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Psychiatrie im Nationalsozialismus[1] - Gedenken an die NS-Opfer auf dem DGPPN-Kongress


von Matthias Hamann-Roth[2]

 

65 Jahre nach den „Euthanasie“-Morden findet die offizielle deutsche Psychiatrie den Einstieg in die aktive Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit. „Erinnerung und Verantwortung“: Unter diesem Motto stand eine Gedenkveranstaltung zum Thema Psychiatrie im Nationalsozialismus auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) am 26.11.2010.

 

In seiner Eröffnungsrede erinnerte Frank Schneider, Präsident der Gesellschaft, an die circa 360 000 Menschen, die zwangssterilisiert wurden, und an die rund 300 000 Menschen, die von 1940 bis 1945 den „Euthanasie“-Morden zum Opfer fielen. Dabei benannte er wichtige Protagonisten dieser Verbrechen – allesamt damals angesehene Vertreter aus Psychiatrie, Humangenetik und Neuropathologie.

DGPPN-Geschichte kritisch aufarbeiten

Auch drei der Nachkriegspräsidenten der DGPPN waren direkt an NS-Verbrechen beteiligt. Sie hatten als Gutachter psychisch Erkrankte anhand einseitiger Meldebögen für die Ermordung im Rahmen der Aktion T4 zu selektieren. Alle drei setzten ihre medizinische Tätigkeit nach dem Krieg ungebrochen fort und brachten es bis zur Präsidentschaft ihrer Fachgesellschaft: Werner Villinger 1952– 1954, Friedrich Mauz 1957–1958 und Friedrich Panse 1965–1966. Mauz und Panse wurden später sogar Ehrenmitglieder.

Schneider betonte den nachhaltigen Willen der DGPPN, ihre Geschichte kritisch aufzuarbeiten. Dazu gehörte seine Ankündigung, dass man diesen beiden ehemaligen Präsidenten die mit ihrem Tode bereits erloschene Ehrenmitgliedschaft dennoch ostentativ posthum entziehen werde – ein bedeutender Schritt von der Distanzierung zum Handeln, der in der Vergangenheit bisher unterblieben war.

Mit Ephraim Bental, Haifa, und Sigrid Falkenstein, Berlin, kamen zwei RepräsentantInnen von Opfergruppen zu Wort.

Lebendige Erinnerung?

Zuvor hatten im Präsidentensymposium Mitglieder der Ende 2009 berufenen Historikerkommission der DGPPN den Stand ihrer Arbeit referiert. Carola Sachse, Wien, analysierte etwa die verschiedenen Stile, mit denen Organisationen ihre Geschichte aufarbeiten. Am Beispiel der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) zeigte sie, dass erarbeitete Erkenntnisse nicht notwendigerweise in eine lebendige Erinnerung münden. Nach Ende des Projekts 2005 werde das Wissen über die Zusammenarbeit von Wissenschaft und NS-Regime in der MPG nicht mehr thematisiert.

Kaum ein Max-Planck-Institut habe sich veranlasst gesehen, die der eigenen Geschichte gewidmeten Passagen in seinen Broschüren etc. zu aktualisieren. Bei historischen Rückblicken werde weiter auf die üblichen Floskeln vom wissenschaftlichen Erfolg, Fortschritt und Genie zurückgegriffen.

Der Medizinhistoriker Volker Roelcke, Gießen, gab als Vorsitzender der Kommission einen Überblick über die „jüngere“ historische Forschung. Sie belege, dass ein erheblicher Teil der Ärzteschaft dem NS- Regime nahe gestanden habe. Zwangssterilisationen sowie die Initiative zu Patiententötungen und Menschenversuchen in Konzentrationslagern seien nicht nur „von der politischen Seite, sondern (auch) von den beteiligten Ärzten selbst“ ausgegangen. Roelcke erwähnte nicht, dass diese Erkenntnisse im Grundsatz schon 1980 beim ersten Gesundheitstag zum Thema „Medizin im Nationalsozialismus“ vorlagen und in den direkt nachfolgenden Jahren materialreich belegt wurden.

Die Beschäftigung der DGPPN mit der eigenen Vergangenheit ist uneingeschränkt zu begrüßen. Aber nur ihre Geschichte und die einzelner Psychiater zu erforschen, greift zu kurz. Wichtig ist es, das Patientensterben in den Anstalten jenseits der Aktion T4 genauer in den Blick zu nehmen. Zwischen 1939 und 1945 fanden Morde in Anstalten auch durch Medikamente und gezielte Unterversorgung statt.

Eine ungekürzte Fassung des Berichtes finden Sie unter www.mabuse-verlag.de/

aktuelle Ausgabe/189_Psychiatrie im Nationalsozialismus_Hamann-Roth.pdf


[1] Quelle: Dr. med. Mabuse, Ausgabe 189: Januar/Februar 2011, S. 15; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.

[2]Autoreninformation: Matthias Hamann-Roth, geb. 1955, ist niedergelassener Psychiaterin Hannover, m.hamann-roth@neuropraxis-hannover.eu


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