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Die Lage ist unübersichtlich - Aktueller Status der Psychotherapie in Polen


In Polen ist die Lage für PsychotherapeutInnen – und PatientInnen – außerordentlich schwierig. So besteht mit schätzungsweise 2000 PsychotherapeutInnen bei rund 40 Millionen Einwohnern ein erheblicher Mangel an Fachkräften. Die pflichtversicherten PatientInnen können sich zwar in Praxen und Kliniken theoretisch kostenfrei behandeln lassen, de facto müssen sie jedoch meist privat zuzahlen. Weder die Ausbildung noch die Qualitätssicherung unterliegt einheitlichen Standards.

Wir befragten dazu Dr. Jerzy Pawlik, bis vor kurzem Vorsitzender des Instituts für Gruppenanalyse Rasztów.

Frage: Wie ist Psychotherapie in Ihrem Land gesetzlich verankert?

Pawlik: In Polen gibt es keine formellen Regelungen in Bezug auf die Psychotherapie. Die Regierung legte einige Richtlinien fest, die es dem Nationalen Gesundheitsfond (NFZ) erleichtern, Verträge mit medizinischen Psychotherapieeinrichtungen zu schließen.

Frage: Welche Stellung nimmt die Psychotherapie im Gesundheitssystem Ihres Landes ein?

Pawlik: Psychotherapie wird vom Gesundheitsministerium als gesundheitliche Grundversorgung eingestuft. Trotz der über sechsjährigen Arbeit an einer formellen Regelung gibt es bis heute kein Psychotherapie-Gesetz. 

Frage: Wer ist für die Sicherstellung einer ausreichenden psychotherapeutischen Versorgung der Bevölkerung in Ihrem Land verantwortlich?

Pawlik: Dafür ist das Gesundheitsministerium verantwortlich. Ob eine psychotherapeutische Leistung aus staatlichen Mitteln finanziert wird, ist von den ausgehandelten Verträgen abhängig. Diese Verträge schließen die öffentlichen und privaten Praxen mit der jeweils zuständigen regionalen Filiale des Nationalen Gesundheitsfonds ab. Bis vor kurzem durften nur  die Psychotherapeuten von der Polnischen Gesellschaft für Psychologie und der Polnischen Gesellschaft für Psychiatrie ihre Leistungen über den Nationalen Gesundheitsfond abrechnen. Gegenwärtig dürfen dies auch Psychotherapeuten von anderen Psychotherapievereinen.

Frage: In Deutschland üben die Psychotherapeutenkammern die Berufsaufsicht über Psychotherapeuten aus. Gibt es in ihrem Land auch eine staatliche Organisation, die diese Aufgabe übernimmt?

Pawlik: Nein.

Frage: Wie ist die Aufsichtsfunktion über Psychotherapeuten und deren Berufsausübung in Ihrem Land organisiert?

Pawlik: Diese Funktion übernehmen Vereinigungen und Zentren, die für die Ausbildung von Psychotherapeuten zuständig sind. Jede dieser Institutionen verfügt über einen eigenen Ethikkodex sowie ein Aufsichtsgremium.

Frage: Welche Berufsgruppen dürfen in Ihrem Land psychotherapeutische Leistungen erbringen?

Pawlik: Der Beruf des Psychotherapeuten ist nicht auf bestimmte Berufsgruppen beschränkt. Allgemeine Voraussetzungen für die Berufsausübung sind ein Universitätsabschluss (Diplom), eine postgraduale psychotherapeutische Ausbildung, die in der Regel über vier Jahre dauert, und klinische Praxiserfahrung.

Frage: Welche Therapieverfahren werden in Ihrem Land praktiziert?

Pawlik: Psychoanalyse, psychoanalytische Psychotherapie, psychoanalytische Gruppenpsychotherapie, Kognitive Verhaltenstherapie, Integrative Psychotherapie bzw. Gestaltpsychotherapie, Systemische Psychotherapie und Humanistische Psychotherapie.

Frage: In welchem Setting und wo findet Psychotherapie vorwiegend statt?

