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EABCT-Kongress 2010 in Mailand


Der Kongress der European Association of Behavioural and Cognitive Therapies (EABCT) fand vom 7. bis 10. Oktober 2010 unter dem Motto „Links“ (Verbindungen) in Mailand statt. Er hatte sich zum Ziel gesetzt, unterschiedliche therapeutische Ansätze, aber auch wissenschaftliche und klinische Konzepte zusammenzufügen.

Dementsprechend stellte Isaac Marks in seiner Eröffnungsvorlesung ein Projekt vor, das die Klassifizierung verschiedener psychotherapeutischer Ansätze verfolgt und diese ganz pragmatisch unter Verzicht auf theoretische Hintergründe verschiedener Verfahren vermitteln möchte. Marks und seine Arbeitsgruppe befassen sich damit, eine verbindende Kommunikationsstruktur unter Therapeuten bezüglich der von ihnen angewandten Therapiemethoden zu schaffen. Sie stellen kurze Anleitungen verschiedenster therapeutischer Interventionen gruppiert im Internet unter „www.commonlanguagepsychotherapy.org“ bereit. An der Sammlung der Verfahren darf sich jede/r beteiligen. Nach einer Prüfung der Arbeitsgruppe werden die eingeschickten Anleitungen auf der Website veröffentlicht.

In über 60 Symposien stellten die Arbeitsgruppen ihre Untersuchungen vor. Bedauerlicherweise konnten die zahlreich erschienenen italienischen Kollegen aufgrund mangelnder Englischkenntnisse kaum zu Diskussionen beitragen. Umgekehrt wurden einige interessante Veranstaltungen ohne Übersetzung ausschließlich in Italienisch angeboten. Dies verwundert etwas bei einem internationalen Kongress.

Der Fülle an Veranstaltungen können wir in dieser Kurzdarstellung natürlich kaum gerecht werden. Im Folgenden soll deshalb nur ein kleiner Einblick gegeben werden, wobei wir uns auf die Beiträge beschränken, die uns persönlich am wichtigsten erschienen.

Inhaltlich galt im Rahmen des Kongresses den Zwangserkrankungen sowie der Früherkennung und Behandlung von Psychosen große Aufmerksamkeit. So richtete auch Judith Beck einen Gruß von ihrem Vater aus, der sich aktuell mit der Behandlung von Psychosen befasst. Judith Beck selbst plädierte in ihrem Vortrag zur Behandlung von Persönlichkeitsstörungen anhand kognitiver Verhaltenstherapie dafür, emotionszentrierte Verfahren mit denen kognitiver Verhaltenstherapie zu verbinden. Sie beschrieb, wie dysfunktionale Grundüberzeugungen emotionale Reaktionen des Patienten auf den Therapeuten provozieren können, die den Therapieverlauf behindern können. Sie verdeutlichte, dass auch scheinbar unverständliche Reaktionen des Patienten immer Sinn machten. Dieser ergebe sich oft aus den zugrunde liegenden dysfunktionalen Überzeugungen, die es anhand der Reaktionen des Patienten aufzuschlüsseln gelte.

Das kognitive Modell zur Genese von Persönlichkeitsstörungen begreife diese als über- und unterentwickelte Interaktionsstrategien, die einerseits aus prädisponierenden Faktoren und andererseits aus Kindheitserfahrungen entstehen, die wiederum zu spezifischen Grundüberzeugungen führen. In der Therapie gelte es, dem Patienten zu helfen, diese Strategien zu adaptieren. Therapeuten sollten die Patienten (indirekt), u. a. durch Erfolgserlebnisse, herausfinden lassen, dass ihre Grundannahmen nicht stimmen. Beck stellte ein Modell der mentalen Struktur eines Patienten vor, in dem angenommen wird, dass Informationen verzerrt (passend zu den eigenen Grundüberzeugungen) eingegliedert werden. In der Praxis habe es sich als wirksam erwiesen, intellektuelle und emotionale oder alte und neue Anteile des Patienten miteinander sprechen zu lassen, Metaphern und Verhaltensexperimente zu verwenden.

Paul Gilbert stellte seinen Ansatz der mitgefühlsfokussierten Therapie (compassion focused therapy) vor: Diese geht von einer kognitiv-emotionalen Diskrepanz aus, die zu Störungen führen kann. Er bettete seinen Ansatz neurobiologisch ein, indem er die Teilung des menschlichen Gehirns in einen alten und in einen neuen Teil hervorhob. Der alte sei dafür geschaffen, Emotionen zu produzieren, wohingegen der neue u.a. Selbstbewusstsein, aber auch Sorgen und Grübeleien verursache. Darüber hinaus gebe es eine archetypische Funktion des Gehirns, auf Mitgefühl zu reagieren. Diese beeinflusse entscheidend das von Gilbert vorgestellte System der Affektregulierung, bestehend aus Antrieb, Bedrohung und Beruhigung. Insbesondere das Beruhigungssystem könne durch Mitgefühl angesprochen werden und müsse in der Kindheit ausgebildet werden. Sollte dies nicht geschehen sein, könne es zu Störungen kommen.

In der mitgefühlsfokussierten Therapie gehe es vor allem darum, alternative Gedanken durch Mitgefühl zu vermitteln. Außerdem sei es wichtig, das Beruhigungssystem durch Imagination anzusprechen, denn Imaginationen von Sicherheit und Beruhigung schulten diese Hirnfunktion in gleichem Maße wie tatsächliche Erfahrungen von Sicherheit. Das Sicherheitssystem solle die Funktion übernehmen, wahrgenommene Bedrohungen lindern zu können. Gilbert empfiehlt Psychoedukation zu den Hirnfunktionen kombiniert mit mitgefühlsfokussierten Methoden. Letztere beinhalten die Imagination mitgefühlsorientierter Gedanken. Sein Programm sei an einer Stichprobe unterschiedlicher Störungen erfolgreich gewesen, betonte er.

