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Psychotherapie 2020: Trends, Chancen, Fehlentwicklungen[1]


Lothar Wittmann

 

Wohin tendiert die Entwicklung der Psychotherapie in diesem Land? Eine solche Frage hat eine Antwort mit spekulativen Anteilen zur Folge, denn eine gut begründete Prognostik, wenigstens von der Güte der psychotherapeutischen Prognostik für politisch-ökonomische Trends und wissenschaftliche Entwicklungen, gibt es nicht.

Haben Sie also bitte ein bisschen Geduld mit mir, wenn ich Beweise schuldig bleibe und versuchen Sie mit mir, auf die Wahrscheinlichkeit von Szenarien zu schließen, ausgehend vom heute Erkennbaren. Auf Erfahrung als Validierungsinstrument will ich mich dabei nicht berufen, denn die hat schon Kant mit der Bemerkung in Frage gestellt, dass sie der Vernunft niemals völlig Genüge tue.

Wir, die wir uns hier zusammengefunden haben, werden uns wahrscheinlich 2020 nicht mehr so versammeln, ein großer Teil von uns, den Redner einschließend, wird Ruheständler sein und wird - trotz der großen Verlockung immer weiter zu praktizieren - vielleicht nur noch hobbyweise die kargen Altersbezüge aufbessern. Eine große Personenumwälzung in einer Profession mit einem Durchschnittsalter gegen Mitte fünfzig hat dann stattgefunden, und das geht so von der Praxis bis zu den Lehrstühlen in Klinischer Psychologie und Psychotherapie. Um die Profession herum gibt es zahlreiche Veränderungen. Die Gesellschaft hat stark zu schrumpfen begonnen (vgl. Kaufmann 2005) und hat sich eine Reihe neuer Probleme nach Jahren von heftigen Verteilungskämpfen zugezogen.

„Austerity-Politik“, unter dem Diktat der Haushaltsausgleich-Verpflichtung, als Selbstfesselung der Politik wird zwangsnotwendig zu einer Verschärfung von Tarifauseinandersetzungen führen. Solche Verschärfungen werden sicher keinen Beitrag zur Dämpfung der Prävalenzentwicklung bei psychischen Störungen liefern. Vielmehr werden Produktivitätsanstiege als Rezept gegen Profiteinbußen noch mehr Arbeitsverdichtung schaffen. Dagegen steht, was wir heute schon über den Zusammenhang von Arbeitswelt und Erkrankungen wissen. Rau u.a. (2010) haben erstmals klar zeigen können, dass Arbeitsstress Depressionen begünstigt. In der Gratifikationskrisentheorie von Siegrist haben wir ein brauchbares Erklärungsinstrument. Wenn wir die Befunde von Tsutsumi (2001) und von Xu (2009) betrachten, sehen wir, dass diese Probleme längst auch die Mitbewerber der Wirtschaftsmacht Deutschland auf dem Weltmarkt ereilt haben. Gesundheitsgefahren lauern in drei Arten der beruflichen Sphäre: in Arbeitslosigkeit (siehe TK Studie 2009), in prekärer Beschäftigung und in stabilen aber belastenden Beschäftigungsverhältnissen mit Arbeitsplatzverlusterwartungen. Schon 1998 konnte Pfeffer zeigen: Ökonomisch erfolgreiche Betriebe zeichnen sich vor allem durch Arbeitsplatzsicherheit, gezielte Personalbetreuung, dezentrale Entscheidungen, individuelle und leistungsgerechte Bezahlung, Schulung und Fortbildung, Abbau von Statusunterschieden und eine offene Informationspolitik aus.

Siegrist stellt (2009) die Forschungsbefunde zusammen, welche Strukturebenen in Betrieben salutogen wirken:

Leistungsgerechte Bezahlung, individuell zugeschnittene Dienstleistungen (Personalberatung, Kindergärten etc.), Bonussysteme, Honorierung der Betriebstreue, qualifikationsgerechte Aufstiegsmöglichkeiten und Arbeitsplatzsicherheit. 

