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Nebenwirkung Suizid[1] - Internetangebote für problematische Aknemittel


Gerd Glaeske

Nach dem Suizid zweier Jugendlicher Anfang 2010 in Berlin wandten sich Menschen aus ihrem Bekanntenkreis mit einem Brief an die Öffentlichkeit: „Zwei Studenten sind durch Suizid aus dem Leben gegangen, deren Akne mit Roaccutan® bzw. Isoderm® (Wirkstoff Isotretinoin) behandelt wurde. (Der eine) stürzte sich von einem Parkhausdach in Tempelhof, (der andere) sprang vom 8. Stock des Mathegebäudes der TU in Berlin. (…) Die Aknemittel werden bis heute noch verschrieben, und, was ich noch ungeheuerlicher finde: Inzwischen kann man sie rezeptfrei im Internet bestellen.“

Aknebehandlung in der Pubertät

Akne ist eine Hauterkrankung in der Pubertät, die insbesondere Teenagern sehr zu schaffen machen kann: Viele trauen sich nicht mehr auszugehen und haben Probleme mit sozialen Kontakten, weil sie sich unattraktiv finden, krank und einfach hässlich. Unter dem Namen „Eugenia“ schreibt eine Betroffene im Internet: „Mir das Leben zu nehmen, traue ich mich nicht, aber das jetzt ist auch kein normales Leben.“ Drei Viertel der Altersgruppe zwischen 13 und 20 Jahren sind mehr oder weniger von Akne betroffen.

Leichte und mittelschwere Akne wird häufig mit Cremes oder Lotionen behandelt, die Benzoylperoxid oder auch Antibiotika enthalten. Dabei geht es darum, die Talgproduktion in der Haut zu verringern oder die entzündungsauslösenden Propionibakterien in den Mitessern unschädlich zu machen. Manche Jugendliche machen auch gute Erfahrungen mit medizinischer Kosmetik, bei der die qualifizierte Pflege der Haut im Mittelpunkt steht.

Nur wenn die Akne sich auch mit diesen Therapiemöglichkeiten nicht bessert oder bereits eine schwere Akne mit vielen Pusteln und stark entzündeten Knoten sowie Eitergängen vorliegt, werden auch die besonders stark wirksamen Retinoide (vor allem das Isotretinoin) äußerlich als Creme oder Gel und innerlich als Kapseln angewendet – unter strenger Verschreibungspflicht.

Rund 5,5 Millionen Packungen Aknemittel werden pro Jahr über die Apotheken verkauft, knapp die Hälfte entfällt dabei auf Mittel zum Einnehmen, darunter auch rund 300.000 bis 350.000 Packungen mit dem Wirkstoff Isotretinoin (zum Beispiel in Aknenormin®, Isotret Hexal® oder Isotretinoin-ratiopharm®). Der Industrieumsatz für die äußerlich und innerlich anzuwendenden Mittel liegt bei 50 Millionen Euro, der Apothekenumsatz bei über 100 Millionen Euro im Jahr.

Gefährliche Nebenwirkungen

Die unerwünschten Wirkungen von Isotretinoin sind seit Langem bekannt: Frauen im gebärfähigen Alter dürfen diese Mittel nur einnehmen, wenn sie eine Schwangerschaft sicher verhüten – das Mittel kann nämlich das Ungeborene schädigen und Missbildungen verursachen.

Außerdem kann die Einnahme dazu führen, dass sich die Persönlichkeit des Betroffenen verändert. Es kommt zu Traurigkeit, Interesselosigkeit am sozialen Umfeld, allgemein zu einer Depression, die so stark werden kann, dass Gefahr für eine Selbsttötung entsteht. Die Symptome bilden sich zwei bis sieben Tage nach dem Absetzen des Medikaments zurück. Daher sollten ÄrztInnen, die dieses Mittel verschreiben, die Jugendlichen und auch ihre Eltern oder Bezugspersonen intensiv über die möglichen schweren Wirkungen aufklären, damit die Therapie rechtzeitig beendet werden kann.

Dies scheint aber nicht immer rechtzeitig geschehen zu sein: Nachdem Isotretinoin 1982 von der Firma Roche auf den Markt gebracht worden war, lagen alleine in den USA bis Ende der 1990er Jahre 37 Berichte über eine Selbsttötung während oder nach der Einnahme vor, 284 Mal wurde über eine Depression im Zusammenhang mit der Therapie berichtet. Auch wenn noch immer nicht endgültig klar ist, ob Isotretinoin kausal an der Auslösung einer Depression beteiligt ist, so sprechen doch Absetz- und erneute Einnahmeversuche dafür: Wenn Jugendliche unter Depressionen litten und das Mittel absetzten, verschwanden die Symptome; wenn dieselben Jugendlichen die Mittel wieder einnahmen, kam die Depression zurück. Die Warnungen vor diesen unerwünschten Wirkungen wurden immer wieder publiziert, zunächst vor allem in den USA, seit Anfang 2000 auch in Deutschland.