Pawlik: Psychotherapeutische Angebote findet man in erster Linie in Großstädten und Universitätszentren, an großen Kliniken und Krankenhäusern. Immer besseren Zugang zur Psychotherapie hat man auch in privaten Praxen (Patient zahlt Dienstleistungen selber) im Rahmen der individuellen sowie der Gruppen- und Familienpsychotherapie. Derzeit erwarten wir zudem die Einführung von zusätzlichen Gesundheitsversicherungen, die den Patienten den Zugang zur Psychotherapie  erleichtern.

Frage: Gibt es in Ihrem Land gesetzliche Regelungen in Bezug auf die Durchführung von psychotherapeutischen Leistungen?

Pawlik: Das Gesundheitsministerium hat teilweise Vorgaben für die Durchführung von psychotherapeutischen Leistungen definiert. Sie sind die Grundlage für den Vertragsabschluss der gesetzlichen Krankenkassen mit Kliniken und niedergelassenen Psychotherapeuten.

Frage: Gibt es in Ihrem Land Begrenzungen in Bezug auf die Therapeutendichte?

Pawlik: Nein.

Frage: Gibt es gesetzliche Regelungen für die Ausbildung zum Psychotherapeuten/zur Psychotherapeutin in Ihrem Land?

Pawlik: Nein, es gibt keine staatlichen Vorgaben diesbezüglich. Die Regierung hat jedoch einige Bestimmungen erlassen, aus denen hervorgeht, dass das Gesundheitsministerium nach der Konsultation mit einem „staatlichen Beirat für Psychiatrie“ Richtlinien an den Nationalen Gesundheitsfond weiterleitet. In diesen wird erläutert, wie der Psychotherapeut ausgebildet werden sollte, damit seine Leistungen anerkannt und bezahlt werden. Darüber hinaus ist jedes bedeutende Ausbildungszentrum in einem europäischen bzw. internationalen Dachverband integriert und orientiert sich stark an dessen Richtlinien.

Frage: Wie hoch sind die Kosten der Ausbildung?

Pawlik: Die Kosten sind relativ hoch und sind von Ausbildungsinstitut zu Ausbildungsinstitut unterschiedlich.

Frage: Wie lange dauert die Ausbildung?

Pawlik: In der Regel vier Jahre.

Frage: Wie erfolgt die Finanzierung von psychotherapeutischen Leistungen?

Pawlik: Privat oder im Rahmen der staatlichen Finanzierung.

Frage: Wieviel muss der Patient für psychotherapeutische Leistungen in Ihrem Land zahlen?

Pawlik: Der Preis für das Erstgespräch (50 bis 60 Minuten) beträgt zwischen 30 und 50 Euro. Ein Gruppentreffen (90 Minuten) kostet zwischen 20 und 30 Euro. Der Nationale Gesundheitsfond bezahlt für die gleichen Leistungen etwas weniger. Es ist vondem Status der jeweiligen Praxis oder Ausbildung des Psychotherapeuten abhängig.

Frage: Wer entscheidet über die Höhe der Vergütung für psychotherapeutische Leistungen?

Pawlik: Der Direktor des Nationalen Gesundheitsfonds entscheidet über die Höhe der Vergütung für psychotherapeutische Leistung im Rahmen der staatlichen Versicherung.

Im Falle der privat bezahlten Psychotherapie wird es im Vertrag zwischen dem Patienten und dem Psychotherapeuten, in einem sogenannten „Therapeutischen Kontrakt“, niedergeschrieben.

Frage: Wer ist an den Verhandlungen über die Höhe der Vergütung beteiligt?

Pawlik: Neben den Direktoren der regionalen Filialen des Nationalen Gesundheitsfonds sowie den Leitern entsprechender medizinischen Einrichtungen sind es manchmal - in Form eines Protests - die Psychotherapeuten, die sich einschalten. Dies betrifft allerdings nur große Kliniken und Krankenhäuser, wo Psychotherapeuten eine große Gruppe an Mitarbeitern bilden.

Die Fragen stellte Tina Tansek.
Übersetzung: Marta Buchcic


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