Wieviele solcher Betriebe kennen Sie? Wohl eher wenige. Dabei wäre eine Veränderung in diese Richtung auch ökonomisch sinnvoll, denn diese Merkmale zeichnen ökonomisch erfolgreiche Betriebe aus! 

Wir werden 2020 weiter sein, und die Notwendigkeit der Reparatur beschädigter Arbeitskraft und der Mobilisierung von qualifizierten Arbeitskraftreserven werden den Trend zur Selektivität und zur Ausgrenzung in dieser Gesellschaft stoppen. Im Schulsystem wie in der Arbeitswelt kann nicht mehr „weggeworfen“ werden, ein kontinuierliches Menschen-Reintegrations-System muss in Gang kommen. Wir als Psychotherapeuten werden dabei wohl weiter gebraucht, wenngleich nicht klar ist, zu welchen ökonomischen Bedingungen. Den einen oder anderen Versuch der Etablierung von Discount-Psychotherapien werden Regierende, Kassen und Medizinkonzerne bis dahin noch unternommen haben.

Versuchen wir nun, Trends im Einzelnen nachzugehen:

An den Universitäten beobachten wir, während wir jetzt schon (2010) nahezu 100% der Lehrstühle mit Verhaltenstherapeuten besetzt sehen, einen Trend der Biologisierung der Psychologie. Es sind nicht nur Neuro-Forschungsgelder leichter zu mobilisieren, sondern es ist auch international mit maschinengestützter Grundlagenforschung mehr Ansehen zu gewinnen. Natürlich wird sich auch die grundlagenorientierte Klinische Psychologie ihre Anwendungsfelder nicht nehmen lassen, schon um keine Mittel an Gesundheitspsychologien, Rehaforschung, Versorgungsforschung, Public Health etc . zu verlieren. Die Anwendungen werden aber sehr von Zufälligkeiten und Forschungsmoden geprägt sein. Dagegen sind rein anwendungsbezogene und versorgungsbezogene Forschungen weniger interessant. Kernthemen der psychotherapeutischen Praxis werden 2020 weiterhin vernachlässigt: common factors, Beziehungsfaktoren, Prozessdynamik, Passung, „good moments“, change, integrative Ansätze, Drop-out, Verschlechterungen, entgleisende Therapiebeziehungen, Supervisionsprozesse, Selbsterfahrung und Ausbildung bleiben weiterhin außen vor. Die hellsten Köpfe der Profession vermeiden karriereschonend die drängenden Fragen der Profession.

Die Verfahrensverarmung an den Hochschulen schafft 2020 sicher auch in der Lehre gewisse Verödungen und transportiert Kenntnislosigkeit von Generation zu Generation, aber es gibt dagegen auch die Tendenz, dass in der Psychotherapie - von der Fallerfahrung angeleitet - das Rad immer wieder neu erfunden wird. Bevor wir also unsere Ängste vor der Verödung weiter pflegen, die von der Diskussion um die humanistischen Therapien angetrieben sind, sollten wir auf die integrativen Tendenzen sehen, die in Praxis und Ausbildung immer wieder vernachlässigte Faktoren nach oben spülen. Als Gedankenexperiment bitte ich Sie, sich daraufhin die so genannte dritte Welle der Verhaltenstherapie einmal genauer anzuschauen. Wenn Sie dann als analytischer Zuhörer zum Beispiel Freuds Worte über die gleichschwebende Aufmerksamkeit im Ohr haben, haben Sie ein bisschen Geduld mit den Achtsamkeitsautoren, die ihn wenig zitieren. Das Gleiche gilt für die awareness- und sensitivity-geeichten humanistischen Therapieverfahren (deren Name gleichwohl ein ständiges Ärgernis bleibt). Die Autoren haben etwas Altes neu entdeckt, es um wichtige Aspekte bereichert und so ist es nun in der Welt. Was ein psychoanalytisches Therapieprinzip, eine Therapeutenhaltung war, ist nun umfassende, quasianthropologische, Kategorie und universell handhabbare Therapietechnologie geworden und damit wieder dem nahe gekommen, was humanistische Therapeuten schon gut kennen.

