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Kauf und Verkauf psychotherapeutischer Praxen: Entwurf einer „Differenzwertmethode“ als Orientierung für die Praxiswertermittlung


Praxiswertermittlung

(kb). Die Frage eines "gerechten" Praxiskaufpreises hat in den letzten Monaten zu vielfältigen Diskussionen auf den DGVT-Mailinglisten und in unseren Vereinsgremien geführt. Im Sinne einer Weiterführung der Debatte veröffentlichen wir in dieser Ausgabe den Vorschlag eines  alternativen Modells zur Praxiswertermittlung. Die Diskussion um die mögliche Etablierung eines bundeseinheitlichen Praxiswertermittlungsverfahrens für Psychotherapeutische Praxen wollen wir in den nächsten Ausgaben dieser Zeitschrift fortsetzen. Uns interessiert die Meinung unserer Mitglieder und wir freuen uns über Ihre Rückmeldungen zum nachfolgenden Beitrag.

Stichworte in der Diskussion sind: Generationengerechtigkeit (Ausgleich zwischen "Jung" und "Alt" finden), "moralische" Debatte, Selbstverpflichtung der Praxisabgeber auf moderaten Verkaufspreis („Was ist ein fairer Praxisverkaufspreis?"), Altersvorsorge vs. Berufsausübungsrecht (Art. 12 Grundgesetz). Oft wird gewünscht, dass Gerichte/Gutachter/Zulassungsausschüsse einen gerechten Kaufpreis ermitteln sollen. Diese Stichworte berühren teilweise unterschiedliche Ebenen, die jeweils im Grunde einer separaten Ausarbeitung bedürfen.

Der finanzielle Rahmen, um den sich die Diskussion rankt, stellt sich nach einer Studie[1] der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (apo-Bank) und dem Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung (ZI) aus dem Jahr 2010 wie folgt dar: Eine Einzelpraxisübernahme in der gemeinsamen Arztgruppe Psychotherapeuten / Psychiater (es ist leider keine gesonderte Sparte für Psychologische und ärztliche Psychotherapeuten vorgesehen) kostete in den alten Bundesländern durchschnittlich 69.000 Euro. Im Jahr 2004 hatten apo-Bank und ZI bei der Auswertung noch einen durchschnittlichen Kassenpraxiswert von 48.000 Euro ermittelt.

Der folgende Beitrag zielt darauf, den notwendigen Dialog mit und zwischen den Beteiligten über die Frage eines gerechten Praxiskauf- bzw. verkaufpreises zu erleichtern und die PsychotherapeutInnen dadurch bei der Umsetzung der Praxisnachbesetzung zu unterstützen


Kauf und Verkauf psychotherapeutischer Praxen

Psychotherapeutische Praxen mit der Zulassung zur kassenärztlichen Versorgung sind angesichts gesperrter Planungsbezirke zu einem knappen Gut geworden. In diesem Zusammenhang haben Praxisabgeber begonnen, ihre Praxen an den jeweiligen Nachfolger zu verkaufen. Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang vor allem, dass üblicherweise nicht nur vorhandene Substanzwerte in Form von Mobiliar, EDV-Ausstattung etc. veräußert werden, sondern beträchtliche Anteile für den ideellen Wert einer Praxis veranschlagt werden. Dabei werden mit Argumenten wie z.B. den mit dem Kassensitz verbundenen Gewinnerzielungsmöglichkeiten und dem Image einer gut eingeführten Praxis hohe Preise von inzwischen häufig 40.000 bis 50.000 € und mehr begründet.

Angesichts der Tatsache, dass diese Preise inzwischen regelhaft gezahlt werden, ist bei vielen Praxisabgebern, auch wenn diese selbst bei der Gründung ihrer Praxis vor der Zulassungssperre ihren Praxissitz meist nicht käuflich erwerben mussten, inzwischen ein verständliches Anspruchsdenken entstanden, dass sie bei der Aufgabe ihres Kassensitzes z.B. aus Altersgründen mit einem entsprechenden Betrag für ihre Alterssicherung rechnen können. Dagegen werden junge PraxiskollegInnen mit Beginn ihrer Praxistätigkeit nach hohen Ausbildungskosten und schlechter Bezahlung als PIA mit einer erheblichen zusätzlichen finanziellen Belastung konfrontiert zumal für sie völlig unklar ist, inwieweit sie bei Beendigung ihrer Praxistätigkeit diesen Betrag durch Veräußerung ihrer Praxis wieder erstattet bekommen können.

