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„Da hol ich mir Beratung. Professionalität und Verantwortung auf dem Markt von Beratung“


Bericht vom Kongress der Deutschen Gesellschaft für Beratung e.V. (DGfB) am 24./25. September 2010 in Frankfurt am Main, Fachhochschule Frankfurt

Die ca. 80 TeilnehmerInnen des Kongresses, der in den Räumen der Fachhochschule Frankfurt am Main stattfand, wurden von der Dekanin des Fachbereichs Soziale Arbeit und Gesundheit, Prof. Dr. Ursula Fasselt, dem Leiter des MA-Studiengangs “Beratung und Sozialrecht“, Prof. Dr. Michael Märtens, sowie der Vorsitzenden des DGfB, Marion Locher, begrüßt. Im Anschluss daran folgte der erste Hauptvortrag des Kongresses von Prof. Dr. Heiner Keupp mit dem Titel: „Beratung in bewegten Zeiten: Ihre Positionierung zwischen Sozialstaat, Markt und Zivilgesellschaft“. Heiner Keupp faszinierte die Zuhörerschaft mit einer breitflächigen Analyse unserer Welt, in der alle Sicherheiten verloren gehen und nur noch Unsicherheit übrig bleibt. Vor diesem Hintergrund konstruiert er „fünf Typen von Identitätserzählungen…, die sich auch in Beratungs-Konzeptionen wieder finden lassen und die in ihrer jeweiligen Spezifik auf die Krise der Moderne antworten“. Drei der fünf Identitätserzählungen sind, folgt man der Darstellung von Keupp, eher negativ assoziiert. Dazu gehören „die Erzählung vom ‚proteischen Selbst’“, das sich an die Moderne anpasst und sich so unter der Hand verliert, „die ‚fundamentalistische’Erzählung“, die paternalistisch orientiert ist und sozusagen nichts dazu gelernt hat, und schließlich „die Erzählung vom ‚erschöpften Selbst’ und dem ‚beschädigten Leben’“, die sich auf Menschen bezieht, die die Moderne mit ihren Anforderungen krank macht. Davon heben sich „die ‚reflexiv-kommunitäre“ Erzählung“ und „die Erzählung von der ‚Selbstsorge’“ ab. Menschen, die in diese beiden Typologien fallen, sind selbst bestimmt, selbst reflexiv, selbst sorgend. Sie verkörpern eine Art Gegenwelt – und hier verortet Keupp dann auch die Beratung. Allerdings kommt dieser Rückbezug etwas plötzlich und er fällt auch sehr kurz aus.

Im Anschluss an diesen Vortrag folgten 6 bzw. 7 Workshops, die fast identisch an beiden Kongresstagen angeboten worden sind. Aus pragmatischen Gründen werden hier nur die Titel aufgeführt. Dr. Peter Tossmann stellte in seinem Workshop sehr anschaulich die Grundlagen, Chancen und Probleme der Online-Beratung dar. Prof. Dr, Hans-Jürgen Seel mühte sich um die Kooperation zwischen Beratung und Wissenschaft, die, wie man weiß, nicht zum Besten steht. Jörg Fellermann und Prof. Dr. Heidi Möller gingen ganz praktisch vor und luden sich eine Kommunalpolitikerin ein, um zu demonstrieren, wie das geht „Kommunalpolitiker/innen beraten: Reflexion mit besonders Engagierten“. Thomas Becker stellte die neuesten Ergebnisse der Sinus-Studie vor und analysierte anhand der Daten „Wie ticken die Menschen heute? Lebensweltanalyse als Kontexterweiterung für Beratung“. Prof. Dr. Renate Zwicker-Pelzer bot zwei Workshops mit unterschiedlichen Themen und Vortragenden an. Einmal ging es um „Beratung in der Pflege – Auftrag und Wirklichkeit“. Am nächsten Tag wurde die „Unabhängige Patientenberatung Deutschland“ vorgestellt und diskutiert. Die Workshops waren unterschiedlich interessant, je nach Temperament der Leiter/innen und nach Konzept.

Der zweite Tag startete mit einem Vortrag von Prof. Dr. Ludger Heidbrink mit dem Titel „Verantwortung in Zeiten der Ratlosigkeit. Zur Rolle des Verantwortungsprinzips in der gesellschaftlichen Beratung“. Der Referent holte in seinen Überlegungen zur Verantwortung und zur Verantwortungskultur weit aus und verwies auf das römische Recht sowie auf das ausgehende Mittelalter und stellte fest: „… die Bedeutung von Verantwortung [liegt] darin, dass der Mensch sich in seinem Handeln vor Gott zu rechtfertigen hat oder für begangene Taten vor Gericht nach geltendem Recht verurteilt wird. Wo jemand sich ver-antwortet, steht er nach herkömmlichem Verständnis mit seiner Person und seinem persönlichen Gewissen für seine Handlungen ein“. In modernen Gesellschaften ist das anders. Verantwortung lässt sich nicht mehr so leicht verorten. Das wirkt sich entsprechend auf die gesellschaftliche Beratung aus, die damit  „… einen veränderten Stellenwert [erhält]….  Die leitende Frage gesellschaftlicher Beratung lautet deshalb nicht: Wer ist wofür verantwortlich? Sondern: Wie lässt sich die Verantwortung verantworten? Wie können Akteure dazu gebracht werden, Verantwortung für ihre Verantwortlichkeit zu übernehmen?

Die Antwort lautet: Verantwortliches Handeln unter den Bedingungen sozialer Differenzierung beruht auf dem Zusammenwirken von Personen und Systemen, die sich wechselseitig in ihrer jeweiligen Beschränktheit unterstützen und ergänzen“. Der Referent zieht aus alledem für die gesellschaftliche Beratung – also Beratung im „Spannungsfeld von Politik, Markt und Zivilgesellschaft“ –, folgende Schlussfolgerung: „Gesellschaftliche Beratung beruht somit auf einer doppelten Verantwortung: Ihre Aufgabe besteht darin, die kulturellen Voraussetzungen mit zu gestalten, die zu einer responsiven Verbindung von Personen und Systemen führen; und die Ungewissheiten und Unsicherheiten im Blick zu behalten, die dabei unweigerlich entstehen“.

Der Kongress war mit seinen zwei Hauptreferaten und den diversen Workshops anregend. Er wird die Diskussion über die Zukunft der Beratung stimulieren.

Die beiden Hauptvorträge des Kongresses sowie die Beiträge der Workshops finden Sie auf der Homepage der DGfB unter www.dachverband-beratung.de/Dokumente/weitere Dokumente/.

Irmgard Vogt


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