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Flächendeckende Versorgung der PatientInnen droht unter die Räder zu kommen – der Gesetzentwurf zum Versorgungsstrukturgesetz ist nicht akzeptabel

Presseinformation der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie e.V.


Mehr als zehn Jahre alt sind die Festlegungen über die Zahl der zugelassenen psychotherapeutischen Praxen in Deutschland. Ein zum Stichtag 31. August 1999 erhobener Bestand ist bis heute verbindlich, obwohl bereits damals viele Regionen erheblich unterversorgt waren und die Zahl psychischer Erkrankungen seitdem stark gestiegen ist. Der Entwurf für ein neues Gesetz zur Verbesserung der Versorgungsstrukturen in der gesetzlichen Krankenversicherung (Versorgungsstrukturgesetz), das zum 1. Januar 2012 in Kraft treten soll, lässt nun sogar noch eine deutliche Verschlechterung der Situation befürchten.

TherapeutInnen können nur vernünftig arbeiten, wenn die Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen stimmen. "Die Gesundheitspolitik muss die Versorgung verbessern." Dies forderte Dr. Heiner Vogel vom DGVT-Vorstand. Die Nachfrage nach Psychotherapie sei viel größer als das Angebot. Das liege nicht etwa am Personalmangel - ausgebildete Therapeut/innen gibt es genügend -, sondern daran, dass die entsprechenden Zulassungen zur Mitwirkung an der Versorgung seitens der Kassenärztlichen Vereinigungen sich nicht am Bedarf, sondern an veralteten Richtwerten orientierten, die - gerade für den Psychotherapiebereich - Fehl- und Unterversorgung stabilisierten. So müssten Patienten mitunter sehr lange Wartezeiten in Kauf nehmen, bis sie einen Therapieplatz bekommen. "Bei schweren Depressionen kann dies zu einer Chronifizierung führen, die kaum noch zu behandeln ist", warnte Vogel.

Selbst in großstädtischen Gebieten, in denen die Versorgungssituation mit rund 40 PsychotherapeutInnen auf 100.000 Einwohner noch vergleichsweise gut ist, warten PatientInnen oft wochen- oder gar monatelang lang auf einen Behandlungstermin.

Der Entwurf des neuen Versorgungsstrukturgesetzes lässt nicht etwa auf eine Verbesserung in den psychotherapeutischen Notstandsgebieten hoffen. Der Gesetzentwurf zielt in erster Linie auf eine bessere hausärztliche Versorgung in ländlichen Gebieten ab. Im Windschatten dieses im Prinzip begrüßenswerten Vorhabens wird allerdings der Abbau von Praxen in sogenannten „überversorgten“ Gebieten gefordert – und zwar nach der Rasenmähermethode ohne Rücksicht auf die spezifischen und höchst unterschiedlichen Ausgangslagen und Bedarfssituationen in den einzelnen Fachgebieten. Durch das geplante Versorgungsstrukturgesetz sind fast 6.000 psychotherapeutische Praxissitze bedroht - das sind knapp 30 Prozent der rund 21.000 Praxen in Deutschland.

Seit langem fordert die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie e.V. (DGVT), die Bedarfsplanung im Bereich der psychotherapeutischen Versorgung auf ein neues und solides Fundament zu stellen. Hierfür wären eine aktuelle Erhebung der gegenwärtigen Versorgungssituation und eine am tatsächlich vorhandenen Bedarf, den regional gegebenen Morbiditätsdaten und eine auf Grundlage der aktuellen demografischen Daten und wissenschaftlicher Erkenntnisse vorausschauenden Planung dringend erforderlich. Dies betont auch der Paritätische Gesamtverband in einer Stellungnahme zum geplanten Gesetz ausdrücklich, bei der die DGVT als überregionale Mitgliedsorganisation beteiligt war.

Psychische Erkrankungen sind mittlerweile eine der Hauptursachen für die Arbeitsunfähigkeit von ArbeitnehmerInnen sowie für Frühberentungen in Deutschland, wie ein Blick in die Berichterstattungen der Krankenkassen (z. B. Gesundheitsreport der TKK 2010, siehe VPP 3/2010, S. 810) zeigt. Innerhalb von 10 Jahren haben die Krankschreibungen, die auf psychische Störungen zurückgehen, um 40 % zugenommen. Der Anteil der psychischen Erkrankungen an den Renten wegen Erwerbsminderung hat sich von 15,4 Prozent im Jahr 1993 auf 37,7 Prozent im Jahr 2009 mehr als verdoppelt. Statt die offenkundigen Probleme in diesem Bereich anzugehen und sich an Versorgungszielen für bestimmte PatientInnengruppen zu orientieren, werden tatsächliche und angebliche Überversorgung in einen Topf geworfen.

Richtig wäre stattdessen nach Ansicht der DGVT und aller relevanten Fachverbände in diesem Sektor sowie der Psychotherapeutenkammern, überkommene Regelungen kritisch zu untersuchen und bedarfsorientiert weiterzuentwickeln. Beispielsweise sollten PsychotherapeutInnen künftig ohne bürokratischen Aufwand andere PsychotherapeutInnen anstellen können und Praxiskooperationen sollten erleichtert werden. Auch, dass PsychotherapeutInnen bislang die Leitung Medizinischer Versorgungszentren (MVZ) verwehrt ist, gehört zu altem Ballast der Gesundheitspolitik ohne sachlichen Hintergrund, der regelmäßig hinderlich für bedarfsgerechte Lösungen wirkt. Wenn PsychotherapeutInnen endlich auch Vertragspartner der sogenannten Sozialpsychiatrie-Vereinbarungen sein könnten, wäre dies ebenfalls ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Zudem sollten die Behandlungsangebote für psychisch kranke Kinder und Jugendliche stärker psychotherapeutisch ausgerichtet sein.

Die Probleme in der psychotherapeutischen Versorgung liegen klar und deutlich sichtbar auf dem Tisch, ebenso angemessene und praktikable Lösungsvorschläge. Es ist nun an den GesundheitspolitikerInnen, insbesondere jenen der gegenwärtigen Regierungsparteien, diese aufzugreifen und mit Fokus auf die anzustrebenden Versorgungsziele im Sinne der PatientInnen umzusetzen. Wenn diese einen ersten Gesprächstermin für eine dringend erforderliche psychotherapeutische Behandlung erst Monate nach der Anmeldung erhalten, entstehen dadurch erhebliche individuelle und volkswirtschaftliche Nachteile.

Ein Versorgungsstrukturgesetz, das erkennbar die psychotherapeutische Versorgung dramatisch verschlechtert, kann nicht im Sinne der Versorgung und auch nicht im Sinne der Politik sein.

Weitere Informationen:

Versorgungsgesetz soll 2012 in Kraft treten, in Supplement (Rosa Beilage) der VPP 2/11, S. 6f  Link
Gesundheitsreport der TKK 2010, in VPP 3/2010, S. 810 Link
Stellungnahme der Bundespsychotherapeutenkammer (BptK) unter www.bptk.de
Stellungnahme des Paritätischen download
Antwort der gesundheitspolitischen Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen download


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