< vorheriger Artikel

Die Ungleichheit nimmt zu - Der Kongress „Armut und Gesundheit“[1]


Vom 3. bis 4. Dezember 2010 fand in Berlin der 16. bundesweite Kongress „Armut und Gesundheit“ statt. Auf der inzwischen größten regelmäßig stattfindenden Public Health-Tagung in Deutsch­land diskutierten die TeilnehmerInnen verschiedenster Disziplinen über „Verwirklichungschancen für Gesundheit“.

Die Überwindung von Armut ist eine der wichtigsten Maßnahmen zur Förderung von Gesundheit. Das Konzept der „Verwirklichungschancen für Gesundheit“ – entscheidend geprägt vom Ökonomie-Nobelpreisträger Amartya Sen und der Philosophin Martha Nussbaum – betont den Einfluss wirtschaftlicher, kultureller und politischer Faktoren auf die Möglichkeiten des Einzelnen. Welchen Beitrag dieses Konzept zur Gesundheitsförderung und Prävention auch bei sozial benachteiligten Menschen leisten kann, war die Leitfrage des Kongresses „Armut und Gesundheit“.

Das große Themenspektrum reichte von Symposien zu spezifischen Bevölkerungsgruppen wie Kindern und Jugendlichen, Frauen, MigrantInnen, Arbeitslosen, Wohnungslosen, älteren Menschen und Menschen mit Behinderung bis hin zu Veranstaltungen über Strategien und Qualität der Gesundheitsförderung. Debattiert wurde dabei die zentrale Frage nach den Handlungsspielräumen, die Menschen benötigen, um ein gutes und gesundes Leben führen zu können.

Interdisziplinäres Erfolgsrezept

Der Kongress „Armut und Gesundheit“ sei mittlerweile zum größten regelmäßig stattfindenden Public Health-Forum in Deutschland avanciert, stellte Carola Gold von „Gesundheit Berlin Brandenburg“ in ihrer Begrüßungsansprache fest. Dies zeige sich nicht nur in steigenden TeilnehmerInnen-Zahlen, sondern auch in der wachsenden bundesweiten Bedeutung. Trotz widriger winterlicher Reisebedingungen kam das historische Rathaus Schöneberg an die Grenzen seiner Kapazität. In einigen Workshops fühlte man sich wie in einem Pflichtseminar an der Uni: Neben den Stühlen waren auch die Fensterbänke und der Boden besetzt. Doch die räumliche Enge tat der Stimmung keinen Abbruch, reger Austausch, Gespräche und Diskussionen prägten die konstruktive Arbeitsatmosphäre.

Die Lebendigkeit, die den Kongress prägt, ist ein Produkt der interdisziplinären Zusammensetzung der Teilnehmenden. Der Kongress bietet sowohl ReferentInnen aus Wissenschaft und Forschung ein Forum als auch VertreterInnen aus Politik und Verbänden sowie natürlich auch der Gesundheits­praxis wie der Pflege, dem Hebammenwesen, der Medizin und der sozialen Arbeit.

Neueste Forschungsergebnisse finden hier nicht nur wissenschaftliches Interesse, sondern werden auch im Hinblick auf ihre anwendungsorientierte Relevanz für das Gesundheitswesen thematisiert. Erfahrungen aus Projekten und Gesundheitseinrichtungen geben wiede­rum Impulse für weitere Forschungsthemen. Gleichzeitig kann die Politik Anliegen der ExpertInnen aufgreifen und sich Auseinandersetzungen stellen. Damit bietet der Kongress eine Möglichkeit des Austauschs, des Netzwerkens und Kontakteknüpfens – und dies nicht nur in den themenspezifischen Veranstaltungen, sondern auch in den Pausen bei Kaffee oder Tee, Pasta oder Rotkohl.

Befähigungsgerechtigkeit und Verwirklichungschancen

„Niemand ist seiner eigenen Gesundheit Schmied“ – mit diesen Worten fasste Uwe Bittlingmayer vom Institut für Soziologie der Pädagogischen Hochschule Freiburg die gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen des Konzeptes der Verwirklichungschancen für Public Health zusammen.

In seinem Einführungsreferat stellte er das gerechtigkeitstheoretische Modell von Amartya Sen und Martha Nussbaum vor. Unter Begriffen wie Befähigungsgerechtigkeit und Verwirklichungschancen werde dieses auch in Deutschland mittlerweile breit erörtert. Der Ansatz sei normativ darauf ausgerichtet, die Handlungsbefähigungen aller Menschen zu erweitern. Zu diesem Zweck, so erläuterte Bittlingmayer, müssten gesellschaftliche Institutionen und Handlungsfelder, somit die gesamten gesellschaftlichen Verhältnisse, darauf ausgerichtet werden, die Realfreiheiten der in ihnen lebenden Menschen zu erhöhen. Angesichts aktueller Entwicklungen bedeute dies, auch die politisch vorangetriebene Limitierung ehemals vorhandener Verwirklichungschancen für benachteiligte soziale Gruppen aufzuzeigen. Insbesondere in den Bereichen Bildung und Arbeit wirkten etwa die Kürzung von Sozialleis­tungen, die Erhöhung der Kassenbeiträge etc. einem Anspruch auf gerechte gesellschaftliche Bedingungen für Gesundheit entgegen.

