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Landeskrankenhausgesetz Rheinland-Pfalz: Verbesserte Stellung der PsychotherapeutInnen - Interview mit Andrea Benecke

Die Situation von PsychotherapeutInnen in Rheinland-Pfalz hat sich durch das neue Landeskrankenhausgesetz erheblich verbessert: PP und KJP sind Ärzten gleichgestellt und können jetzt Krankenhaus-Abteilungen leiten. Andrea Benecke, Vize-Präsidentin der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz, erklärt im Gespräch mit Heiner Vogel, wie es zu dieser Gesetzesänderung kam und welchen Beitrag die Kammer dazu geleistet hat.


Das neue Landeskrankenhausgesetz Rheinland-Pfalz vom 1. Januar 2011 sieht erhebliche Verbesserungen für PsychotherapeutInnen vor. Wie konnte die Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz dies durch ihre Arbeit in den zurück liegenden Jahren erreichen? Dies ist Thema des nachfolgenden Interviews[1] mit Dr. Andrea Benecke, Vizepräsidentin der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz.

DGVT: Im vergangenen Jahr wurde das Landeskrankenhausgesetz Rheinland-Pfalz geändert. Welches sind die wichtigsten Änderungen aus Ihrer Sicht?

Andrea Benecke: Natürlich ist die wichtigste Änderung die Gleichstellung der PP/KJP mit den Ärzten. Das ist etwas, was wir alle aus unserem Selbstverständnis heraus schon lange anstreben. Damit ist für uns auch der Weg zur Leitung von Abteilungen in Krankenhäusern geebnet. Daneben, und das ist auch sehr wichtig, haben wir Sitz und Stimme im Krankenhausplanungsausschuss erhalten. Die Krankenhäuser werden verpflichtet, mit relevanten Gruppen im ambulanten Sektor zusammenzuarbeiten, damit sind explizit auch PP/KJP gemeint. Und für die Forscher ist relevant, dass klinikinterne Daten nun nicht mehr nur Ärzten zur Auswertung zur Verfügung stehen, sondern auch explizit den Psychotherapeuten. Und auf einem anderen Feld gab es auch noch eine Änderung: Im Krankenhausplanungsausschuss muss zukünftig der Genderaspekt berücksichtigt werden, es sollen zukünftig so viele Männer wie Frauen dort vertreten sein (und wenn das nicht geht, muss dies begründet werden). Dies hat mich persönlich sehr gefreut, aber auch die DGVT dürfte dies freuen, setzt sie sich doch schon lange für die Durchsetzung von Genderaspekten ein.

DGVT: Ein wichtiger Punkt, auf den die Psychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz in ihrer Pressemitteilung zum Thema hinweist, ist, dass nunmehr auch Psychotherapeuten ermächtigt sein sollen, Krankenhausabteilungen in Rheinland-Pfalz zu leiten, sofern das von der Fachrichtung her angemessen ist. Nun findet sich im ganzen Gesetzestext aber keine Formulierung, die diese Neuregelung direkt anspricht. Woraus leiten Sie diese dann ab?

Benecke: Wir leiten das daraus ab, dass eine vorher im Gesetz festgehaltene Vorgabe, dass dies nur Ärzten möglich ist, gestrichen wurde. Zusammen mit der grundlegend festgehaltenen Gleichstellung versteht es sich für uns, dass wir damit Abteilungen leiten können und dürfen, für die wir qualifiziert sind. Das muss dann auch nicht explizit erlaubt sein, sondern versteht sich von selbst.

DGVT: Dass Psychotherapeuten im Krankenhausplanungsausschuss des Bundeslandes beteiligt sind und dass sie in Krankenhäusern gemäß ihrer Kompetenz auch Leitungsverantwortung übernehmen dürfen, wird ja von vielen KollegInnen in den Ländern vertreten, und es wird auch immer wieder versucht, die Politik zu entsprechenden Gesetzesänderungen zu bewegen. Allerdings stellt man dann sehr rasch fest, dass es zahlreiche Gründe gibt, mit denen dieses Ansinnen abgeblockt wird. Der wichtigste Grund ist meist der Widerstand der Ärzteschaft, die ihre Macht- oder Einflussbasis bedroht sieht. Wie konnte es in Rheinland-Pfalz gelingen, dass die Politik hier offener gegenüber den psychotherapeutischen Ansinnen war?