In diesem Zusammenhang stellt sich seit mehreren Jahren die Frage nach einer angemessenen Methode zur Ermittlung des Praxiswertes, der rational nachvollziehbar und auch juristisch belastbar ist.

KV-Zulassungen für Psychotherapeutische Praxen erfolgen durch die bei den Kassenärztlichen Vereinigungen angesiedelten Zulassungsausschüsse auf der Basis gesetzlich definierter Auswahlkriterien der Bewerber (berufliche Eignung, Approbationsalter, Dauer der ärztlichen bzw. psychotherapeutischen Tätigkeit, verwandtschaftliche Interessenverhältnisse oder Interessen, die sich aus einer bereits gemeinschaftlichen Ausübung der Praxis ergeben, vgl. Sozialgesetzbuch V, § 103 Abs. 4 Satz 4). Zusätzlich wird die Dauer der Eintragung auf die Warteliste bei der jeweiligen KV (als untergeordnetes Kriterium) herangezogen.

Die Zulassungsausschüsse der Kassenärztlichen Vereinigungen haben in der Vergangenheit mit ihrer Art der Ausgestaltung des Nachbesetzungsverfahrens indirekt erheblichen Einfluss auf die Preisgestaltung genommen und dazu beigetragen, dass die heutigen hohen Praxispreise üblich wurden. So wurden in der Vergangenheit von einigen Zulassungsausschüssen nur solche Bewerber beim Nachbesetzungsverfahren berücksichtigt, die einen Vorvertrag mit dem Praxisabgeber geschlossen hatten. Dies führte zu hohen Praxispreisen, indem Praxisabgeber nur mit solchen Anwärtern auf den Kassensitz Vorverträge abgeschlossen haben, die hohe Kaufpreisforderungen akzeptierten. Auch heute noch unterstützen die Zulassungsausschüsse eine solche Praxis, wenn sie es akzeptieren, dass Praxisabgeber ihre Ausschreibung der Vertragssitze zurückziehen, sobald im Nachbesetzungsverfahren nicht die KandidatInnen den Zuschlag erhalten, die bereit sind, die Forderungen des Praxisabgebers zu erfüllen. Bewerber für Praxisübernahmen mussten deshalb die Kaufpreisforderungen akzeptieren, wenn sie die Option auf die Übernahme des Kassensitzes wahren wollten. Eine solche Verfahrensweise widerspricht der Rechtsprechung des Bundessozialgerichts, das bereits in einem Urteil aus dem Jahr 2003 entschied, dass der Praxisabgeber sein Recht auf Wiederholung der Ausschreibung verliere, wenn er einen Vertragsschluss in Höhe des Verkehrswerts ablehne und damit die Praxisübergabe aus Gründen, die vom Gesetz nicht ausdrücklich geschützt werden, scheitern lasse (Urteil des Bundessozialgerichts v. 5.11.2003, BSGE 91, 253).

Inzwischen ist es für Bewerber auf Praxissitze bei der Nachbesetzung zunehmend üblich und ausreichend, gegenüber dem Zulassungsausschuss die Bereitschaft zur Zahlung des Verkehrswertes zu erklären, ohne zuvor vertraglich Zustimmung zu Kaufpreisforderungen des Praxisabgebers zu erklären. Eine nachträgliche Revision eines einmal geschlossenen Kaufvertrages ist schwierig. Zivilgerichte haben Versuche der Praxisübernehmer, bereits unterschriebene Praxiskaufverträge nach Erhalt der Zulassung juristisch mit dem Argument der Sittenwidrigkeit anzufechten, zurückgewiesen, auch wenn hohe Praxispreise veranschlagt wurden.

Der Zulassungsausschuss kann also nach aktueller Rechtslage einen Bewerber, wenn er sonst von den Qualifikationskriterien her den Zuschlag erhalten müsste, nicht vom Verfahren ausschließen, wenn dieser gegenüber dem Zulassungsausschuss seine Bereitschaft erklärt, den Verkehrswert zu zahlen. Die Einigung über die Bestimmung des Verkehrswertes kann dann anschließend zwischen den beiden Vertragsparteien einvernehmlich und auf Augenhöhe erfolgen. Bei Nichteinigung ist durch den Zulassungsausschuss ein Gutachter zu bestellen, der den Verkehrswert der Praxis anhand der zur Verfügung stehenden Methoden ermittelt.

