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Das „Ende der atomaren Gelassenheit“ - jetzt doch noch?


Wenn ich nach einem Vierteljahrhundert meinen Text lese, dann erlebe ich mich als einen Wutbürger. Die Wut steigt auf, wenn ich heute die rhetorischen „Bekehrungsbekenntnisse“ von Politikern höre, die noch vor einem halben Jahr eine profitträchtige Laufzeitverlängerung  gerechtfertigt hatten. Wir haben ein Vierteljahrhundert verloren, in dem die Energiewende längst hätte vollzogen werden können! Alle Argumente für einen konsequenten Ausstieg aus der Kernenergie lagen seit mehr als 25 Jahren vor und Tschernobyl hatte der längst vorhandenen Kritik die faktische Untermauerung geliefert. Der englische Psychologe James Thompson hatte 1985 ein Buch über die psychologischen Konsequenzen der militärisch und „friedlich“ eingesetzten Atomenergie veröffentlicht, dessen Übersetzung ich 1986 veranlasst hatte. In seinem deutschen Nachwort schrieb Thompson (1986, S. 187): „Auf bedeutende Weise wird Tschernobyl wesentlich die Einstellung  zur Atomenergie verändern. Das heißt, es gibt jetzt ein Beispiel, wo vorher nur eine Hypothese vorhanden war. Das Abstrakte ist konkret geworden. Die Gegner werden nicht mehr Schreckliches prophezeien müssen, da nun tatsächlich ein Unfall eingetreten ist.“ Und dann fügt er noch den Satz an: „Es wird mindestens eine Generation dauern, um diese schlimme Katastrophe vergessen zu können“ (ebd.). Die damals geborene Generation ist erwachsen geworden. Sind diese und wir alle auch von einer kollektiven Amnesie in Bezug auf den Super-GAU in der Ukraine bestimmt? Hat uns nun Fukushima daran gehindert, Tschernobyl endgültig zu vergessen? Hat es wirklich so lange gedauert oder haben wir uns nicht viel schneller wieder in einen Zustand der „atomaren Gelassenheit“ begeben?

Mein Text aus dem Jahr 1986 ist einen Monat nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl entstanden und man spürt ihm die tiefe emotionale Erschütterung an, die damals große Teile der deutschen Bevölkerung erfasst hatte. Es gab einen Zustand kollektiver Verunsicherung und Angst. Man hoffte auf den Anfang vom Ende der sog. „friedlichen Nutzung der Atomenergie“. Das Umfrageinstitut EMNID, das wöchentliche Befragungen zu den Themen durchführte, die die Bevölkerung am meisten bewegen, hatte damals einen ungeheuren Angstausschlag verzeichnet, die sog. „Tschernobylzacke“ (Kaase 1986). Seinen Gipfel erreichte dieser Ausschlag Ende Mai 1986, aber nach zwei Monaten war Tschernobyl eines unter mehreren Themen. Ich habe mich damals gefragt, ob diese Zahlen nicht belegen, „dass die kurzfristig hochflatternden Ängste schnell hinter die Dämme einer gelingenden Angstbewältigung zurückgedrängt werden konnten“ (Keupp 1988, S. 43). Peter Sloterdijk, immer für schnelle Antworten gut, hatte im Juli 1986 prognostiziert, dass das „menschliche Bewusstsein“ gegen die „katastrophische Evidenz“ des Reaktorunfalls immun sei, denn „es gibt massenhaft irreversibel geprägte Mentalitäten, die gewissermaßen katastrophenfest sind und die im Bunker ihrer Überzeugungen jeder Erschütterung gewachsen bleiben. An solchen Strukturen prallt die apokalyptische Evidenz ab; letztlich sind Bewusstseine härter als Tatsachen“ (1986, S. 33).