Benecke: Wir hatten die klare Unterstützung der relevanten Protagonisten im Ministerium, inklusive der Gesundheitsministerin. Dies wurde möglich aufgrund der inzwischen guten sachorientierten und vertrauensvollen Zusammenarbeit mit dem Ministerium in Bezug auf verschiedenste Themen, die wir über Jahre aufgebaut hatten. Wir werden dort als verlässliche Partner wahrgenommen, die im Verbund mit anderen relevanten Berufsgruppen konstruktiv nach Lösungen suchen. Das heißt natürlich nicht, dass man immer einer Meinung ist; Streit um die richtige oder beste Lösung gehört schon mit dazu. Die Ärzte haben unseres Wissens keinen ernsthaften Widerstand geleistet. Uns ist auch nicht ganz klar, warum nicht. Es schien, dass diese mit anderen Teilen des Landeskrankenhausänderungsgesetzes mehr befasst schienen, z.B. mit dem Liquidationsrecht. Durch unsere klare versorgungsorientierte Position gaben wir den Ärzten aber auch keine Angriffspunkte.

DGVT: Wissen Sie von Krankenhäusern in Rheinland-Pfalz, in denen die Gesetzesänderung/en möglicherweise schon bald zu Veränderungen in der Leitungsstruktur führen könnte/n?

Benecke: Wir wissen von einer Klinik, in der das jetzt schon so ist. Im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Trier leitet eine Psychotherapeutin die psychologisch/psychotherapeutische Abteilung. Die MitarbeiterInnen dort versorgen über Konsil- und Liaisondienste die Patienten der verschiedensten anderen Abteilungen des Allgemeinkrankenhauses. Dieses Modell haben wir gemeinsam auch immer wieder in den verschiedenen Arbeitsgruppen, die im Zuge der Änderung des LKG beteiligt waren, als best-practice-Modell vorgestellt und sind damit auf viel Interesse und z.T. Begeisterung gestoßen.

Außerdem hat uns das psychiatrische Landeskrankenhaus schon vor ca. 2 Jahren gebeten, ihr Ansinnen zu unterstützen, Psychotherapeuten in Leitungsfunktionen zu verankern. Klar war damals schon, dass dies nur über die Änderung des LKG gehen konnte. Dieses Krankenhaus hat nun lange gewartet und wird die neuen Möglichkeiten sicher nutzen.

DGVT: Zeitgleich mit den Hinweisen auf das überarbeitete Landeskrankenhausgesetz Rheinland-Pfalz wurde auch darauf hingewiesen, dass es in Ihrem Land nun Forderungen an alle Krankenhäuser gibt, psychosomatisch-psychotherapeutische Konsil-/Liaisondienste einzurichten. Wie ist das geregelt und wie sehen Sie die Perspektiven?

Benecke: Es ist in der Politik in Rheinland-Pfalz angekommen, dass viele Patienten, die stationär in Akutkrankenhäusern wegen somatischer Erkrankungen behandelt werden, auch psychische Schwierigkeiten haben. Im Landeskrankenhausplan 2010  wird deshalb sehr deutlich auch darauf hingewiesen, dass viele Menschen gerade im Zusammenhang mit somatischen Erkrankungen eine psychische Beeinträchtigung bis hin zu einer psychischen Störung entwickeln und diese Patienten bisher nicht gut genug diagnostiziert und behandelt werden. Als wünschenswert wird formuliert, dass akutpsychosomatische Abteilungen dies auffangen könnten, es ist aber auch klar, dass dies in einem Flächenland wie Rheinland-Pfalz nicht geht. Also wird darauf verwiesen, auf andere Art den bestehenden Sachverstand im Land zu nutzen, insbesondere den der Psychotherapeuten. Dies kann über integrierte Versorgungsmodelle geschehen, am ehesten wird aber die Chance gesehen, dies über Konsil- und Liaisondienste zu verwirklichen. So heißt es im Landeskrankenhausplan 2010 wörtlich: „Da es aus wirtschaftlichen und aus fachlichen Gründen nicht vertretbar ist, ein flächendeckendes Netz von psychosomatischen oder psychotherapeutischen Abteilungen einzurichten, sollen Konsiliar- und Liaisondienste in den Krankenhäusern, die nicht über eigene angestellte Psychotherapeuten verfügen, den psychosomatischen Sachverstand einbringen. (…) Der Auf- und Ausbau von Konsil- und Liaisondiensten unter Beteiligung der niedergelassenen ärztlichen und psychologischen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (…) soll weiter forciert werden.“ Wie man sieht, steht da noch kein „muss“, sondern ein „soll“, das heißt, dass ein Krankenhaus nicht gezwungen ist, diese Dienste einzurichten, aber es muss es zumindest begründen, wenn es das nicht tut. Damit wurden unsere Vorschläge aufgenommen, was uns sehr gefreut hat. Auch hier wird es nun um die Umsetzung gehen und auch darum, dass sich KollegInnen finden, die sich dieser Aufgaben annehmen.