Wie aber kann der Verkehrswert
ermittelt werden? 

In jüngerer Zeit hat es wiederholt Sozialgerichtsurteile mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen zu dieser Frage gegeben. Bislang existiert noch keine verbindliche Rechtsprechung des Bundessozialgerichtes darüber, welche Form der Ermittlung des Praxiswertes einer psychotherapeutischen Praxis diesem Grundsatz genügt. Verschiedene Berufsverbände und die Ärztekammern, haben sich zu dieser Thematik positioniert und eigene Vorschläge zur Bemessung des Wertes einer psychotherapeutischen Praxis gemacht, auch der Länderrat der Bundespsychotherapeutenkammer hat sich dieser Thematik angenommen und Vorschläge erarbeitet.

Mit dem hier vorgelegten Positionspapier zur Bestimmung des Praxiswertes anhand der „Differenzwertmethode“ wird ein eigener, ganz neuer Denk- und Bewertungsansatz zu dieser Thematik vorgelegt.

Dabei wird von der vermutlich konsensfähigen und juristisch nicht anfechtbaren Annahme ausgegangen, dass Zulassungen an sich nicht verkäuflich sind und dass keine Situation toleriert werden darf, in der Zulassungen faktisch an den Meistbietenden verkauft werden.

Praxisinhaber haben bei der Abgabe ihrer Praxis i.d.R. ein verständliches Interesse, den höchstmöglichen Preis für ihre Praxis zu erzielen. Da der Substanzwert (materieller Wert) einer Praxis meist gering und in der Regel unstrittig gehandhabt werden kann (Mobiliar, Technik, EDV-Software, Fachbibliothek, Testbibliothek, Therapiematerialien), werden hohe Verkaufspreise üblicherweise mit dem sog. ideellen Wert einer Praxis begründet. 

Was ist aber der ideelle Wert einer Praxis und wie kann sicher gestellt werden, dass es so faktisch nicht doch zum Verkauf der Zulassung kommt?

Die bislang gängigen Berechnungsmodelle zur Bestimmung des ideellen Wertes einer Praxis orientieren sich an den mit einer Praxis zukünftig zu erzielenden Gewinnmöglichkeiten (z.B. Ertragswertmethode der Bundesärztekammer, Psychotherapeutenkammer-Modell der Psychotherapeutenkammer Niedersachsen, Modell des Länderrates der Bundespsychotherapeutenkammer)

Um beim Praxisverkauf eine Abgrenzung gegenüber dem Argument des faktischen Verkaufs einer Zulassung juristisch belastbar vorzunehmen, ist es aber notwendig, bei der Bestimmung des ideellen Praxiswertes einen realen Mehrwert zugrunde zu legen, der sich eben nicht alleine aus der Zulassung ergibt. Dieser Wert wird im folgenden Differenzwert genannt.

Bei der Bestimmung des realen Mehrwertes ist nach dem vorliegenden Bewertungsansatz nicht der zu erwartende Gewinn einer Praxis zugrunde zu legen, sondern alleine der zusätzliche Wert oder Differenzwert, den ein Käufer über die reine Zulassung mit der Übernahme der bestehenden Praxis hinaus erwirbt. Mit einer reinen Zulassung sind auch ohne Übernahme einer bestehenden Praxis erhebliche Gewinnerzielungsmöglichkeiten verbunden.

Der Differenzwert ist der Unterschied zwischen den Gewinnerzielungsmöglichkeiten bei Übernahme einer bestehenden Praxis gegenüber den Gewinnerzielungsmöglichkeiten bei der Neugründung einer Praxis (d.h. der reinen Zulassung).

Die mit einer Praxistätigkeit zu erzielenden Einnahmen oder Gewinne sind daher in diesem Bewertungsansatz völlig unerheblich, wenn sie nicht über den Einnahmen oder dem Umsatz liegen, die sich mit Erteilung einer neuen Zulassung in dieser Region ohne Übernahme der zu veräußernden Praxis erzielen ließen.  

Welchen Mehr- oder Differenzwert kann ein Praxisinhaber beim Verkauf seiner Praxis zum Ansatz bringen, der über dem einer Praxisneugründung liegt?

Hinsichtlich des Substanzwertes einer Praxis wird bei allen materiellen Gütern (Praxiseinrichtungsgegenstände, Bücher, notwendige Geräte etc.) vorgeschlagen, den Zeitwert nach der üblichen steuerlichen Abschreibung der Anschaffungen zugrunde zu legen. Dieser Teil dürfte vermutlich unstrittig regelbar sein können.

