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Verhüten und Verschieben?[1]

Die Soziologin Silvia Krumm hat sich mit Kinderwünschen psychisch kranker Frauen befasst. Cornelia Schäfer wollte von ihr wissen, wie psychiatrisch Tätige sich diesen Frauen gegenüber angemessen verhalten können.


 

Warum haben Sie psychisch kranke Frauen und ihren Kinderwunsch zum Thema gemacht?

Das Thema Familienplanung, Elternschaft beschäftigt mich schon länger und nicht nur im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen. Am Sozialwissenschaftlichen Frauenforschungsinstitut in Freiburg (SoFFI F.) war ich an zwei Studien zum Familienplanungsverhalten von Frauen und Männern beteiligt. Mit meinem Einstieg in die Arbeitsgruppe psychiatrische Versorgungsforschung 2003 an der Uni Ulm lag es dann nahe, das Thema Elternschaft im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen zu untersuchen. Es zeigte sich schnell, dass Elternschaft, insbesondere bei Frauen mit einer psychischen Erkrankung, häufig aus einer Problemperspektive betrachtet wird. Mich hat interessiert, wie die Betroffenen selbst mit dem Thema, mit möglichen Problemen und Konflikten umgehen, bevor sie Eltern werden oder aber kinderlos bleiben. Zu dieser spannenden Frage gab es erstaunlicherweise nahezu keine Forschung. Das war natürlich eine optimale Voraussetzung dafür, selbst daran zu arbeiten. Dass mich dieses Thema so fasziniert hat, hängt aber vermutlich auch damit zusammen, dass ich mich damals in einer Lebensphase befand, in der das Thema Kinderwunsch auch für mich sehr relevant war. Mittlerweile habe ich eine Tochter und weiß, wie überaus bedeutsam das Thema Kinderwunsch sein kann. Manchmal hängen die Forschungsinteressen ja tatsächlich irgendwie auch mit der eigenen Biografie zusammen.

Es gibt also keine Beschäftigung mit dem Thema bisher?

Nein, der Kinderwunsch psychisch kranker Frauen ist bislang kaum dezidiert thematisiert worden. Allerdings gibt es schon Diskursfelder, die den Kinderwunsch mehr oder weniger strukturieren können, denken Sie z.B. an die Diskurse »psychisch kranke Mütter« versus »gute Mutter«, »Kinder psychisch kranker Eltern«, aber auch »humangenetische Beratung für psychisch kranke Menschen« oder der historische »Eugenikdiskurs«, der sicherlich weit über das Ende der NS-Zeit nachwirkte.

Lange war Verhütung die einzige Antwort

Grob kann man sagen, dass das Thema lange Zeit aus einer reinen Problemperspektive angegangen wurde. Man hat z.B. in den 1960er-Jahren viel dazu geforscht, wie sich die Enthospitalisierung auf die Kinderzahlen auswirkt und wie man »Familienplanungsprogramme« – sprich die großzügige Versorgung psychisch kranker Frauen mit sicheren Verhütungsmitteln – in den psychiatrischen Einrichtungen anwenden konnte. Parallel dazu hat sich dann der Fokus allmählich auf die Problematik der Kinder psychisch kranker Eltern verschoben. Dass psychisch Kranke keine Kinder bekommen sollten, war Common Sense. Erst in den 1990er-Jahren gab es ein erkennbares Interesse an der Situation von psychisch kranken Müttern und an den Möglichkeiten zur Unterstützung. Mittlerweile hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass Familien, in denen ein Elternteil psychisch krank ist, als System zu betrachten und entsprechend zu unterstützen sind, z.B. in Form spezifischer Familienberatungs- und Therapieangebote.

Erfreulicherweise hat sich bei uns am Bezirkskrankenhaus Günzburg/Ulm solch ein Angebot aus unserer Forschung heraus entwickelt. Seit vier Jahren berät dort eine Sozialpädagogin Familien mit einem psychisch kranken Elternteil, und das Angebot wird so gut angenommen, dass man glatt noch eine zweite Stelle schaffen könnte.