Nun kann man munter darüber spekulieren, was dies für die zukünftige Psychotherapie-Ausbildung zur Folge haben wird. Die akademische Psychologie versucht das Unmögliche: To eat the cake and have it. Ohne ihre Studenten wird sie aber auch ihre Ausstattungen nicht behalten. Die Studierenden suchen die Psychotherapie, weniger die „EST- und RCT-Eologie“ (eine zugegeben läppische Polemik gegen die Ideologie der „Empirically Supported Treatment“- bzw. der „Randomised controlled Trial“-Versuchsplanung). Die universitäre Psychologie wird der Konkurrenz von Direktstudiengängen und von anwendungsorientierten Master-Studiengängen der Fachhochschulen schwer standhalten können, denn bessere Berufschancen außer in der Forschung kann sie schwerlich versprechen, und höhere Gehälter haben keine tarifliche Rechtfertigung. Höheren Status könnte die laufende Hochschulreform bis dahin weggefegt haben zugunsten von Premiumklasse-Unis versus Feld-Wald-Wiesen-Unis.

Direktstudiengänge als Patentlösung haben auch ein Manko. Holen wir uns dafür das gute Personal aus Instituten und Ausbildungseinrichtungen? Werden die Nebenamtler der Ausbildungseinrichtungen wirklich der akademischen Konkurrenz standhalten? Bekommen wir gute Köpfe aus der Psychologie heraus oder werden die Direkt-Studiengänge Psychotherapie letztlich Fachhochschulstudiengänge – mit allen Konsequenzen in der Heilhilfsberufsfrage? Wir sollten uns auf Verteilungskämpfe der besonderen Art einstellen. Die Lobbymacht der Wissenschaft ist hoch, die politische Sensibilität ist an psychologischen Instituten allerdings nur begrenzt vertreten. Fast hätte man den Bologna-Prozess verschlafen, und nun wird man in der Ausbildungsdiskussion zum PsychThG verspätet wach. Die Fachhochschulen mit ihrer anderen Verfahrensverteilung und ihrem alten, aus einem Minderwertigkeitskomplex entwickelten Sendungsbewusstsein pro Praxis waren hier früher am Start. Soweit sie sich allerdings jetzt für ihre alten Sozialpädagogikstudiengänge verkämpfen, werden sie wohl alle ihre Vorteile wieder einbüßen. Im Jahre 2020 werden wir einen einheitlichen Psychotherapeutenberuf mit Schwerpunkten haben. Wenn der Bachelor-Abschluss als Grundlage der Psychotherapie-Ausbildung dann nicht in den Archiven der Approbationsbehörden verschwunden ist, wenn die Wissenschaftsminister in dieser Sache also keine Ruhe geben, werden wir in die gleiche Situation geraten wie die anderen um Emanzipation und Akademisierung ringenden Heilberufe: Hebammen, Ergotherapeuten, Optiker und nicht zuletzt die Pflegeberufe. Unser Quasi-Ärzte-Privileg aus dem PsychThG wäre mit wenigen Handstrichen zu beseitigen.

