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„Guter und gesunder Kindergarten“ – BVPG-Status-Konferenz bestätigt Bedeutung des Settingansatzes und zeigt Weiterentwicklungsbedarf auf


30.11.2010 Gesundheitsförderung ist integraler Bestandteil des Erziehungsauftrags und keine Zusatzaufgabe von Kindertagesstätten, so die einhellige Meinung aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Statuskonferenz „Guter und gesunder Kindergarten“. Zum dritten Mal lud die Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG) in diesem Jahr ihre Mitgliedsorganisationen zum Erfahrungsaustausch ein. Kernfragen der „Kita-Konferenz“: Mit welchen Maßnahmen kann gesundes Verhalten in den Kindergarten-Alltag integriert werden und wie können dort gesunde Verhältnisse geschaffen werden?

„Keep it simple!“ – das sollte für alle Bemühungen um einen „Guten und gesunden Kindergarten“ gelten. Das fängt bereits bei der sprachlichen Aufbereitung von Programm-Materialien an, ist aber auch für die gesamte Konzeption des gesundheitsfördernden Setting maßgebend. Die Konzentration z.B. auf nur wenige wesentliche Aufgaben und Themenfelder beugt einer Überforderung des Kindergartenpersonals und damit letztlich auch der Kinder vor - das belegen Erfahrungen aus der Praxis.

Als wichtigste Ergebnisse dieser BVPG-Statuskonferenz lassen sich die folgenden Punkte anführen:

1.      Der Settingansatz ist nach wie vor der Hebel, mit dem wirkungsvoll und nachhaltig auf die Gesundheit von Kindern, Eltern und des Kita-Personals gleichermaßen Einfluss genommen werden kann.

2.      Bildungschancen sind abhängig von Gesundheitschancen - Gesundheitsförderung muss deshalb als selbstverständlicher Teil des Erziehungs- und Bildungsauftrages und nicht als Zusatzaufgabe in den Kindertagesstätten verankert werden.

3.      Die Kindertageseinrichtungen brauchen eine strukturierte und ggfs. längerfristige Unterstützung bei ihrer Entwicklung zum „Guten und gesunden Kindergarten“. Dies kann durch Handlungsleitfäden, Audits oder Koordinierungsstellen geleistet werden. Wichtig hierbei ist, dass die Unterstützungsangebote den Kitas auch problemlos zugänglich sind und dass Möglichkeiten zum Erfahrungsaustausch der Praktiker/innen untereinander geschaffen werden.

4.      Die Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten zwischen Bund, Ländern, Kommunen und privaten Trägern beim Thema „Gesundheit“ im Handlungsfeld Kindertagesstätten müssen deutlicher sichtbar werden.

5.      Das Personal in Kindertageseinrichtungen darf durch Gesundheitsförderungs-Konzepte nicht überfordert werden. Daher muss eine Konzentration auf wenige, nur wesentliche Aspekte stattfinden. Ebenso ist die Mitarbeiterinnen- und Mitarbeiter-Gesundheit selbst ein grundlegender Bestandteil des „Guten und gesunden Kindergartens“.

6.      Das Konzept des „Guten und gesunden Kindergartens“ ist nur wirkungsvoll, wenn es auf Nachhaltigkeit angelegt wird.

7.      Die Praxis des „Guten und gesunden Kindergartens“ bedarf stärker als bisher einer systematischen und der Situation angemessenen Evaluation. Erfolgs- und Wirksamkeitsmessungen von Konzepten und Maßnahmen sind notwendig, um Weiterentwicklungspotentiale zu sondieren. Von der Forschung wird u.a. erwartet, dass zukünftig mehr Aufschluss über die relevanten Faktoren für den Zusammenhang von Gesundheit und Bildung erlangt werden kann.

Die Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG) hatte ihre 130 Mitgliedsorganisationen am 24. November 2010 in den Räumen des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) zum Erfahrungsaustausch eingeladen. Fast 40 Vertreterinnen und Vertreter von Wohlfahrtsverbänden, Wissenschaft, Fach- und Berufsverbänden, der gesetzlichen Sozialversicherung sowie Praktikerinnen und Praktiker der Landesvereinigungen für Prävention und Gesundheitsförderung bestätigten durch ihre Teilnahme die besondere Bedeutung der Kindertageseinrichtungen für ihre Arbeit.

In seinem Einleitungsvortrag gab Matthias Ritter-Engel vom Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt einen Überblick über die aktuellen Strukturdaten und den derzeitigen Stand der gesetzlichen Regelungen in Deutschland, aber auch über die gegenwärtigen allgemeinen Herausforderungen und Probleme in der Kinderbetreuung. Er appellierte insbesondere daran, die Qualität der Ausbildung des Kita-Personals zu vereinheitlichen und der Abwanderung der Fachkräfte in andere Branchen entgegenzuwirken. Eine Möglichkeit der Personalbindung biete dabei die Gesundheitsförderung der Angestellten selbst.