Allerdings sollte in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden, dass schwere Akne selbst zu Depressionen mit Suizid führen kann.

Nur Experten können wirklich helfen

Erfahrungsgemäß scheuen vor allem männliche Jugendliche den Gang zum Hautarzt. Die Akneprobleme stören sie allerdings nur angeblich weniger als Mädchen, die sich sehr viel häufiger fachkompetenten ärztlichen oder kosmetischen Rat einholen. Daher kommt es vielleicht einigen Betroffenen gelegen, dass eigentlich rezeptpflichtige Mittel nun auch ohne Rezept im Internet beschafft werden können – und wenn schon Medikamente, dann doch bitte auch solche, die eine ganz besonders starke Wirksamkeit gegen die Akne versprechen!

Nur: Im Internet wird häufig über die möglichen psychischen Veränderungen gar nicht informiert. Angegeben werden lediglich die schon erwähnten Hinweise für Frauen im gebärfähigen Alter, die wirksam verhüten müssen, wenn sie das Mittel einnehmen. Als Indikation nennen Anbieter nicht „schwere Akne“, unter der Überschrift Anwendungsgebiete heißt es lediglich und letztlich verharmlosend: „Pickel (Akne vulgaris)“. Das ist ein typisches Beispiel für den Befund: Die richtige Information zu einem Arzneimittel kann helfen, die falsche auch töten. Isotretinoin gehört daher in die Hand von erfahrenen HautärztInnen, die frühzeitig suizidgefährdete PatientInnen erkennen.

Gefährliche Verführung

Das „rezeptfreie“ Internet kann für Jugendliche mit Akne zur gefährlichen Verführung werden – eine unterschätzte Gefahr. Vor allem die Herstellerfirmen dieser Mittel, allen voran die Firmen Almirall Hermal, Hexal, ratiopharm und Roche, haben die Verantwortung, diese Probleme einer unkontrollierten und nicht indikationsgerechten Anwendung offensiv anzugehen. Verstärkte öffentliche Informationskampagnen für Teenager sind das Mindeste, was zu erwarten wäre.

Leider ist der illegale Beschaffungsweg rezeptpflichtiger Arzneimittel ohne Rezept über das Internet politisch nicht zu unterbinden. Das Internet kann mit seinen Angeboten, selbst wenn sie eine Gefahr bedeuten, offenbar nicht abgestellt werden – die Diskussionen um die Beschaffung von Drogen oder kinderpornografischen Bildern haben dies immer wieder gezeigt. Daher: Hände weg vom Arzneimitteleinkauf im Internet, wenn dort nicht ganz klare Regeln beim Kauf herrschen. Wenn in der Apotheke ein Rezept für ein Mittel verlangt wird, kann diese Verpflichtung über das Internet nicht entfallen. Es sei denn, man ist Betrügern, Geschäftemachern oder Fälschern in die Hände gefallen.

Pharmafirmen müssen handeln

Anfang 2000 gab es einen Beitrag des Schweizer Gesundheitsmagazins pulstipp zu Roaccutan®, dem Isotretinoin-Produkt der Firma Roche, in dem es auch um die Mitschuld dieses Mittels an Suiziden ging (www.ktipp.ch). Am 13. Juli 2009 erschien dazu online ein Kommentar: „Meinen Freund Ralf Winter können Sie jetzt auch auf die Roaccutan-Todesliste setzen. Heute ist seine Beisetzung.“

Pharmafirmen, Überwachungsbehörden und Ärzte müssen aktiv werden und handeln, damit diese noch immer bestehenden Gefahren wenn schon nicht ganz abgestellt, so doch verringert werden können. Die „Nebenwirkung“ Tod durch Suizid bei einer Aknebehandlung ist nicht länger zu ertragen!

Autor:
Gerd Glaeske, geb. 1945, Arzneimittelexperte, Professor am Zentrum für Sozialpolitik (ZeS) der Universität Bremen.
gglaeske@zes.uni-bremen.de


 

[1]Quelle: Dr. med. Mabuse, Ausgabe Nr. 191 – Mai/Juni 2011; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.


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