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Gute Versorgung von Heimkindern angestrebt: Stationäre Jugendhilfe sollte mehr Psychotherapie anbieten


Am 4. April 2011 hat die Bundespsychotherapeutenkammer auf Initiative des Ausschusses „Psychotherapie in Institutionen“ einen Workshop zur Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher in der stationären Jugendhilfe veranstaltet.[1] Dass Heime heute keine reinen „Fürsorgeeinrichtungen“ mehr, sondern durch psychotherapeutische und andere Professionalisierungen zu Behandlungseinrichtungen geworden seien, hierauf wies Johannes Broil als Initiator der Tagung und Mitglied des Ausschusses „Psychotherapie in Institutionen“ in seiner Begrüßung hin. Dennoch seien die Angebote der stationären Jugendhilfe sehr heterogen. Ziel der Veranstaltung sei es deshalb auch, einen Überblick zu geben und eine Art Standort- und Standardbestimmung vorzunehmen.

Psychische Erkrankungen häufig

Nach verschiedenen Studien litten bis zu 60% der Kinder und Jugendlichen in der stationären Jugendhilfe unter einer psychischen Störung, so Dr. Marc Schmid von der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik der Universität Basel. Die häufigsten Diagnosen seien Störungen des Sozialverhaltens (26%) und hyperkinetische Störungen des Sozialverhaltens (22%), gefolgt von Depressionen (10%). Dabei erfüllten fast die Hälfte der Kinder (47%) die Kriterien für mehr als eine Diagnose. Zudem seien Kinder und Jugendliche in der stationären Jugendhilfe aufgrund von traumatischen Erlebnissen belastet – einer Studie nach berichteten 81% von mindestens einem traumatischen Erlebnis in der Vergangenheit.

Die hohe psychische und traumatische Belastung von Heimkindern steht laut Dr. Schmid im Zusammenhang mit dem Ausbau der ambulanten Hilfen in den letzten Jahren. Die Indikation für die stationäre Jugendhilfe werde nur bei schlechter Prognose, bestehender Kindeswohlgefährdung oder bereits gescheiterten ambulanten Hilfen gestellt. Der Eintritt erfolge dadurch häufig erst in oder nach der Pubertät, wenn die Bindungsentwicklung nicht mehr an pädagogische Bezugspersonen, sondern eher an Gleichaltrige erfolge. Dies wiederum erschwere den Aufbau einer tragfähigen Beziehung und reduziere die Wirksamkeit der stationären Maßnahmen.

Integration von Behandlung sinnvoll

Wie breit gefächert das Angebot der stationären Jugendhilfe sein kann, zeigte Heinrich Hölzl, Geschäftsführer der Stiftung „Die Gute Hand“ und Direktor des heilpädagogisch-psychotherapeutischen Zentrums der „Guten Hand“ in Kürten bei Köln. Die Angebote dieser Einrichtung reichten von therapeutischen Intensivgruppen, heilpädagogischen Wohngruppen über Familienwohngruppen hin zu Angeboten für Berufsorientierung, -qualifizierung und Integration in Arbeitsprozesse. Sowohl in den Entgelten für die therapeutischen Intensiv- als auch die heilpädagogischen Wohngruppen seien psychotherapeutische Behandlungsleistun-gen enthalten. So seien in den heilpädagogischen Wohngruppen zwei Stunden Therapie pro Woche und vier Stunden Eltern- und Familienarbeit pro Monat Standard. In den Intensivwohngruppen seien es sogar fünf Stunden Behandlung pro Woche, davon zwei bis drei Stunden Psychotherapie, und zehn Stunden Eltern- und Familienarbeit pro Monat. Der Erfolg gibt diesem Modell recht.

Eine andere Möglichkeit, die Behandlung psychisch erkrankter Kinder und Jugendlicher in der stationären Jugendhilfe sicherzustellen, ist eine enge Kooperation mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Prof. Lutz Goldbeck von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie in Ulm erläuterte, dass in der Ulmer Heimkinder-Interventionsstudie Kinder und Jugendliche in der stationären Jugendhilfe von aufsuchenden Teams ambulant betreut worden seien. Neben der Behandlung der betroffenen Kinder und Jugendlichen seien die Mitarbeiter der Jugendhilfeeinrichtungen trainiert worden. Mit einem zweistufigen Modell zur Krisenintervention, die nach Möglichkeit ambulant erfolgte, sei es gelungen, die stationären Behandlungstage in der Interventionsgruppe um 50% gegenüber der Kontrollgruppe zu reduzieren.

Einen Überblick darüber, wie Psychotherapie als Leistung der Jugendhilfe aus rechtlicher Sicht integriert werden kann, gab Prof. Reinhard Wiesner, ehemals Referatsleiter im Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend und nun im Ruhestand. Die Leistungen der Jugendhilfe im Rahmen des SGB VIII böten an mehreren Stellen Möglichkeiten, Psychotherapie zu integrieren.

Ein weiteres Beispiel für die gelungene Versorgung von Heimkindern mit psychischen Störungen stellte Dr. Norbert Beck vom Überregionalen Beratungs- und Behandlungszentrum (ÜBBZ) Würzburg vor. Er plädierte abschließend noch einmal dafür, kinder- und jugendpsychiatrische sowie psychotherapeutische Leistungen in ein pädagogisch-therapeutisches Gesamtkonzept zu integrieren und diese Leistungen nicht „einzukaufen“.

Diskussion

Unstrittig war unter allen Beteiligten, dass aufgrund des hohen Anteils von Kindern und Ju-gendlichen mit psychischen Störungen in der stationären Jugendhilfe Psychotherapie ein wichtiger Bestandteil sei. Dabei hätten sowohl Modelle, in denen diese Leistungen von der Jugendhilfe selbst erbracht würden, als auch Modelle, in denen diese Leistungen aufsu-chend erbracht würden, Vorteile. Entscheidend sei, dass alle Beteiligten „Psychotherapie“ nicht nur auf das Therapiezimmer des Therapeuten beschränkt verstehen würden, sondern auch als Milieutherapie und als Unterstützung der pädagogischen Fachkräfte in den Einrich-tungen. Der Appell an die Bundespsychotherapeutenkammer lautete jedenfalls, sich auf Bundesebene auch weiterhin für eine bessere Kooperation der Jugendhilfe und der psycho-therapeutischen Leistungserbringer einzusetzen. Dieses Arbeitsfeld ist bei angehenden Psy-chotherapeuten ins Blickfeld zu bringen; es sollte in Zukunft auch als Ort der praktischen Psychotherapie-Ausbildung genutzt werden.

Johannes Broil

Der Autor ist DGVT-Landessprecher in Nordrhein-Westfalen und Mitglied des BPtK-Ausschusses „Psychotherapie in Institutionen“.


[1]Der Tagungsbericht basiert – mit freundlicher Genehmigung - auf der Veröffentlichung der Bundespsychotherapeutenkammer (www.bptk.de).

 


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