Ein oberflächlicher Blick mag dieser Einschätzung Recht geben, denn Ängste können nicht über einen längeren Zeitraum Bestand haben. Sie erfordern Reaktionen, Handeln oder Verdrängung. Es gab sicher beides und die anhaltenden Kampagnen der Atomlobby, die ein deutsches Qualitätssiegel auf die AKWs projizierten und damit ihren Sicherheitsstandard – in verdächtiger Weise - über die 100%-Marke trieben[1]. Die ukrainische Katastrophe konnte als Beleg für die technische und politische Inkompetenz „der Russen“ und – noch eine Steigerung – „der Kommunisten“ dargestellt werden. Zu einem wirklichen Tranquilizer hat es diese Kampagne nicht geschafft, außer bei dem Parteienspektrum, das sich gut mit der Atomlobby arrangierte. Nach Tschernobyl hat sich nie mehr die „atomare Gelassenheit“ oder gar die Technikbewunderung[2] eingestellt, die lange Zeit verhindert hat, dass längst existierende warnende Stimmen gehört worden wären. Die Mehrheit der Bevölkerung hat sich nie mehr zu einer positiven Einstellung zur Kernkraft bekehren lassen. Die damals entstandenen Widerstandsgruppen haben sich immer wieder artikuliert. Die „Mütter gegen Atomkraft“, die sich überall 1986 gebildet haben, sind zwar inzwischen Großmütter geworden, aber sie sind am Thema dran geblieben. Die Castortransporte haben regelmäßig Widerstandsaktionen ausgelöst. Die auch in die Jahre gekommenen Protestbewegungen des Wendlands haben immer wieder gezeigt, dass es nach wie vor keine konsensfähige Lösung für ein atomares Endlager gibt. Die grauenhafte Bilder der Schachtanlage Asse, in der ja zwischen 1967 und 1978 die Endlagerung radioaktiver Abfälle großtechnisch erprobt und praktiziert wurde, haben die Behauptung, die Nukleartechnologie sei bei den Ingenieurwissenschaften in guten Händen, augenfällig für uns alle, widerlegt.

Die Entwicklung des letzten Vierteljahrhunderts zeigt, dass soziale Bewegungen individualisierte Ängste als kollektive Bedrohungen definieren und politische Veränderungsinitiativen aufbauen. So können Ängste als motivationale Basis für gesellschaftliches Umdenken produktiv werden. Die Reaktion auf die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl mag hier als Beispiel dienen. Dieser menschheitsbedrohende Unfall hat nicht nur die Risiken der Kernkraft deutlich gemacht, er hat vor allem eine emotionale Tiefenwirkung erlangt, die sich in eindrucksvolle Widerstandspotentiale transformiert hat. Die berühmte „Angstzacke“ hat das zunächst nicht erwarten lassen, aber die Mentalitäten waren nicht immun gegen die Tschernobylbotschaft. Die in Wackersdorf geplante Wiederaufarbeitungsanlage ist von einer großartigen und anhaltend-ungeduldigen Protestwelle verhindert worden. Am 31. Mai 1989 hat die bayerische Staatsregierung das Ende dieses Projektes  beschlossen.

Die zivilgesellschaftliche Protestbewegung hat eine Nachhaltigkeit entwickelt, die in der Politik keine Entsprechung hat. Fukushima hat all denen Recht gegeben, die über Jahrzehnte immer wieder das Ende der Atompolitik gefordert haben. Die jetzt wahrscheinlicher werdende Abkehr[3] von der Atomenergie bedurfte eines langen Atems und der wird auch weiterhin notwendig sein, um die doppelte Rolle rückwärts in der politischen Arena zu verhindern. Jürgen Habermas (2011) hat dazu kürzlich Stellung genommen: „In Baden-Württem-berg kippt eine soziale Bewegung nach vierzig Jahren zivilgesellschaftlichen Protestes eine beinharte Mentalität, auf die sich die industriefreundlichen Eliten bislang verlassen konnten“. Und Habermas sieht hier auch ein Paradigma für andere Politikfelder, in denen eine „normativ entkernte Politik“ von einem faulen Kompromiss zum nächsten taumelt: „Vielleicht  können die … Motivationen nur von unten, aus der Zivilgesellschaft selbst, erzeugt werden. Der Ausstieg aus der Atomenergie ist ein Beispiel dafür, dass sich die politisch-kulturellen Selbstverständlichkeiten und damit die Parameter der öffentlichen Diskussion nicht ohne die zähe Maulwurfsarbeit sozialer Bewegungen verschieben.“

