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Aktuelle Studie zur Versorgungssituation

Prof. Wasem von der Universität Duisburg-Essen hat im Auftrag der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung eine Befragung von niedergelassenen PsychotherapeutInnen durchgeführt.


Am 14. Februar 2011 wurden auf einer Pressekonferenz der DPtV (Deutsche PsychotherapeutenVereinigung) und auf der Homepage der BPtK (Bundespsychotherapeutenkammer) erstmals Ergebnisse einer Befragung von niedergelassenen PsychotherapeutInnen vorgestellt, die Aufschlüsse über die psychotherapeutischen Versorgungssituation in Deutschland liefern sollten.

Die Studie war von der DPtV beim Stiftungslehrstuhl für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen (Prof. Dr. Jürgen Wasem) in Auftrag gegeben worden und umfasst eine Mitgliederbefragung im Zeitraum von Januar bis März 2010 mittels eines schriftlichen Fragebogens. Insgesamt nahmen 2497 Psychotherapeuten an der Befragung teil (Rücklaufquote 33%) und beantworteten Fragen zu ihrem Behandlerstatus und zu ihrer Qualifikationen, zu den behandelten Patienten, den Wartezeiten und zu Umfang und Dichte der Behandlungen.

Die Stichprobe stellt kein repräsentatives Abbild der niedergelassenen PsychotherapeutInnen dar. Ärztliche PsychotherapeutInnen sind nicht vertreten, KJP unterrepräsentiert, während VerhaltenstherapeutInnen und PP mit Doppelapprobation PP/KJP gegenüber dem Bundesdurchschnitt überrepräsentiert sind. Entsprechend dem Mitgliederspektrum der DPtV sind in der Befragung schwerpunktmäßig VerhaltenstherapeutInnen (62%), deutlich seltener TiefenpsychologInnnen (31%) und am geringsten PsychoanalytikerInnen (4%) vertreten. Das Durchschnittsalter der mehrheitlich weiblichen (71%) PsychotherapeutInnen liegt bei 52 Jahren. Vertreten waren schwerpunktmäßig PP (74%) und PP mit Doppelapprobation PP/KJP (22%), die überwiegend in den westlichen KVen (88%) in Einzel- (62%) oder Praxisgemeinschaften (32%) arbeiten.

Da der Informationsstand über im Rahmen der Richtlinienpsychotherapie erbrachte Leistungen insgesamt ausgesprochen defizitär ist und die gesetzlichen Krankenkassen kaum Analysen zur Versorgungssituation publizieren, ist eine solche Erhebung wertvoll und weist eine Vielzahl spannender, z.T. allerdings bereits bekannter Sachverhalte zur ambulanten psychotherapeutischen Versorgung mit Richtlinienpsychotherapie aus.

So bestätigt die Befragung der DPtV-Mitglieder substantielle Wartezeiten vor einer psychotherapeutischen Versorgung. Nur knapp 3% der Befragten geben an, unmittelbar einen Therapieplatz anbieten zu können. Die Hälfte (52%) der Befragten gaben an, Patienten nur über eine Warteliste aufzunehmen, die Wartezeit für einen Therapieplatz liegt in der vorliegenden Stichprobe bei durchschnittlich 2 ½ Monaten. Psychoanalytiker und Tiefenpsychologen nehmen anfragende Patienten deutlich seltener auf eine Warteliste auf, weisen sie ab oder verweisen auf eine Therapieplatzauskunft z.B. bei der KV.

VerhaltenstherapeutInnen führen am häufigsten eine Warteliste (58%) und nennen mit drei Monaten die längsten Wartezeiten. In Großstädten und ländlichen Regionen ist die Versorgungssituation diesen Daten zufolge mit durchschnittlich 62 bzw. 69 Tagen Wartezeit besser gegenüber Kleinstädten (104 Tage) und mittelgroßen Städten (96 Tage).

Junge Patienten unter 21 und ältere Patienten über 60 sowie gering qualifizierte Patienten sind in psychotherapeutischer Behandlung unterrepräsentiert. Tiefenpsychologisch und noch deutlicher psychoanalytisch arbeitende KollegInnen behandeln anteilig häufiger Patienten mit höheren Bildungsabschlüssen. Bei ihnen findet im Rahmen der probatorischen Sitzungen auch eine stärkere Selektion von Patienten statt, mit 16% nennen sie die höchsten Anteile von Patienten, bei denen die Behandlung nach den probatorischen Sitzungen endet.