Einen ähnlich emotionsfokussierten Ansatz umwarb Robert Leahy: Es sei in der Behandlung von Patienten wichtig, emotionale Schemata zu aktivieren und den Ausdruck bzw. das Empfinden von Emotionen zu “normalisieren“. Dies könne vor allem durch Validierung, Akzeptanz und Ausdruck von Gefühlen geschehen. Zur Aktivierung emotionaler Schemata empfiehlt Leahy bewegende Metaphern.

Paul Salkovskis beschrieb, dass Hypochondrie-Patienten 50-mal häufiger als erwartet aufgrund von Suizid oder Herzattacken sterben. Todesursache sei damit nicht die Krankheit, sondern die Gesundheitsangst selbst. Er zeigte anhand seiner Untersuchungen, dass hier eine Kombination aus Stress-Management und kognitiver Verhaltenstherapie gute Erfolge erziele, die besser als psychodynamische Verfahren wirke.

Tom Borkovec präsentierte in einer abschließenden Keynote seinen „therapeutischen Lebenslauf“, der noch in den 60er Jahren dadurch geprägt war, dass Zwangserkrankungen und Panikstörungen als nicht behandelbar galten. Er beschrieb anschaulich die Fortschritte verhaltenstherapeutischer Verfahren. Eine Untersuchung habe ergeben, dass sich beim Menschen mit zunehmendem Wissen die Bewusstheit des Unerfahrbaren um das x-Fache potenziert. Damit stiegen mit einem Wissenszuwachs immer auch Sorgen um ein Vielfaches an.

Insofern sei es absolut zwecklos, sich um Künftiges oder Vergangenes zu sorgen. Ersteres sei einfach nicht vorhersehbar und Letzteres endgültig unveränderbar. Auch er hob die Ergänzung behavioraler Methoden durch emotionszentrierte und interpersonelle Verfahren hervor. In der Gegenwart hätten sich z.B. Computerprogramme bei der Behandlung von Angststörungen bewährt, in denen Patienten lernen könnten, ihre Aufmerksamkeit auf versichernde, gute Anteile von Szenen zu richten.

Abschließend stellte Borkovec eine Theorie zur Funktion von Überzeugungen vor: Diese seien ursprünglich nützlich gewesen, um Stämme zusammenzuhalten. Als andere Stämme bekannt geworden seien, hätten sich erstmals Zweifel an Überzeugungen etabliert, die zu Selbstbewusstsein geführt und kriegerischen Auseinandersetzungen Vorschub geleistet hätten. Borkovec mutmaßt, dass es im Zuge der Globalisierung und permanenten Wissensvermehrung über das Internet zu immer mehr Spaltung zwischen den Menschen und in der Folge auch häufiger zu Kriegen kommen könnte.

Gemeinsam ist den dargestellten Beiträgen die Botschaft, dass sich die Fähigkeit des Menschen, höhere kognitive Funktionen zu nutzen, evolutionär nicht mehr unbedingt als Vorteil erweist. Innerhalb therapeutischer Verfahren sei es nützlich, sich mehr auf Emotionen zu konzentrieren, um Sinnhaftigkeit herzustellen.

Insbesondere für uns als Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) war der Austausch mit Ausbildungsteilnehmern aus anderen Ländern während des Kongresses sehr interessant: Auch im Ausland scheint die Ausbildung zum Psychotherapeuten ein steiniger Weg zu sein: Die Kollegen leiden unter ähnlichen Phänomenen wie unentgeltliche Praktika, hohe Ausbildungskosten und hoher Zeitsaufwand. Andererseits scheint die Arbeit als selbständiger Psychotherapeut in den Ländern sehr unterschiedlich geregelt zu sein. So gibt es beispielsweise vielerorts keine Gutachterverfahren, dafür aber auch weniger abrechenbare Leistungen (z.B. Stundenumfang).

Außerordentlich gelungen war fraglos das kulturelle Rahmenprogramm des Kongresses. So gaben Musiker/innen internationaler Herkunft mit dem Vortrag berühmter italienischer Opernarien bereits bei der Opening Ceremony einen Ausblick auf das erstklassige Chorkonzert, das am Freitagabend in der Klosterkirche Santa Maria delle Grazie stattfand. Hier waren dieselben Sänger als Solisten in Rossinis „Petite Messe solennelle“ zu hören. Für die Teilnehmer/innen des Kongresses war der Eintritt frei ebenso wie der Bus-Shuttle vom Kongress-Hotel zum Aufführungsort. Auch das Conference Dinner, das in den imposanten Räumlichkeiten des Mailänder Design-Museums (Triennale di Milano) stattfand, ließ keine Wünsche offen und schaffte eine großartige Atmosphäre für ungezwungenen fachlichen und privaten Austausch zwischen Wissenschaftlern und Psychotherapeuten aus aller Welt. Am Ende wurde sogar getanzt!

Das Kongress-Hotel, wenngleich relativ dezentral und mit öffentlichem Nahverkehr nur schlecht zu erreichen, war erfreulicherweise groß genug, um sämtliche Veranstaltungen zu beherbergen und bot mit bequemen Sitzecken und Nischen viel Raum für spontanes Kennenlernen und Diskussionen.

Annegret Conrad und Daniel Bergmann

 


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