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„Warme Coolness“ - Mehr Psychotherapie für Psychose-PatientInnen

Gründungskongress des Dachverbands Deutschsprachiger PsychosenPsychotherapie (DDPP) in Berlin


Psychiatrie und Psychotherapie wollen künftig bei der Behandlung von Psychose-PatientInnen enger zusammenarbeiten. Deshalb wurde in Berlin im Mai der „Dachverband Deutschsprachiger PsychosenPsychotherapie“ (DDPP) gegründet. Die DGVT ist – neben vielen anderen Verbänden und Einzelpersonen – Mitglied des neuen Dachverbands. Hildegard Stienen, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in Münster, nahm für die DGVT am Gründungskongress teil und stellte uns ihre Aufzeichnungen für diesen Bericht zur Verfügung.

Hauptanliegen des DDPP ist es, Psychose-PatientInnen verstärkt mit psychotherapeutischen Methoden zu behandeln. Zwar wird theoretisch längst ein moderner Ansatz vertreten, der der Psychotherapie wesentlich mehr Platz einräumt, doch in der Praxis dominiert nach wie vor die Pharmakotherapie, und das, obwohl die Ergebnisse nicht befriedigend und die Nebenwirkungen beträchtlich sind. Doch auch die PsychotherapeutInnen sind gefordert, denn manche fühlen sich für die Arbeit mit Psychose-PatientInnen nicht ausreichend gerüstet. Deshalb will der Dachverband ein umfangreiches Fortbildungsangebot unterbreiten.

Eröffnet wurde der Gründungskongress mit einem Vortrag von Prof. Stavros Mentzos, Psychiater und Psychoanalytiker aus Frankfurt/Main, der versuchte, eine Brücke zu schlagen zwischen Psychodynamik und Verhaltenstherapie. Er betonte, wie wichtig Lernvorgänge und das „Umlernen“ für die Entwicklung seien. Während es in der Psychodynamik eher um die Beziehung an sich gehe, nutze die Verhaltenstherapie die Beziehung, um Veränderungen zu ermöglichen, betont also den instrumentellen Charakter der Beziehungsgestaltung. Die respektierende Distanz in Bezug auf einen psychotisch Erkrankten beschreibt er in der Verhaltenstherapie als „warme Coolness“.

Dr. Dorothea von Haebler, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité in Berlin, ließ die Entstehungsgeschichte des DDPP Revue passieren und betonte die Wichtigkeit der Methodenvielfalt im Hinblick auf eine wirksame Psychosen-Behandlung. Der Präsident der DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde), Prof. Peter Falkai, verwies darauf, dass in den Leitlinien zur Schizophreniebehandlung ausdrücklich Psychotherapie gefordert werde. Über „Kognitive Verhaltenstherapie bei schizophrenen Psychosen“ referierte Prof. Stefan Klingberg von der Universitätsklinik Tübingen für Psychiatrie und Psychotherapie. CBT (cognitive behavioral therapy) habe sich als evidenzbasiertes Verfahren bei der Rückfallprophylaxe und bei der Positivsymptomatik bewährt.

In allen Vorträgen wurde deutlich, dass eine Behandlung, die ausschließlich auf Medikation setzt und das Erfahrungswissen der Betroffenen ignoriert sowie Psychotherapie ausklammert, nicht den Erfordernissen einer modernen Psychosen-Behandlung entspricht. Zusätzlichen Zündstoff lieferten die Forschungsergebnisse aus dem Bereich der Neurobiologie, die Prof. Andreas Heinz (Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité) präsentierte: Offenbar führt nämlich die neuroleptische Medikation zu Abbauprozessen im Gehirn.

Psychose-PatientInnen psychotherapeutisch zu betreuen, stellt für viele Psychologische PsychotherapeutInnen eine Herausforderung dar. Damit setzte sich die Arbeitsgruppe „Aus-, Fort- und Weiterbildung“ unter der Leitung von Prof. Hedwig Rosa Griesehop (Alice-Salomon-Hochschule Berlin für Soziale Arbeit, Gesundheit sowie Erziehung und Bildung im Kindesalter) im Rahmen des Gründungskongresses auseinander: Wie kann es gelingen, gut ausgebildete TherapeutInnen, die im Rahmen ihrer Ausbildung ein solides Basiswissen über Psychosen erwerben, für die Arbeit mit diesen Patienten zu gewinnen? Fortbildungsangebote sollen nun helfen, diese Berührungsängste abzubauen. Ab Herbst 2011 wird es an der Alice-Salomon-Hochschule einen Zertifizierungskurs geben unter dem Motto „Psychosen verstehen – Psychosoziale Hilfe gestalten – Interdisziplinäre Zusammenarbeit fördern“. Dieses Angebot soll das bereits bestehende an den überwiegend psychoanalytisch geprägten Instituten (München, Frankfurt, Berlin, Hamburg) ergänzen.

Der Zertifizierungskurs richtet sich an Berufstätige, die in der psychosozialen Begleitung von Menschen mit psychotischer Erkrankung arbeiten. Ziel ist es, theoretisches Hintergrundwissen zu Psychosen zu vermitteln, Einfühlung und Verständnis für „psychotisches Erleben“ zu fördern und eine bedürfnisangepasste psychosoziale Begleitung zu ermöglichen. Im Rahmen des Kurses sollen „Fallwerkstätten“ stattfinden“ Die Weiterbildung findet in Kooperation mit dem „Berliner Überregionalen Symposium für Psychosen-Psychotherapie“, das an der Charité angesiedelt ist, statt. Fachvorträge wechseln sich ab mit kasuistisch-technischen Seminaren.

Last but not least wurde auf dem Gründungskongress noch eine Vorstandschaft gewählt: Vorstandsvorsitzende: Dr. Dorothea von Haebler

  1. stellvertretender Vorsitzender: Dr. Günter Lempa (Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, München)
  2. stellvertretender Vorsitzender: Prof. Dr. phil. Stefan Klingberg
  1. Beisitzer: Dr. Hans Schultze-Jena (Facharzt für Psychiatrie, Psychoanalyse, Psychotherapie, Hamburg)
  2. Beisitzer: Dr. Norbert Hümbs (Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Psychoanalyse, Psychotherapie, Berlin)

Mit der Gründung des Dachverbands dürfte sich die Versorgung von Menschen mit Psychose verbessern – diese Auffassung wurde am Ende der zweieinhalbtägigen Veranstaltung vielfach geäußert. Für die DGVT als Mitglied ergibt sich die Chance, gemeinsam mit dem Verband an Versorgungskonzepten für die PatientInnen mitzuwirken, gemeinsame Forschungen durchzuführen und entsprechende Module für die Aus-, Fort- und Weiterbildung im Bereich Psychose-Psychotherapie zu entwickeln.

Angela Baer


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