Wie ist denn die aktuelle Haltung in der Psychiatrie gegenüber psychisch erkrankten Frauen mit Kinderwunsch?

Aus subjektiven Erfahrungsberichten betroffener Frauen und teilweise auch Professioneller wissen wir, dass das Thema in der Praxis häufig ausgeblendet bzw. auf die Frage einer sicheren Schwangerschaftsverhütung reduziert wird. Es gibt aber auch Hinweise auf Stigmatisierungen aus dem professionellen Umfeld. Sicher ist es für viele Professionelle eine große Herausforderung, mit dem Kinderwunsch bei einer schwer erkrankten Frau umzugehen. Insgesamt ist die Frage aber schwer zu beantworten, weil dazu kaum Befunde vorliegen. Weil dies aber eine durchaus wichtige Frage ist, möchten wir uns im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts mit dem Titel »Psychiatrischer Fachdiskurs zu Kinderwunsch und Elternschaft« genau damit beschäftigen. In diesem Forschungsprojekt, das im März 2011 beginnt, werden wir die Sichtweisen und praktischen Erfahrungen der in der Psychiatrie Beschäftigten, d.h. von Pflegekräften, Sozialpädagogen, Psychologen und Psychiatern anhand von Dokumentenanalyse, Gruppendiskussionen sowie Einzelinterviews untersuchen. Die Ergebnisse könnten möglicherweise auch darüber Aufschluss geben, inwiefern sich die Professionellen hier Unterstützung wünschen.

Sie haben im Rahmen Ihrer Forschung ja mit 15 Frauen gesprochen und für Ihre Dissertation noch mal fünf Geschichten ausführlicher ausgewertet – was bedeutet ein Kinderwunsch im Leben psychisch kranker Frauen?

Ein Kinderwunsch ist sicher ebenso bedeutend oder unbedeutend wie bei allen Frauen. Allerdings stellen sich hier zusätzliche Herausforderungen wie etwa Fragen zur Medikamenteneinnahme während einer Schwangerschaft, die Risiken von Schwangerschaft und Geburt für den eigenen Krankheitsverlauf, auch die Frage, ob die eigene psychische Belastbarkeit ausreicht für die doch häufig auch kräftezehrende Pflege und Erziehung eines Kindes. Generell ist auch die Ungewissheit, ob, wann und in welcher Form die Krankheit wieder ausbricht, ein Faktor biografischer Unsicherheit, der die ohnehin nicht immer ganz einfache Frage des richtigen Zeitpunkts für den Übergang in die Elternschaft bei den Betroffenen zusätzlich erschweren kann.

Und wie gehen betroffene Frauen mit der Thematik um?

Letztlich ist der Umgang so individuell wie jede einzelne Biografie. Was sich aber bei den fünf biografischen Erzählungen, die ich aus einer Stichprobe von 15 Frauen ausgewählt habe, übereinstimmend gezeigt hat, war der Ausschluss von psychischer Erkrankung und Kinderwunsch.

Angst vor Überforderung

Selbst die Frauen, die einen Kinderwunsch haben, trennen diese beiden Bereiche durch je unterschiedliche Strategien voneinander ab, z.B. indem sie ihre Identität von der Erkrankung abgrenzen oder indem sie den Kinderwunsch auf einen biografischen Zeitpunkt verlegen, bei dem die psychische Erkrankung überwunden ist. Offenbar entsprechen psychisch kranke Frauen einer sozialen Erwartung, eine Mutterschaft bei einer psychischen Erkrankung auszuschließen.

