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Individualisierte Medizin – nichts als heiße Luft?[1]

Bericht vom DNEbM-Kongress in Berlin 2011


Sabine Keller

Hauptthema der 12. Jahrestagung des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin (DNEbM e.V.) in Berlin vom 24. bis 26. März waren Sinn und Unsinn der so genannten Individualisierten Medizin. Über deren kritische Bewertung war man sich weitgehend einig. Auch sonst gab es kaum Kontroversen, dafür aber spannende Vorträge und Diskussionen rund um aktuelle medizinische und gesundheitspolitische Themen sowie zu den Methoden der evidenzbasierten Medizin (EbM).

Wie so viele Geister aus der Medizinflasche verspricht das Konzept „Individualisierte Medizin“ (IM) völlig neue Heilungsmöglichkeiten. Die IM schürt Hoffnungen auf präzisere diagnostische Methoden sowie passgenau auf einzelne PatientInnen zugeschnittene Medikamente und Behandlungsverfahren.

Die Identifizierung von Biomarkern, zum Beispiel bestimmten genetischen Anlagen, soll individuelle Risikoprofile und Gesundheitsprognosen ermöglichen. Kongresspräsident David Klemperer beschrieb zum Tagungsauftakt ein gern gemaltes optimistisches Szenario: „Gesunden könnte das Auftreten von Krankheiten wie Diabetes mellitus und koronare Herzkrankheit vorhergesagt werden, Betroffene könnten daraufhin eigenverantwortlich ihr Verhalten ändern und gesund bleiben. Das würde die Prävention revolutionieren.“ Solche Aussichten haben die IM zu einem hervorragend ausgestatteten Forschungsbereich und aufstrebenden Wirtschaftszweig gemacht – auch wenn bei kritischen Fachleuten längst Ernüchterung eingekehrt ist.

Teuer und überflüssig

Die Heilsversprechen der IM wurden auf der Netzwerk-Tagung lebhaft diskutiert. Bärbel Hüsing vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe hält die Assoziation der IM mit ganzheitlicher und besonders patientengerechter, weil „personalisierter“ Medizin für ein Trugbild: „Es handelt sich im Gegenteil um ein besonders technikgetriebenes Konzept, das dem gesellschaftlichen Trend zur Individualisierung entspricht.“ Ihre These: Die IM kann die medizinische Entscheidungsfindung nicht verbessern, weil die Aussagekraft von Biomarkern begrenzt ist und sich oft nur rein statistische Zusammenhänge zu einzelnen Erkrankungen erkennen lassen. Forschung, Diagnostik und Therapie würden durch die IM nicht einfacher, sondern komplexer, aufwändiger und teurer.

Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), nahm den Begriff „Individualisierte Medizin“ so entschieden wie eindeutig auseinander. Sein Befund: überflüssig. „Wäre jeder Mensch völlig einzigartig und bräuchte eine nur für ihn passende Behandlung, gäbe es keine therapeutischen Erfahrungen mehr, und es wäre auch keine vernünftige Therapie möglich.“ Gute Medizin behandle Patienten ohnehin stets individuell und nach bestem Wissen, also sei der Begriff IM reiner Etikettenschwindel. Das Konzept vom gengesteuerten Menschen bedeute zudem die Rückkehr eines extremen Biologismus.

Wolf-Dieter Ludwig, Onkologe und Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, beleuchtete, was die IM auf dem komplexen Feld der Krebstherapie zu leisten imstande ist: „Trotz einzelner wichtiger Fortschritte ernüchternd wenig angesichts der großen Hoffnungen, die gerade auf dem Gebiet der AIDS- und Krebsforschung mit der IM verbunden sind.“ So seien die Ergebnisse der Gensequenzierung enttäuschend – und die Komplexität der Einflüsse im Stoffwechsel mache gezielte Therapien bei 99 Prozent der Tumorerkrankungen so gut wie unmöglich. „Der klinische Nutzen ist gering, die Kosten sind immens.“

Fazit der Debatte: Um zu verhindern, dass besonders teure Mittel ohne ausreichenden Wirksamkeitsnachweis vorschnell in die Gesundheitsversorgung eingeführt werden, benötigt man auch für individualisierte Arzneimitteltherapien eine evidenzbasierte Wissensgrundlage. Nichts Neues also, allerdings: Mit dieser Einschätzung sei man „weit entfernt von dem, was forschungspolitisch gewollt ist“, so Gerd Antes, Direktor des Deutschen Cochrane Zentrums in Freiburg. Er verwies auf das „Rahmenprogramm Gesundheitsforschung“ der Bun­desregierung, das die IM und weitere fünf Forschungsfelder bis 2014 mit insgesamt 5,5 Milliarden Euro fördern will.

