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Migrantinnen als Akteurinnen [1]

Eine ressourcenorientierte Perspektive auf Schwangerschaft und Geburt in der Migration – Teil 1


Die Forschung zu Migration und Gesundheit ist überwiegend defizitorientiert, mit Fokus auf Versorgungslücken und Zugangsbarrieren für MigrantInnen im Gesundheitswesen. Magdalena Stülb erforscht hingegen, über welche Ressourcen Migrantinnen verfügen. Für Dr. med. Mabuse beschreibt sie in dieser Ausgabe, wie schwangere Migrantinnen aktiv transkulturelle Netzwerke nutzen. In der nächs­ten Ausgabe wird sie zeigen, wie Hebammen und andere Gesundheitsberufe eine transkulturelle Kompetenz aufbauen können.

Noch wissen wir wenig über die Ressourcen zugewanderter Menschen. In meiner medizinethnologischen Dissertation widmete ich mich daher der Frage, wie Migrantinnen ihre Situation selbst wahrnehmen, wie sie es schaffen, sich in unserem Gesundheitssystem zu orientieren und sich für eigene Bedürfnisse und Interessen einzusetzen. Exemplarisch wird dies am Bereich der Geburtshilfe dargestellt.1

Über mehr als ein Jahr hinweg begleitete ich vier Frauen im Alter zwischen 27 und 36 Jahren, die aus Italien, Rumänien, Indonesien und Algerien zugewandert waren. Zwei von ihnen erwarteten ihr erstes, eine ihr zweites und eine ihr drittes Kind. Sie alle waren aus beruflichen Gründen bzw. als nachziehende (Ehe-)Partnerinnen gekommen und hielten sich legal in Deutschland auf. In zwei Familien war der Lebensunterhalt durch die Berufstätigkeit des Partners gesichert, die beiden anderen Frauen bezogen Sozialleistungen. Ihre Bildungshintergründe variierten zwischen einem Basisschulabschluss in Algerien, einer Ausbildung in Rumänien, einer Hochschulreife in Italien und einem Hochschulabschluss in Indonesien.

Meine Interviews2 zeigten, dass sich die befragten Frauen selbst durchaus als Akteurinnen wahrnahmen und in ihren sozialen Netzwerken eine wichtige Ressource sahen.

Der javanische Kalender

Mia Francek bespricht mit dem Arzt im Krankenhaus den Termin für den geplanten Kaiserschnitt. Ihr Mann, der bereits seit zehn Jahren in Deutschland lebt, übernimmt dabei die Rolle des Dolmetschers. Er stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien und hat sich gemeinsam mit Mia bewusst für ein Leben in Deutschland entschieden. Mia kam vor einem Jahr aus Indonesiens Hauptstadt Jakarta. Ihren Mann hat sie über das Internet kennengelernt.

Nach dem Arztbesuch ruft sie gleich ihre Mutter in Jakarta an. Diese signalisiert ihre Zustimmung für den Kaiserschnitt-Termin: Auch nach dem javanischen astrologischen Kalender passe das Datum gut. Doch nicht nur innerhalb der Familie, auch im Freundeskreis holt sich Mia Rat und Unterstützung. Sie hat Freundinnen in Indonesien, die bereits Mütter sind und sie an ihren Erfahrungen per E-Mail und Telefon teilhaben lassen.

In Deutschland lernte sie einige Frauen im Sprachkurs kennen. Es entwickelten sich neue Freundschaften, die vor allem auch durch die gleichzeitigen Schwangerschaften der Frauen intensiviert werden. Alle sind erst seit kurzer Zeit in diesem Land und erkunden gemeinsam das geburtshilfliche Angebot. Mias Freundinnen kommen aus Spanien, Japan und Ghana. Sie alle bringen Wissen, Erfahrungen und auch Traditionen aus ihren Herkunftsländern mit, die ihr Verhalten in der Schwangerschaft zusätzlich beeinflussen.

Außerdem bietet ihnen das Internet eine wichtige Plattform, um sich in Englisch, Spanisch oder auch Japanisch über schwangerschaftsspezifische Themen zu informieren.