Bei der Beantwortung der Frage nach der Bemessung des ideellen Praxiswertes sind die gegenwärtigen Bedingungen der Versorgungspraxis (vgl. aktuelle Studien zu Wartezeiten bei den psychotherapeutischen Praxen) zu berücksichtigen.

Demnach dürfte ein Psychotherapeut, der eine neue Praxis ohne Übernahme einer bestehenden Praxis gründet, in aller Regel keine Probleme haben, seine Praxis innerhalb kürzester Zeit auszulasten. Auch wenn hierzu keine publizierten belastbaren Zahlen vorliegen, gehen wir aufgrund von langjährigen Erfahrungswerten in unterschiedlichen Versorgungsregionen von maximal zwei Quartalen aus (in vielen Fällen dürfte sogar ein Quartal genügen), die es bedarf, um eine volle Praxisauslastung zu erreichen.

In der Regel reichen Anschreiben an die umliegenden Kollegen oder niedergelassenen Haus- und relevanten Fachärzte aus, um bei dem derzeit bestehenden Versorgungsdruck sehr schnell dankbare Zuweiser zu finden, die ihre Patienten mit Bedarf an psychotherapeutischer Versorgung unterbringen können.

Hier wird sehr konservativ davon ausgegangen, dass bei einer Praxisneugründung ohne bestehende Zuweiserstruktur ohne jegliche Probleme im ersten Quartal 40 % des vollen Umsatzes, im zweiten Quartal 80 % des vollen Umsatzes erzielt werden können. Spätestens ab dem dritten Quartal dürfte die Praxis voll ausgelastet sein können.  

Der Inhaber einer gut eingeführten Praxis mit bestehender Zuweiserstruktur könnte in diesem Sinne als Mehrwert also anbieten, dass KollegInnen, die eine Praxis übernehmen, ihre Praxis schneller füllen können als dies bei einer Praxisneugründung der Fall wäre.

Einschränkend ist hier aber zu berücksichtigen, dass neu beginnende KollegInnen vermutlich gar kein Interesse haben dürften, vom ersten Tag der Praxiseröffnung an voll ausgelastet zu sein. Vor allem aber sind aufgrund der Besonderheiten in der psychotherapeutischen Versorgung Zuweiserstrukturen in besonderem Maße personengebunden (dies gilt also vor allem beim Verkauf von Einzelpraxen, weniger vermutlich bei MVZ oder größeren Gemeinschaftspraxen). Dies gilt im Übrigen in besonderem Maße auch für den Anteil an privatversicherten Patienten. Mit Wechsel des Praxisinhabers werden Zuweisungswege für privatversicherte Patienten neu strukturiert. Dies bedeutet in der Regel, dass der hier anzusetzende Mehrwert für eine bereits gut eingeführte Praxis nur zum Teil bei der Veräußerung berücksichtigt werden kann. 

Ein Indikator für diesen Mehrwert wäre die Vorlage einer gut dokumentierten Warteliste. Neben Datum des Anrufs von potentiellen Patienten und Indikatoren für die Aktualität des Bedarfs (Wiederholungsanrufe) müsste auch dokumentiert sein, ob die betreffenden Patienten überhaupt bereit wären, von nachfolgenden Kolleg/inn/en behandelt zu werden, die der Patient nicht kennt bzw. für die er keine Empfehlung erhalten hat. Vom Praxisinhaber begonnene Fälle, die der Praxiserwerber weiterführen soll, stellen für den Nachfolger dagegen in ökonomischem Sinne vermutlich keinen Vorteil dar. Er kann zwar mit ihnen unmittelbar beginnen, hat aber ein u.U. stark begrenztes Stundenkontingent zur Verfügung, muss sich gleichzeitig in einen laufenden Fall umfangreicher einarbeiten und muss gleichzeitig früher einen aufwändigen und schlecht vergüteten Umwandlungs- oder Fortführungsantrag stellen.  

Die Gewinnvorteile durch die Möglichkeiten einer schnelleren Auslastung der Praxis werden aber auch bei Vorliegen einer umfangreichen Warteliste dadurch eingeschränkt, dass zu Beginn der Praxistätigkeit vermehrt probatorische Sitzungen geleistet werden müssen, die schlechter vergütet werden, und neu beginnende, junge, gutachterpflichtige KollegInnen erheblichen zeitlichen Aufwand für die Verfassung von Bewilligungsanträgen leisten müssen.