Von Leitlinien, AMNOG und evidenzbasierter Physiotherapie

Im Tagungs-Vorprogramm lud das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) zum Symposium „15 Jahre Leitlinien in Deutschland – Anspruch und Wirklichkeit“. Das Jubiläum bot Anlass zur Frage, ob evidenzbasierte Leitlinien im Zeitalter der individualisierten Medizin noch aktuell sind, ob sich der Aufwand der Leitlinien-Erstellung lohnt und welche aktuellen Herausforderungen ihre Entwicklung und Anwendung bietet. Die ersten beiden Fragen beantwortete ÄZQ-Leiter Günter Ollenschläger mit einem klaren Ja. Ein großes Problem bleibe allerdings nach wie vor die Implementierung in die Praxis.

Im weiteren Programm ging es um Interessenkonflikte in Forschung und Praxis, um die Folgen der Drittmittelabhängigkeit im Wissenschaftsbetrieb und um methodische Aspekte der evidenzbasierten Medizin (EbM). Auf großes Interesse stieß ein Workshop zur frühen Arzneimittel-Nutzenbewertung nach dem AM- NOG (Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz) durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) und das IQWiG.

Ein wichtiges neues Thema waren der Stand und die Perspektiven der evidenzbasierten Physiotherapie. Als Problem zeigt sich auch hier nicht etwa das Fehlen von Evidenz, sondern die mangelnde Umsetzung der vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnisse in der physiotherapeutischen Praxis.

IQWiG mit David-Sackett-Preis 2011 ausgezeichnet

Seit 2008 vergibt das Netzwerk den nach dem EbM-Pionier David Sackett benannten Preis für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der EbM und Gesundheitsversorgung. Dieses Jahr ging er an das Ressort Arzneimittelbewertung des IQWiG. Damit würdigt das Netzwerk die vielfältigen Initiativen des Ressorts, dem Fach- und Laienpublikum die Problematik unveröffentlichter Studiendaten stärker bewusst zu machen.

Denn dass zum Beispiel die wissenschaftliche Arbeit des IQWiG zum Teil massiv behindert wird, weil Studiendaten von der Pharmaindustrie je nach Interessenlage veröffentlicht oder zurückgehalten werden, ist bisher zu wenig bekannt. Das Problem wird als „Publikationsbias“ bezeichnet: eine Verzerrung von Forschungsergebnissen durch eine interessengesteuerte Veröffentlichungspraxis. Dies führt im für die Patienten schlechtesten Fall dazu, dass der Nutzen medizinischer Maßnahmen überschätzt und potenzieller Schaden unterschätzt wird.

Den diesjährigen Journalistenpreis des DNEbM erhielt die Stern-Redakteurin Nicole Heißmann für ihren Beitrag „Check oder nicht Check“. Darin beschreibt sie so anschaulich wie differenziert die Vor- und Nachteile von Früherkennungsuntersuchungen. Einen Sonderpreis erhielt Ursel Sieber für ihr Buch „Gesunder Zweifel. Einsichten eines Pharmakritikers – Peter Sawicki und sein Kampf für eine unabhängige Medizin“.

Evidenzbasierte Medizin und die Rolle des DNEbM

Unter evidenzbasierter Medizin (EbM, „evidence based medicine“) oder Praxis („evidence based practice“) versteht man „den gewissenhaften, ausdrücklichen und vernünftigen Gebrauch der gegenwärtig besten externen, wissenschaftlichen Evidenz für Entscheidungen in der medizinischen Versorgung individueller Patienten“ (Definition nach DNEbM).

Behandlungsentscheidungen stützen sich in der EbM  neben der klinischen Erfahrung des Arztes auf aktuelle, belastbare wissenschaftliche Erkenntnisse. Sie werden zudem gemeinsam mit dem Patienten getroffen. Im Gegensatz dazu steht die immer noch vorherrschende Praxis, medizinische Entscheidungen überwiegend auf Erfahrungen und Meinungen einzelner ExpertInnen sowie auf „Behandlungstraditionen“ zu begründen (meinungs- oder „eminenzbasierte“ Medizin).

Der Verein „Deutsches Netzwerk Evidenz-basierte Medizin“ (DNEbM e.V.) hat sich 2000 gegründet, um die Verbreitung von Konzept, Methoden und Praxis der EbM im deutschsprachigen Raum zu fördern.

Mehr Informationen und Kontakt: www.ebm-netzwerk.de

Autorin:

Sabine Keller
geb. 1958, Journalistin in Köln und Autorin u.a. der Stiftung Warentest und des BZgA-Portals www.familienplanung.de

Quelle: Dr. med. Mabuse, Zeitschrift für alle Gesundheitsberufe, Ausgabe Nr. 191 (Mai/Juni 2011), S. 24-25.


 

[1]Quelle: Dr. med. Mabuse, Ausgabe Nr. 191 – Mai/Juni 2011; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorin.


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