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4. Sommerakademie der afp: „Zwischenräume“

Qualifizieren und regenerieren an der Ostsee


Zum bereits  vierten Mal fand die Sommerakademie der „Akademie für Fortbildung in Psychotherapie“ (afp) in Graal-Müritz bei Rostock, statt. Das Motto der Tagung, die von 23. bis 25. Juni dauerte, lautete „Zwischenräume“. Die rund 60 TeilnehmerInnen konnten sich dabei bei vier Workshops und verschiedenen Entspannungsangeboten qualifizieren und gleichzeitig regenerieren. Eröffnet wurde die Tagung am Donnerstagabend von Henri Julius, der in seinem Vortrag „Zwischen Mensch und Tier“ über tiergestützte Interventionen und Untersuchungen zum Bindungsverhalten sprach.

Bericht zum Eröffnungsvortrag von Henri Julius (Jürgen Friedrich)

Der Psychologe und Professor für Verhaltensgestörtenpädagogik, Henri Julius, von der Universität Rostock hielt den öffentlichen Abendvortrag der Sommerakademie. Es ging um bindungsgeleitete Interventionen bei Kindern. Die Bindungstheorie von John Bowlby und Mary Ainsworth ist unter Verhaltenstherapeuten sicher weniger populär als unter Psychoanalytikern, sollte sie doch einst die empirische Basis der Objektbeziehungstheorie bilden. Im Laufe der Jahre gewann die Bindungstheorie mit ihren Verbindungen zur evolutionsbiologischen Ethologie (Lorenz), Systemtheorie und kognitiven Psychologie jedoch an Eigenständigkeit. Da Henri Julius' Arbeit mit bindungsgestörten Kindern auf dieser Theorie basiert, führte er uns zuerst näher in sie ein.

Aus dem primären biologischen Annäherungsverhalten sollen gemäß der Bindungstheorie lebenslange Bindungsschemata entstehen. Bereits das erste halbe Lebensjahr in gelungener Synchronisation mit der Mutter verbracht, prädestiniere zum sicheren Gebundensein. Dem Bindungsverhalten übergeordnet werden kann jedoch das Selbsterhaltungssystem. Normalerweise ist dessen sympathikotones Kampf-Flucht-Programm (mittels Cortisol, Adrenalin) eher kurzfristig aktiv. Aber bereits frühkindlicher Dauerstress kann unser Selbsterhaltungsprogramm dem Arterhaltungsprogramm gegenüber dauerhaft dominant machen, indem es sehr früh und zu leicht aktivierbar wird. Schon Kinder können so in vier Bindungs-Typen eingeteilt werden: der sicheren Bindung wird die unsicher-vermeidende, die unsicher-ambivalente sowie die desorganisierte Bindung gegenüber gestellt.

Neurobiologisch hängt von frühen Bindungserfahrungen die Ausgestaltung des Oxytocin-Systems ab, dass mit zwischenmenschlicher Geborgenheit und Attraktion zusammenhängt (calm- and connection system, Papousek). Störungen dessen seien für die gesamte spätere Entwicklung von Nachteil.

Einige in Gruppen lebende Säugetiere haben ein den Menschen sehr ähnliches Bindungssystem. Auch wenn Menschen in ihrem Verhalten schon als Kinder extrem viel flexibler als Tiere sind, so wenden sie doch ihr früh erlerntes Bindungsmuster oft starr auf spätere Bezugspersonen an. Laut Henri Julius dauert es bei desorganisiert gebundenen Kindern ungefähr ein Jahr, bis sie zu einer neuen, fürsorglichen Bezugsperson eine sichere Bindung finden. Mit Hunden dauere dies hingegen lediglich vier Monate. Menschen wie Hunde bekämen durch Streicheln Oxytocin-Kicks, konditionierte Therapie-Hunde zusätzlich dopaminerge Verstärkung. Egal ob fürsorglich-kontrollierendes, feindselig-kontrollierendes oder passiv-depressives Verhalten, dysregulierte Beziehungssysteme können nach Prof. Julius am besten in Beziehungen wieder reguliert werden. Dabei sei es oft notwendig, ein stützendes Beziehungs-Gerüst um das Kind zu bilden (scaffolding), damit es die Gewissheit bekommt, Kontrolle über seine Umwelt zu haben. Dann sollte ihm die Bewältigung seines emotionalen Stresses künftig besser gelingen.