Aufgrund dieser Bedingungen wird davon ausgegangen, dass auch bei Übernahme einer sehr gut eingeführten Praxis mit guter Überweiserstruktur im ersten Quartal maximal 70 %, im zweiten Quartal maximal 90 % der vollen Auslastung einer Praxis erreicht werden können. 

Durch die Übernahme einer gut eingeführten Praxis ergibt sich vor dem Hintergrund dieser Überlegungen also lediglich in den ersten zwei Quartalen ein potentieller Vorteil der Praxisübernahme gegenüber einer Neugründung in einer Größenordnung von maximal 20 % Umsatzsteigerung. Nach den ersten beiden Quartalen wird hier davon ausgegangen, dass die Gewinnerzielungsmöglichkeiten bei Übernahme einer gut eingeführten Praxis sich nicht mehr von denen einer neu gegründeten Praxis unterscheiden.

Wie stellt sich die Anwendung der hier vorgeschlagenen Differenzwertmethode zur Ermittlung des Praxiswerts in einem Berechnungsbeispiel dar:

Der ideelle Wert einer Praxis im Sinne der Weitergabe einer Zuweiserstruktur und Warteliste, die helfen, die Praxis bei Übernahme schneller auszulasten, ist abhängig vom Umfang der Tätigkeit des ausscheidenden Psychotherapeuten. Hat ein Praxisinhaber einen hohen Therapiestundenumfang (maximal durchschnittlich 36 Therapiestunden für 43 Arbeitswochen im Jahr), übergibt er i.d.R. eine breitere Überweiserstruktur und eine umfangreichere Warteliste.

Am Beispiel einer voll ausgelasteten psychotherapeutischen Praxis „Mustepraxis“ (Umsatz von 124.000 € mit 36 Therapiestunden in 43 Wochen, was nur 5 % der Praxen erreichen; bei geringerer Stundenzahl muss entsprechend abgestaffelt werden) ergeben sich auf der Basis der obigen Überlegungen folgende Berechnungssätze für den Gewinn in den ersten beiden Quartalen, wenn bei Übernahme einer Praxis und Zuweiserstruktur/Warteliste 80 % des Umsatzes (im ersten Quartal 70 %, im zweiten 90 %) erzielt werden können. Es wird davon ausgegangen, dass die Betriebskosten einer neu gegründeten Praxis sich nicht von denen einer übernommenen Praxis unterscheiden:

Halbjahresumsatz bei 80 % Auslastung:                                       49.600 €
- Betriebskosten ½ Jahr(bei max. ausgelasteter Praxis)           20.318 €
Summe                                                                                                 29.282 €

- Einkommenssteuer (pauschal 30 %)                                            8.785 €
Summe                                                                                                 20.497 €

Bei der Neugründung einer Praxis mit der Absicht einer vollen Auslastung ergeben sich auf der Basis der obigen Überlegungen folgende Berechnungssätze für den Gewinn in den ersten beiden Quartalen, wenn in den ersten beiden Quartalen 60 % des Umsatzes erzielt werden können:

Halbjahresumsatz bei 60 % Auslastung:                                       37.200 €
- Betriebskosten ½ Jahr (bei max. ausgelasteter Praxis)           20.318 €
Summe                                                                                                 16.882 €

- Einkommenssteuer (pauschal 30 %)                                            5.065 €
Summe                                                                                                 11.817 €

Differenzbetrag Praxisübernahme/Praxisneugründung:          8.680 €

Der ideelle Wert einer Praxis beträgt auf der Grundlage dieses Berechnungsbeispiels einer voll ausgelasteten Praxis 8.680 €.

Da ein Großteil der Praxen deutlich geringere Auslastungskapazitäten als die hier zugrunde gelegte Praxis „Musterpraxis“ hat, liegt dort der ideelle Praxiswert entsprechend niedriger.

Die Annahme der zu erzielenden Auslastungsprozentsätze bei Neugründung einer Praxis jeweils mit und ohne Warteliste/Überweiserstruktur basiert auf verschiedenen Erfahrungen mit Praxisneugründungen und stellt zunächst einen Diskussionsvorschlag dar.

