre dann wohl die große Kunst. Bis dahin bliebt nur der Verdacht, dass Liebe letztlich die Sehnsucht nach Erfüllung und Verortung ist und das Individuum diese Vi­sion, die das Kulturmuster Liebe verspricht, zum Gefühl in Bezug auf das geliebte Gegen­über transformiert. Indiz für eine solche Sichtweise ist der empirische Befund von Dekker, wonach junge Paare die Liebe in ihrer unspezifischen Globalität als häufigste Begründung nennen, warum Beziehungen aufrecht erhalten werden. Ältere Paare hingegen finden hier Konkretisierungen dieser angestrebten Vision und nennen den gegenseitigen Rückhalt und die Bedeutung der gemeinsamen Geschichte als häufigste Antworten. Aufregend bleibt Dekkers abschließende Hypothese: Liebe ist möglicherweise zu verstehen als die Praxis des Indivi­duums und drückt sich aus in der ewigen Suche des Einzelnen nach dieser Erfüllung und weniger ein Zustand, den zwei Personen miteinander erleben. Womit die Praxis der Liebe, wie sie sich aktuell gesellschaftlich in ihrer seriellen Form durchzusetzen scheint, nicht mehr als Scheitern gelesen werden muss, sondern als Zeichen der umfassenden Bedeutung von Liebe für uns alle.

Einen anderen Weg versucht Esther Perel aus New York. Sie fragt sich in ihrem Vortrag, welche unterschiedlichen Bedürfnisse ein Liebespartner heute befriedigen soll. Dabei arbeitet sie heraus, dass hier sowohl das Bedürfnis nach Sicherheit, Stabilität und Geborgenheit und das Bedürfnis nach Begehren, Überraschung und Leidenschaft auf Erfüllung durch den einen Partner hoffen. Diese Wünsche nach Bedürfnisbefriedigung zusammenzubringen, bezeichnet sie als die Kunst und damit letztlich das Geheimnis von Liebe. Ihr Vorschlag dabei ist, auf dem Boden des gemeinsam aufgebauten Vertrauens bewusst Wege zur Distanzschaffung zu suchen. Hier sieht sie das Mysterium oder die Dialektik der Liebe: Beides ist notwendig, be­dingt sich und der scheinbare Widerspruch von Vertrauen und Distanz ist gleichzeitig der Schlüssel für erfüllte Liebe, so Perel. 

Ulrich Clement aus Heidelberg geht in seinem als Gegengesang angekündigten Beitrag in einen Dialog mit Perels These. Dabei fokussiert er noch deutlicher auf Erotik als eine Schlüs­selfrage für das Gelingen heutiger Beziehungen. Und hier geht er insbesondere mit der Pro­fession der Sexualtherapie hart ins Gericht: Erotik sei, so sein Vorwurf, dieser kein Thema. Letztlich also eher Übereinstimmung als Widerspruch zwischen Clement und Perel: Sich scheinbar widersprechende Bedürfnisse zusammenzubekommen, ist demnach die zentrale Herausforderung moderner Liebesbeziehungen. Beide eint aber auch, dass sie die Voraus­setzungen ihrer Thesen, nämlich, dass Liebe sich zusammensetzt aus den Bedürfnissen nach Geborgenheit und Stabilität auf der einen und nach Begehren und Erotik auf der anderen Seite, nicht herleiten.

Einen psychodynamischen Vorschlag zum Liebesverständnis stellt Wolfgang Berner vor. Er leitet dabei von einem Konzept der frühkindlichen Bindung an die Eltern ab, dass entsprechend gebildete Muster lebenslange Triebfedern für die Suche nach befriedigenden Reinsze­nierungen dieser frühen Bindungserfahrungen bleiben.

Aber vielleicht hilft ja auch der Griff ins Regal der Liebesratgeberliteratur weiter? Katinka Schweitzer trägt ihre Reise durch den Markt der Liebesratgeber vor. Dabei stellt sie fest, dass solche Ratgeber sich bemühen, die Komplexität und Mehrdeutigkeit des Themas zu struktu­rieren und zu vereinfachen und ihm damit natürlich nicht gerecht werden können. Dem pro­fessionellen Leser entlocken solche Rezeptbücher dann auch bestenfalls Heiterkeit und not­leidende Konsumenten dürften in der Regel und ebenfalls im günstigsten Fall ratlos zurück­bleiben.

Am Thema Liebe zu scheitern ist für uns alle keine Schande. Für eine Tagung auch nicht. Die DGfS-Tagung als an ihrem Thema gescheitert zu bezeichnen, wäre vermessen. Ein Urteil darüber würde natürlich immer von den Erwartungen des Beurteilers ausgehen müssen. Aber die Zugfahrt zurück war immerhin erfüllt von Gedanken über die Liebe, das Leben. Und den Tod. Und das ist ja nun durchaus viel erreicht für eine Tagung. Und dabei gehen mir dann die Worte von Ulrikes Mann nicht mehr aus dem Sinn, er habe eine erfüllte Liebe an den Tod verloren, aber schlimmer wäre gewesen, wenn er stattdessen eine unerfüllte Liebe an das Leben verloren hätte. Der Zug fährt mal wieder in den Hauptbahnhof Köln ein, die Sonne blitzt mit letzter Anstrengung noch einmal ins Abteil und ich gebe ihm Recht: Ja, das wäre schlimmer gewesen.

 Günter Ruggaber


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