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Krank und pleite – das deutsche Gesundheitssystem von Hartmut Reiners


Rezension von Franz Knieps, Partner bei Wiese-Consult GmbH Berlin[1]

Hartmut Reiners ist einer der weniger bekannten, gleichwohl aber besonders einflussreichen Gesundheitsökonomen Deutschlands. Er hat sein Berufsleben an der Nahtstelle von Wissenschaft und Politik verbracht. Der diplomierte Volkswirt startete als wissenschaftlicher Assistent beim Berliner Ökonomieprofessor Hajo Riese und beendete seine berufliche Laufbahn als Leiter des Grundsatzreferates Gesundheitspolitik im brandenburgischen Gesundheitsministerium. Dazwischen lagen produktive Jahre, u.a. im Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) und im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Düsseldorf. Besonderen Einfluss übte Hartmut Reiners als Mitglied der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur Strukturreform der GKV sowie als Berater zur Vorbereitung nahezu aller Gesundheitsreformen seit 1989 aus.

Sein publizistisches Werk, das unzählige Zeitschriftenveröffentlichungen umfasst, krönt das nunmehr in zweiter Auflage erschienene Buch über Mythen in der Gesundheitspolitik.

Aus diesem komplexeren Werk ist nunmehr eine, für das allgemeine Publikum verständliche Einführung in Gesundheitspolitik und Gesundheitsökonomie entstanden.

Ausgangspunkt dieser Einführung ist die Erkenntnis, dass das Gesundheitswesen ein besonderer Wirtschaftszweig ist, der nicht über den Markt, sondern über Politik und Recht gesteuert wird. In den weiteren Kapiteln des flott geschriebenen, aber niemals oberflächlichen Buchs arbeitet Reiners die Merkmale und Merkwürdigkeiten des deutschen Gesundheitssystems heraus. Diese liegen unter anderem in der weltweit nahezu einmaligen Zweiteilung des Versicherungsmarktes in gesetzliche und private Versicherungen und in der besonderen Rolle der Selbstverwaltung als mittelbare Staatsgewalt.

Zum wiederholten Mal entlarvt Reiners das Gerede von der Kostenexplosion als Märchen und macht deutlich, dass Gesundheit – bei entsprechenden Reformmaßnahmen – auch weiterhin für alle bezahlbar bleibt. Den Leistungserbringern hält Reiners ein Jammern auf hohem Niveau vor. Hinter fast allen Auseinandersetzungen in der Gesundheitspolitik stehe der Streit um Macht und Geld. Nachdrücklich warnt Reiners vor den gesellschaftlichen Schäden und wirtschaftlichen Problemen einer Privatisierung gesundheitlicher Risiken. Von der Kopfpauschale hält der Ökonom gar nichts, aber er kritisiert auch das gegenwärtige Finanzierungssystem, das besser Verdienende privilegiere.

Hartmut Reiners beschränkt sich aber nicht allein auf konstruktive Kritik, sondern er benennt die Baustellen einer solidarischen Gesundheitspolitik und macht konkrete Vorschläge, wie es weitergehen soll. Als einzig wirksame Lösung für die Finanzkrise der gesetzlichen Krankenversicherung sieht er die Schaffung einer echten Bürgerversicherung an. Er schlägt eine ganze Palette von Maßnahmen zur Verbesserung der Versorgung auf dem Land vor und plädiert für den Aufbau integrierter Einrichtungen. Dies werde nur gelingen, wenn Bund und Länder Planungs- und Steuerkompetenzen im Gesundheitswesen neu ordnen und verantwortlich ausüben.

Für Hartmut Reiners ist klar: Das deutsche Gesundheitswesen ist weder krank noch pleite, es muss allerdings permanent den Herausforderungen des sozioökonomischen Wandels angepasst und permanent unter Qualitäts- und Effizienzdruck gesetzt werden. Stillstand ist Rückschritt.

Die Lektüre des Taschenbuches macht große Freude. Hartmut Reiners hat niemandem nach dem Munde geschrieben. Er nimmt die Politik in Bund und Ländern in die Pflicht und fordert sie zum Handeln auf. Dies gilt nicht nur für gesetzliche Reformen, sondern auch für die Übernahme der politischen Verantwortung für die Versorgung in den Regionen. Er entlarvt das Gejammer der verbandlichen Akteure bei Kostenträgern wie Leistungserbringern und stellt historisch Überholtes wie die sektorale Gliederung in Frage. Vor allem aber warnt Reiners davor, der eigenen Ideologie aufzusitzen.

Das ist – nicht nur in der Gesundheitspolitik – zentrale Ursache für fehlerhaftes politisches Handeln.


[1]Quelle: Onlinemagazin HIGHLIGHTS 12/11, 06.05.2011; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

 


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