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Die Reform der Reform der Reform

Fachtag des Paritätischen Baden-Württemberg zur Gesundheitspolitik.


Das deutsche Gesundheitssystem braucht eine gerechtere Finanzierung der Krankenversicherung, mehr Patientenorientierung und mehr vernetztes Arbeiten, mehr Prävention und Gesundheitsförderung. Auf dem Fachtag des Paritätischen in Stuttgart diskutierten etwa 60 TeilnehmerInnen darüber, wo wir heute stehen und wie die langfristigen Herausforderungen im Gesundheitswesen zu lösen sind.

In seiner Begrüßung erinnerte Hansjörg Böhringer, Landesgeschäftsführer des Paritätischen, daran, dass schon in der Gründungszeit der Selbsthilfegruppen (die ersten Gruppen haben sich vor ca. 30 Jahren gegründet) das Gesundheitssystem als reformbedürftig galt. Die als reformbedürftig geltenden "schulmedizinischen Strukturen" standen im Fokus der Diskussion. Hansjörg Böhringer stellte fest: "Die aktuelle Gesundheitspolitik der Bundesregierung zeigt: Diese Diskussion gehört nicht der Vergangenheit an. Denn Forderungen nach mehr Prävention, sprechender Medizin oder integrierter Versorgung sind heute aktueller denn je.“ Heute sind dem Paritätischen etwa 40 Landesverbände der Selbsthilfegruppen mit etwa 1.500 örtlichen Selbsthilfegruppen angeschlossen sowie sieben Selbsthilfekontaktstellen und elf Aids-Hilfen.

Biggi Bender, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen und stellvertretende Landesvorsitzende des Paritätischen, führte in das grüne Bürgerversicherungsmodell ein. Die Krankenversicherung blickt auf eine gut 120-jährige Geschichte zurück, ein stetiger Weg hin zur Versicherung aller BürgerInnen. Als Arbeiterversicherung gegründet, wurden sukzessive weitere Gruppen aufgenommen. Dies soll durch die grüne Bürgerversicherung mit der Aufnahme von BeamtInnen, gut verdienenden Angestellten und allen Selbstständigen fortgesetzt werden. Der zweite zentrale Ansatz der Bürgerversicherung ist die Berechnung der Beiträge auf der Basis aller Einkommen und nicht nur der Erwerbseinkommen. Damit wäre nicht mehr die Einkommensquelle, sondern die Höhe der Einkommen ausschlaggebend.

Dr. Julia Nill stellte die Arbeit der „Unabhängigen Patientenberatung Deutschland“ (UPD), Beratungsstelle Karlsruhe, vor. Patientinnen und Patienten stünden einem immer komplexer und damit komplizierter werdenden Gesundheits- und Sozialsystem mit einer unzureichenden Patienten- und Nutzerorientierung gegenüber. Zugleich gäbe es zu wenig neutrale und unabhängige Beratung in der sehr heterogenen Beratungslandschaft. Die unabhängige Patientenberatung könne den Patientinnen und Patienten helfen, eine kritische Grundhaltung zu entwickeln sowie eigenverantwortliche und konstruktive Behandlungsentscheidungen zu treffen - und damit zu besseren Behandlungserfolgen beitragen. Erfreulich sei daher, dass die modellhafte Einrichtung der „Unabhängigen Patientenberatung“ ab diesem Jahr in eine Dauerförderung übergehe. Leider käme es zu keiner Ausweitung der Patientenberatung, aber zumindest könne der Status quo festgeschrieben werden, betonte Nill in ihrem Beitrag.

Jürgen Schneider, Präsident der Rheuma-Liga Baden-Württemberg, plädierte für einen Richtungswechsel: Weg vom Gesundheitswesen als bloßem Reparaturbetrieb und hin zu mehr Vorbeugung. Er regte an, weitere Berufsgruppen wie KrankengymnastInnen oder HeilpraktikerInnen stärker in das Gesundheitssystem einzubinden. Eine künstliche Hüfte sei deutlich teurer für die Krankenkassen als vorbeugende Maßnahmen wie Funktionstraining, Wassergymnastik oder Krankengymnastik.

Die Gesundheitsstrategie Baden-Württemberg könne hier zukunftsweisend für das Land sein, so die Einschätzung von Frank Winkler, stellvertretender Leiter beim Verband der Ersatzkassen. Denn die Gesundheitsstrategie Baden-Württemberg setzt verstärkt auf Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung, die in allen Lebensphasen und Lebenswelten wirksam werden sollen. An der Gesundheitsstrategie sind alle maßgeblichen Akteure im Gesundheitswesen beteiligt, auch die Selbsthilfe und der Paritätische Baden-Württemberg.

Neben der Prävention und Gesundheitsförderung werden für den Paritätischen in den nächsten Jahren vor allem Strukturfragen der qualitativen und quantitativen Versorgung im Interesse einer bestmöglichen Gesundheitsversorgung der Bevölkerung im Vordergrund stehen.

Regina Steinkemper

Die Autorin ist Leiterin des Kernteams „Bürgerschaftliches Engagement, Selbsthilfe, Gesundheit“ des Paritätischen Baden-Württemberg.


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