Thomas Altgeld, Vorstandsmitglied der BVPG und Geschäftsführer der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V., skizzierte zunächst die eher schwierigen Ausgangsbedingungen und die Besonderheiten bei der Entwicklung des Settings „Gesundheitsfördernde Kita“ in Deutschland und stellte sodann die wesentlichen Elemente dieser Entwicklungsaufgabe vor: Analyse der Ausgangsbedingungen, Prozesssteuerung, Zielgruppenansprache und -beteiligung. In seinem Ausblick ging Herr Altgeld u.a. auf die Ergebnisse des 13. Kinder- und Jugendberichtes der Bundesregierung und auf die soeben aktualisierten zehn „Nationalen Gesundheitsziele für das Kindesalter“ ein.

Unterstützungsmöglichkeiten für die Konzeption eines „Guten und gesunden Kindergartens“ gibt es zahlreiche. Darauf machten Vorträge zu Handlungsleitfäden der Landesvereinigungen für Gesundheit in Niedersachsen und Hamburg (Petra Büchter/Thomas Bunsmann) sowie Präsentationen zu Bundesland übergreifenden Audits (Susanne Borchert/Petra Prill) und der Koordinierungsstellenarbeit beim Jugendamt Berlin (Ute Wenzlaff-Zwick) aufmerksam. Erfahrungsberichte von Kita-Leitungen zu diesen Unterstützungsangeboten zeigten beispielhaft auf, wie diese Anleitungen und Hilfen vor Ort aufgenommen und umgesetzt wurden; sie vermittelten zugleich, dass auch weiterhin ein großer Bedarf an konkreten, praxisnahen Informationen und eine hohe Bereitschaft zur Umsetzung eines „gesunden Kindergartens“ bestehen.

Neben diesen am gesamten Setting orientierten Ansätzen boten Beiträge zu Einzelmaßnahmen der Lärm- und Unfallprävention sowie zum Essverhalten einen Einblick in weitere Möglichkeiten, Gesundheitskompetenz zu vermitteln und zur Umsetzung einer gesunden Lebenswelt insgesamt beizutragen.

Mit der Vorstellung der Informationsbroschüre „Lärmprävention in Kindertageseinrichtungen“ problematisierte Uwe Hellhammer von der Unfallkasse NRW beispielsweise die Auswirkungen von Lärm sowohl auf das Stresslevel aller Beteiligten als auch speziell auf die Lernentwicklung der Kinder und zeigte auf, welche Problemlösungsmöglichkeiten hierzu bestehen.

Bettina Fierek, Fachärztin von MUT – Gesellschaft für Gesundheit mbH, verdeutlichte, dass bereits kleine Veränderungen im Unfallbewusstsein der Kinder zu einer deutlichen Reduzierung von Unfällen führen.

Das Projekt „Leibeslust – Lebenslust“ zur Prävention von Essstörungen wurde von Sabine Hoffmann- Steuernagel von der Landesvereinigung für Gesundheitsförderung e.V. in Schleswig-Holstein vorgestellt. Ein Schwerpunkt der Maßnahme ist die Ausbildung der kindlichen Entscheidungskompetenz in Bezug auf ihr Essverhalten.

Im Abschlussvortrag der Konferenz erläuterte Professor Peter Paulus von der Leuphana Universität Lüneburg sein Programm “K!GG“ des „Integrierten Gesundheitsmanagements“. Gesundheitsförderung sieht er als Prozess der Organisationsentwicklung von Kindertagesstätten.

 

Redaktionshinweise:

Die Statuskonferenzen der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG) richten sich in erster Linie an die 130 BVPG-Mitgliedsorganisationen – darunter vor allem Bundesverbände des Gesundheitswesens (wie z.B. die Bundesärztekammer, die Spitzenverbände der Sozialversicherungsträger sowie Verbände der Heil- und Hilfsberufe), aber auch Sozial- und Wohlfahrtsverbände, Bildungseinrichtungen und Akademien, die einen Arbeitsschwerpunkt im Bereich „Prävention und Gesundheitsförderung“ aufweisen – und weitere Kooperationspartner. Ziel ist es, die Umsetzung von Präventions- und Gesundheitsförderungszielen durch fachlichen Austausch zu fördern und ein gemeinsames Vorgehen zu ermöglichen.

Die Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG) mit Geschäftsstelle in Bonn wurde 1954 gegründet und ist ein gemeinnütziger, politisch und konfessionell unabhängiger Verband. Als 'Brückeninstanz' zwischen den Kooperationspartnern aus Praxis, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik stehen die Vernetzung der jeweils kompetenten und zuständigen Partnerorganisationen, die Bündelung von Ressourcen, das Erreichen von Synergien und die langfristige oder dauerhafte Verfestigung der dadurch entstehenden Plattformen oder Aktionsbündnisse an der ersten Stelle.

Kontakt:

Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG)
Felix Lüken
Heilsbachstraße 30
53123 Bonn
fl@bvpraevention.de


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