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Selbsthilfestrukturen im Web 2.0[1]


Die Anzahl internetgestützter Selbsthilfeangebote ist heute kaum mehr überschaubar. Selbsthilfe im Web 2.0 untergliedert sich zum einen in die Darstellung der Selbsthilfestrukturen aus der „physischen Welt“, zum anderen in eine Vielzahl virtueller Selbsthilfegruppen aller Couleur.

 

Formelle Strukturen

Nahezu sämtliche Selbsthilfeorganisationen haben heute Internetauftritte mit Informations- und Materialsammlungen sowie Verzeichnissen lokaler Gruppen. Gleiches gilt für die Selbsthilfekontaktstellen wie dem Selbsthilfe-Büro Niedersachsen. Überdies existieren Informationsangebote u. a. von der freien Wohlfahrtspflege, von Krankenversicherungsträgern sowie von Fachverbänden. Die Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS) führt derzeit mit dem Projekt „Selbsthilfe und Neue Medien“ eine Analyse von Selbsthilfeaktivitäten im Internet durch. Dabei wurden bislang folgende zentrale Ergebnisse veröffentlicht:

95 % der 360 bei der NAKOS verzeichneten Selbsthilfe- Vereinigungen haben eine eigene Website

 

46,2% bieten die Möglichkeit zum virtuellen Austausch (Forum und/oder Chat)

 

bei 96,4% von diesen gibt es ein Forum, bei 27,8% einen Chat

 

bei 91,6% stehen die Austauschangebote auch Nichtmitgliedern offen

 

Ergänzend zu diesen Informationsangeboten stellen einige Anbieter Manuale und Checklisten zur Verfügung, die bei der Auswahl des richtigen Selbsthilfeangebots helfen.

 

Informelle Strukturen

In den letzten Jahren hat sich ein umfangreiches Angebot von Selbsthilfestrukturen etabliert, die von Betroffenen selbst initiiert wurden. Dazu zählen Websites, die von Privatpersonen

betrieben werden und der Reflektion von Problemen, Beschwerden und Erkrankungen dienen. Zudem existieren diverse Internetforen und Chatrooms ohne Anbindung an etablierte Strukturen. Hier fungieren Betroffene gleichzeitig als Moderatorin bzw. Moderator sowie als Peer-Beraterin bzw. -Berater.

 

Virtuelle Selbsthilfe

Virtuelle Selbsthilfe wird als wechselseitige Unterstützung auf Basis gleicher Betroffenheit verstanden, die vorwiegend unter den Bedingungen computervermittelter Kommunikation

realisiert wird. Der Begriff virtuelle Selbsthilfe umfasst dabei vorrangig Diskussionsforen, seltener auch Mailinglisten und Chats. Virtuelle Selbsthilfegruppen werden in der Regel moderiert (durch Fachkräfte oder Peers) und sind offen, d. h. alle interessierten Personen können sich beteiligen. Bei geschlossenen Gruppen ist zunächst eine Anmeldung erforderlich, die Moderation entscheidet dann nach definierten Kriterien über die Aufnahme. Es ist strittig, ob die Teilnahme an einem Diskussionsforum, einer Mailingliste oder einem Chat überhaupt im Sinne von Selbsthilfe wirken kann. Der Gesetzgeber verneint dieses: Die Förderung von Selbsthilfegruppen im Rahmen des §20c des Fünften Sozialgesetzbuches ist für virtuelle Gruppen ausgeschlossen. Gleichwohl ist ein wachsendes Interesse des Gesundheits- und Sozialwesens an der Umsetzung von Selbsthilfe im Web 2.0 zu erkennen. Dies spiegelt sich zum Beispiel in der finanziellen Förderung von Selbsthilfeorganisationen bei der Einrichtung von Internetauftritten wider.