Während in der universitären deutschen Psychologie immer noch das Bild der Klinischen Psychologie als angewandter Wissenschaft oder als Technologiesammlung gegenwärtig ist, hat dies in den humanistischen Disziplinen und in der Psychoanalyse noch nie jemand geglaubt. Es wurde immer die Erkenntnisdimension von Klinischer Psychologie und der Wert phänomenologischer Wissensgewinnung im Entstehungszusammenhang von Wissenschaft diskutiert, d.h. die direkte Erkenntnisgewinnung aus der klinischen Situation zu Grundfragen menschlicher Kommunikation, menschlicher Interaktion und menschlicher Bedürfnisse. Wo diese erkenntnistheoretischen Positionen - hie Entstehungszusammenhang, da Begründungszusammenhang - im Wahrheitsanspruch aufeinanderprallen, beruft sich die akademische Psychologie auf internationale Trends, auf ihr Up-to-date-Sein und ihre Mainstream-Qualitäten. Kritiker aus den eigenen Reihen werden überhört (Fahrenberg 2008). Und dabei wird übersehen, wie sehr in Deutschland dogmatisch als gültig eingeführt wird, was in den USA höchst strittig verhandelt wird. Das beste Beispiel ist derzeit die heftige Diskussion in den USA um Leitlinien, Manuale und den Wert von RCT-Studien und EST überhaupt. Auch in den USA weiß man sehr genau, dass die Fiktion des Researcher-Practitioners als Ausbildungsideal gescheitert ist. Es gibt ihn nur in Einzelexemplaren. Auch in den USA kennt man die vielen „metaphorical gaps“ (wie schon Breger u. McGaugh 1965!) zwischen Laborforschung und Praxis. Daraus hatten im akademischen Diskurs immer wieder Praktikerbeschimpfungen resultiert. Es wurde der Vorwurf erhoben, diese seien hinter dem Mond, abergläubisch und nicht wissenschaftlich-kritisch, und deshalb ließen sich wissenschaftliche Ergebnisse so schwer in der Praxis implementieren. Ich will gar nicht bestreiten, dass es Ignoranz in der Praxis gibt und dass Praktiker sich oft taub stellen, wenn Umlern-Anforderungen auf sie zukommen und dass sie manchmal wegdiskutieren wollen, wenn es Belege ihrer begrenzten Effizienz gibt. Nur der pauschale Vorwurf hat nicht getragen, die Kritik an der Anwendbarkeit der wissenschaftlichen Ergebnisse außerhalb von Instituten und Modellkliniken hat immer mehr Zulauf erhalten. In Deutschland sind wir noch nicht so weit.

Die APA (American Psychological Association) fordert nun eine Zweiwegkommunikation Forschung-Praxis. Ja, es wird die Frage gestellt, ob wir in Wahrheit nicht zwei Disziplinen betreiben. Die Task Force der APA Division 12 (Society for Clinical Psychology) hat diese Diskussion am scheinbar einfachsten Beispiel der CBT (Cognitive behavioral therapy) bei Panikstörungen virulent werden lassen. Täglich erscheinen Beiträge in verschiedenen mailing-Listen, mit denen Forscher von ihren Zweifeln an der Sinnhaftigkeit von Manualbehandlungen, selektiven Stichproben, nicht bewältigbarer Komorbidität, Ohnmacht erzeugenden Persönlichkeitsstörungen und undiskutierten Co-Einflüssen berichten. Im Rahmen der SEPI (Society for the Exploration of Psychotherapy Integration) sind solche Diskussionen seit zwei Jahrzehnten gang und gäbe. Während prominente amerikanische Forscher der verschiedensten Schulzugehörigkeiten und Verfahrensaffinitäten in der SEPI zahlreich vertreten sind, ist es im deutschsprachigen Raum nur ein aktiver Prominenter, nämlich Franz Caspar (Bern).

Ich nehme an, auch das wird sich bis 2020 ändern. Wir werden in Deutschland keine scholastischen Streitfragen mit Zurüstung für die Psychotherapie-Richtlinien mehr klären, sondern integrative Konzepte ernsthaft ins Kalkül ziehen.