Soziale Netzwerke als Ressource

Mias soziales Netzwerk, auf das sie sich während ihrer Schwangerschaft stützt, stellt keinen Einzelfall dar. Die Migrationsforschung spricht von so genannten transnationalen Netzwerken, die von MigrantInnen geknüpft und aktiv genutzt werden. Danach interagieren zugewanderte Menschen mit Bezugspersonen in mehreren Nationalstaaten – wenn es ihre soziale, wirtschaftliche und individuelle Situation ermöglicht.3 Es entstehen länderübergreifende Verflechtungen, die auf unterschiedlichste Weise genutzt werden können.

Fragt man, wo sich zugewanderte schwangere Frauen in Deutschland informieren, beraten lassen, wer sie unterstützt und ihnen emotional beisteht, werden diese komplexen sozialen Verflechtungen sichtbar. Sie umfassen zum einen Familienmitglieder, die mit ausgereist sind und auch in Deutschland leben. Aber auch zu Verwandten im Herkunftsland wird meist ein intensiver Kontakt über verschiedene Kommunikationsmedien aufrecht erhalten. Diese nahen Angehörigen, vor allem auch die Mütter, geben oft über große räumliche Distanzen hinweg Ratschläge bei Problemen in der Schwangerschaft, Hinweise und Tipps für die Geburt und Empfehlungen für die Versorgung des Neugeborenen.

Doch die Lebenswelten und Bezugsebenen vieler zugewanderter Frauen sind noch weit komplexer. Sie lernen auf ihren Migrationswegen und auch im neuen Lebensumfeld Menschen kennen, schließen Freundschaften und knüpfen Beziehungen. Auffallend ist, dass sich viele neue Kontakte zu Menschen entwickeln, die selbst zugewandert sind. Man lernt sich – wie auch in Mias Fall – im Sprachkurs kennen, im Kulturzentrum oder in der Gemeinde.

In den Netzwerken werden Erfahrungen mit dem hiesigen Gesundheitssystem weitergegeben, ebenso Tipps zur Wahl von ÄrztInnen, Hebammen und Fachkräften, zur Schwangerschaftsvorsorge und zu Kliniken. Daneben findet ein reger Austausch über vielfältige Themen statt, wie beispielsweise über die geeignete Ernährung in der Schwangerschaft oder die Erhaltung der Gesundheit von Mutter und Kind.

Oft kommen die Frauen aus vielen verschiedenen Herkunftsländern. Sie ver­fügen über sehr unterschiedliche Erfahrungen mit Schwangerschaft und Geburt und haben vielfältige Vorstellun­gen und Wissensbezüge. Hier wird deutlich, wie komplex die kulturellen Einflüsse auf eine einzelne Frau sein können. Es sind nicht nur länderübergreifende, also transnationale Netzwerke, sondern sie sind auch transkulturell, also kulturübergreifend.

Hinzu kommt, dass viele Frauen das Internet und andere Medien nutzen, um sich entsprechend zu informieren. Auch hier haben sie die Möglichkeit, auf weltweite Wissensflüsse zuzugreifen und ihre Kenntnisse mit global zirkulierenden Informationen zu ergänzen oder zu erweitern. Dennoch betonten die Frauen in den Interviews stets die Wichtigkeit des Lokalen: Neben den vielen genannten Quellen waren die ÄrztInnen und Hebammen vor Ort wichtige Bezugspersonen, RatgeberInnen und UnterstützerInnen für sie.

Eigene Haltung finden

Die Analyse der transkulturellen Netzwerke der Schwangeren macht zwei grundlegende Aspekte deutlich: Zum einen stellen sie wichtige Ressourcen für die Frauen dar. Vor allem die emotionale Zuwendung auch über weite Entfernungen hinweg wurde von den Frauen immer wieder erwähnt. Aber auch die konkreten Unterstützungssysteme sind wichtig: Fahrten zum Geburtsvorbereitungskurs, Hilfe beim Einkaufen, Übersetzen bei Ämtern und viele weitere alltägliche Herausforderungen werden mit Hilfe des Familien- und Freundeskreises bewältigt. Nicht zuletzt hilft die finanzielle Unterstützung von Familienmitgliedern, die zum Teil auch in verschiedene andere Länder migriert sind, ökonomische Engpässe zu überbrücken.

