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Prof. Wasem im Interview: „Versorgungssystem muss auf Bedarf reagieren“

Prof. Wasem erläutert im DGVT-Interview die Ergebnisse seiner Studie zur Versorgungssituation.


DGVT: Sehr geehrter Herr Prof. Wasem, die gerade veröffentlichte Studie der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung (DPtV), die in Zusammenarbeit mit Ihrem Haus durchgeführt wurde, erbrachte zahlreiche Hinweise auf Versorgungsdefizite im Bereich Psychotherapie. Welcher Befund war für Sie besonders bemerkenswert?

Jürgen Wasem: Ich fand zum einen besonders bemerkenswert, dass Wartezeiten quer durch alle regionalen Verdichtungsräume auftreten. Zum anderen fand ich eindrucksvoll, wie deutlich im fortgeschrittenen Lebensalter, insbesondere in den Altersgruppen ab 60, die Versorgung mit Psychotherapie abnimmt – obwohl wir aus epidemiologischen Studien wissen, dass der Behandlungsbedarf mit dem Lebensalter nicht wesentlich sinkt.

DGVT: Feldforschung, wie sie hier unternommen wurde, muss immer mit methodischen Einschränkungen leben. Welche Schwierigkeiten gab es bei der Umsetzung der Studie?

Jürgen Wasem: Dies ist eine Studie unter den Mitgliedern der DPtV – sie ist daher nicht für die Gesamtheit der nicht-ärztlichen Psychotherapeuten und natürlich auch nicht für die Gesamtheit der ärztlichen und nicht-ärztlichen Psychotherapeuten repräsentativ. Außerdem beruht die Studie auf dem Konzept der Selbstangabe durch die Psychotherapeuten, ohne dass wir die Möglichkeit einer externen Validierung gehabt hätten.

DGVT: Welche Konsequenzen hat das für die Interpretation der gefundenen Ergebnisse?

Jürgen Wasem: Sicherlich hat die Studie Limitationen. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass wir mit dieser Studie trotzdem ein realistisches Bild zur Versorgungssituation der Psychotherapie erhalten, zumal die deutliche Mehrzahl an Psychotherapieleistungen durch psychologische Psychotherapeuten und Kinder-/Jugendlichenpsycho-therapeuten durchgeführt wird.

DGVT: Generell wird im Gesundheitswesen ja der Mangel an Versorgungsforschung beklagt. Welchen Bedarf an Forschung sehen Sie für den Bereich Psychotherapie?

Jürgen Wasem: Es wäre sicherlich wünschenswert, die hier untersuchten Fragestellungen könnten auf einer noch breiteren Basis und mit ergänzenden methodischen Zugängen weiter vertiefend untersucht werden. Wie z.B. aus unserer Studie hervorgeht, reicht aus Sicht der Psychotherapeuten das Höchstkontingent an Richtlinienpsychotherapie bei einer beträchtlichen Anzahl von Patienten nicht zur Behandlung aus. Der Umfang, die Problemlage und der Leistungsbedarf dieser Patientengruppe sollte näher in weiteren Studien untersucht werden.

DGVT: Die Aussagen der DPtV-Studie sind ja nicht wirklich überraschend. Sie bestätigen vielmehr – aus einem nunmehr neuen Blickwinkel – die Daten, die auch von Krankenkassen in den vergangenen Jahren immer häufiger veröffentlicht werden. Sehen Sie hier einen gemeinsamen Trend?

Jürgen Wasem: Ohne Zweifel ja: Wir haben eine Zunahme diagnostizierter behandlungsbedürftiger psychischer Erkrankungen. Besonders deutlich wird dies ja im steigenden Anteil von auf psychische Erkrankungen zurückzuführenden Arbeitsunfähigkeitstagen. Daher ist es wichtig, dass das Versorgungssystem auf diesen wachsenden Bedarf adäquat reagiert.

DGVT: Sie selbst sind in erster Linie Volkswirt und insofern besonders vertraut mit gesundheitsökonomischen Analysen. Lassen sich aus den Daten dieser Studie, eventuell auch unter Berücksichtigung anderer Studien, Überlegungen für die gesundheitsökonomische Bedeutung der gegenwärtigen Versorgungsprobleme im Bereich Psychotherapie ziehen? Oder wäre das zu früh?