Dass Psychotherapie gebraucht wird und dass sie Entscheidendes für die Versorgung der Bevölkerung leisten kann, steht weitgehend außer Zweifel. Die Gesundheitsökonomie hat gute Zahlen geliefert, was Psychotherapie leistet und wieviel Nicht-Psychotherapie kostet. Smith & Smith (2010) haben uns erst kürzlich vorgerechnet, welche massiven Poduktivitätsverluste nicht stattgefundene Behandlungen von kindlichen Störungen zur Folge haben. Überzeugt haben wir damit aber noch lange nicht. Einerseits spielen wissenschaftliche Beweise bei der Reputation in der Medizin nur eine begrenzte Rolle. Die meiste Medizin kommt bis heute ohne Evidenzbasierung aus, andererseits werden wir an Missständen gewertet, die wir nicht zu vertreten haben. TK und andere Kassen weisen immer wieder auf den steigenden Stand von Arbeitsunfähgkeit, Krankenhaustagen etc. aus psychischen Gründen hin, nicht ohne den leichten Seitenhieb, dass daran nichts besser geworden sei seit dem PsychThG. Ich meine, wir sollten ein bisschen abkommen von dem Argument, das Land brauche einfach noch mehr Psychotherapie. Wir haben in den von der TK und Anderen beklagten Zahlen eine gesellschaftliche Entwicklung vor uns, die wenigstens nicht beschleunigt werden sollte. Arbeitsverdichtung und Entwertung von Arbeit führen massenweise zu psychischem Elend, das von Motivationsverlust, innerer Kündigung, Burn-out-Syndrom, Depressionen und Suchtmittelmissbrauch gekennzeichnet ist. Das muss präventiv angegangen werden. Wie schon erwähnt, können wir den Weg der Wegwerfgesellschaft nicht klaglos weitergehen. Wir werden dann auch über das Verursachungsprinzip bei psychischen Störungen nachzudenken haben. Wenngleich uns die familiale Genese und die Bedeutung von Traumatisierungen und Bindungsstörungen immer bewusst ist, wissen wir doch heute sehr genau, dass die Häufung von psychischen Störungen nicht in steigender Diagnosegenauigkeit, Kodierradikalismus und „disease mongering“[2] aufgeht, sondern dass psychische Störungen immer mehr außerhalb des familialen Feldes in der Beziehungswelt Arbeit oder der Hartz IV-Welt entstehen. Es wird künftig gesellschaftlich unumgänglich sein, psychisch belastende Arbeitsplätze mit einer Präventionsabgabe zu belasten, damit Führungsstrukturen und Rahmenbedingungen von Arbeit humanisiert werden. 2020 kann die Globalisierung nicht länger als Vorwand für Härten und Dumping herhalten. Kommen Sie mir nicht mit China als alles überrollendem Land, sondern sehen Sie auf die Rasanz, mit der sich in China die Psychotherapie entwickelt. Betrachten Sie wieviel Gesichtsverlust Wanderarbeiter-Suizidepidemien gebracht haben, und schauen sie auf die Kunst. Letztere ist ein guter Indikator der psychischen Substrukturen einer Gesellschaft.

Wie schon gesagt: Reintegration ist die künftige Parole, und davor kommt die Verhinderung von Desintegration - und das weltweit.

Für Psychotherapeuten bleibt genug zu tun. Sie haben auch eine gesellschaftlich-kulturelle Aufgabe, denn die Psychiatrie kann zwar Antidiskriminierungskampagnen fahren, den sinkenden Grad von Diskriminierung von psychischen Erkrankungen dürfen sich allerdings die Psychotherapeuten und die Sozialpsychiater auf ihre Fahne schreiben.

Wir sind also weiterhin da im Jahre 2020, wo es ungefähr so viel Psychotherapeuten wie heute gibt.

Klinikbetten gibt es viel weniger, dafür mehr Zwischendinge, wo stationäre und ambulante Settings sich verzahnen: Tages- und nachtklinische Strukturen, Kriseninterventionshotels, betreute WGs, ambulant fortgesetzte Behandlung durch das Krankenhaus und poliklinische Strukturen.

Die Einzelpraxis ambulant ist nicht ausgestorben, sie ist aber ein - wohl gelittenes -Minderheitenmodell geworden.

Die meisten Psychotherapeuten arbeiten in multiprofessionellen Mehrpersonen-Zusammenhängen, teils in Mehrpsychotherapeuten-Praxen mit Assistenzberufen, teils in medizinischen Einrichtungen vom MVZ bis zur Poliklinik. Die Leitungsfrage ist ausdiskutiert, selbstverständlich gibt es psychotherapeutische Leiter/innen, wenn diese die Mangamentkompetenz und die Führungsqualitäten für die Leitung von solchen komplexen Unternehmungen haben.