Jeder vierte Patient geht inzwischen direkt und aus eigenem Entschluss zu einem Psychotherapeuten. Noch einmal 15 Prozent kommen aufgrund einer Empfehlung von Freunden und Bekannten. Nur jeder Zweite kommt aufgrund einer Überweisung eines Arztes in psychotherapeutische Behandlung.

PsychoanalytikerInnen führen mit durchschnittlich 106 Stunden über einen Zeitraum von 26 Monaten die längsten Therapien durch, TiefenpsychologInnen (54 Stunden über 22 Monaten) und noch mehr VerhaltenstherapeutInnen (39 Stunden über 19 Monate) liegen deutlich darunter. In der Regel (in knapp 90% der Fälle) wird das beantragte Stundenkontingent jeweils ausgeschöpft. Leider sind keine Daten verfügbar, bei wie vielen Prozent der Patienten das Höchstmaß an bewilligbaren Stunden ausgeschöpft wird. Alle PsychotherapeutInnen, auch PsychoanalytikerInnen mit ihren deutlich höheren Stundenkontingenten, geben auch bei Ausschöpfung der Höchstgrenzen an, dass bei 44% ihrer Patienten das Höchstkontingent an bewilligten Stunden nicht ausreichend gewesen sei.

Bei durchschnittlich 10,7 Arbeitswochen im Quartal bieten die PsychotherapeutInnen 24,5 Behandlungsstunden pro Woche an, männliche Kollegen arbeiten mit 28 Wochenstunden etwas mehr als weibliche Kolleginnen mit 23 Wochenstunden.

Daneben erbringen PsychotherapeutInnen aber auch häufiger andere Leistungen. 27,5% der befragten PsychotherapeutInnen nennen Nebentätigkeiten, vor allem Supervision (16%), Dozententätigkeit (14%) sowie Beratungs- und Coaching-Angebote (8%).Leistungen im Rahmen von sog. Selektivverträgen (§ 73 c SGB V oder § 140a SGB V) spielen allerdings nur eine untergeordnete Rolle, lediglich 5% der Befragten nennen hier eine entsprechende Beteiligung, lediglich bei den Verträgen zur Integrierten Versorgung erreicht die Versorgung hier aber auch substantielle Umsatzanteile der Praxis.

Sollen den hier vorgestellten Daten aber Hinweise für eine bessere Versorgungsplanung im Hinblick auf ambulante Psychotherapie entnommen werden, sind doch einige beschränkende Aspekte zu beachten.

Die Versorgungsplanung der Kassenärztlichen Vereinigungen bzw. der Zulassungsausschüsse mit Psychotherapeutensitzen wird reguliert durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA). Sie basiert bis heute auf der vor dem Psychotherapeutengesetz 1999 ungeregelten Angebotssituation mit regional im Hinblick auf Psychotherapeutendichte und Psychotherapie-Verfahrensverteilung sehr unterschiedlichen Bedingungen. Damals wurde also die Bedarfsplanung für Psychotherapeuten auf einer Grundlage vorgenommen, die im Falle der Verteilung ärztlicher Anbieter angemessen sein mag. In Anbetracht der historischen Bedingungen einer zahlenmäßig ungenügenden psychotherapeutischen Versorgung im Rahmen des Erstattungs- und Delegationsverfahrens erscheint die Bedarfsplanung von 1999 jedoch bis heute unangemessen.

Seit dieser Festschreibung der Bedarfsplanung sind stark steigende Zahlen psychischer Erkrankungen mit stetig wachsender Folgen (z.B. für stationäre und medikamentöse Behandlungen, Arbeitsausfälle, Lohnersatzleistungen und Frühberentungen) bekannt, ohne dass dies Konsequenzen im Sinne einer rationaleren Feststellung des Bedarfs an Richtlinienpsychotherapie hat. Hintergrund für die unzureichende Versorgungsplanung dürften vor allem Kostenüberlegungen sein.