Den Psychologen hat natürlich über all die Jahre die emotionale Resonanz auf die Risikoerfahrungen mit der Kernkraft interessiert. Das ist genau die Dimension, die für die Fachleute aus Politik, Technik und Medizin mit ihren „vernünftigen“ Erklärungen und „Argumenten“ unkontrollierbar blieb. Als ein Jahr nach Tschernobyl eine Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing in Schweinfurt stattfand und eine breite Resonanz fand, waren alle Gruppen vertreten, die sich bei diesem Thema angesprochen fühlten: Ausgewiesene Gegner der Atomindustrie wie Klaus Traube, Bürgerinitiativen vor Ort, die Betreiber von AKWs und hochrangige Vertreter der staatlichen Aufsichtsbehörden. Die Veranstalter dieser Tagung hatten schon im Vorfeld mit massiven Versuchen zu kämpfen, auf den Tagungsablauf und auf die Liste der eingeladenen ExpertInnen Einfluss zu nehmen. Aus der bayerischen Staatskanzlei (damals geleitet von Edmund Stoiber) wurde vor allem heftig in Frage gestellt, dass bei dieser Tagung auch ein Vortrag über die psychologischen Folgen der Reaktorkatastrophe gehalten werden sollte. Da öffnete sich ein Themenfeld, das offensichtlich als unkontrollierbar eingeschätzt wurde. Ich hatte diesen Vortrag zu halten und er entsprach in etwa den Überlegungen, die in dem hier publizierten Reprint enthalten sind.

An diese Szene musste ich denken, als ich im SPIEGEL vom 4. April 2011 den Essay eines renommierten US-amerikanischen Mediziners las. Robert Peter Gale, Hämatologe und Onkologe, leitete das internationale Ärzteteam, das nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl tätig wurde und er berät augenblicklich die japanische Regierung nach der Havarie in Fukushima. Er kritisiert heftig die Reaktionen der Deutschen auf diese Katastrophe: „Die am schwersten wiegenden Langzeitfolgen eines Atomunfalls sind meist nicht medizinischer, sondern politischer, ökonomischer und psychologischer Natur. Deshalb sollte die deutsche Reaktion auf Fukushima nicht nur von Emotionen bestimmt sein, sondern rücksichtsvoll und bedacht ausfallen.“ Für Gale sind vor allem die Wirkungen der „deutschen Angst“ auf die Befindlichkeit der japanischen Bevölkerung desaströs, sie würden ihnen den Glauben an einen guten Ausgang nehmen: „Nur ist die Botschaft an die Japaner, die im Land bleiben müssen, verheerend. Sie beginnen, ihrer eigenen Regierung zu misstrauen. Angst breitet sich aus. Das ist ein schrecklicher Nebeneffekt dieser übertriebenen Besorgnis – und der Panikreaktion aus Deutschland.“ Und dieser um „Rationalität“ bemühte Arzt sieht, dass„Atomkraft ein sehr emotionales Thema (ist). Viele Menschen haben eine Meinung dazu und nehmen nur zur Kenntnis, was ihre Ansichten stützt. Vieles ist dabei irrational“. In der in Österreich verlegten „Die kleine Zeitung“ vom 06. April 2011 wird er so zitiert: Der amerikanische Krebsforscher Robert Peter Gale, der zur Zeit in Fukushima tätig ist, kritisiert die Hysterie der Deutschen. Abschalten aus Angst vor den Gefahren der Atomenergie sei maßlos übertrieben“.Solche Aussagen von einem Mann, der 1988 ein Buch „Final Warning“ publiziert hat und bei seinem Abflug nach Moskau am 1. Mai 1986 in Los Angeles gesagt hat: "Es steht zu befürchten, dass der Mensch mit der Atomspaltung die Schwelle überschritten hat, die alle in Gefahr bringt." Diese Einschätzung würde er wohl heute nicht mehr vornehmen. Er hat sich auf die Seite der „instrumentellen Vernunft“ geschlagen, die alles zu einem Managementproblem macht, die durch Gefühle nur in ihrer Funktionslogik gestört wird. Das „Andere der Vernunft“, die „Vernunft der Gefühle“ oder die „emotionale Intelligenz“ sind dann nur noch Störfaktoren. Ihre Vertreter werden als „Wutbürger“ diskriminiert. Aber haben sie nicht die Vernunft auf ihrer Seite, wenn sie menschenfeindliche Großprojekte und Technologien in Frage stellen?

