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Psychotherapie & Kultur - Was ist anders bei der Arbeit mit PatientInnen aus einem anderen Kulturraum?


Der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten e.V. (bvvp) organisierte gemeinsam mit dem Landesverband Berlin eine Veranstaltung am 8. Oktober 2010 zu den Fragen: „Was ist anders bei der Arbeit mit PatientInnen aus einem anderen Kulturraum?“ – „Wie kann man die Versorgung für MigrantInnen verbessern und was kann der/die einzelne/r Therapeut/Therapeutin dazu beitragen.“

Es wurden drei Dozenten eingeladen, die aus verschiedenen Sichten und bestehenden  Untersuchungen diese Frage versuchen sollten, zu beantworten. Danach wurde Raum für Fragen und Diskussionen geboten.

Dr. Meryam Schouler-Ocak (OÄ Psychiatrische Universitätsklinik der Charité Berlin im St. Hedwig KH & Leiterin der AG Migration)

Herausforderung psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung von PatientInnen mit Migrationshintergrund – gut versorgt?

 

Menschen mit Migrationshintergrund erkranken genauso häufig an psychischen Krankheiten wie Menschen ohne Migrationshintergrund. Sie nehmen jedoch nicht genauso viel professionelle Hilfe in Anspruch. Woran liegt das?

Dr. Schouler-Ocak zeigt durch Untersuchungen, die sie im Rahmen ihrer Arbeit in der Charité gemacht hat, dass neben sprachlichen Barrieren auch ethnische, kulturelle und religiöse Unterschiede eine wichtige Rolle spielen. MigrantInnen erleiden wegen ihrer Entwurzelung durch die fehlende Sprache einen Statusverlust, sind in keinem bekannten sozialen Umfeld, welches Sicherheit bieten kann und haben große Schwierigkeiten eigene Traditionen und Religion in die deutsche Kultur zu integrieren.

Türkische Menschen leiden häufiger an affektiven Störungen, russische Menschen häufiger an Suchterkrankungen. Auch zeigen sich höhere Erkrankungen im Bereich der schizophrenen Störungen. Dies begründet Dr. Schouler-Ocak damit, dass MigrantInnen komplexeren Belastungsfaktoren ausgesetzt sind.

Vor allem türkische und russische MigrantInnen suchen immer öfter den Weg zum Psychiater oder Psychotherapeuten. Leider können diese PatientInnen wegen fehlender Sprache und Kulturverständnis nicht ausreichend versorgt werden.

Es habe sich gezeigt, dass in Ballungsgebieten wie Berlin-Neukölln bis zu 8 Sonderzulassungen für türkischsprachige Psychotherapeuten erforderlich seien, um nur die MigrantInnen aufzufangen, die kein deutsch können (18%). Die 24%, die mittelmäßige Sprachkenntnisse besitzen, sind hierbei nicht berücksichtigt.

Der nächste Beitrag beschäftigt sich mit der Frage, wie „deutsche“ TherapeutInnen sich in diesem Punkt weiter entwickeln können, um dieser hohen Nachfrage ein größeres Angebot entgegenzusetzen.

Ursula Meier-Kolcu (Psych. Psychotherapeutin-VT)

Interkulturelle Aspekte in der psychotherapeutischen Arbeit oder Auf dem Wege, sich der eigenen Identität im Spiegel des anderen zu vergewissern

Welches therapeutische Handeln ist sinnvoll und angemessen?

Meier-Kolcu sagt, dass sich jede/r PsychiaterIn/PsychotherapeutIn kulturell öffnen „muss“.

Sie habe PatientInnen, die von „deutschen“ Kollegen weiter geschickt worden seien, da diese Psychiater/Psychotherapeuten sich mit den vorliegenden Themen nicht auskennen würden. 

Für sie sei die interkulturelle Arbeit eher die Regel als eine Ausnahme.

Nicht nur türkische PatientInnen, sondern auch PatientInnen aus Bayern, in der ehemaligen DDR sozialisierte PatientInnen aber auch z. B. große Altersunterschiede könnten kulturelle Unterschiede in der Behandlung bedeuten.

Sie bezieht sich im Folgenden u. a. auf das Buch Klinische interkulturelle Psychotherapie vonYesim Erim.