Migrationssymposium

Zwar nicht alle im „Capabilities“-Ansatz verortet, dennoch aber dem Gedanken der Verwirklichungschancen verpflichtet, waren die Referate, Vorträge und Debatten in den einzelnen Veranstaltungen. So wurde im Migrationssymposium über Integration und Akkulturation als Einflusskriterien auf soziale und medizinische Parameter, insbesondere während Schwangerschaft, Geburt und früher Kindheit diskutiert.

Einführend gab die Gesundheitswissenschaftlerin Theda Borde von der Alice Salomon Hochschule Berlin einen kurzen Überblick über die Gesundheitsversorgung und Versorgungsforschung der zugewanderten Bevölkerung seit Beginn der Gastarbeiteranwerbung in den 1950er Jahren. Diese wurde bis in die 1970er Jahre „irgendwie mitversorgt“, ohne dass man spezifische Kenntnisse dieser Bevölkerungsgruppen hatte. Erst die 1980er Jahre brachten vereinzelte Forschungen zu definierten Problemgruppen hervor, wie zum Beispiel über „Ausländerinnen in der Geburtshilfe“.

Die Bezeichnung „Migrationshintergrund“ steht heute auch für die Hete­rogenität der Bevölkerung mit Zuwanderungsgeschichte: Bildung, Sprache, Alter, Ethnizität, Gesundheitswissen, Herkunftsland, Migrationsmotive und viele Aspekte mehr sind darin enthalten. Die „ethnische Verteilung“ von Gesundheit und Krankheit kann damit nicht nur mit biologisch-genetischen Voraussetzungen erklärt werden, sehr viel größeren Einfluss haben materielle und sozioökonomische Bedingungen, kulturelle und migrationsspezifische Faktoren, aber auch die selektive Wirkung der Gesundheitsversorgung.

Unter dem Aspekt des Zugangs zur und der Erreichbarkeit der Gesundheitsversorgung stellten WissenschaftlerInnen Studien vor, die sich mit den Einflüssen von Akkulturation und Integration auf Gesundheitsverhalten und Morbiditätsraten beschäftigen. In einer eigenen Einheit wurden Erfahrungen mit Modellen und Projekten aus der Praxis ausgetauscht.

Gesundheit von Kindern und Jugendlichen

Auch der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen waren Einzelveranstaltungen gewidmet. Bereits in der Eröffnungsveranstaltung wies Elisabeth Pott von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) auf die gesellschaftliche Relevanz dieses The­mas hin: Durch ein gutes Betreuungsangebot könnten Defizite in den Familien aufgefangen werden. Auch könne man die Gesundheit der Kinder nicht fördern, ohne die Eltern zu unterstützen. Letztlich sei ein ganzheitlicher Ansatz gefragt.

Doch nicht nur die inhaltlichen Foren mit Vorträgen und Diskussionen waren gut besucht. Auch der Markt der Möglichkeiten fand großen Anklang: Hier konnten sich die Kongressteilnehmenden informieren und mit Materialien des Statistischen Bundesamtes, der BZgA und vieler anderer Einrichtungen versorgen. Die Poster-Ausstellung über kommunale Gesundheitsprojekte im Fo­yer des Rathauses bot eine interessante Ergänzung.

Kritik an Gesundheitspolitik

Die Themen Chancengleichheit und Verwirklichungschancen wurden zwar unter Globalisierungsaspekten, aber auch stets im Hinblick auf die aktuelle nationale Gesundheitspolitik diskutiert. Insbesondere aktuelle Reformen, wie die Anhebung der Krankenkassenbeiträge, Zuzahlungen für Medikamente etc., stießen unter gerechtigkeitstheoretischen Gesichtspunkten auf Kritik.

Denn, so mussten viele feststellen: Die Ungleichheit im Gesundheitswesen nimmt zu. Die Hoffnung, die Elisabeth Pott in ihrem Begrüßungsreferat ausdrückte, nämlich dass der Kongress „Armut und Gesundheit“ irgendwann obsolet werden sollte, wird deshalb sicher noch lange eine Hoffnung bleiben. Die realen Bedingungen sind noch weit von gleichen Verwirklichungschancen für Gesundheit entfernt.

Die Dokumentation des 15. Kongresses (2009) ist inzwischen auf CD-ROM erscheinen und kann angefordert werden bei:

Gesundheit Berlin-Brandenburg, Friedrichstr. 231, 10969 Berlin, Tel. 030-44 31 90 60, sekretariat@gesundheitberlin.de

Magdalena Stülb

geb. 1963, ist Ethnologin, Krankenschwester und Trainerin für Transkulturelle Kompetenz in Freiburg im Breisgau.

magdalena.stuelb@amiko-freiburg.de


 

[1]Quelle: Dr. med. Mabuse, Ausgabe 190, März/April 2011, 36. Jg., S. 18-19, www.mabuse-verlag.de; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorin.


Zurück