Doch die Netzwerke werden nicht nur als hilfreich und unterstützend wahrgenommen, sie stellen die Frauen auch vor neue Herausforderungen. So beschrieben sie vielfältige Situationen, in denen die Empfehlungen sehr gegensätzlich waren. Soll nun das Baby eng gewickelt werden wie in Jugoslawien oder mit viel Bewegungsfreiheit, wie von der Hebamme empfohlen? Orientiert man sich bezüglich des Stillens am Rat der Freundin in Indonesien, die das Kind an die Brust legt, wann immer es danach verlangt, oder am deutschsprachigen Stillratgeber, der mehrstündige Verdauungspausen empfiehlt?

Die Frauen müssen eine eigene Haltung entwickeln und können nicht auf eine allgemeingültige kulturelle Norm zurückgreifen. Die Ratschläge, Tipps und Anweisungen sind vielfältig, oft ebenso vielfältig wie die kulturellen Hintergründe und die Wissensebenen der Bezugspersonen.

So versuchte Mia etwa herauszufinden, ob der Hinweis ihrer Freundin aus Ghana den hiesigen medizinischen Vorstellungen entsprach oder eher ein traditionelles Konzept aus deren Heimat darstellte. Diese hatte befürchtet, das ungeborene Kind könne an der gleichen Stelle ein Mal tragen, an der sich die Mutter verletzt hatte. Dies zeigt, dass vor allem Laienwissen mit biomedizinischem ExpertInnenwissen in Konflikt geraten kann. Wie mit konträren Empfehlungen umgegangen werden kann, veranschaulicht ein weiteres Beispiel.

Kräutertee, schwarzer Tee oder OP?

Rahma Sabra wurde in Algerien geboren und kam mit 27 Jahren nach Deutschland, um einen ehemaligen Nach­barn, der bereits einige Jahre vorher nach Deutschland ausgewandert war, zu heiraten. Sie ist Muslima, spricht kaum Deutsch, hat ein zweijähriges und ein neugeborenes Kind.

Ihre Ärztin verschreibt ihr wegen eines Wochenflussstaus ein Medikament. Bevor sie dieses nimmt, lässt sich Rahma von der deutschen Nachbarin den Beipackzettel ins Französische übersetzten. Dabei erfährt sie, dass es durch eine Nebenwirkung zu einer Reduktion der Milchproduktion kommen kann. Sie erachtet es aber, nicht zuletzt auch aufgrund ihrer Religion, als ihre Pflicht, ihr Baby zu stillen. Daher telefoniert sie mit ihrer Mutter in Algerien, die ihr zu einem bestimmten Kräutertee rät, den sie über einen Bekannten schicken will. Auf keinen Fall solle sie aber das Medikament nehmen.

Auch die deutsche Nachbarin rät von der Einnahme des Mittels ab, dieses könne möglicherweise dem Kind schaden. Unsicher und auch besorgt hinsichtlich einer möglichen Infektion, vor der die Ärztin warnte, wendet sich Rahma am nächsten Tag an ihre Freundin aus Tunesien. Diese empfiehlt ihr, sehr heißen schwarzen Tee zu trinken, da Hitze das Blut zum Fließen bringe. Daraufhin schaltet sich noch eine weitere Freundin aus Syrien ein, die aus eigener Erfahrung zu einer Operation rät. Die Hebamme, die im Rahmen der Nachsorge zu einem Hausbesuch kommt, beruhigt Rahma und schlägt vor, noch abzuwarten.

Weiterhin unschlüssig, geht Rahma zum Kinderarzt ihrer Tochter. Zu ihm hat sie Vertrauen, er spricht Französisch und kann sich gut mit ihr verständigen. Dieser telefoniert dann mit Rahmas Frauenärztin und vermittelt eine weitere Konsultation. Rahma macht sich auf den Weg dorthin. Die Ärztin stellt fest, dass der Wochenfluss wieder in Gang gekommen ist und führt dies auf die verstärkte Bewegung zurück. Rahma trinkt noch einige Tage heißen schwarzen Tee, schließlich auch den Kräutertee, den ein Landsmann vorbeibringt, und deponiert die Medikamentenpackung im Küchenschrank.