Jürgen Wasem: Sicherlich könnte man unter Hinzuziehung anderer Studien zum Beispiel die Krankheitslast oder auch das Einsparpotenzial durch Psychotherapie ökonomisch errechnen. Das wären in der Tat spannende Studien.

DGVT: Die so genannte Bedarfsplanung geht von den Anhaltszahlen aus, die nach den Bedarfsplanungsrichtlinien berechnet wurden. Während diese Anhaltszahlen für alle anderen Arztgruppen im Jahr 1993 festgestellt wurden, als man über die Jahrzehnte hinweg von einer insgesamt ausgeglichenen ärztlichen Versorgung sprechen konnte, wurden die entsprechenden Verhältniszahlen für die Psychotherapeuten unmittelbar nach Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes im Jahr 1999 erhoben. Zu dieser Zeit bestanden für die Psychotherapie erklärtermaßen erhebliche Versorgungsdefizite. Sehen Sie eine Chance, dass im Rahmen des geplanten Versorgungsgesetzes auch die historischen Anhaltszahlen für die Psychotherapie-Bedarfsplanung hinterfragt werden?

Jürgen Wasem: Es macht sicher Sinn, kritisch zu hinterfragen, ob diesem ersten Schritt im Jahr 1999 eine Aktualisierung folgen sollte. Wir wissen, dass der Bedarf an Psychotherapie wächst. Wachsendem Bedarf und Anzeichen von Unterversorgung steht in manchen Regionen eine rechnerische Überversorgung nach den Kriterien der Bedarfsplanung gegenüber. Im Versorgungsgesetz ist die Reform der Bedarfsplanung ja ein Schwerpunkt. Da gehört die Thematik der Psychotherapie mit rein.

DGVT: Wie könnten die Psychotherapeuten diesen Prozess befördern?

Jürgen Wasem: Soweit ich das beurteilen kann, bringen die Psychotherapeuten sich insgesamt durchaus wirkungsvoll in die gesundheitspolitische Debatte ein.

DGVT: Vielleicht noch eine Frage zur aktuellen Diskussion in der Gesundheitsversorgung: Wir lesen derzeit, dass die KV Bayerns (oder zumindest Frau Dr. Enger, stellvertretende Vorsitzende der KVB) sich dafür einsetzen will, dass das Kostenerstattungsprinzip zukünftig das Sachleistungsprinzip ersetzen solle. Die Diskussion dazu gibt es in der Gesundheitsforschung ja schon seit vielen Jahren. Wie ist der aktuelle Stand dazu?

Jürgen Wasem: Der große Mainstream der Gesundheitsökonomen und Gesundheitssystemforscher ist skeptisch gegenüber einem obligatorischen Systemwechsel. Es gibt wenig Belege dafür, dass Kostenerstattung die Effizienz, Qualität und Bedarfsgerechtigkeit der Versorgung verbessert. Dagegen kann sie als Zugangshürde für einkommensschwache Patienten wirken. In facharzt.de, einem Online-Medium insbesondere niedergelassener Ärzte, las ich kürzlich: „Und mal ganz ehrlich. Was würde denn ein KE System bringen? Wenn Sie glauben, es gäbe dann ein unbudgetiertes Kassensystem täuschen sie sich gewaltig. Die Budgets würden bleiben und es wäre nichts gewonnen…Aber stellen Sie sich vor, die Budgets werden aufgehoben. Welchen ehrlichen Vorteil hätte dann noch ein KE System? Genau: Keinen.“ Dies beschreibt sehr schön den Kernpunkt: Den meisten Anhängern der Kostenerstattung geht es eigentlich weniger um das Steuerungsinstrument selber, sondern darum, damit die Budgets zu beseitigen und zu den höheren Vergütungssätzen der Privatgebührenordnung GOÄ abrechnen zu können.

Die Fragen stellte Heiner Vogel.

Jürgen Wasem ist Professor für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen. Der Lehrstuhl befasst sich an der Schnittstelle von Wirtschaftswissenschaften und Medizin mit Fragen des Managements, der Steuerung und der Finanzierung des Gesundheitssystems und seiner Einrichtungen.

Literaturangabe: Walendzik, A., Rabe-Menssen, C, Lux, G., Wasem, J. & Jahn, R. (2011). Erhebung zur ambulanten psychotherapeutischen Versorgung 2010


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