< vorheriger Artikel

Versorgungsgerechtigkeit und andere Wahnvorstellungen


von Joseph Randersacker

 

Der Gesundheitspolitik steht ein dramatischer Kurswechsel bevor. Sah es vor Kurzem noch sehr schlecht um ihre Zukunft aus, scheinen nun goldene Zeiten anzubrechen: „Wir hatten einfach die falschen Themen und die falschen Zielgruppen“, sagt Günter S., ein hoher Beamter des Gesundheitsministeriums. Man hätte sich zu lange um die Gesundheit der Menschen gekümmert, obwohl man spätestens seit der Ottawa-Charta der WHO hätte wissen müssen, dass die Menschen am besten selbst für ihre Gesundheit sorgen. Stattdessen setzt man nun auf gesunde Finanzen. Schon der Begriff „Haushaltssanierung“ komme ja von Sanitas, lateinisch also Gesundheit, so Günter S.

Im Gesundheitsministerium geht man die neuen Aufgaben mit ungeheurem Elan an: Das Ministerbüro übernimmt die Festlegung des Schmerzensgeldes für die Pharmaindustrie, für den Schreck, es könnte auch dort gekürzt werden. Außerdem wird dort der Privatisierungsbeauftragte des Ministeriums angesiedelt, ein Public-Privat-Partnership-Beamter, bezahlt vom Verband der privaten Krankenversicherung.

Der Suchtreferent ist ab sofort für Verschwendungssucht bei den Krankenkassen zuständig. Kasse heißt kassieren, lautet die neue Parole.

Die Psychiatriereferentin kümmert sich um Versorgungsgerechtigkeit und andere Wahnvorstellungen und Zwänge – der Sparzwang soll allerdings, so Günter S., nicht dazugehören, der sei ja heute völlig normal.

Im Referat für chronisch Kranke ist man ab sofort für die strategische Planung zuständig: „Mit sklerotischen Prozessen haben wir schließlich unsere Erfahrung“, erläutert der Referatsleiter.

Auch für das Krankenhausreferat hat man eine neue Aufgabe gefunden, es richtet jetzt für die stationäre Haushaltssanierung Haushaltssanatorien ein: „Dort können wir auch schwere Operationen durchführen und mit sauberen chirurgischen Schnitten schmerzhafte Eingriffe vornehmen“, erklärt ein Sanitäter, wie die Sanierungsspezialisten nun genannt werden.

Das Onkologiereferat zieht da begeistert mit. „Endlich würde wirklich einmal etwas gegen die Auswüchse und Wucherungen des Sozialstaates getan“, meint man dort.

Auch andere Ministerien versuchen, an diese Erfolge anzuknüpfen: Im Sozialministerium hat man zum Beispiel an der Sozialplanung alles Überflüssige gespart, geblieben ist der Sozialplan. Die Mitarbeiter sind begeistert.

Quelle: Dr. med. Mabuse Nr. 189 (Januar/Februar 2011), S. 82


Zurück