Eine Aufstockung der Zahl der psychotherapeutischen Leistungsanbieter würde entweder den Krankenkassen höhere Behandlungskosten verursachen (wobei wissenschaftliche Daten nahelegen, dass psychotherapeutische Behandlungen Kosten für Medikamente, stationäre Behandlungen und Krankengelder sparen helfen) oder (ohne eine solche Aufstockung) das Einkommen der einzelnen Psychotherapeuten, die seit langem entgegen dem Gleichheitsgrundsatz des Gesetzgebers deutlich unter dem Einkommensniveau der Ärzte tätig sind, weiter schmälern.

Auch die Kassenärztlichen Vereinigungen, eigentlich für die bedarfsgerechte Sicherstellung der ambulanten Versorgung zuständig, haben kein Interesse an einer Ausweitung der Zahl psychotherapeutischer Leistungsanbieter, wenn dies zu Lasten anderer Arztgruppen erfolgt. Zeitweise mussten andere Arztgruppen die Vergütung psychotherapeutischer Leistungen mitstützen). Diese Interessengemengelage verhindert bis heute eine Veränderung der psychotherapeutischen Versorgungssituation.

In diesem Kontext bestätigt die vorliegende Erhebung der DPtV zwar erneut die langen Wartezeiten bei den niedergelassenen Psychotherapeuten, liefert aber keine Planungsgrundlage oder Daten, die geeignet wären, Entscheidungen über die Notwendigkeit und den Umfang von Neuzulassungen von Psychotherapeuten zu treffen. Dies ergibt sich zum einen aus der Studienkonzeption mit ausschließlicher Berücksichtigung der Perspektive der BehandlerInnen. Wartezeiten bei PsychotherapeutInnen deuten zwar prinzipiell auf eine Unterversorgung hin. Es ist aber z.B. nicht bekannt, in welchem Umfang Patienten sich auf Wartelisten von mehreren Psychotherapeuten setzen lassen, in welchem Umfang Patienten aus weniger gut versorgten ländlichen Gebieten auf nahe liegende Städte (d.h. andere Planungsbezirke) ausweichen, wie die Wartelisten geführt werden (regelmäßige Kontakte oder einmaliger Anruf) u.a.m. Zudem spielen für die Entscheidung über Neuzulassungen zur Bedarfsdeckung auch zahlreiche andere Aspekte eine Rolle. Hierunter fallen Fragen des zur Verfügung stehenden Finanzvolumens, Kosten und Nutzen verschiedener Leistungsangebote in der Behandlung psychischer Störungen, der Auslastungsgrad bestehender Praxen, aber auch die Bedarfsgerechtigkeit der bestehenden Versorgung.

Gegenwärtig bestehen bei den PsychotherapeutInnen und den sie vertretenden verschiedenen Verbänden, bei den Kammern, den Kostenträgern und den Kassenärztlichen Vereinigungen sowie der Politik sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie eine stärker am Bedarf orientierte psychotherapeutische Versorgung gestaltet werden könnte. So werden notwendige Veränderungen im Versorgungssystem aus den unterschiedlichsten Interessenlagen blockiert.

Auch die Psychotherapeutenkammer in BW hat jüngst bei ihren niedergelassenen Mitgliedern eine sehr ähnliche Befragung zu den Wartezeiten für psychotherapeutische Behandlung durchgeführt. Es wäre zu wünschen, dass sich die beteiligten Akteure im Interesse der psychotherapiebedürftigen Versicherten darüber verständigen, wie die Bedarfsplanung für die ambulante Psychotherapie zukünftig auf eine rationale Grundlage gestellt werden kann. Dann könnten entsprechende Erhebungen auch dazu dienen, gut begründete Forderungen nach einer Ausweitung des Finanzvolumens für psychotherapeutische Leistungen und einer Aufstockung der Zahl der PsychotherapeutInnen zu formulieren.

Dr. Wolfgang Bürger

Der Autor ist Psychologischer Psychotherapeut mit eigener Praxis in Karlsruhe, DGVT-Mitglied, Mitglied im Beratenden Fachausschuss der KV Baden-Württemberg sowie Mitglied im Ausschuss Ambulante Versorgung der Psychotherapeutenkammer Baden-Württemberg


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