Generell konnten wir bei der Gesamtstichprobe von 15 Frauen zeigen, dass der Umgang der Frauen grob in drei Formen differenziert werden kann: Eine Gruppe scheint einen Kinderwunsch aufgrund der psychischen Erkrankung kategorisch auszuschließen, die Frauen geben hier vor allem an, sich mit einem Kind überfordert zu fühlen. Eine zweite Gruppe verschiebt den Kinderwunsch auf eine zukünftige Lebensphase, in der eine Genesung oder zumindest psychische Stabilisierung erfolgt ist. Schließlich scheint es eine dritte Gruppe zu geben, die den Kinderwunsch realisiert und dabei die Problematik entweder ganz ausblendet oder zumindest relativiert.

Welche Schlussfolgerungen für die Praxis lassen sich aus Ihrem Buch ziehen?

Eine Schlussfolgerung ist, dass das Thema Kinderwunsch für viele Frauen von sehr hoher Bedeutung ist, auch für den Umgang mit der Erkrankung. Diese Bedeutung sollte daher jenseits von Verhütung und Problematisierung anerkannt werden und entsprechend in die psychiatrische Behandlung einfließen. Das ist sicher nicht immer ganz einfach.

Vielleicht muss auch akzeptiert werden, dass es keine optimalen Lösungen gibt. Die schlechteste Lösung wäre aber sicherlich, betroffene Frauen in einer Dilemmasituation allein zu lassen und einen Kinderwunsch zu ignorieren. Eine Frau sprach hier von einer Tabuisierung ihres Kinderwunschs durch die behandelnden Therapeuten. Eine Gefahr ist darin zu sehen, dass Frauen aus Angst vor Ablehnung des Kinderwunschs ungeplant schwanger werden und von den Behandelnden keine Unterstützung einfordern, eben weil sie sich mit dem Thema nicht an- und ernst genommen fühlen. Betroffene Frauen sollten sich ohne Angst vor Stigmatisierung an die Professionellen in der Psychiatrie wenden können, im Idealfall bereits während der Auseinandersetzung mit einem Kinderwunsch, gerade auch, um eine frühzeitige Begleitung und Unterstützung zu ermöglichen.

Voraussetzung für einen offenen Umgang der Professionellen mit einem Kinderwunsch ist neben der Aneignung von Wissen zum Einsatz von Medikamenten die Bereitschaft, sich mit den eigenen Einstellungen in Bezug auf Elternschaft bei Menschen mit psychischen Erkrankungen zu beschäftigen: Wie bin ich denn selbst – vielleicht auch vor dem Hintergrund der eigenen Biografie – gegenüber einem Kinderwunsch oder einer Elternschaft meiner Patientin eingestellt?

Individuelle Beratung und Unterstützung

Ganz wichtig wäre natürlich auch die flächendeckende Einrichtung von Spezialsprechstunden für Frauen mit Kinderwunsch wie sie beispielsweise seit etlichen Jahren schon an der Bonner Universitätsfrauenklinik oder an der Berliner Charité bestehen. Im Internet können sich betroffene Frauen unter der Adresse www.embryotox.de/frauen_psyche.html über Möglichkeiten und Risiken einer psychopharmakologischen Behandlung während der Schwangerschaft informieren und beraten lassen.

Gibt es auch Mut machende Geschichten von einer gut verlaufenen Mutterschaft?

Ja, natürlich, leider hört man von den gut verlaufenden Mutterschaften viel zu wenig. Psychisch kranke Frauen können die Aufgaben einer Mutterschaft am besten bewältigen, wenn die besonderen Bedürfnisse, die in der Gruppe der psychisch kranken Frauen nun einmal bestehen, möglichst frühzeitig erkannt und wenn geeignete Unterstützungs- und Hilfemaßnahmen sowohl im professionellen als auch im privaten Bereich eingeleitet werden.

Silvia Krumm: Biografie und Kinderwunsch bei Frauen mit schweren psychischen Erkrankungen. Psychiatrie-Verlag Bonn 2010, ISBN 978-3-88414-514-2, 326 Seiten, 39,95 Euro.


[1]Quelle: PSYCHOSOZIALE Umschau, Ausgabe 02/2011, 26. Jg.; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.

 


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