Heiner Keupp

Literatur

Gale, R.P. & Hauser, T. (1988). Final Warning: The Legacy of Chernobyl. New York: Warner.

Gale, R.P. (2011). Die wahre Gefahr. Schädlicher als die Strahlung selbst ist die Angst vor ihr. In: Der Spiegel 14/2011, S. 114/115.

Habermas, J. (2011). Ein Pakt für oder gegen Europa? In: Süddeutsche Zeitung vom 07. April 2011, S. 11.

Kaase, M. (1986). Politische Einstellungs- und Bewusstseinsänderungen durch den Reaktorunfall von Tschernobyl. In: Forschung aktuell, Nr. 11 – 13, Dezember 1986, S. 56 – 59.

Keupp, H. (1988). Riskante Chancen. Das Subjekt zwischen Psychokultur und Selbstorganisation. Heidelberg: Asanger.

Sloterdijk, P. (1986). Wieviel Katastrophe braucht der Mensch? In: Psychologie heute, 13, September, S. 28 – 37.

Thompson, J. (1986). Nukleare Bedrohung. Psychologische Dimensionen atomarer Katastrophen. München: Psychologie Verlags Union.


[1] Bei einer Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing, die ein Jahr nach dem Super-GAU stattfand und zwar in Schweinfurt, weniger als 10 km vom AKW Grafenrheinfeld entfernt, versicherte ein Vertreter der dieses AKW betreibenden Bayernwerk AG (heute E.ON), dass dieses AKW 120 % sicher sei. Genau diese Versicherung wurde von den Zuhörern als Beleg verstanden, dass das mit der 100%igen Sicherheit eine Illusion sei.

[2] Ich werde nie meinen ersten Schulausflug nach München vergessen, ich dürfte da 16 Jahre alt gewesen sein, als wir mit dem Bus vom Norden auf München zufuhren, wurden wir von unserem Lehrer emphatisch auf das „Garchinger Atomei“ hingewiesen. Dieser Forschungsreaktor ist 1957 angefahren worden und galt als faszinierendes Beispiel einer „leuchten Zukunft“. Das in einen Aluminiummantel gekleidete „Atomei“ leuchtete – von der Sonne angestrahlt – und ich sah in diesem Reaktor lange Zeit den Gipfel des Fortschritts. Ich wohne seit fast 40 Jahren etwa 10 km von diesem „Wunderwerk“ entfernt. Die Radtouren an der Isar entlang führten anfangs immer dort vorbei, aber nach 1986 immer seltener und mit einem beklemmenden Gefühl. Vor etwa zehn Jahren wurde der alte Reaktor abgeschaltet wurde und steht seither unter Denkmalschutz. Ein moderner Forschungsreaktor der TU München ging 2004 ans Netz. 

[3] Ich drücke mich bewusst sehr zurückhaltend aus, weil ich der politischen Kehrtwendung noch nicht traue. Während ich das schreibe (10. April 2011), wird schon wieder über längere Laufzeiten diskutiert.


Atomkraft gefährdet Ihre Gesundheit

Dass er so schnell von der Realität eingeholt wird, konnte unser Autor nicht ahnen. In seinem Artikel, erschienen in unserer Verbandszeitschrift VPP im Februar 2011, kritisiert Reinhold Thiel die Abkehr vom Atomausstieg durch die schwarz-gelbe Bundesregierung. Japan hat nun alle Dimensionen des bislang Vorstellbaren gesprengt. Die Laufzeitverlängerung für die deutschen Atomkraftwerke wurde für drei Monate außer Kraft gesetzt und sieben alte Atommeiler wurden vorübergehend abgeschaltet.

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