In der Arbeit mit türkischen PatientInnen sei es erst einmal wichtig zu verstehen, dass es nicht „den Türken“ gibt. In der Türkei leben viele verschiedene Menschen – Syrier, Araber, Kurden, Armenier ...

Unter der Überschrift Autonomie & Bezogenheit erklärt sie, dass die Ursachen einer Erkrankung, das Krankheitserleben, die Kommunikation über die Erkrankung und die Symptome bei türkischen PatientInnen oftmals sehr anders dargestellt werden. Sie erleben die Erkrankung als von außen kommend, es könne z. B. eine Verfluchung, ein böser Blick sein. Die kollektivistische Kultur in der sie leben, erzeugt ein hohes Nähebedürfniss zu der Familie, das Familien-Ich hat einen stärkeren Einfluss als das individualistische Ich bei Entscheidungen und damit auch Krankheitsentwicklungen. Man müsse sich zusammen mit dem Patienten die Fragen stellen, wie er/sie sich das Familienleben, Partnerfindung, Familiengründung, Lebenszyklen und auch Krankheitserleben vorstellt.

Um sich „kulturell“ öffnen zu können, müsse man sich durch den „Fremden“ mit eigenen Wertvorstellungen und Ansichten auseinandersetzen. Der „Fremde“ sollte dem Therapeuten als Spiegel dienen, eigene Konflikte und Lebensformen zu reflektieren. Nur dann könne man auch die Bereitschaft entwickeln, durch offene Fragen in die Lebenswelt des „Fremden“ einzusteigen und Haltungen, die den eigenen entgegenstehen, versuchen zu verstehen. Die Zielsetzung der Therapie müsse daher immer die Bezogenheit der türkischen PatientInnen berücksichtigen, die Bezogenheit hinsichtlich der Familie, des Ichs und der Möglichkeiten in dem bestehenden kulturellen- und religiösen Rahmen.  

In diesem Zusammenhang können eine aktive Interaktion, die Förderung der Individuation und die Ressourcen des Kollektivs hilfreich sein. Wie viel Individuation ist möglich im familiären Rahmen und wie viel kann der Patient sich realistischerweise vorstellen? Gibt es Personen im Kollektiv, die Ähnliches erlebt haben? Kann man mit einem progressiven Familienmitglied zusammenarbeiten? Auch die Arbeit mit Metaphern (s. Pescheskian) und das Einbauen kultureller Rituale (Tee trinken) könnten die Arbeit erleichtern.

Der nächste Beitrag versucht diese Punkte mit Hilfe einer Falldarstellung zu verdeutlichen.

Dr. Aydan Özdaglar (Ärztin für Psychiatrie & Psychoanalyse)

Religion – Tradition – Kultur? Verständnisschwierigkeiten in der interkulturellen Therapie mit muslimischen Zuwanderinnen

Özdaglar stellt ein Fallbeispiel einer jungen Türkin in der Psychoanalyse vor.

Daraus resultiert, dass der Psychotherapeut sich mit seinen eigenen Ansichten, seiner Kultur und seinem Umgang damit auseinandersetzen muss. Es sollen Klischees und Vorurteile, die man im Selbstbild hat, geprüft werden. Die Verwirrung, die die Begegnung mit dem „Fremden“ auslösen könnte, soll kritisch betrachtet werden, damit keine falschen Diagnosestellungen entstehen. Könnte man sich als PsychotherapeutIn/PsychiaterIn ausgeschlossen fühlen, wenn man eine fremde Kultur behandelt? Es sollten keine schnellen Lösungen gesucht werden, weil die Lebenssituation sehr leidvoll wirkt, vielmehr sollte darauf geachtet werden, was im Rahmen des Patienten möglich ist.

Ich habe mich während des Vortrags und des Versuchs dieser Zusammenfassung gefragt, ob man eine andere als seine eigene Kultur wirklich jemals ganz verstehen kann? Ich persönlich glaube das nicht. Ich glaube aber auch nicht, dass es für die Durchführung einer erfolgreichen, befriedigenden Psychotherapie unbedingt notwendig ist. Es ist die Neugier und die Offenheit, die wir brauchen, um Fremdes zu begreifen, ganz gleich, ob es eine fremde Kultur ist oder eine, für uns, fremde Lebensart.

Sema Akbunar, Berlin


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