Alle Psychotherapeuten haben Überweisungs- und Einweisungskompetenzen. Die größeren Polikliniken bzw. MVZs nehmen die sozialrechtlich relevanten Dinge wie Krankschreibung vor. Eine direkte Verbindung mit den MDKs besteht. In Rentenfragen, bei forensischen Fragen etc. kann jeder Psychotherapeut Stellung nehmen. Gutachtliche Tätigkeit verlangt nachgewiesene Spezialqualifikationen.

Nachdem einige Psychotherapeuten Verschreibungskompetenzen (für Psychopharmaka) erworben haben, hat dieses Geschäft Nachwuchssorgen. Psychiatrische Krankenschwestern haben erweiterte Kompetenzen, u.a. die Verschreibungskompetenz, und werden für MVZs und Polikliniken in der Flächenversorgung tätig.

Psychotherapeuten haben sich spezialisiert und kooperieren mit verschiedenen Professionen. Sie sind u.a. als Psychoedukations-Spezialisten und als Supervisoren tätig.

Die Privatisierungstendenzen werden nicht mehr forciert. Öffentlich-rechtliche, gemeinnützige und genossenschaftliche Formen dominieren Krankenhäuser, Polikliniken, MVZs und Praxisassoziationen. Unter Versorgungsgesichtspunkten ist der Versorgungsrahmen gesetzlich abgesteckt. Lohnrahmenrichtlinien und Qualitätsanforderungen verhindern Lohndumping und Personalausdünnung. Die Profitmöglichkeiten sind begrenzt, weshalb Rosinenpickerei und Abweisung von Patient/inn/en mit schwierigen Krankheitsbildern aussterben. Ein Qualitätswettbewerb ist überall im Gange und führt zu patientenfreundlichen Strukturen, zu Transparenz aber auch teilweise peinlichen Blüten der Selbstdarstellung, die auf Patientenbewertungsseiten gnadenlos zerpflückt werden.

Die elektronische Gesundheitskarte ist da, man streitet aber immer noch über ihre Funktionen. Das Gesundheitswesen gilt immer noch als Reformruine, die auf eine Serie weiterer Kostenanstiegsdämpfungsgesetze zurückblickt. Realistischerweise haben wir dann eine 400 Mrd. Euro-Maschine vor uns – mit  wenig veränderten Tortenstück-Relationen.

Die KV ist, geschwächt durch die zunehmende Anzahl von Selektivverträgen, mehr oder minder zur Abrechnungsstelle bzw. einem Dienstleister für Anbieterkonsortien herabgesunken, die Versorgung wird in regionalen Versorgungskonferenzen von Anbietern, Kommunen und Kassen geplant.

Es kann natürlich auch ganz anders kommen. Ich gebe einige Beispiele: Die Ausbildung wird bachelorisiert, Psychotherapie wird Heilhilfsberuf unter ärztlichem Primat. Die Privatisierung schreitet voran. Selbstbeteiligungen dämpfen die Psychotherapienachfrage. Psychotherapie wird in der Kassenfinanzierung auf Schwerkranke eingegrenzt. Psychiater stellen die Indikationen. Psychoanalytische Therapie wird aus der gesetzlichen Finanzierung herausgenommen. Aus Bedarfsgründen werden Sozialarbeiter, nicht mehr arbeitsfähige Pfleger etc. zu kognitiven Verhaltens-Kotherapeuten umgeschult. Die Reha-Kliniken schließen ihre psychosomatischen Abteilungen. Die Psychologie macht nur noch Grundlagenforschung. Traumaforschung ist Privileg der Bundeswehr und läuft geheim.

Selbst wenn nur Teile davon einträfen, werden Ihnen jetzt die Haare zu Berge stehen. Deshalb möchte ich doch noch etwas anführen, was Horrorszenarien im Wege steht. Analysieren wir genau die Grundlagen solcher Entwicklungen, stoßen wir immer wieder auf Mythen der Gesundheitspolitik/ des Gesundheitswesens, die wir argumentativ bekämpfen müssen, damit sie nicht wirksam werden. Vor allem sollten wir nicht selbst daran glauben. Diese Mythen haben bereits die Brecht’sche Wendung vollzogen, nach der sich Dummheit unsichtbar macht, indem sie unheimlich große Ausmaße annimmt. Wir als berufliche Entmystifizierer sollten nicht auf Mythen hereinfallen, nur weil viele Mietmäuler sie nachplappern. Aus empirischen Gründen müssen deshalb die folgenden Richtigstellungen angegangen werden: 