 

Wirkungen

Befunde aus der Wirkungsforschung deuten darauf hin, dass virtuelle Selbsthilfe von Ratsuchenden vorwiegend komplementär genutzt wird, etwa für eine – verglichen mit einer Face-to-Face-Beratung – schnellere Einholung von Informationen. Längerfristiges Engagement in virtuellen Selbsthilfegruppen ist eher selten zu beobachten. Gleichwohl belegen Untersuchungen, dass die Teilnahme an Selbsthilfe im Internet positive Wirkungen entfalten kann. Der Aufbau enger, bedeutsamer Beziehungen ist auch unter den Bedingungen computervermittelter Kommunikation möglich. Ratsuchende erfahren eine Stärkung ihres Selbstwertgefühls und werden zu weiteren Schritten der Problemlösung ermutigt.

 

Chancen und Grenzen

Selbsthilfestrukturen im Web 2.0 eröffnen Ratsuchenden Möglichkeiten schneller Kontaktaufnahme und Informationsbeschaffung. Ratsuchende können dabei (relativ) anonym bleiben, so dass sich Hemmschwellen leichter überwinden lassen. Es können Personen erreicht werden, die aus zeitlichen Gründen oder wegen Mobilitätseinschränkungen keine Ressourcen zum Aufsuchen von Beratungsstellen und Face-to-Face-Gruppen haben. Zu dieser Gruppe gehören auch Ratsuchende mit sehr seltenen Erkrankungen, für die in der physischen Welt gar keine erreichbaren Angebote zur Verfügung stehen. Die Online-Selbsthilfe mindert in diesem Sinne Defizite in der Versorgungslandschaft. Die technische Realisierung ist heute weitgehend unproblematisch. Die Umsetzung virtueller Selbsthilfe erfordert jedoch bei Anbietern sowie Ratsuchenden ein gewisses Maß an Medienkompetenz. Computervermittelte Kommunikation ist anderen Regeln als Face-to-Face-Kommunikation unterworfen.

Dies betrifft insbesondere den für Selbsthilfe wichtigen Aspekt der Vermittlung von Emotionen. Die Nutzung virtueller Selbsthilfe kann nachteilig sein, wenn sie als Ersatz für die Inanspruchnahme professioneller Beratung und Therapie dient. Dies gilt insbesondere für Betroffene manifester psychischer Erkrankungen.

Ausblick

Für Betroffene und Ratsuchende im Bereich der Selbsthilfe offeriert das Web 2.0 vielfältige und wachsende Möglichkeiten der Orientierung und Partizipation. Die Umsetzung von Angeboten im Web 2.0 ist für Selbsthilfeorganisationen zur Zielgruppenerreichung heute praktisch unverzichtbar. Virtuelle Selbsthilfegruppen stellen grundsätzlich keine Konkurrenz dar, sondern ergänzen die vorhandenen Strukturen. Aus der Unübersichtlichkeit der Angebote können jedoch Qualitätsprobleme resultieren. Präsenz und Mitwirkung der Gesundheitsberufe müssen „mitwachsen“, d. h. kontinuierlich ausgebaut werden. Dem ist in Aus- und Fortbildung von Fachkräften Rechnung zu tragen.

 

Martin Schumacher

Fachreferent

Kontaktadresse:

Landesvereinigung für Gesundheit[2]
und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e. V.

Fenskeweg 2 | 30165 Hannover
Durchwahl: 0511 / 388 11 89 - 34
Telefon: 0511 / 350 00 52
Fax: 0511 / 350 55 95
E-Mail: martin.schumacher(at)gesundheit-nds(dot)de
Internet: www.gesundheit-nds.de

Internet: www.generationendialog-niedersachsen.de

 


[1]Quelle: Newsletter zur Gesundheitsförderung „impu!se“; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.

[2] Die Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V. (LVG & AfS) ist ein gemeinnütziger, unabhängiger und landesweit arbeitender Fachverband für Gesundheitsförderung, Prävention und Sozialmedizin mit Sitz in Hannover. Mitglieder sind Institutionen und Personen aus dem Gesundheits-, Sozial- und Bildungsbereich

 


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