< vorheriger Artikel

Schreiben der DGVT-Fachgruppe „Frauen in der psychosozialen Versorgung“ an das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend vom 4. März 2011

Deutscher Jugendliteraturpreis für Bilder- und Kinderbücher mit traditionellen Frauenbildern


Sehr geehrte Frau Ministerin Dr. Schröder,

die Bilder- und Kinderbücher, die alljährlich für den von Ihrem Hause gestifteten Jugendliteraturpreis nominiert werden, arbeiten nach wie vor mit den traditionellen Geschlechterrollen-Klischees. Dies hat eine aktuelle Studie der Fachgruppe „Frauen in der psychosozialen Versorgung“ der „Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie“ ergeben.

Wir bitten Sie und den Arbeitskreis für Jugendliteratur daher, im Vorfeld der Nominierung der Bilder- und Kinderbücher für den Deutschen Jugendliteraturpreis am 17. März 2011 auf der Leipziger Buchmesse die Gender-Frage stärker zu berücksichtigen.

Ab dem dritten Lebensjahr wächst die Bedeutung der Geschlechterkategorien für das Kind. Es erweitert sein Wissen über die mit dem jeweiligen Geschlecht assoziierten Attribute. Das Konstrukt „Mama kocht, Papa verdient das Geld“ entspricht nicht mehr der Realität. Der soziale Wandel, der durch eine stärkere Ausrichtung der Frauen auf den Beruf und durch hohe Bildungsabschlüsse gekennzeichnet ist, sollte sich auch in den Bilder- und Kinderbüchern niederschlagen.

Als Anlage übersenden wir Ihnen unsere Pressemitteilung, die wir dieser Tage bundesweit an die Medien verschickt haben.

Mit freundlichen Grüßen


Antwortschreiben des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Bonn, vom 11. März 2011 – Referat 502 Jugend und Bildung

Deutscher Jugendliteraturpreis und traditionelle Frauenbilder

Ihr Schreiben vom 4. März 2011

Sehr geehrter Herr Schreck, sehr geehrte Frau Deubert,

sehr geehrte Frau Jäger, sehr geehrte Frau Jürgens,

vielen Dank für Ihr Schreiben vom 4. März 2011 an Frau Bundesministerin Dr. Schröder.
Frau Ministerin hat mich gebeten, Ihnen zu antworten.

Ich stimme Ihrem Anliegen, dass auch ein Preis wie der Deutsche Jugendliteraturpreis die Gender-Frage berücksichtigen sollte, voll und ganz zu.

Ziel des Bundesjugendministeriums – wie auch des Arbeitskreises für Jugendliteratur und der unabhängigen Jury des Deutschen Jugendliteraturpreises – ist es, mit den ausgezeichneten Büchern Kindern schon in frühen Jahren eine Fülle an Identifikationsmöglichkeiten und Lebensentwürfen nahe zu bringen. Nicht nur in der Gender-Frage, sondern auch hinsichtlich der Darstellung von Minderheiten und Benachteiligten, von Menschen aus anderen Ländern, von fremden Kulturen und dem Konzept von Kindheit allgemein gilt es, Klischees zu vermeiden.

Seien Sie versichert, dass all diese Leitgedanken nicht nur in diesem Jahr, sondern bereits auch in der Vergangenheit, bei der Findung der Nominierungen zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2011 mit einbezogen worden sind. Dabei liegen uns klischeefreie Jungen- und Männerdarstellungen ebenso am Herzen, wie eine differenzierte Darstellung von Mädchen und Frauen. Die Darstellung „neuer Väter“, die Sie in Ihrer Untersuchung beobachten, ist nur ein Ergebnis davon.

Darüber hinaus ist Literatur für Kinder und Jugendliche aber mehr als ein Erziehungsinstrument und nicht ausschließlich dem realistischen Genre zuzuordnen.

Literatur hat vielfältige Funktionen für die Leserinnen und Leser: Sie leistet einen Beitrag zur Lesekompetenz, sie fördert empathische Fähigkeiten, sie stärkt das Urteilsvermögen, relativiert die eigene Lebenswelt, ermöglicht ein Abtauchen in spannende Abenteuer, erschließt vergangene Zeiten und fremde Länder und macht nicht zuletzt: einfach Spaß.

Seien Sie versichert, dass die Gender-Frage neben einer Fülle weiterer (literarischer und ästhetischer) Kriterien ihre Anwendung findet. Das zeigen zum Beispiel prominente Mädchen- und Jungenfiguren aus der langen Preisgeschichte, die mutig neue Rollenbilder propagieren: z.B. Michael Endes „Momo“, Christine Nöstlingers „Konrad aus der Konservenbüchse“, Peter Härtlings „Ben und Anna“, Manuela Oltens „echte Kerle“ oder Antje Damms „Räuberkinder für die Allerkleinsten“, usw..

Mit freundlichen Grüßen

Im Auftrag

gezeichnet

Oberamtsrätin Uta-Christina Biskup

 

 

 


Zurück