  • Es gibt keine Kostenexplosion.  
  • Es gibt Verteilungsprobleme, die nicht mit Innovation, sondern mit Gier zu tun haben.
  • Es gibt keine automatische Morbiditätssteigerung durch Überalterung.
  • Angebot forciert Nachfrage nur sehr begrenzt.
  • „Free Rider“, d.h. Schnäppchenjagd, Überfressen an der psychotherapeutischen Smörrebröd-Theke, Therapie aus Jux, weil sie umsonst ist, gibt es kaum, denn Therapien sind belastend. Die geschätzen Partner bei den Krankenkassen kommen so billig, mit dem „Angebot-forciert-Nachfrage-Mythos“, aus der Mangelversorgungsdebatte nicht heraus.

Wenn wir beharrlich bleiben wie bisher, unsere internen Differenzen als relative erkennen, auf unsere Patienten hören und die Psychotherapie-Profession gemeinsam vertreten, sollte uns nicht bange sein.

Angesichts dessen und mit gut aufgestellten Verbänden sowie weiterhin aktiven und sehr erfolgreichen Kammern können wir dem Jahr 2020 am Ende doch ganz entspannt entgegengehen.

Anschrift des Autors:

Dr Lothar Wittmann 

Medemstr. 7 

21762 Otterndorf

 

Zur Person:

geb. 1948, in Praxisgemeinschaft niedergelassener Verhaltenstherapeut im Nordseebad Otterndorf, PP und KJP, Supervisor, Lehrbeauftragter Uni Hildesheim. Bis 2010 Präsident der Psychotherapeutenkammer Niedersachsen. Davor wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Marburg und Zürich, Beratungsstellenleiter an der Universität Hamburg. Verheiratet mit einer Kollegin, drei Kinder.

 

Literatur:

Breger, L. & McGaugh, J.L. A critique and reformulation of „learning theory“ approaches. Psychological Bulletin 1965, 63, 338-358

Fahrenberg, J. Die Wissenschaftskonzeption der Psychologie bei Kant und Wundt. E-Journal Philosophie der Psychologie. Nr. 10 März 2008 (download www.Jochen-Fahrenberg.de)

Kaufmann, F.-X. Schrumpfende Gesellschaft. Vom Bevölkerungsrückgang und seinen Folgen. Frankfurt: Suhrkamp  2005

Pfeffer, J.  The human equation: Building profits by putting people first. Boston: Harvard Bussiness School Press 1998

Siegrist, J. Soziale Krisen und Gesundheit. Göttingen: Hogrefe  1996

Siegrist. J. Anerkennung und Gesundheit - Medizinsoziologische Begründung eines salutogenen Ansatzes. Ludwig Boltzmann Institute. Health Promotion Research 28.10.2009

Smith, J. P. & Smith, G.C. Long-term economic costs of psychological problems during childhood. Social Science & Medicine 71 (1), 2010, 110-115 DOI:10.1016/j.socscimed.2010.02.046

Tsutsumi, A., Kayaba, K. Theorell, T. & Siegrist, J. Association between job stress and depression among Japanese employees threatened by job loss in a comparison between two complementary job-stress models. Scandinavian Journal of Work, Environment & Health 2001, 27, 146-153

Xu, W., Zhao, Y., Guo, L., Guo, Y. & Gao, W. Job stress and coronary heart disease: a case-control study using a Chinese population. Journal of Occupational Health 2009, 51, 107-113



[1]Vortrag anlässlich der Tagung „Psychotherapie in Zeiten des Wandels – Zwischen Erwartungen und Möglichkeiten“ anlässlich des 10-jährigen Bestehens der Psychotherapeutenkammer Bremen am 29.10.2010 in Bremen

[2] disease mongering: Das Erfinden von neuen Krankheiten

 

 


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