Wenn diese Annahmen mit empirisch belastbaren Zahlen unterfüttert werden sollten, wären von den KVen sicher Umsatzzahlen generierbar, die Aussagen über Unterschiede zwischen z.B. KJP-Praxisumsätzen nach Neuzulassungen ohne Übernahme einer bestehenden Praxis und Übernahmen gut eingeführter bestehender Praxen über definierte Zeiträume treffen. Dann ließe sich auch prüfen, ob mit übernommenen Praxen tatsächlich höhere Gewinnerwartungen erzielt werden können gegenüber Praxisneugründungen.

Auf der Grundlage der Berechnung des Praxiswertes mithilfe der Differenzwertmethode ergeben sich somit deutlich niedrigere Praxiswerte gegenüber den ertragswertorientierten Methoden der Ärztekammer, verschiedener Berufsverbände oder den Überlegungen  des Länderrates der BPTK zufolge. Daher ist zu erwarten, dass dieses Berechnungsmodell zunächst verständlichen Widerspruch vor allem bei den niedergelassenen KollegInnen hervorruft, die in Erwartung der zuletzt gezahlten Praxispreise mit entsprechenden Erlösen beim Verkauf ihrer Praxen kalkuliert haben bzw. ein solcher Verkauf kurz bevorsteht.

Bei allem Verständnis für diese Position sei in diesem Zusammenhang aber noch einmal an den Ausgangspunkt für die Überlegungen zur Entwicklung des hier vorgelegten Differenzwertmodelles erinnert. Wenn Konsens besteht, dass keine Zulassungen an sich verkauft werden können, muss der verkäufliche ideelle Wert einer Praxis in einem zusätzlichen Mehrwert bestehen, den eine bestehende Praxis gegenüber einer neu gegründeten Praxis hat.

Vor der Beschränkung der Zulassung zur psychotherapeutischen Versorgung hätte kein Kollege eine psychotherapeutische Praxis gekauft, wenn nicht für ihn ein erkennbarer wirtschaftlicher Zugewinn bestanden hätte. Auch rein auf die Behandlung von Privatpatienten ausgerichtete Praxen werden üblicherweise nicht verkauft. Zumindest sind dem Autor keine Fälle der Veräußerung psychotherapeutischer Praxen vor 1999 oder von Praxen ohne KV-Zulassung bekannt.

Das vorliegende Differenzwertmodell stellt den Versuch eines ganz neuen Ansatzes zur Ermittlung des Verkehrswertes psychotherapeutischer Praxen dar, der sich substantiell von den bislang üblichen Ansätzen unterscheidet. Er wird zu diesem Zeitpunkt in die Diskussion gebracht, um angesichts der erheblichen Unsicherheiten im Interessenausgleich zwischen Praxisabgebern und Praxiserwerbern eine rationale Grundlage für die Argumentation der beiden Vertragsparteien zu schaffen, die auch Bestand in einem entsprechenden Bundessozialgerichtsverfahren haben könnte.

In diesem Sinne hofft der Autor auf eine möglichst breite sachliche Diskussion aller Beteiligten und Interessengruppierungen über Pro- und Contra dieses Denk- und Bewertungsmodells mit dem Ziel, zukünftig eine nachvollziehbare, rational begründbare  und rechtlich belastbare Methode der Ermittlung des Praxiswertes zu etablieren. Der hier vorgelegte Ansatz der Differenzwertmethode ist der Versuch, sowohl den ökonomischen Interessen derjenigen gerecht zu werden, die Engagement und Kompetenz in den Aufbau einer gut funktionierenden und anerkannten psychotherapeutischen Praxis investiert haben einerseits, aber auch den berechtigten Interessen der nachfolgenden jungen KollegInnen andererseits, die für ihre Zahlungen bei Übernahme der Praxis einen reellen Mehrwert erhalten wollen, der den Start in die Praxistätigkeit erleichtert statt belastet.

Dr. Wolfgang Bürger
Kontakt: buergerpraxiska@online.de

Der Autor ist Psychologischer Psychotherapeut mit eigener Praxis in Karlsruhe, DGVT-Mitglied, Mitglied im Beratenden Fachausschuss der KV Baden-Württemberg sowie Mitglied im Ausschuss Ambulante Versorgung der Psychotherapeutenkammer Baden-Württemberg.


[1] „Existenzgründungsanalyse für Ärzte 2008/2009" der Deutschen Apotheker- und Ärztebank und des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland, http//www.apobank.de/70part ner/30presse/100906_1/index.html .

 


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