DGVT: Mit der Gesetzesänderung ist die Psychotherapeutenkammer nunmehr auch festes Mitglied im Krankenhausplanungsausschuss Rheinland-Pfalz. Liegen dazu schon Erfahrungen vor, wie die Mitarbeit funktioniert?

Benecke: Der Präsident der LPK, Alfred Kappauf, war schon gleich nach der Kammergründung beratend im Planungsausschuss beteiligt, ohne Sitz und Stimme, aber er hat die Mühe nicht gescheut, immer wieder dabei zu sein, dort immer wieder auch die Haltung der Psychotherapeuten zu vertreten und hat sich damit hohes Ansehen erworben, so dass er auch zunehmend um seine Meinung gebeten wurde. So ist eine respektvolle Zusammenarbeit gewachsen und dort ist die formale Aufnahme der LPK in den Planungsausschuss sehr positiv aufgenommen worden. Die gute Zusammenarbeit wird sicher so weitergehen. Dem Genderaspekt folgend übernimmt nun eine Frau den Platz im Planungsausschuss, vertreten durch Herrn Kappauf.

DGVT: Wenn Sie zurück denken, können Sie sagen, wie lange diese Gesetzesänderung vorbereitet wurde, und welcher Aufwand von Seiten der Kammer oder von anderen Seiten damit verbunden war?

Benecke: Anfang 2009 wurden die ersten Schritte unternommen, bei relevanten Politikern unser Anliegen zu Gehör zu bringen. Für unseren kleinen Vorstand war es eine große Anstrengung, sie konnte nur so gut geleistet werden, weil einige Kammermitglieder intensiv in den Prozess eingebunden und einbezogen waren. Neben den formellen und noch mehr informellen Treffen mit relevanten Beteiligten war es sehr zeitaufwändig, in sämtlichen vorbereitenden Sitzungen dabei zu sein. Klar war aber auch, wenn wir da nicht dabei sind, wird uns das Gesetz nicht berücksichtigen. Ständige Präsenz war daher Pflicht und natürlich fundiertes, inhaltliches Mitdiskutieren, ohne dabei von vornherein andere Berufsgruppen, insbesondere die Ärzte, zu diskreditieren. Dieses konstruktive Herangehen hat uns viel Wohlwollen durch andere ermöglicht. Dabei wurden wir peu à peu als wichtige Ergänzung in der Krankenversorgung wahrgenommen und kaum als Bedrohung. Und am Ende hatten sich die Zeit und die Mühe gelohnt.

DGVT: In Kürze findet die Neuwahl der Vertreterversammlung der Landeskammer statt und damit auch eine neue Arbeitsperiode für die Kammer. Welche Aufgaben sehen Sie - mit Bezug auf die Krankenhaus- und Klinikpsychotherapeuten - für die Psychotherapeutenkammer in Rheinland-Pfalz?

Benecke: Wesentlich wird es nun sein, diese Änderungen allen Beteiligten und Betroffenen deutlich zu machen. Der Vorstand in Rheinland-Pfalz war doch sehr verwundert, dass auf die Veröffentlichung der Änderung des Gesetzes über diverse Homepages und über Pressemitteilungen kaum Resonanz zu spüren war. Es scheint, dass Viele gar nicht wahrnehmen, dass dieses neue Landeskrankenhausgesetz viele Forderungen der Psychotherapeuten in einem Maße erfüllt, wie es vor einem Jahr noch von sehr vielen berufspolitisch Tätigen nicht für möglich gehalten worden war. Wenn ich mit KollegInnen darüber diskutiert habe, wurde mir oft mehr oder weniger gesagt, ich solle ruhig weiter träumen, dies würde in den nächsten zwanzig Jahren nicht Realität werden. Also, wir müssen diese Änderungen unseren in Krankenhäusern angestellten Mitgliedern deutlich machen und auch die neuen Möglichkeiten, die damit verbunden sind. Vor allem die Kollegen vor Ort haben es in der Hand, dass das Gesetz auch umgesetzt wird. Dazu braucht es weitere Öffentlichkeitsarbeit und Unterstützung von Seiten der Kammer. Auch die Chefärzte und Verwaltungen der Kliniken müssen von uns in Kenntnis gesetzt werden über die neue Flexibilität, die sich mit dem Gesetz eröffnet. Denn wir wissen ja auch alle, dass die Kliniken große Personalprobleme im ärztlichen Bereich haben und auch unter den Klinikleitungen die Gleichstellung und die Leitungsmöglichkeiten der Psychotherapeuten durchaus begrüßt werden. Wir sollten uns nicht darauf verlassen, dass die Ärztekammer dies in unserem Sinn transportiert. Ich denke, es liegt hier noch eine große Aufgabe vor uns, dieses Gesetz nun mit Leben zu füllen.


[1] Das Gespräch wurde für die DGVT von Heiner Vogel geführt.

 


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