Dieser interessante Vortrag zeitigte viele Implikationen auch für die therapeutische Arbeit mit Erwachsenen und lehrte uns wieder einmal, wie fruchtbar es sein kann, von Zeit zu Zeit über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen. Und das soll weiterhin eine gute Tradition der Sommerakademie sein.

 Referent Henri Julius von der Universität Rostock beim Eröffnungsvortrag "Zwischen Mensch und Tier"

Weitere Workshopangebote

Am Freitag und Samstag fanden die verschiedenen Workshops und Regenerationsangebote statt. Am Morgen, zwischen 9 und 10 Uhr, entspannten sich die TeilnehmerInnen zunächst bei Atemtherapie, Trommeln oder Aquagymnastik und besuchten daraufhin einen Workshop. Aufgrund der großen Nachfrage im letzten Jahr und der Bitte einiger TeilnehmerInnen bot Ulrich Bartmann aus Würzburg noch einmal das Thema „Lauftherapie - Der langsame Dauerlauf als therapeutische Maßnahme bei psychischen Störungen“ an. Im praktischen Teil konnten die TeilnehmerInnen dabei das Gelernte gleich beim gemeinsamen Laufen in der schönen Umgebung anwenden.

TeilnehmerInnen des Workshops "Lauftherapie"

Thorbjörn Dose und Ralf Möller aus Rostock beschäftigten sich in ihrem Workshop „Zwischen Phantasie und Realität“ mit Visualisierungstechniken in der Psychotherapie.

Da Erfolge in der Arbeit mit Visualisierungen eher von Übung als von Fähigkeiten wie z. B. der Vorstellungskraft abhängig sind, hatten die TeilnehmerInnen viel Raum zum Ausprobieren, Üben und Selbsterfahren.

Im Workshop „Zwischen Körper und Gefühl – Guided Imagery and Music (GIM)“ konnten die TeilnehmerInnen eine musikzentrierte Psychotherapie kennenlernen, bei der klassische Musik gezielt eingesetzt wird, um KlientInnen mit inneren Bildern und stärkenden Erfahrungen in Kontakt zu bringen. Referentin Gina Kästele hat in München ein eigenes Fortbildungsinstitut, wo die GIM-Methode nach Helen Bonny erlernt werden kann. 

Manfred Polewka aus Schwanewede schließlich bot einen Workshop zum Thema „Zwischen Kopf und Bauch – Kognitive Umstrukturierung mit kreativen Medien mit Ansätzen aus der Schematherapie“ an. Dabei stellte er einen Ansatz vor, der kognitive Umstrukturierungen nicht nur rational, sondern auch imaginativ-emotionszentriert, unter Berücksichtigung kreativer Medien, erarbeitet.

Neben den Fortbildungsangeboten hatten die TeilnehmerInnen der Sommerakademie Zeit, den nahegelegenen Strand zu besuchen, die Umgebung zu erkunden und sich in den Pausen mit verschiedenen Leckereien verwöhnen zu lassen. Am Freitagabend fand das traditionelle „come-together“ statt, das dieses Jahr von einem Tango-Showtanzpaar aus Rostock eröffnet wurde. Anschließend hatten die Gäste die Gelegenheit zur Musik von DJ Stefan Mohr selbst das Tanzbein zu schwingen.

Insgesamt war die Tagung rundum gelungen. Vor allem die Rahmenbedingungen, die neben der Fortbildung Erholung ermöglichen, werden von den TeilnehmerInnen sehr geschätzt. Daher steht auch schon der nächste Termin fest: Die Sommerakademie wird 2012 von 21. bis 23 Juni stattfinden.

Anke Heier, Tübingen


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