Als Hebamme oder Arzt von den vielseitigen Einflüssen wissen

Das Beispiel von Rahma zeigt, wie aktiv Netzwerke genutzt werden, um spezifische Probleme zu bewältigen. Es macht aber auch deutlich, dass ExpertInnen, also Hebammen und ÄrztInnen, wichtige und in der Regel auch geschätzte Bezugspersonen sind. Insbesondere wenn die Verordnungen oder Empfehlungen der ExpertInnen von eigenen Vorstellungen abweichen, werden allerdings noch weitere Ratschläge eingeholt. Ob letztlich die Verschreibung des Arztes, der Ratschlag der Hebamme oder der Tipp von Mutter oder Freundin handlungsleitend wird, ist von vielen, auch von situativen Faktoren, abhängig.

So trennte sich Mercedes Magyari aus Rumänien von ihrer Hebamme, weil sie mehr Vertrauen in ihre Nachbarin hatte, deren Vorschläge zur Ernährung des Kindes von denen der Hebamme abwichen. Mia Francek wiederum sah oft in den Anleitungen ihrer Hebamme die Lösung des Dilemmas, sich zwischen dem Rat ihrer Mutter aus Indonesien und dem ihres Ehemanns aus Jugoslawien entscheiden zu müssen. Andere Frauen verzichteten auf ärztliche Untersuchungen oder Geburtsvorbereitungsangebote von Hebammen, weil sie auf das Wissen und die Erfahrungen ihrer Mütter oder Schwiegermütter zurückgreifen wollten.

Ressourcen von Migrantinnen nutzen

Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse der Studie, dass eine defizitorientierte Perspektive nur eine Seite der ­Situation schwangerer Migrantinnen abbildet. Viele Migrantinnen verstehen sich als handlungsfähige Akteurinnen, die trotz mangelnder Deutschkenntnisse oder trotz ihrer geringen Bildung aktiv Netzwerke nutzen, um sich im Zuwanderungsland für die eigenen Interessen und Bedürfnisse einzusetzen. Sie schätzen dabei meist das geburtshilfliche Angebot in Deutschland, wählen aber aus, entscheiden sich für bestimmte Angebote und lehnen andere ab.

Fachkräfte im Gesundheitssystem kön­nen diese Ressourcen nutzen: indem soziale Bezugspersonen aktiv in die medi­zinischen, therapeutischen oder pflegerischen Maßnahmen integriert werden, aber auch indem den Frauen die Möglichkeit gegeben wird, ihre Wissensebenen einzubringen und die geburtshilfliche Betreuung aktiv mit zu gestalten.

Buchtipp: Im Mabuse-Verlag erscheint im Juni 2011 das Buch: Matthias David, Theda Borde (Hg.), Schwangerschaft, Geburt und frühe Kindheit in der Migration. Wie beeinflussen Migration und Akkulturation soziale und medizinische Parameter?, ca. 240 Seiten, ca. 26,90 Euro (ISBN 978-3-940529-91-6)

Anmerkungen:

  1. Die Forschung war angelegt als gemeinsames Dissertationsprojekt mit Yvonne Adam, die sich in einer eigenen Datenerhebung und -analyse mit Gesundheits- und Körperkonzepten schwangerer Migrantinnen beschäftigte. Der Themenbereich „Transkulturelle Netzwerke in der Schwangerschaft“ wurde von mir publiziert unter: Stülb, Magdalena (2010): Transkulturelle Akteurinnen. Eine medizinethnologische Studie zu Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft von Migrantinnen in Deutschland. Weißensee Verlag: Berlin.

  2. Neben diesen vier Frauen, die ich über ein Jahr regelmäßig zu Gesprächen traf, führte ich noch 13 Einzelinterviews durch, die in die qualitative Datenanalyse eingeflossen sind.

  3. Dahinden, Janine (2005): Prishtina – Schlieren. Albanische Migrationsnetzwerke im transnationalen Raum. Zürich: Seismo. S. 200.

Magdalena Stülb

geb. 1963, ist Ethnologin, Krankenschwester und Trainerin für Transkulturelle Kompetenz in Freiburg im Breisgau.

magdalena.stuelb@amiko-freiburg.de

Quelle: Dr. med. Mabuse, Zeitschrift für alle Gesundheitsberufe, Nr. 190 (März/April 2011),



[1]Quelle: Dr. med. Mabuse, Ausgabe 190, März/April 2011, 36. Jg., S. 52-54, www.mabuse-verlag.de; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorin.

 


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